Anderswo 2018

Ein Sammelpost zum Ende des Jahres. Darin werde ich jene Texte mit Filmbezug sammeln, die ich 2018 an anderer Stelle geschrieben habe. Außerdem einige Bilder aus Filmen, die ich 2018 gesehen habe.

 

Filmdienst

leider sind die letzten Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums entstanden sind nur für Abonnenten verfügbar. Deshalb hier nur jene Texte, die für alle einsehbar sind.

Raymond Depardon

Lucrecia Martel

Zum italienischen Kino

Bruno Dumont

Das Underdox Festival

Matteo Garrone

Bernardo Bertolucci

The Last Movie

 

Mubi Notebook

Collecting Memories Together: A Conversation with Yervant Gianikian

https://mubi.com/noWaves Are What They Are: A Dialogue about Margaret Tait’s „Blue Black Permanent“

Realism Is No Humanism: Joseph L. Anderson’s „Spring Night, Summer Night“

On Finding Lost Time: Angela Schanelec’s „The Dreamed Path“

Schanelec: Beginnings

A Log from the Sea of Cinema: Close-Up on „Fish Tail“

 

Perlentaucher

I Diari di Angela – Noi Due Cineasti

Under the Silver Lake

Seestück

Zama

12 jours

 

Always Somewhere Else – Angela Schanelec in Dialogue

Programmheft

 

Österreichisches Filmmuseum

Notes on Forever Film

Astrologen, Träumer & Verliebte – Einige (Gegen-)Gedanken zu Johann Lurfs ★

Not Only Shadows: A Conversation on Maurice & Jacques Tourneur

 

Cargo

Weit gebracht From the Notebooks of: Die Nachlässe von Kurt Kren und Ernst Schmidt jr. im Mumok Wien

 

Texte in Buchpublikationen

„Die große Ekstase des Fragenstellers“ in Echos. Zum dokumentarischen Werk Werner Herzogs

„Von toten Stellen in Wien“ in AXEL CORTI

 

Viennale 2018: Unsere hohen Lichter

Patrick Holzapfel

 

8 films (non American)
Ni De Lian by Tsai Ming-liang
Gang-byun Hotel by Hong Sang-soo
Îmi este indiferent daca în istorie vom intra ca barbari by Radu Jude
Beoning by Lee Chang-dong
I Diari di Angela – Noi Due Cineasti by Yervant Gianikian & Angela Ricci Lucchi
Den‘ Pobedy by Sergei Loznitsa
Lazzaro felice by Alice Rohrwacher
Mues by Daniel Nehm

weitere Hinweise aus dem Programm: Gewächshäuser anzünden, die Kamera ausschalten, vor der Kamera einschlafen, Agamben lesen, mehr über Pflanzen lernen, ein Feuer im Wald löschen, ins Eis einbrechen, über das Lesen sprechen, Hunde ins Weltall schießen, einen Hubschrauber beobachten, Sand ins Meer schütten, die Kamera einschalten, Bruno Dumont vermissen, im Schnee spazieren, Stalin-Hunde nicht ins All schießen, sich über zu laute Kameras aufregen, mehr lesen, mehr schauen, nackt tanzen, sich nicht berühren und Rollen spielen.

Patricks Texte

Îmi este indiferent daca în istorie vom intra ca barbari
Ni De Lian
Aquarela
High Life
Le Livre d’Image
The Other Side
I Diari di Angela – Noi Due Cineasti
Drift
Minervini & Rohrwacher

Le livre d'image von Jean-Luc Godard

 

Andrey Arnold

I watched Burning a second time.

Andreys Texte

The B-Film
Aquarela
Angelo
Lazzaro felice
Suspiria
The House that Jack Built
Leto
Allgemeines

 

Ivana Miloš

Two by Two.

I Diari di Angela – Noi Due Cineasti by Yervant Gianikian, Angela Ricci Lucchi

A film as much testimony as it is watercolor drawings, mapping two lives and their paths across the world and its archives. Always in the midst of reinterpretation, led by curiosity and a desire for work. An infinite diary bringing Yervant back from the flames and Angela back to life. A work and act of love.

O termómetro de Galileu by Teresa Villaverde

Togetherness caught in the green garden belonging to filmmaker Tonino De Bernardi and Mariella, his wife. Stories told over eggs and cheese bought from the neighbour, forgotten backpacks, grandchildren studying and, even more so, learning. Intimate storytelling from the back seat of the car on the way home: a zephyr of recognition.

 

Îmi este indiferent daca în istorie vom intra ca barbari by Radu Jude

How smart and unassuming, daring and stunning, side-splittingly funny and deeply unsettling can a single film be? This is cinema doing, in the act of doing, undoing and redoing. When did we leave off history? Who remembers what we are doing today? And, most importantly, what does all this go to say?

What You Gonna Do When the World’s on Fire? by Roberto Minervini

White feathers surrounding black faces at the Mardi Gras dance and the New Black Panthers, fists held up high in protest, demanding justice for all, once and for all. Filming a world that is not his own, Minervini follows Ronaldo and Titus, fourteen and nine years old, as its future. Their games inhabit and enliven the streets, but when they have to head home before dark, a childhood dream collapses into reality.

Lazzaro felice by Alice Rohrwacher

Lazzaro between worlds, Lazzaro as a magical word, Lazzaro joining and showing us the in(di)visible, Rohrwacher opening up the immense space of culture and history as easily as if it were her backyard. We draw our humanity from these waters. Let us plumb them kindly.

Ahlat Ağacı by Nuri Bilge Ceylan

Like a long book read before going to bed, a cushion and a house at once, the film wraps itself around the pear trees, the landscape and the apartment a family hides and reveals itself in. Its protagonist, aspiring writer Sinan, petulant and aggravating to no end, tries his hand at moving us and sometimes succeeds.

Jiang hu er nv by Jia Zhangke

China evolving over years and genres, as jianghu meets melodrama and transformations wait around every corner – it’s just that those corners may be very far apart and time is another powerful force to be reckoned with.

A Land Imagined by Yeo Siew Hua

Land reclamation contributes to the imaginary of a world brought up on itself, feeding on itself and the darkness of multiple planes of existence. Nightmares and dreams confide in each other in this unique stream of a film noir.

More on: Lazzaro felice

 

Rainer Kienböck

Der erste Film, den ich auf der Viennale 2018 gesehen habe war Lazzaro Felice von Alice Rohrwacher. Als ich das Gartenbaukino nach der Vorstellung am Donnerstagnachmittag verlassen habe, schoss mir ein Gedanken durch den Kopf: „Besser wird es nicht mehr“. Für einen kurzen Moment dachte ich mir, es wäre jetzt vielleicht angebracht, die Viennale Viennale sein zu lassen und einfach aufzuhören. Denn Rohrwacher hat hier abermals einen unglaublich dichten, betont aber nicht aufdringlich politischen, und visuell herausragenden Film gemacht. Lazzaro Felice ist poetisch und magisch, aber zugleich in einer harschen Lebenswelt verankert: präzise Sozialstudie trifft surrealistische Phantastik. Und doch fühlt sich diese Welt, in der so unwirkliche Dinge passieren, nie fremd an – eine Eigenschaft, die schon Rohrwachers Le Meraviglie ausgezeichnet hat. Als Eröffnungsfilm für die erste Ausgabe des Festivals unter der neuen Festivalleiterin Eva Sangiorgi auf jeden Fall eine ausgezeichnete Wahl.

Ich habe dann nach Lazzaro Felice natürlich doch weitergeschaut. Im Nachhinein gesehen auch die bessere Wahl, denn es gab – wie nicht anders zu erwarten – noch eine Menge weiterer herausragender Filme zu sehen. Bereits am Folgetag war meine These, dass es nicht besser werden könne, bereits widerlegt. Da wurde abends nämlich Ang panahon ng halimaw von Lav Diaz gezeigt. Es geht, wie so oft bei Diaz, um die philippinische Militärdiktatur in den 70er Jahren. Man sieht monochrome Aufnahmen ländlicher Gebiete, in denen die Schergen des Regimes ihr Unwesen treiben und die Zivilbevölkerung drangsalieren. Lange statische Szenen zeigen den Niedergang einer Gruppe lose miteinander verbundener Menschen, die Widerstand ausüben. Wo Diaz von seinen bisherigen Filmen deutlich abweicht, ist die Inszenierung der Dialoge – diese werden nämlich vollständig als Gesang vorgetragen. Damit ist Ang panahon ng halimaw rein technisch wohl ein Musical. Allerdings keines der Sorte Rodgers und Hammerstein. Sondern eine düstere Elegie auf die dunklen Seiten des menschlichen Zusammenlebens. Was auf den ersten Blick betrachtet eigentlich zu einer größeren Distanzierung zum Geschehen führen sollte, hatte bei mir den gegenteiligen Effekt – Ang panahon ng halimaw hat mich emotional stärker gepackt, als Diaz‘ bisherigen Filme. Neben der wie üblich phänomenalen Bildgestaltung, hat Lav Diaz nun also bewiesen, dass er ein äußerst fähiger Komponist und Songwriter ist.

Apropos Emotionalität: Ich halte Histoire(s) du cinéma von Jean-Luc Godard für ein zentrales Werk der Kunst des 20. Jahrhunderts (eine Meinung, mit der ich nicht allein dastehe), aber seine monumentale Serie funktioniert in erster Linie auf intellektueller Ebene. Man erfreut sich an der totalen Überforderung des Verstandes, wenn einen Godard mit Bildern, Tönen, Worten der Kunst-, Film-, Politgeschichte überhäuft. Le Livre d’image ist dem stellenweise nicht unähnlich. Auch hier verliert sich der Intellekt in der Schichtung der Referenzen, Fakten, Sinneseindrücke. Doch in zumindest zwei Punkten unterscheidet sich der neue Film Godards von seiner Serie. Einerseits zielen sie nicht so sehr auf Zeitlosigkeit ab – die Bilder und Worte in Livre d’image haben weitaus mehr mit der (medialen) Gegenwart zu tun als in Histoire(s) du cinéma und andererseits greifen einen die dazwischengeschobenen Schockbilder aus dieser medialen Gegenwart immer wieder auf emotionaler Ebene an, was dem Intellekt eine kurze Atempause gibt. Die verstandesmäßige Überforderung wird unterbrochen durch emotionale Überforderung – eine inszenatorische Strategie, der ich eine Menge abgewinnen konnte.

Während Eva Sangiorgi in bester Hurch-Manier ein Best-of des Festivaljahres zusammengestellt hat, durfte sich Haden Guest um die filmische Verköstigung der Retrospektiven-Besucher kümmern, die traditionell in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Filmmuseum stattfand. Obwohl ich den Großteil des Festivals damit verbracht habe, aktuelle Filme anzusehen, die es wahrscheinlich nicht ins reguläre Kino schaffen werden, blieb dennoch die Zeit für ein paar Besuche bei der Retrospektive, die sich dieses Jahr um Hollywood B-Filme drehte. Während man mit diesem Begriff gemeinhin ästhetische Zuschreibungen verbindet (niedrige production values, sichtbare Improvisation, Imperfektion), orientierte sich Guest eher an einer anderen Definition des B-Films. Nämlich jener der produktionsgeschichtlichen Verhältnisse, in denen die jeweiligen Filme entstanden. Zu sehen waren folglich weniger die durch Camp und zelebrierte Schlampigkeit geprägten Filme vieler Poverty Row-Studios, sondern in erster Linie die sauber, aber bescheidener produzierten Filme der großen Studios, die damals als Vorfilm für die Prestigeproduktionen gemacht wurden. So ist zu erklären, dass es ein Double Feature bestehend aus Armored Car Robbery und The Narrow Margin (beide von Richard Fleischer Anfang der 50er für RKO) ins Programm geschafft haben. Beides sind bis zum Anschlag verdichtete Film Noirs, die man auch mit dem Terminus Thriller versehen könnte. Kurz zusammengefasst: Einer der besten Heist-Filme und einer der besten Zug-Filme, die ich je gesehen habe, in einem Double Feature. Nicht alle Filme der Retrospektive konnten da mithalten, aber glücklicherweise läuft die Wiederholung der Schau ja noch bis Anfang Dezember weiter, sodass man noch ein paar mehr Entdeckungen machen kann.

Rainers Texte

Diamantino
Her Smell
Roi Soleil
Alice T.

 

Weitere Texte über Viennale-Filme auf Jugend ohne Film

11×14

In My Room

Die Wundertüte Fassbinder

Händler der vier Jahreszeiten von Rainer Werner Fassbinder

Zum Auftakt der neuen Spielsaison hat das Österreichische Filmmuseum mit einer umfangreichen Retrospektive zum Werk von Rainer Werner Fassbinder eine doch recht monumentale Schau auf die Beine gestellt, um das frisch renovierte Unsichtbare Kino einzuweihen. Die Retrospektive solle Fassbinder einer neuen Generation zugänglich machen, heißt es im Programmheft. Ein Vorhaben, das Direktor Michael Loebenstein bei der Eröffnung der Reihe noch einmal betonte. Ich zähle mich zu dieser Generation, der Fassbinder zugänglich gemacht werden muss, war ich doch bisher vor allem jenen (kanonisierten) Fragmenten seines Werks ausgesetzt, die entweder leicht verfügbar auf DVD erhältlich sind oder es auf zufälligen Wegen in historische Programme geschafft haben. Die Retro hat ihre Wirkung nicht verfehlt –nach beinahe zwei Monaten, in denen ich die Schau doch sehr regelmäßig frequentierte, ist mein Bild von Fassbinder komplett über den Haufen geworfen.

Als Nachgeborener fühle ich mich, muss ich in Retrospektive sagen, vom etablierten Fassbinder-Kanon in die Irre geführt. Jene Filme, mit denen man heute wohl am ehesten in Berührung kommt – Angst essen Seele auf oder die BRD-Trilogie – vermitteln das Bild eines Filmemachers, der zu sympathischem Manierismus neigt, zu visueller Opulenz, die aber mit zu bescheidenen Budgetmitteln auskommen muss, der seinen Cast zu exaltiertem Spiel antreibt, und der sehr streng mit dem Nachkriegsdeutschland ins Gericht geht. Dieses Bild ist nicht ganz falsch, wird aber der Komplexität des „Monuments“ Fassbinder nicht gerecht. Und auch nicht der Folgerichtigkeit, mit der sich dieser Stil über den Zeitraum von rund zehn Jahren entwickelt hat.

Ich will hier nicht als zehnter oder hundertster Kommentator Fassbinders aufzutreten, über seine erstaunliche Frühreife als Filmemacher schreiben oder über sein Leben als Wunderkerze, die imposant, aber in rasender Geschwindigkeit, abbrannte. Andere können das besser. Meine Perspektive ist eine andere. Jene, des Überraschten. Des von unerwarteten filmischen Referenzen Überraschten. Des von erstaunlicher Stringenz Überraschten. Des von wiederkehrenden Mustern Überraschten. Ist es an dieser Stelle noch notwendig hervorzuheben, dass große Einzelretrospektiven zu ohnehin kanonisierten und scheinbar allseits bekannten Filmschaffenden alles andere als fruchtlose Unternehmungen sind?

Wer sich ohne viel Vorwissen ins Spätwerk von Fassbinder verirrt, der wird mit einer etwas bizarren Welt konfrontiert, in der Kostüme und Dekor an der Schwelle zum Camp entlang balancieren und das Schauspiel immer etwas zu übertrieben daherkommt. Man behilft sich in der Beschreibung des Spiels meist mit dem Adjektiv „theatralisch“. Scheinbar passend, da Fassbinder ja auch im Theater gearbeitet hat. Mir erscheint dieses theatralische Spiel vom Spätwerk ausgehend als „zu viel“:  Ein „Zu viel“ an Emotion, ein „Zu viel“ an Lautstärke, ein „Zu viel“ an Künstlichkeit. Wenn in Filmen wie Die Ehe der Maria Braun oder Veronika Voss, die Frauen auf einmal in theatralischer Façon zusammenbrechen, die Filme es aber ansonsten scheinbar auf eine lebensgetreue Schilderung der Nachkriegszeit abgesehen haben, wirkt dieses Verhalten auf den ersten Blick fehl am Platz. Geht man etwas weiter in Fassbinders Werkbiographie zurück, entpuppt sich diese Wahrnehmung jedoch als fehlgeleitet. Nicht das theaterhafte Spiel bricht in die naturalistische Filmwelt herein. Es ist umgekehrt: Um eine Schauspieltruppe, die Fassbinder in einer Münchner Off-Bühne geformt hat und die in brechtianischer Tradition durch ihr Spiel Distanz schaffen will, entsteht nach und nach eine Filmwelt, zu der dieser Spielstil nicht mehr ganz zu passen scheint. Während in einem Film wie Niklashauser Fart Schauspiel und restliche Inszenierung (ein Film, am besten zu beschreiben als eine wilde Mischung aus politischem Poetry Slam, Godard der späten 60er, Jack Smith’scher Flamboyanz und gewagten Anachronismen) noch wie in einem Guss scheinen, erzeugt ihr Auseinanderdriften in späteren Filmen eine verfremdende Brechung. Mit dieser Erkenntnis kommt automatisch eine neue Form der Wertschätzung, ein neuer Blick auf die Brechungen, die durch das Spiel in Fassbinders Filmen entstehen. Aus den etwas bizarren Schrulligkeiten eines Regisseurs, der sich nicht so recht vom Theater lösen zu können scheint, wird eine politische Inszenierungsstrategie, die auf Reflektion durch Distanzierung aus ist.

In einem Jahr mit 13 Monden von Rainer Werner Fassbinder

In einem Jahr mit 13 Monden von Rainer Werner Fassbinder

Was auf den ersten Blick willkürlich wirkt, entpuppt sich als überaus stringent. Selten habe ich bei der vertiefenden Entdeckung einer Filmographie so viel überraschende Klarheit entdeckt, wo ich zunächst Verirrung vermutet hatte. Auch in anderer Hinsicht wird man schlauer aus Fassbinder, wenn man einen Blick darauf wirft, was er Anfang der 70er Jahre so getrieben hat. Dort findet sich ein wahrer Reigen an filmkulturellen Anspielungen: Figuren heißen Rohmer oder Fuller und wandern durch Noir-Szenerien, die sich allerdings weniger an ihren amerikanischen Urahnen, als an deren Interpretationen durch die Filmemacher der Nouvelle Vague zu orientieren scheinen. (Am vielleicht offenkundigsten wird das in Der amerikanische Soldat zelebriert, wo ein amerikanischer Auftragsmörder in sein Geburtsland Deutschland zurückkehrt und dort von einem Noir-Klischee ins nächste taumelt, immer mit einer Flasche Whiskey zwischen den Lippen und eine unüberschaubare Menge an gebrochenen Herzen am Weg zurücklassend. Wie eine Erzählung von Raymond Chandler, deren Handlung aus Budgetgründen von Los Angeles nach München verlegt werden musste). Kennt man diese Arbeiten, werden auch Anleihen beim klassischen Melodram (etwa in Angst essen Seele auf) oder die hard-boiled Elemente in Lili Marleen weniger als Genre-Spielereien, sondern als filmgeschichtliche Bezugspunkte verstanden.

Es ist schon erstaunlich wie sich einige Jahrzehnte Rezeptionsgeschichte auf die Darstellung eines Filmemachers auswirken können. Fassbinder darf zwar in keiner Aufzählung der großen deutschsprachigen Filmemacher fehlen und sein Name ist auch immer zur Stelle, wenn der Feuilleton einen Referenzpunkt sucht, um die nächste große Nachwuchshoffnung des deutschen Kinos in die Filmgeschichte einzuordnen ist, aber wieviel hat dieses Fassbinder-Bild tatsächlich mit seinen Filmen zu tun? Es ist erstaunlich, was passieren kann, wenn sich ein Filmemacher nach seinem Tod nicht mehr dagegen wehren kann, was über ihn geschrieben wird und welche Hände ihn hochleben lassen. Der Fassbinder, den ich (neu) kennengelernt habe, ist keineswegs ein wütendes enfant terrible, der mit Nazi-Ästhetik kokettiert, um sie einem vermeintlich unzureichend entnazifizierten Nachkriegsdeutschland entgegenzuwerfen. Der manchmal etwas zu laute und übertriebene Fassbinder ist nur ein Entwicklungsschritt in einer Karriere, die sich weniger für Pamphlete als für das verborgene, selbstzerstörerische Potenzial des Kleinbürgertums interessiert. Die offene, politische Ablehnung der Verhältnisse, wie sie recht offen etwa in der BRD-Trilogie zu Schau gestellt wird, ist nur Spielart eines größeren, filmischen Projekts, dass Gesellschaftskritik als Schwelbrand versteht. Es ist diese Facette, die ich an Fassbinder entdecken konnte, die mir am meisten imponiert. Die, des Filmemachers, der hinter spießbürgerliche Fassaden blickt, wo Protagonisten von einer biederen, menschenfeindlichen Lebensauffassung eingeengt werden bis Beziehungen und Leben schlichtweg bersten: In Filmen wie Händler der vier Jahreszeiten, Warum läuft Herr R. Amok?, Ich will doch nur, dass ihr mich liebt oder In einem Jahr mit 13 Monden treibt Fassbinder das auf die Spitze. Es ist kein Zufall, dass all diese Filme mit dem Tod enden. Die Gereiztheit der Personen treibt sie zu überzeichneten Reaktionen. In der Konfrontation mit dem nüchternen Realismus mit dem ihre Lebenswelt abgebildet wird, wirkt ihr Verhalten irritierender. Diese Verfremdung, diese Brüchigkeit ist es, die Fassbinder eigentlich in allen seinen Filmen herstellen will. Sie verweist auf den gesellschaftliche Konsens des kleinbürgerlichen Deutschlands, der die Menschen im Privaten zerstört. Das Private ist politisch. Q.E.D

Film Lektüre: The Real Eighties herausgegeben von Lukas Foerster und Nikolaus Perneczky

The Real Eighties von Lukas Foerster und Nikolaus Perneczky

Fünf Jahre ist es her, dass die Leinwand des Unsichtbaren Kinos für rund eineinhalb Monate im Glanz der 80er Jahre erstrahlte. Von 8. Mai bis 23. Juni 2013 fand die Schau „The Real Eighties“ im Österreichischen Filmmuseum statt. Das liegt so lange zurück, dass ich nicht aus erster Hand davon berichten kann. Etwas sonderhaft wirkt deshalb das Timing der Begleitpublikation, die kürzlich in der Buchreihe des Österreichischen Filmmuseums und Synema erschienen ist. Die Autoren von The Real Eighties. Amerikanisches Kino der Achtzigerjahre: Ein Lexikon sind sich des eigentümlichen Timings aber immerhin bewusst und positionieren die Publikation als zeitloses Nachschlagewerk jener Spielarten des amerikanischen Kinos der 80er Jahre, das sie mit ihrer Schau popularisieren wollten.

Wie schon die Schau von vor fünf Jahren, will das Buch diese in der Filmgeschichtsschreibung doch eher belächelte Dekade des US-Filmschaffens – die Ausläufer des New Hollywood trafen auf die Anfänge des High-Concept-Tentpole-Blockbusters im Geiste der Reagan-regierten Vereinigten Staaten – gegen den Strich lesen. Die Kuratoren des Kollektivs The Canine Condition (dazu zählen neben den beiden Herausgebern Lukas Foerster und Nikolaus Perneczky auch Fabian Tietke und Cecilia Valenti) hatten für ihre Schau eine heterogene Auswahl von Filmen zusammengestellt. Dazu zählten Filme aus der letzten Welle der B-Movies, bevor diese den Direct-to-DVD-Produktionen weichen mussten, Studioproduktionen mittleren Budgets, wie sie heute immer seltener werden (ein viel beklagter Zustand, vor allem in der amerikanischen Filmpublizistik), Genrefilmen und Werken prägender Schauspieler des Jahrzents.

An diesen Orientierungspunkten arbeitet sich nun auch das dazugehörige „Lexikon“ ab. Da gibt es einen Eintrag zur Produktionsfirma Cannon Films der israelischen Cousins Menahem Golan und Yoram Globus (deren Eis am Stiel-Reihe ihnen internationalen Erfolg brachte), ebenso wie zum Phänomen VHS, einen Eintrag zu den Regisseuren Andrej Konchalovsky und Tony Scott, wie zu den Schauspielern Tom Cruise und Debra Winger. Dazwischen mehr oder weniger umfangreiche Besprechungen einzelner Filme. Von William Friedkins Cruising über Francis Ford Coppolas Rumble Fish bis hin zu Eddie Murphys Harlem Nights wird das Jahrzehnt querbeet durchforstet. Wie bei einer Publikation wie dieser nicht anders zu erwarten, spricht einen dabei ein Thema mehr, ein anderes Thema weniger an. Liest man es von Buchrücken zu Buchrücken gleicht die Leseerfahrung dementsprechend einer Achterbahnfahrt. Auf zweiseitige Kritiken folgen mehrseitige Essays, die gesamtgesellschaftliche Entwicklungen berücksichtigen, auf Wiederveröffentlichungen zeitgenössischer Texte folgen Analysen, die das Jahrzehnt mit der Gegenwart in Beziehungen setzen. Mal befruchten sich die aufeinanderfolgenden Lektüren gegenseitig, mal wirkt die Reihung für einzelne Texte eher wie eine Hypothek. Viel hängt vom eigenen Interesse und vom eigenen Erfahrungshorizont ab. Womöglich würde es helfen, wenn ich mehr der besprochenen Filme kennen würde, aber selbst wenn ich die Schau vor fünf Jahren fleißig besucht hätte, wären viele der Filme kaum mehr präsent genug im Gedächtnis, um die Lücken des Lexikons (das natürlich nie erschöpfend sein kann) aufzufüllen oder befruchtende Querverbindungen herzustellen.

Ich will mich nicht zu sehr an dieser zeitlichen Verzögerung aufhängen, aber sie steht doch sinnbildlich für die „for the lack of a better word“ Beliebigkeit, die dieser Publikation zugrunde liegt. Das klingt nach einem härteren Urteil als es eigentlich ist. Manche der Texte konnten mich nämlich sehr wohl begeistern: Lukas Foersters Eintrag zu „Country“ über die Welle von Country-Musikfilmen in den 80ern oder Drehli Robniks großartiger Text zu „Whiteness“ in den Filmen von Zucker-Abrahams-Zucker oder John Lehtonens differenzierte Betrachtung von Sylvester Stallone oder Johannes Binottos Rückschau auf das Frühwerk von Michael Mann. Diese Texte regen zu eigenen Ideen an und stellen Überlegungen an, die man so noch nicht gelesen hat. Das würden sie jedoch auch, wenn sie für sich stehend publiziert worden wären. Dem Umstand geschuldet, dass eine Vielzahl von Autoren Beiträge verfasst haben, fehlen Bezüge und Querverweise. Kurz, ich vermisse den großen Rahmen. Das ist natürlich auch der lexikalen Form geschuldet, aber dennoch hatte ich selten das Gefühl, dass die Texte in irgendeiner Weise davon profitieren in Buchform auf diese Art und Weise zu erscheinen. Andererseits ist diese Beliebigkeit eine bewusste Setzung. Wenn man sich ein wenig mit den Machern der Schau und der Publikation auseinandersetzt (es reicht auch das Vorwort zu lesen), wird das deutlich. So wie Lukas Foerster seinen Stipendiaten-Blog des Siegfried-Kracauer-Preises führt, als Sammlung kleiner aber feiner Beobachtungen; oder so wie er sich vor einigen Jahren positiv über die wuchernde Masse an Filmen auf der Berlinale geäußert hat, wo man als Besucher selbst zum Kurator wird/werden muss, um nicht unterzugehen, ist auch dieses Buch konzipiert: als Angebot selbst etwas draus zu machen. Dass das eine bewusste Setzung ist, bedeutet aber nicht, dass ich es unbedingt gut heiße.

Die Anordnung der Texte, die Auswahl der Themen, ja, sogar die zeitliche Beschränkung auf die Jahre 1980 bis 1989 zeugen von einer Beliebigkeit, der sich die Texte nicht entziehen können. Gerade bei der Betrachtung einzelner Regisseur-, Produzenten- oder Schauspielerbiographien wird deutlich, dass sich ein einzelnes Jahrzehnt filmhistorisch nur schwer isolieren lässt. Das geht so weit, dass es in einigen der Beiträge länger um das Werk in den Vor- und Folgejahrzehnten geht, als um die Arbeiten, die tatsächlich in den 80ern entstanden sind (siehe „Jonathan Demme“ oder „Andrej Konchalovsky“). Per se würde ich es nicht verurteilen, dass die Texte solcherart ausfransen, sie tun es aber in einer Regelmäßigkeit, dass die zeitliche Fixierung letztlich willkürlich wirkt.

Das weckt Zweifel, die sich wiederum an anderer Stelle zu Wort melden. Ist Tom Cruise nicht ebenso prägend für die 90er wie für die 80er? Warum kein eigener Eintrag zu Reagan(-onomics), wenn er in den verschiedenen Einträgen so oft vorkommt, wie kein anderes Thema. Warum keine tiefgehende Analyse des Aerobic-Booms des Jahrzehnts, obwohl das eines der ersten Dinge ist, das mir in den Kopf kommt, wenn ich an die 80er denke. Warum wird weder Fame, Footfloose, Flashdance noch Dirty Dancing mit einer Silbe erwähnt? Wenn Tom Cruise und dessen Kassenerfolge Teil einer alternativen Filmgeschichtsschreibung sein können, warum dann nicht die populären Popfilme dieses Jahrzehnts? Wieso gibt es einen eigenen Eintrag zu den Komödien von Zucker-Abrahams-Zucker, aber nicht zu National Lampoon? Das sind natürlich Forderungen, die mit meinen persönlichen Assoziationen zusammenhängen. Aber sie wirken berechtigt, angesichts einer Publikation, die auf mich ebenso wie ein Resultat persönlicher Assoziationen wirkt. Dass diese Assoziationen noch dazu nicht von einer einzelnen Person stammen, sondern von einer ganzen Horde von Autoren, macht die Sache nicht besser.

Nun klingt mein Verdikt doch um einiges strenger, als ich das vorhatte. Das möchte ich aber eigentlich nicht so stehen lassen. Denn das Buch liest sich gut. Erkenntnisgewinne und eine Fülle an neuem Faktenwissen nimmt man auf jeden Fall auch mit. Es gelingt den Herausgebern sehr wohl, ihre Sicht auf die 80er zu transportieren. Wenn man sich ein wenig in der Filmgeschichte und der deutschsprachigen Filmpublizistik auskennt, reicht dafür freilich schon ein Blick in die Filmliste der Schau und die Autorenliste der Publikation. Warum genau diese Sichtweise aber mehr „real“ sein soll, erschließt sich mir nicht ganz. Es ist nachvollziehbar wie das Kuratorenkollektiv zu dieser individuellen und persönlichen Perspektive auf das filmische Jahrzehnt kommen. Gegen den Anspruch auf Verallgemeinerbarkeit ihrer Beobachtungen, würde ich mich aber wehren. Denn auch durch die Buchpublikation wird nicht wirklich deutlich, warum die Lesart der Kuratoren und Herausgeber anderen vorzuziehen wäre.

Notiz zu Sambizanga von Sarah Maldoror

Sambizanga von Sarah Maldoror

Bei der Betrachtung revolutionären Kinos, sogenannten Dritten Kinos heute, stellt sich immer wieder die Frage, was vom Geist der Agitation in die heutige Zeit und in andere Kulturen überschwappt. Im Fall von Sambizanga, dem zweiten Langspielfilm von Sarah Maldoror, deren Arbeiten derzeit an unterschiedlichen Orten in Wien (mumok kino, Österreichisches Filmmuseum und Depot) zu sehen sind, bleibt weniger der mitreißende, von der Moskauer Schule geprägte Montagefluss zwischen Zärtlichkeit und Gewalt, Friede und Ungerechtigkeit kleben, sondern ein beinahe traumartig versetzter Musikrausch gegen Ende des Films. Als Antwort auf die größtmögliche Trauer und Wut nach dem willkürlichen Mord an einem Mann durch die PIDE in einem Gefängnis, zeigt Maldoror ein spontanes Fest. Fröhlichkeit wie aus dem Himmel gefallen. Tanz, Musik, man wippt mit der charmanten Live-Band. Eben noch die körperliche Erfahrung einer rassistischen, kolonialistischen Ungerechtigkeit, dann das entspannte Glück des Zusammenseins.

Maldoror bewegt sich durch die tanzenden Körper, entfernt sich wieder, man vergisst oder nimmt auf, man lässt die Zeit etwas wirken, man braucht sie auch nach der Brutalität, fragt sich, ob das was man sieht eine utopische Vorstellung ist, ein Traum, Bilder aus der Vergangenheit oder gar ein lakonischer Kommentar zur fehlenden Reaktion des eigenen Volkes. Schließlich löst es sich auf, als jemand mitten in den Feierlichkeiten vom schockierenden Tod des Mannes erzählt („sie haben ihn zu Tode verprügelt.“) und einer der Anführer der Bewegung, die das Fest organisiert spricht: Dieser Moment wäre traurig, aber er wäre auch ein Grund zur Freude, da der ungerechte Tod dieses Mannes von nun an in den Herzen Angolas weiterleben würde. Jeder Tote bereichere die mutigen, aufstrebenden Herzen. In diesem Augenblicken lehnt sich der Film wohl aus einem Fenster, das uns bis heute tief berühren kann, weil es noch nie geöffnet wurde.

Darüber hinaus ein sinnliches Bild einer möglichen Geschichtsschreibung im Präsenz. Das Gefühl einer Emanzipation, die nicht auf Äußerlichkeiten aus ist, sondern auf Grundsätzliches. Dazu Klageschreie einer verlorenen Harmonie gestemmt von einem unerschütterlichen Glaube an die Macht des filmisches Bildes. Der Bilderstrang der Sanftheit verkörpert durch das Familienglück und der Bilderstrang der Gewalt verkörpert durch den Einbruch der Kolonialmacht verlaufen parallel, aufeinander zu, voneinander weg und trennen sich schließlich im Horror eines Todes. Aus diesem Unglück führt tatsächlich nur dann ein weg zurück zur Parallelität, wenn die Gewalt sich in Sanftheit auflöst, wenn man vor Trauer feiert.

Ein Gespräch über Postadresse: 2640 Schlöglmühl von Egon Humer

Postadresse: 2640 Schlöglmühl von Egon Humer

Bei der Diagonale 2018 kuratierten Alejandro Bachmann und Stefanie Zingl die Schau „Provinz unter Spannung – Schuld und Sühne im Erdbeerland“. Andrey Arnold und Valerie Dirk haben in diesem Rahmen Postadresse: 2640 Schlöglmühl von Egon Humer gesehen und Bachmann nach einer weiteren Sichtung um ein Gespräch gebeten.

Andrey Arnold: Ich hoffe, ihr habt gute Einstiegsfragen, ich weiß offen gesagt nicht wirklich, wie ich an diesen Film herangehen soll. Nach der zweiten Sichtung scheint er sehr klar vor mir zu liegen, im positiven Sinne.

Valerie Dirk: Mir ging es heute ganz anders als bei der ersten Sichtung. Er hat beim ersten Mal sehr viele Fragen in mir aufgeworfen. Auch im positiven Sinne – ich schätze es, wenn ein Film das macht. Es sind vor allem Fragen der Herangehensweise, des Blicks und der Inszenierung. Wie nähert man sich diesem Thema, einer plötzlich in die Arbeits- und Zukunftslosigkeit hineingeworfenen Gemeinde? Die Inszenierung von Postadresse 2640 Schlöglmühl ist extrem stilisiert, das ist mir erst beim zweiten Sehen so richtig klar geworden. Es macht neben dem politischen Moment das Zentrale des Films aus.

AA: Ist die Stilisierung nicht das politische Moment? Der Umstand, dass der Film Schlöglmühl so erscheinen lässt, wie es ein anderer Filmemacher vielleicht nicht getan hätte.

VD: Ja, aber ich frage mich manchmal, ob das Politik-der-Form-Denken den Inhalt nicht ab und an verdrängt. In Schlöglmühl geht es doch auch darum, was die Leute sagen.

AA: Ich würde sagen, dass das, was der Regisseur auswählt, welche Leute er wie lange worüber sprechen lässt, ebenso zur Form gehört wie alles andere.

VD: Wenn man es so denken will, dann ja.

Alejandro Bachmann: Ich bin mir nicht sicher. Mag schon sein, dass die Form in Schlöglmühl politisch ist, aber was daran vor allem interessant ist, ist der Umstand, dass sie es irgendwie schafft, unglaublich viel über einen Ort zu erzählen, an dem praktisch nichts ist. Das finde ich schon mal eine Leistung. Eigentlich heißt es in dem Film auch, dass die Leute, die nach der Schließung der Fabrik in Schlöglmühl zurückgeblieben sind, damit leben müssen, dass in ihrem Leben plötzlich fast nichts mehr da ist. Es gibt nichts mehr zu tun, sie haben kein Geld mehr, sie können ihre grundlegenden oder schon etwas avancierteren Bedürfnisse nicht mehr befriedigen. Das einzige, was da ist, ist eine Form von Tristesse, und Menschen, die über die Ereignisse reden, damals, als die Fabrik geschlossen wurde. Das ist irgendwie alles.

Das Interessante für mich ist, dass der Film trotzdem unglaublich dicht ist. Man sollte nicht meinen, dass man aus so einer Sache, die sich im Grunde in zehn Zeilen kurz beschreiben lässt, einen 80-minütigen Film machen kann, der mit jedem Bild eine neue Dimension dieser ganzen Fragestellung aufmacht. Ich weiß nicht, ob das etwas Politisches ist, aber es ist für mich auf alle Fälle das Erstaunliche an der Form, dass sie das schafft. Das liegt, glaube ich, ganz stark an dem, was wir Inszenierung genannt haben, und zugleich an einer Verdichtung. Wenn man sich einzelne Einstellungen aus Schlöglmühl ansieht, was da alles in einer einzigen Einstellung drinsteckt – z.B. die Frau, die erzählt, dass sie irgendwann einmal in einem Eifersuchtsanfall einem Mann mit einem Messer den Arm aufgeritzt hat, und dann sehen wir eine Großaufnahme von ihr, wie sie Bier trinkt. Normalerweise würde man sagen: Das ist irgendwie eine problematische Einstellung, weil sie die Frau in irgendeiner Form auch als Alkoholikerin ausstellt. Sie macht das Bier auf und zieht es mit einem ordentlichen Schluck weg. Das interessante ist, dass wenn man sich die Aufnahme genauer ansieht, auffällt, dass sie nicht in die Kamera blickt, wegblickt. Es gibt eine Reaktion von ihr auf die Tatsache, dass sie dabei gefilmt wird, dass sie trinkt. Das sieht man üblicherweise nicht. Für gewöhnlich tun die Leute praktisch so, als würden sie nicht beobachtet werden, oder sie blicken konfrontativ in die Kamera. Hier ist hingegen ausgestellt, dass das Gefilmt-Werden eine schwierige Sache für die Leute ist.

AA: Ich muss anmerken, dass ihr Nicht-in-die-Kamera-Blicken in diesem Moment nicht als bewusste Vermeidung des Blicks empfunden habe.

VD: Ich schon. Dabei hat sich mir die Frage aufgedrängt: Warum jetzt diese Szene? Man kann natürlich problematisieren, dass man sie erzählen lässt – besonders aussagekräftig ist ja auch, wie und was sie erzählt, sie stellt Tatsachen in den Raum, und dann kommt ein Satz, der das, was sie gerade erzählt hat, total durchkreuzt oder absurd erscheinen lässt. Sie sagt etwa über den Mann, den sie verletzt hat, „Ich habe ihn geliebt“, und dann, „obwohl ich selbst verheiratet war und drei Kinder hatte“. Der Nachsatz lässt das, was sie vorher erzählt hat, in einem ganz anderen Licht erscheinen, das fand ich sehr spannend – die Frage ist jedenfalls: Ist die Einstellung, die nach ihrer Geschichte kommt, in der sie Bier trinkt, ist das vielleicht auch eine Art Nachsatz? Man gibt ihr den Raum, lässt sie erzählen, und dann nimmt man eine Einstellung und zeigt sie, wie sie Bier trinkt, wie um ihr eigenes Erzählschema zu kopieren.

AB: Ich glaube, sie hat in der Einstellung davor auch schon eine Bierflasche neben sich stehen. Das meinte ich. Interessant sind die Form der Einstellung, die Reaktion der Frau auf die Kamera, und überdies auch der Ton. Man hört, sehr leise im Hintergrund, einen Schlager, und man hört eine Küchenuhr. Wenn man sich nun nur diese einzige Einstellung hernimmt und versucht, sie in den ganzen Film hinauszuziehen, dann wird man sehen, dass es die ganze Zeit um Dinge geht, die in dieser Einstellung verhandelt werden. Einerseits ist das die Frage der Zeit. Dass Zeit vergeht, wird einem unter anderem dadurch deutlich, dass permanent Züge durch diesen Ort fahren, an ihm vorbeifahren. Es geht um Stillstand gegen Bewegung, das ist z.B. ein Motiv. Ein anderes sind die popkulturellen Fragmente, die von außen, also aus einer Welt, die vielleicht noch „in Ordnung“ und noch nicht aus dem Rahmen gefallen ist in diesen Ort und dann in diese kleinste Einstellung hinein hineingespült werden. Dann wird auch noch die Frage verhandelt: Wie filme ich eigentlich Leute, die derart vom Leben gezeichnet sind? Und das alles in einer Einstellung.

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AA: Wie gesagt, habe ich persönlich die Aufnahme, in der man die Frau Bier trinken sieht, nicht als etwas empfunden, das eine Reaktion auf das Gefilmt-Werden beinhaltet, sondern einfach als den Wechsel in einen anderen Modus des Filmemachens, in den klassischen Modus der unsichtbaren Kamera. Aber es kann durchaus sein, dass sich da einfach etwas übersehen habe. Ansonsten kann ich allem, was Alejandro gesagt hat, zustimmen. Er hat vorher gesagt, dass Schlöglmühl so viel aus „nichts“ herausholt, aus etwas, das normalerweise in zehn Sätzen eines Zeitungsartikels zusammengefasst werden würde. Das ist genau der Punkt, das politische Moment des Films. Wenn man in einem Zeitungsartikel liest: In Schlöglmühl wurde eine Fabrik geschlossen, zweihundert Menschen haben ihren Job verloren, vielleicht maximal noch: Die Zukunftsaussichten der Gemeinde sind trist – dann blättert man drüber, womöglich blitzt kurz eine vage Vorstellung der Verhältnisse im Bewusstsein auf, aber die Erfahrung der Menschen wird einem dadurch nicht vermittelt, das Gefühl der totalen Entleerung, die ein solch traumatisches Ereignis über die Ortschaft gebracht hat, bleibt außen vor. Genau das leistet dieser Film, indem er zeigt, wie viel da dranhängt, und dabei spielt die Verdichtung, von der Alejandro gesprochen hat, eine sehr große Rolle. Das zeichnet den Film aus, dass er das Hereinbrechen der Abwesenheit spürbar macht, das Gefühl, das etwas, das da war, auf einmal nicht mehr da ist, ebenso wie den Versuch, diese Abwesenheit zu füllen und die Unmöglichkeit dieses Unterfangens. Er findet dafür enorm ausdrucksstarke Bilder und Töne. Vorher war von dem Schlager die Rede, den man in der ,Biertrink-Szene‘ hört. Falls ich mich nicht irre, hört man diese Lieder immer nur als eine Art Echo, nie erklingen sie wirklich klar und deutlich, nie sind sie wirklich dominant.

VD: Nur in der ersten Szene im Beisel, mit „Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon wieder da“. Es ist, was ich spannend fand, wie ein Intro in den Film. Zuerst kommt diese Kamerafahrt an dem Haus vorbei, in das Haus hinein, dann hört man dieses Lied, und dann kommt eine Großaufnahme der traurigsten Gestalt des ganzen Films, dieser Mensch, der nie etwas sagt.

AA: Ist das derselbe, der später vorm Fernseher einschläft?

VD: Genau. Der sich die Raumfahrt anschaut. Man sieht also direkt die Großaufnahme dieses Gesichts, davor sah man ihn kurz am Tresen an der Bar stehen, während im Hintergrund das Lied lief. Es ist ein sehr spezifischer, fast schon genialer Einstieg in den Film. Tatsächlich ist die Kombination von Musik mit Großaufnahmen im Film bemerkenswert. Die Ausdrücke in den Augen der Personen finde ich in diesem Film auch enorm einnehmend.

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AB: Ich würde euch beiden zustimmen: Es gibt diesen Anfang, in dem die Dinge explizit gemacht werden. Die Großaufnahme einer Person, ohne dass man weiß, wer sie ist, ohne Mitteilung, in welchem Kontext sie in diesem Film noch auftauchen wird, einfach nur ein Gesicht, und dazu das Schlagerstück, das man fast nicht anders wahrnehmen kann – eine Art zynischer, aber auch treffender Kommentar der Situation der Menschen. Aber danach sind die Lieder tatsächlich eher wie Echos eingebaut. Eigentlich ist es fast so, als würde der Film einem am Anfang fast didaktisch sagen: Jetzt sensibilisier dich mal für bestimmte Dinge, sensibilisier dich dafür, was man da hört und was in diesen Gesichtern sichtbar wird. Im späteren Verlauf sieht man dann einen Film, der auch eine gewisse Dramaturgie hat, einen chronologischen Ablauf präsentiert, einen aber gleichzeitig in einem Sub-Plot sensibilisiert für diese ganzen Kleinigkeiten. Vielleicht macht ihn genau das so reich. Nach zehn Minuten weiß man ja schon, was die Situation ist, aber es erschöpft sich nicht in diesem Wissen.

AA: Der Film erzählt so auch eine Gleichmäßigkeit. Irgendwie liegt diese auch in den Kamerabewegungen. Das habe ich beim zweiten Mal sehen noch stärker empfunden: Diese Seitwärtsfahrten sind wirklich sehr systematisch positioniert. Sie punktieren den Film, und zwar an Stellen, an denen man nicht immer das Gefühl hat, dass es „passt“. Manchmal durchschneiden sie z.B. Interviews. Da ist ein Gespräch, man hat den Eindruck, jetzt herrscht Gesprächs-Stimmung, und dann kommt ein unmittelbarer Schnitt zu einer langsamen Kamerabewegung durch die Schlöglmühl-Ruinen. Das kommt immer und immer und immer wieder. Diese gleichmäßige Bewegung ist wie ein Faden, der sich durch den ganzen Film zieht, wie das Signal eines EKG-Geräts, das immer wieder kurz ausschlägt, und man wartet eigentlich nur noch darauf, dass er komplett verflacht. Interessanterweise liegt darin trotzdem eine Dramaturgie, eine Dramaturgie der Monotonie. Aber der Film argumentiert die ganze Zeit. Das wäre eine Frage: Ist der Film distanziert? Ist er ein Thesenfilm? Wenn ich ihm irgendetwas vorwerfen wollen würde, wäre es der Umstand, dass bei mir, obwohl er die Leute sprechen lässt, obwohl er ihnen offensichtlich zuhört und in den Gesprächen lange wartet, bis sich die Menschen ausgesprochen haben, trotzdem den Eindruck erweckt, dass relativ wenig aus dem Rahmen fällt, den der Regisseur um Schlöglmühl gesteckt hat.

AB: Wäre die interessantere Frage nicht: Was ist das Bild, dass Egon Humer und seine Mitstreiter zurückbringen? Das Bild, das sie zurückbringen, ist ein sehr ehrliches. Dahingehend nämlich, dass es ein Fragment bleibt. Andrey hat die ganzen Kamerafahrten erwähnt. Man bekommt, finde ich, keinen wirklichen Eindruck von der Architektur dort, auch nicht von den Lebensverhältnissen, man bekommt sehr fragmentarische Aufnahmen dieses Flurs. Oder man bekommt immer diese Kamerafahrten. Aber kein Gefühl für den Ort in seiner ganzen Struktur. Ich finde, der Film deutet permanent an: Das muss auch Fragment bleiben. Und es gibt eine zweite Ebene, die der Film sehr explizit macht, dass er nämlich sagt: Es muss eine Interpretation stattfinden. Ich kann nicht einfach nur da draufschauen und das abbilden, ich muss das in einen größeren Kontext setzen, und da gibt es dann bestimmte Materialien, die er unglaublich geschickt benutzt, nämlich zum einen diese Fernsehwerbung der Gewerkschaft, die davon erzählt, dass Freizeit zu mehr Mitbestimmung im politischen Leben führen kann, was natürlich zynisch ist im Angesicht der Situation der Bewohner von Schlöglmühl, und natürlich das Material von Neil Armstrong und der Mondlandung, wo man natürlich fragen muss: Hat dieser Mann wirklich genau in diesem Moment Neil Armstrong und die Mondlandung im Fernsehen gesehen? Aber irgendwie ist das egal, weil der Film eine Interpretation daraus macht. Er erzählt damit von den Träumen der Menschen dort, dass man wieder schweben will und nicht mit aller Schwere am Boden kleben.

VD: Ich habe tatsächlich beides als zynischen Kommentar empfunden: Sowohl die Gewerkschaftswerbeschnipsel als auch Mondlandungsszene, nämlich hinsichtlich dessen, dass man sich fragt: Warum auf den Mond fliegen, wenn man die Probleme auf der Erde nicht lösen kann? Wenn vor den Fernsehern gebrochene Menschen sitzen, die keine Arbeit haben und dem Alkoholismus anheimfallen?

AB: Aber wem gegenüber ist das genau zynisch?

AA: Ich finde, in der besagten Szene ist beides drin.

VD: Vielleicht ist Zynismus bei diesem Film das falsche Wort. Aber ich sehe das nicht ganz unproblematisch. Einerseits ist sich Humer bewusst, dass er hier Menschen ausstellt, die zum Teil arbeitslos und gebrochen sind. Aber er nutzt sie auch als Bausteine in einer Gesamtargumentation.

AB: Aber es gibt keinen Dokumentarfilm, der das nicht tut. Das liegt ein wenig in der Sache selbst begründet, würde ich sagen.

VD: Das stimmt. Aber gerade die Szene, die wir vorher besprochen haben, mit der Frau, die die Bierflasche öffnet und trinkt, kann man, finde ich, trotzdem genauso problematisieren wie positiv benennen. Aber mal weg von dieser Szene. Mich würde das Thema der Geräusche interessieren, auch der Musik, die, wie gesagt wurde, wie ein Echo drüberliegt, und der Off-Kommentar. „Sie schrieben…“, heißt es zu Beginn. Wer ist das?

AB: Die drei Personen, die „Die Arbeitslosen von Marienthal“ geschrieben haben. Schlöglmühl ist ja auch eine Art filmischer Übersetzung dieses Textes, der ein soziografischer Versuch war, die psychosoziale Situation einer Stadt zu beschreiben, aus der der größte Arbeitgeber abgezogen ist.

AA: Es stimmt aber, dass diese Referenz im Film nicht überdeutlich präsent ist. Man könnte das ganze ja auch anders präsentieren. Man könnte die Off-Stimme viel deutlicher darauf Bezug nehmen lassen, dass hier ein spezifischer Text zitiert wird. Der Film macht das anders. Da kommt der Verweis aus dem Nichts, nicht wie bei einem TV-Voice-Over, er hat etwas Abstraktes. Das Ganze bekommt eine gespenstische Dimension. Man hört den Voice-Over meistens, während die Kamera durch die verlassenen Hallen und Fabriksruinen fährt. Einerseits historisiert es das Geschehen natürlich, wenn man im Hinterkopf hat, dass das, was wir hören, aus einer älteren Studie stammt: Hier wiederholt sich Geschichte also. Aber gleichzeitig hat es auch etwas von einem Gespenst. Wie fühlt sich das an, wenn man das hört? Nicht so, als würde mir ein konkreter Mensch etwas über den Zustand der Arbeitslosen in Schlöglmühl oder anderswo erzählen, sondern wie eine Stimme aus der Geschichte, die aus dem Äther irgendwelche unbestimmten Tatsachen ausspricht. Es hat etwas sehr Archaisches.

VD: Für mich hat es etwas sehr Theatrales, es erinnert mich an moderne Dramen-Texte. Ich musste an viele Handkes und Bachmanns denken, als ich es hörte.

AA: Warum?

VD: Zum einen, weil Der Himmel über Berlin mit einem literarischen Text von Handke in einem Off-Kommentar versehen ist und die Sprache für mich sehr poetisiert und auf eine gewisse Weise dramatisiert wirkt. Aber das nur nebenbei. Die zweite Sache, die mich interessiert, ist die Chronik von Frau Gerl. Ist sie Teil dieser Studie? Und sieht man Frau Gerl?

AB: Frau Gerl ist die Besitzerin des Lokals, das man am Anfang sieht.

AA: Man sieht sie gleich in der ersten Einstellung.

VD: Ist das so klar?

AB: Für mich wurde es klar, weil es so ein wiederkehrender Topos in Geschichten ist, dass die Person, die die Kneipe und das Lokal an einem Ort hat, auch der Chronist oder die Chronistin ist. Ich habe das relativ schnell so gelesen.

AA: Es ist bezeichnend, dass sie trotzdem nicht zu einer Protagonistin wird. Figuren im klassischen Sinn gibt es in diesem Film nicht. Die Menschen, die interviewt werden, bleiben alle ohne Namen, selbst die, die periodisch wiederkehren. Manche Leute reden gar nicht, wie die stumme Symbolfigur, die gleich am Anfang als Gesicht Schlöglmühls präsentiert wird. Das habe ich auch gemeint mit Distanz. Hier wird primär ein Zustand beschrieben, nicht so sehr Individualschicksale, die man herausgreifen könnte, nach dem Muster „Diesen Menschen hat es besonders schwer getroffen“, es geht stattdessen um etwas sehr Allgemeines. Und bei der Chronik habe ich mir gedacht: In der Studie steckt eine Geschichtlichkeit drin. In der Chronik zählt sie auf: Die Gräfin von Monaco ist tödlich verunglückt, ein großes, schicksalhaftes Ereignis, und das nächste Ereignis lautet dann: Die Fabrik ist tödlich verunglückt. Etwas, das einfach passiert ist, dem man sich innerlich bereits gefügt hat, der Lauf der Dinge. Es verwundert mich auch sehr, dass da nach der Schließung eine Trauerfahne gehisst wurde, ist das eine Tradition? Es schien mir grotesk, das zu betrauern wie einen Todesfall, als wäre es etwas, das nicht verhindert hätte werden können, es in einen Kontext der Natürlichkeit zu rücken, des Sich-Fügen-Müssens, während es doch ein sozio-ökonomischer Prozess ist.

AB: Das würde ich so nicht unterschreiben. Man trauert ja auch um das Kind das ermordet wurde. Für mich steckt da das Verhältnis, das Menschen zu ihrem Arbeitsplatz haben, drin.

AA: Aber das wäre ja dann so, als würde der Mörder des Kindes gemeinsam mit den Leuten trauern, denn die Fahne wird ja von den Leuten gehisst und hängt an der Fabrik …

AB: Ja, aber deren Verhältnis zu ihrem Arbeitsplatz ist ein anderes als beispielsweise heutzutage das Verhältnis eines Mitarbeiters einer Kunstinstitution zu dieser Kunstinstitution. Das nennt man halt ,Arbeiterkultur‘. Das war ein Ort der Gemeinschaft, der identitätsstiftend ist und wenn der Ort nicht mehr existiert – unabhängig davon, ob dieser Ort von Kapitalisten gezielt und zur Gewinnmaximierung heruntergewirtschaftet wurde – ist der Ort für die Leute ein Ort der Gemeinschaft. Wenn der weg ist, ist die Gemeinschaft weg. Das ist für mich nachvollziehbar und spürbar in dem Film. Der Film gibt uns ja keinen Überblick über diesen Ort. Das könnte er aber machen. Er könnte ja auch versuchen, den Zuschauern eine Idee davon zu vermitteln: Wie groß ist dieser Ort? Welche Bauten gibt’s in diesem Ort? Wie verteilen sich die Leute? Das alles will dieser Film nicht. Und warum nicht? Weil sich dieser Ort gar nicht mehr wie ein Ort anfühlt. Es ist nur noch eine Ruine, in der die Leute weiterhin bleiben, weil sie keine andere Wahl haben. Aber dort ist ja kein Gemeinschaftsgefühl mehr – im Gegenteil – wir erfahren ja von der einen älteren Dame, dass sie sich nachts nicht mal mehr auf den Flur traut. Weil es dort nichts mehr Gemeinsames gibt, sondern nur noch versprenkelte Individuen, die die Überreste einer Gemeinschaft sind, die mal diese Fabrik war. Deshalb finde ich es total nachvollziehbar, dass man die Fabrik betrauert.

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AA: Ich gebe dir recht und verstehe besser, was du meinst. Aber vielleicht verhandelt der Film ja gerade die Überholtheit dieser Arbeitskultur in einer Gesellschaft, die ja eigentlich so nicht mehr funktioniert. Weil die Menschen danach ja auch immer sagen, „sie hätten damit gerechnet“, „sie haben darauf gebaut“ … irgendeine Formulierung, die diese Frau verwendet: „Wir haben nichts anderes gekannt“ oder „es war immer schon“…

VD: „Wir haben es nicht geglaubt“, meinst du das?

AA: Jedenfalls irgendeine Formulierung, die besagt, dass die Fabrik immer ein Fixpunkt war, wie der Fakt, dass jedes Jahr wieder Sommer oder Winter wird. Also die Fabrik als Teil des Lebens; und dass es gar nicht auf dem Horizont der Menschen war, dass das von außen beendet werden könnte.

Auch das mit der Gemeinschaft stimmt absolut. Die Szene, wo mir am meisten aufgefallen ist, dass der Film etwas baut, ist die ,Zeltfest-Szene‘ gegen Ende, weil es mir persönlich sehr schwerfällt zu glauben, dass bei so einem Zeltfest gar keine fröhliche Stimmung herrscht. Also selbst in den schlimmsten Zeiten, treffen sich die Leute …

VD: Es war ja auch gute Stimmung.

AA: Ja, aber eigentlich fühlt‘s sich von Anfang an nicht richtig an. So wie der Bildausschnitt gewählt wird, wie man die Musik hört, welche Menschen ins Bild kommen, wie geschnitten ist. Sofort raus aus dem Zelt …

AB: Da muss ich kurz einhaken. Du hast vollkommen Recht, würde ich sagen. Denn das Fest wird ja folgendermaßen etabliert: Man sieht ein Plakat, da steht „Herzlich Willkommen“ drauf. Es hängt aber gerade noch so. Liebloser kann man so ein Plakat gar nicht aufhängen. SCHNITT. Und was kommt? Es kommt ein Schlag mit der Faust gegen so einen Ball, der misst, mit wieviel Kraft man dagegen geschlagen hat. Eigentlich machen diese beiden Einstellungen klar: Ein Fest in Schlöglmühl ist eine unangenehme, aggressive Sache in der das „Herzlich Willkommen“ gerade noch so – vielleicht – spürbar ist.

AA: Und das Motiv zieht sich ja durch den ganzen Film. Anfangs mit dem Typen, der die Kinder spielerisch abschießt, mit dem Kind, das den Stein wirft.

VD: Aber da ist schon beispielsweise wieder eine starke Lenkung drin. Ein Zeltfest derart darzustellen, das potentiell eine gute Stimmung haben könnte – eine Rauferei muss ja nicht die Stimmung verderben. Die Kamera geht ja auch extra hinaus vor das Zelt, wenn Reden geschwungen werden, wenn das Kabarett-Programm am Laufen ist, das man im Hintergrund hört. Dann ist die Kamera draußen, fährt ganz langsam am Zelt vorbei; aber sobald die Rauferei losgeht, ist die Kamera darauf fixiert.

AB: Aber das meine ich halt. Auch das ist die Haltung, die da sichtbar wird. Der Film versucht schon klarzumachen, man blickt von außen drauf und dass ist, was einem begegnet und ich finde, das macht er aber klar. Weil wir vorhin über das Voice-Over geredet haben, dieses „sie schrieben“ ist genau ein Hinweis darauf. Es heißt dann eben nicht: „Es gibt folgende Kategorie eines Langzeitarbeitslosen“, und dann wird einem erklärt, was die Kategorie ist; sondern es wird gesagt: „Sie schrieben“, und dann wird gesagt, was die Kategorie des Langzeitarbeitslosen sein könnte. Eigentlich markiert der Film regelmäßig, dass das Versuche sind von Außen zu begreifen, was da in einer Gemeinschaft passiert ist. Und deswegen finde ich das am Ende … – also, alles andere fände ich wiederum problematisch, das nicht am Ende so zu verdichten, weil was soll einem denn für ein Eindruck bleiben, wenn man das sieht? Das Leben dort ist zerstört. Und ich glaube zu versuchen, dann noch ein neutrales Fest zu zeigen – wieso? Es ist ehrlicher zu sagen: mir bleibt nichts anderes übrig als es am Ende in einem relativ prägnanten Bild alles zu verdichten. Und das zeigt dann eben, dass in dem Versuch wenigstens einmal zu feiern, sowieso wieder die Gewalt eskaliert. Und auch die allerletzte Einstellung macht das ja auch klar: In dem Versuch ,on track‘ zu bleiben rutscht du von der Straße ab und rollst irgendwie in die Wiese rein…

AA: Ins Grab. Der Ton ist ja auch verfremdet und wenn ich dieses dumpfe Rollen höre, denke ich an irgendetwas, was in eine Grube hineinfährt. Es fühlt sich an, als würde sich ein Grab in die Erde hineinsenken. Das wird sehr deutlich, irgendwie.

VD: Der letzte Satz lautet ja: „Im Auftrag der niederösterreichischen Landesregierung“. Und dann die Fahrt ins Grab/Gras, wie auch immer.

AA: Und Schlöglmühl durchgestrichen.

VD: Ja, ich gehe da vollkommen mit, mit der Deutung, dass ein bestimmtes Bild vermittelt werden soll.

AB: Ich stimm dir schon auch zu. Man könnte das manipulativ nennen, aber es ist nicht zynisch. Auch die Situation mit Louis, nein, Neil Armstrong könnte zynisch sein. Sie ist aber nur ein Versuch Bilder zu finden, die auszudrücken könnten, was da eigentlich Sache ist. Und das finde ich nicht manipulativ, sondern in gewisser Weise aufrichtig. Ich versuche filmische Bilder zu finden, die ausdrücken, was es bedeutet, dort zu leben. Und dann such ich mir eben Bilder von Armstrong, der etwas in der Schwerelosigkeit bewegen lässt, um das mit einem Leben zu kontrastieren, das mich so hart und unnachgiebig auf den Boden gedrückt hat, dass Schwerelosigkeit nur noch ein Traum sein kann. Und deshalb träumt er auch. Ich würde sagen, der Film ist voller Manipulation und voller subjektiver Blicke, wenn man so möchte, aber ich finde er markiert das relativ deutlich.

AA: Ja, die Szene ist auch absolut außergewöhnlich und es steckt, wie gesagt, wirklich beides drinnen.

VD: Ich habe das vorhin auch nicht negativ gemeint, tatsächlich, sondern wollte nur auf den hinweisenden Charakter, also darauf, dass der Film auf diese gebrochene Existenz hinweist, zu sprechen kommen.

AA: Ja, und er geht ja auch rein. Er versucht ja auch dem Menschen eine Art von Würde zu geben, indem er imaginiert, wie dieser Mensch träumt. Dass er noch imstande ist zu träumen und dass er in das, was ihm im Fernsehen präsentiert wird – mit der wirklich zynischen musikalischen Untermalung mit „Yellow Submarine“ von den Beatles in einer bizarren Klassikversion, wie mir jetzt aufgefallen ist –, dann plötzlich reingeht, die Rahmung des Fernseher wegschneidet, das mit dem Gesicht des Menschen parallelisiert, der sich da reinsteigert und eben diese Schwerelosigkeit phantasiert. Das ist ja fast wie eine Ermächtigung. Sehr melancholisch, aber trotzdem ist es was, was dem Menschen eine Würde zurückgibt, finde ich. Die Szene ist wirklich unglaublich.

AB: Da ist von Anfang an alles richtig gemacht. Die Sequenz beginnt mit einer Halbtotalen, wo der Fernseher zu sehen ist und er steht mit der Bierflasche davor aber man sieht seinen Kopf nicht. Und das ist total genial, denn würde man seinen Kopf sehen, würde man vielleicht denken: Ah, schon wieder so ein Alkoholiker. Doch dadurch, dass der Kopf abgeschnitten ist, bekommt das Bild etwas von einer extrem kraftvollen Photographie, wo das Bild für etwas Größeres steht. Nämlich für Menschen, die alleine mit einer Flasche Bier in ihrer Wohnung stehen und das einzig Lebendige ist der laufende Fernseher. Es geht da erstmal nicht um ein Individuum, sondern um eine Situation. Und erst dann nähern wir uns langsam der Figur an. Das ist immer das Schwierigste, darüber zu reden, aber ich finde, was dieser Film im Gegensatz zu z.B. Ulrich Seidl oder Werner Herzog unglaublich gut schafft, ist, diese Leute vor die Kamera zu holen. Und ich habe nie das Gefühl, dass ich auf sie herabblicke. Ich habe wirklich das Gefühl, dass der Film, insofern das möglich ist, den Personen auf Augenhöhe begegnet und das finde ich wirklich erstaunlich. Weil wenn man jetzt in die Gegenwart geht findet man im dokumentarischen Film kaum noch Beispiele, wie solche Menschen gefilmt werden, ohne dass man ein komisches Gefühl hat.

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AA: Darf ich da kurz einhaken, weil ich weiß, dass du dich damit gut auskennst. Wie siehst du den Film im Vergleich zu Über die Jahre von Nikolaus Geyrhalter? Weil der Aufbau etwas ähnlich ist: Zuerst gibt es eine Schilderung des arbeitslosen Daseins und am Ende gibt es ein Zeltfest, das ich weitgehend positiv in Erinnerung habe. Gibts zwischen den zwei Filmen ein Naheverhältnis für dich?

AB: Ja, da gibt es total ein Naheverhältnis, weil sie beide die Frage stellen, was mit Menschen passiert, wenn ihr Arbeitsplatz wegfällt. Der Unterschied zum Geyrhalter Film ist aber der, dass er, indem er die Leute über zehn Jahre hinweg begleitet, versucht herauszufinden, wie man seinen Alltag jenseits einer 40-Stunden-Stelle mit Sinn füllt.

AA: Auch institutionell, oder? Das bringt er ja auch mit hinein. Ich glaube er ist nicht so – pessimistisch ist wieder ein schwieriges Wort – aber er ist nicht so pessimistisch wie der gerade gesehene Film. Weil er auch Wege nach außen zeigt.

AB: Genau, würde ich auch sagen. Was aber zum Beispiel ähnlich ist, ist dass der Geyhalter-Film einer der wenigen Geyrhalter-Filme ist – der erste sogar war –  in dem man den Filmemacher selbst permanent die Fragen formulieren hört. Und er sich als Filmemacher damit recht deutlich positioniert und damit klar wird, dass da auch immer eine Person auf eine Person trifft. Und das gibt’s ja bei dem Film auch.

AA: Einmal…

VD: …nur eine Nachfrage.

AB: Ja, aber an einer total relevanten Stelle, nämlich wo er sagt: „Waren sie verliebt?“, und woraufhin sie sagt: „Ja, verliebt ist das falsche Wort. Liebe ist richtiger!“ Das ist nur ein Moment, aber genau der richtige. Weil er auch was darüber sagt, wie man den Leuten begegnet, nämlich auf Augenhöhe. Da möchte man, wenn die Leute erzählen, halt einfach nur wissen: Ja, waren Sie verliebt? Und man will eben keine brisanten Details von Arbeitslosigkeit und persönlichem Niedergang hören und sehen, sondern genauso einen Moment und die Frage: „Waren Sie verliebt?“,  wodurch man das Gefühl hat, dass da ein Mensch einem Menschen begegnet.

VD: Erinnert an Elisabeth T. Spira.

AA: Du magst Spira, oder? Was hat dich daran spezifisch an Spira erinnert?

VD: Ja, ich schätze sie total. An Spira erinnert hat mich eben genau dieser Zugang zu Menschen. Also nicht – im besonderen Maße – daran interessiert zu sein, Menschen auszustellen, sondern Interesse an der Geschichte der Menschen haben. Auf einer sehr persönlichen Ebene. „Waren Sie verliebt?“ Eine ganz einfache Frage und dann mal schauen was kommt. Und es kommt unglaublich viel.

AB: Ja, die Frau in Schlöglmühl wird ja genau in dem Moment zu einer total vielseitigen Figur. Am Anfang erzählt sie von ihrem Niedergang und den ziemlich asozialen Verhältnissen (Die Nachbarin, der Hund soll getötet werden) und in dem Moment bekommt sie ja eine menschliche Dimension. Und dann ist auch dieses Bild von der Frau, wie sie da sitzt mit der Bierflasche neben sich, die offensichtlich vom Alkohol und Nikotin gezeichnet ist, das sich in diesem Moment total verschiebt. Und das schafft der Film andauernd, dass jedesmal wenn eine Figur inszeniert wird, ich nie das Gefühl habe, dass man auf sie herabsieht oder mit einer komischen ironischen Distanz auf die blicken müsste, sondern das ist immer sehr, sehr straight. Und zwar durch ganz viele Strategien: Durch die Strategie mit der Frage, durch die, wie der Mann inszeniert wird, wenn er von Neil Armstrong träumt.

AA: Und auch das, was die Leute sagen. Also das Narrativ von der anderen, blonden Frau hat ja etwas Heldinnenhaftes. Auch was trauriges, denn es geht ja auch immer Resignation und darum, dass Versuche von Widerstand und Ermächtigung gescheitert sind. Aber trotzdem bekommt man den Eindruck von einem Menschen, der sich nicht alles bieten lassen wollte und der darum gekämpft hat und das ist ja etwas, was einen automatisch – mich zumindest – für ihn einnimmt. Das ist ja auch eine Möglichkeit jemandem Würde zu verleihen.

Was ich vielleicht noch Fragen möchte ist auch wieder so eine Grundsatzfrage, weil wir vorhin vom Politischen geredet haben. Das ist sowieso wieder so eine müßige, viel zu schwierige oder zu große Frage …

VD: Warum? Es ist nicht müßig!

AA: Nein, müßig ist es wirklich nicht …  Aber wenn ich so einen Film sehe, der – wie gesagt – eigentlich alles richtig macht, aber es ist trotzdem ein ,künstlerischer Dokumentarfilm‘, dem man das auch ansieht, der das auch ausstellt. Der also etwas formuliert, was er gesehen oder gefunden hat um es den Menschen zu zeigen und etwas von diesem Ort zu vermitteln – nachdem eigentlich eh schon alles zu spät war – aber dennoch als ,Lehrbeispiel‘ für die Zukunft (oder wie auch immer), als Anklage der Politik. Ist das Problem bei Filmen, die so etwas machen nicht eigentlich immer, dass man eigentlich immer recht leicht sagen kann: „Ja, gut, das mag schon sein, das haben Sie vielleicht so gesehen, aber ich war gestern in Schlöglmühl und es ist gar nicht so schlimm, also ist das alles nicht gültig, was Sie hier sagen – “. Kann das überhaupt so funktionieren?

AB: Nein, das kann so nicht funktionieren. Das heißt aber trotzdem nicht, dass es nicht politisch ist. Aber es kann, glaube ich, nicht in so einer Art und Weise funktionieren, weil es sich einem nach alle Seiten hin abgesicherten Blick widersetzt. Es geht um was anderes, es geht um – … Weil ich dazu gerade so viel arbeite: Herzog würde es eine „ekstatische Wahrheit“ nennen und was er damit meint ist eine sinnlich wahrnehmbare Wahrheit‘.

VD: Eine ,gefühlte Wahrheit‘ …

AB: Jaja, ich weiß, zu Zeiten des Postfaktischen wird man da unruhig, aber ehrlich gesagt geht es doch genau darum: Wenn ich als Sohn einer bürgerlichen Familie mir so einen Film anschaue und dann plötzlich verstehen kann, was Arbeiterkultur vielleicht mal war. Welche Bedeutung eine Fabrik für einen Ort hat. Wenn ich das verstehen kann, zum Beispiel indem man Neil Armstrong mit einem trinkenden Arbeitslosen gegenschneidet. Wenn er das schaffen kann, dann ist das für mich absolut politisch. Dass da irgendein Realpolitiker, der Entscheidungen treffen könnte, sich auf so etwas nicht einlässt, sagt vermutlich mehr über die Politik aus als über die Kraft des Filmes.

AA: Ja, das war ein bisschen eine rhetorische Frage.

AB: Aber ich weiß, was du meinst. Aber es ist die entscheidende Frage, da hast du schon Recht.

VD: Definitiv. Aber vielleicht widerlegt sich die Person in deiner Frage selbst. Es geht ja darum, dass ein Mensch in Schlöglmühl war und sagt: „Es ist alles nicht so schlimm!“, aber warum ist der Mensch nach Schlöglmühl gefahren? Ist er zufällig durchgekommen oder wurde er von dem Film dazu gebracht, mal dorthin zu fahren und sich das anzuschauen. Und da wäre ja schon wieder ein Moment der Aktion, der Bewegtheit, des Bewegtseins durch einen Film drinnen. Ich zum Beispiel möchte jetzt nach Schlöglmühl.

AB: Ich habe ja nach der Diagonale fünf SMS bekommen von Leuten, die mir alle geschrieben haben: ja, ich bin grad durch Schlöglmühl gefahren. Weil ja der Zug von Graz nach Wien durch Schlöglmühl fährt. Alle, die in dem Film waren, haben mir danach geschrieben. Pervers eigentlich. Fast so wie ein ,attractive sight to visit‘.

VD: Der Reiz der Ruine.

AB: Aber genau dem verfällt ja der Film nicht. Egal wie wahr das ist, was man sieht, was einfach nicht abzustreiten ist, ist eine unglaublich intensive Auseinandersetzung mit dem, was da zu sehen ist. Und das ist eben nicht abzustreiten und ist schon weitaus mehr, als es jede Form von klassischen Journalismus leisten kann. Und daraus entsteht halt eine Kraft und das meinte ich vielleicht auch mit einer ,gefühlten Wahrheit‘. Also eine Intensität in der Begegnung, die könnte und kann ich sonst nicht haben, wenn ich in der Zeitung einen Artikel lese.

AA: Ja, das stimmt absolut. Auch, dass man es nicht auf die Einzelschicksale reduziert, wo man immer sagen kann, ja, den Menschen geht’s überall schlecht. Er macht das an einem konkreten Ort…

VD: Ja, er macht das unglaublich konkret und das muss ich dem Film hoch anrechnen, dass es nicht, wie in vielen anderen Filmen, darum geht, die Individuen darin zu bestärken, dass sie doch etwas aus ihrem Leben machen sollen, sondern dass er tatsächlich ganz scharf Systemkritik übt. Und das mit der ,gefühlten Wahrheit‘ – man spricht ja auch immer von Realitätsschichtungen. Das findet man extrem in diesem Film. Zum einen die formale Ebene und da insbesondere die Tonebene, die ich auch total erstaunlich finde. Die verankert den Film auch so in der damaligen Zeit, in der er gedreht wurde, also um 1990, obwohl er ja zurückblickt zum Anfang der 1980er Jahre. Aber wenn ich dann immer wieder die Echos der Schlager von ‘89 höre, zum Beispiel „Cherry Cherry Lady“ …

AA: Ach, DAS war das Lied. Wo die Frau raucht, oder?

VD: Ja, genau. Und à propos rauchende Frau. Worauf ich noch kurz zu sprechen kommen wollte, ist der Junge, das eine Kind, das immer explizit vor der Kamera positioniert ist.

AA: Der mit dem Pumuckl-Shirt? Der dann am Ende die Scherben zusammensetzt?

VD: Ja, bei den Scherben weiß man es nicht, man sieht ja nur die Hände. Aber der, der in die Kamera blickt.

AA: Ja, der zweite wirklich hoch poetisch stilisierte Moment nach dem Armstrong-Moment. Der wirklich intensiv ist und auch überraschend kommt. Was wolltest du zu dem Jungen fragen?

VD: Ich muss ja immer an The Florida Project denken. Das wäre das perfekte Trouble Feature. Die aktiven Kinder in The Florida Project und der geisterhafte Junge in Schlöglmühl. Ich wollte einfach nur wissen, wie ihr diesen Jungen, der ja immer explizit für die Kamera inszeniert wurde,  wahrgenommen habt? Was hat dieser Junge in euch ausgelöst?

AA: Wenn man Kinder ins Bild setzt, dann denkt man natürlich sofort an Zukunft, an die Möglichkeit von einer Zukunft, auch an eine Art Unbekümmertheit. Und das wird ja ständig, gerade bei dem Jungen, konterkariert, weil man sieht ihn ja zum ersten Mal, wie er mit einer Trotzpose still dasteht, dann sieht man, wie er in diesem Gang verloren herumläuft, nicht reinkommt in die Räume, wild aufstampft, dann alleine ziellos herumspielt, also eine Verlorenheit …

VD: Er pirscht sich ja auch dann an die Tür an als die Frau hineingeht. Als ob er sie nicht von selber öffnen könnte. Das ist erstaunlich.

AA: Man weiß ja auch gar nicht, ob er hinein gehört und ob er überhaupt wo hin gehört. Er hat etwas Symbolisches für mich gehabt, vielleicht sogar etwas plump, für die verlorene Jugend Schlöglmühls. Würdest du das auch so sehen?

AB: Ja, ich denke, das kann man auf jeden Fall so sehen. Interessant ist dann noch eine spätere Szene, in der der etwas ältere Junge mit dem ITALIA ‘90-Shirt die jüngeren Kinder abschießt, die dann spielen, dass sie getroffen werden und zu Boden sinken. Und dann später gibt es ja noch eine tolle Szene, wenn die zwei Polizisten zum Auto laufen und dann scheint eines der Kinder von rechts einen Stein auf die Polizisten geworfen zu haben.

AA: In eine Pfütze und der Polizist wird angespritzt.

AB: Auf jeden Fall regt sich der Polizist auf. Deshalb hatten für mich ein paar von den Kinderbildern – und vor allem dieses mit dem Polizisten – einen Moment von der Unbekümmertheit, die nicht von der Vergangenheit belastet ist. Weil ja sonst alles von der Geschichte der Schließung der Fabrik durchzogen ist. Das ist auch an der Tonspur ganz klar zu bemerken. Da werden die Archivaufnahmen von den Protesten der Schlöglmühler in Wien über die Tonspur in die Gegenwart eingenäht. Und für mich waren die Kinder in ganz kleinen Zügen das Potential, vielleicht unbelastet von dieser Erfahrung zu sein. Das wird ja auch ganz klar bei diesem Herren am Ende, der sagt, dass er sowieso schon todkrank sei. Und einerseits mag ich ihn ja auch, weil er sagt, „bis zum Ende möchte ich den Typen einmal …“. Das gefällt mir auch, aber gleichzeitig ist das natürlich schrecklich.

AA: Das ist furchtbar. Der bitterste Moment im ganzen Film, wahrscheinlich.

AB: Und die Kinder haben Momente, zumindest der, in dem sie dem Polizisten die Hose dreckig machen, in denen man denkt: Ah, vielleicht geht’s auch wieder weiter.

AA: Das ist ja auch so ein offener, dokumentarischer Moment. Also einer, der nicht so stilisiert ist, wie die Momente mit dem Jungen. Das ist irgendwie passiert, Leben auf frischer Tat ertappt, während die anderen Kinderbilder doch sehr stark in das Narrativ eingesetzt sind. Da gibt es ja auch diesen Moment mit dem Mädchen, das Blinde Kuh spielt und dann wird auf eine alte Frau geschnitten, die auch trostlos in die Ferne blickt. Da fällt es mir schwer, das nicht symbolisch zu lesen.

AB: Ja, da hast du Recht. Der Moment mit der Hose des Polizisten ist wie eine Miniatur, die den ganzen Fatalismus für einen ganz kurzen Moment durchbricht.

Postadresse: 2640 Schlöglmühl von Egon Humer

A Passion for Cars: Two Films by James Benning on DVD

One Way Boogie Woogie/27 years later von James Benning

The Austrian Film Museum has a relationship of allegiance to James Benning. The new DVD consisting of two films: 11×14 (1977) and One Way Boogie Woogie/27 Years later (1977/2005) is a forceful addition to an already impressive catalog of discs dedicated to the artist, American Dreams/Landscape Suicide, California Trilogy, Casting a glance/RR, natural history/Ruhr alongside a book co-edited by Barbara Pichler and Claudia Slanar. Additionally, the Film Museum devoted a full retrospective to Benning in November 2007, enthusiastically following it up with frequent screenings of his newer works. The genesis of the idea of these DVDs itself stems from the dedication to archiving and restoring the films demonstrated by the Film Museum. In a recent interview (from 2017) with Sight and Sound, Benning stated:

„When Alex [Horwath, the museum’s director] offered to store it I said he could just have it all, with the idea that they would properly archive it over the years, because I knew it was a huge job. As part of that archiving process, they thought they should also make DVDs to make the films available. And at that point I thought it was a great idea, mainly because there seemed to be a demand to see those early films, and I couldn’t provide a solution by renting prints any more.“

11x14 von James Benning

11×14 works on the margins of photography and film, the camera has a static, precise role, a tool that accords the one employing it a possibility of carefully demystifying the semblance of narrative bringing the subtle formal elements to the forefront. Shot on 16mm, these formal elements are stretched out on coordinates of geometric composition and texture, color, stillness and motion, and perception of space without the complete abandonment of narrative itself. The shots range from a few seconds up to several minutes, duration drains the possibility of narrative functionality of the images, they are salvaged from any symbolic burden, only the compositional elements are retained. An episodic structure is imparted by the deployment of black leader, shots interconnect so as to formalize what Benning refers to as a “spherical space”.

11×14 follows from a short film 8 ½ x 11 that predates it by 3 years. The dimensional ring to the titles is a reference to a photographic paper (11×14 inch) and a typing paper (8 ½ x 11 inch) that correspond to a general idea about the films, one where images act autonomously versus one where they form the building blocks of a scripted narrative.  The spherical space rendered by the non-absence of narrative and the ambiguous connectivity between shots, visual and aural cues that withhold and reveal in equal measure restore a degree of playfulness to the film. Narrative projectiles cross link shots across films.

11x14 von James Benning

Recurring visual motifs like the smokestack surface frequently in Benning’s body of work with textural and durational variance. Another such motif, the slow passage of an automobile across the screen, often encounters the perceived flatness of a surface or wall, the sharp contrast in our visual perception (2D vs 3D) of space is usually enhanced by striking color juxtaposition. These vehicles are omnipresent in both films, frequently crossing the frame within the length of a shot or merely standing, while still creating a striking mosaic or fragmenting the constrained space within a film. The vehicular obsession acts as an integral narrative device that channels most of Benning’s formal concerns. At times the perceived flatness is arrested by limiting the presence of a wall or a surface to only a portion of the frame, as the edge of the structure acts as a dividing line between flatness and depth. This rupture may exist in order to depict an adjacent space like a street or an alley, or as a demarcation of the horizon, or both at the same time. In such a frame, the slightest movement of cloud in the sky generates a duality of motion/stasis within a single shot.

The first part of One Way Boogie Woogie/27 Years later retains similar compositional interests. Shot in the Midwestern town of Milwaukee where Benning hails from, the ebb of the town is meticulously chiseled. The duration of the film is doubled by a reshooting of the same locations revisited 27 years later.

The digital revolution has drawn a fault line across the contour of experimental film practices. In some circles, it is seen as an ultimate anathema, an ushering of doomsday, in others, it is a boon like no other, allowing for unprecedented possibilities of dissemination. Benning is in harmony with the second group, his more overarching concern is the severely diminished attention span that remains inadequate for an engagement with such works. Hence, the newest addition to the Film Museum catalog on Benning is worth cherishing – if not as a substitute for the films themselves, then at least for granting the opportunity of experiencing, albeit partially, what Jim Hoberman referred to as the “laconic mosaic of single shot sequences” devoted to the painterly study of the American Midwest.

One Way Boogie Woogie/27 years later von James Benning

The booklet accompanying the DVD set is bilingual and comprises the quintessential Benning interview with Peter Lehman & Stephen Hank from April 1977 (In English only), and Barbara Pichler on One Way Boogie Woogie (in German, translated to English by Ivana Miloš).

11×14 was restored by the Austrian Film Museum (Vienna) in cooperation with Arsenal – Institute for Film and Video art (Berlin) in 2017. Scanning and digital image restoration was carried out in 2K starting from the original 16mm color reversal by Austrian Film Museum in close collaboration with James Benning. Sound was digitized from a 16mm optical sound negative by L’Immagine Ritrovata (Bologna). The restoration was completed by the Austrian Film Museum, resulting in a 35mm negative for long-term preservation, a 35mm projection print (produced by Laboratório ANIM – Cinemateca Portuguesa – Museu do Cinema, Lisbon) and a DCP for digital cinema screenings. All analog and digital elements used for and produced by this restoration are preserved at the Austrian Film Museum.

Schwalle und Hoffnung: Ein Gespräch mit Alexander Horwath

Haben Peter Konlechner und Peter Kubelka im Österreichischen Filmmuseum jahrelang definiert, was und wie Film sein kann, hat ihr nun scheidender Nachfolger Alexander Horwath, den wir einige Jahre seines Schaffens in Wien beobachten konnten, für uns vor allem und darüber hinaus gezeigt, was Kinoliebe ist und wie sie sich äußern kann. Valerie und Patrick haben ihn zum Gespräch in seinem legendär verqualmten Büro getroffen. Es ging um seine vorletzte große Retrospektive, die derzeit unter dem Titel „Europa erzählen“ Bilder Europas vorschlägt, seine Auffassungen zum Kuratieren und die Entwicklungen der Filmlandschaft.

Sans toit ni loi von Agnès Varda (© Österreichisches Filmmuseum)

Sans toit ni loi von Agnès Varda (© Österreichisches Filmmuseum)

Patrick Holzapfel: Bei dem Titel der Schau „Europa erzählen“ scheint es sehr einfach, zunächst über Europa nachzudenken. Wir wollten uns aber erstmal auf das Erzählen konzentrieren und von dir wissen, was das eigentlich ist oder sein kann in diesem Zusammenhang, das Erzählen von Europa? 

Alexander Horwath: Das ist für mich nicht weit hergeholt, sondern steht in Verbindung mit einer sehr frühen, zentralen Entscheidung im Arbeits- und Findungsprozess dieser Schau. Zunächst entstammt dieses Thema oder dieser Fokus einem interessanten Gespräch, das ich mit einem befreundeten Filmemacher hatte. Ihm ist Europa sehr viel wert und er fragte sich und mich, warum es für europäische Filmemacher so viel schwieriger zu sein scheint, Europa als Erzählstoff zu fassen, als für amerikanische Filmemacher bezüglich der USA. Vielleicht stimmt das auch gar nicht, aber das war der erste Samen und hat mich ins Nachdenken über diese Thematik gebracht. Von Anfang an gab es also diesen Fokus aufs Erzählen, zum dem natürlich auch eine literaturgeschichtliche Dimension kommt. Das führt dann zu etwas anderen Ergebnissen, als wenn es um Bilder, ums Zeigen von Europa ginge – wenn also die Initiative von einem Gespräch mit einem Maler oder einer Fotografin ausgegangen wäre, die vielleicht andere ästhetische Pfeile abgeschossen hätten. Zum anderen wurde mir dann beim Nachdenken über diese Schau bewusst, dass eine Einschränkung auf, ich sage das jetzt banal: „Spielfilm“, dem Projekt gut tun würde. Natürlich könnte man meinen, dass es aufregender wäre, die Gattungen des Films zu kombinieren, aber da hatte ich schlicht die Sorge, dass ich überhaupt zu keiner annehmbaren Linie oder Linien finde. Also ist es mir, auch praktisch gedacht, klüger erschienen, dem Akt des Erzählens zu vertrauen und das noch weiter einzuschränken auf das abendfüllende Erzählen. Ich hatte auch Varianten am Anfang, in denen einzelne Kurzfilme im Programm waren, aber habe mich dann dagegen entschieden. Der abendfüllende Spielfilm war und ist, so wie der Roman, eine Artikulationsform für künstlerisch denkendes Tun, die sehr verbreitet ist – und ich wollte mir ansehen, was eigentlich im Zuge dieser Rahmung entstanden ist. Und so hat sich das dann zusammengefügt. Am Ende gab es auch zwei Ausnahmen, zwei dokumentarische Arbeiten: Nämlich D’Est von Chantal Akerman und Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen? von Gerhard Friedl. Ich bin dann immer dafür, auch den besonderen Impulsen zu vertrauen, die sich von einem Konzept lösen. Manchmal ist einfach eine bestimmte Farbe in der Palette nötig, und wenn diese Farbe von zwei Filmen ausgeht, die man Essayfilme nennen könnte, dann soll mir das auch Recht sein. Das berührt ja etwas Grundsätzliches bei der kuratorischen Arbeit: das Verhältnis zwischen sogenannter Strenge und Klarheit eines Konzepts und sogenannter Offenheit gegenüber unreinen Teilentscheidungen. Ich versuche meistens, beiden Teilen gerecht zu werden und damit natürlich nie einem der beiden zur Gänze. Aber ich wollte mir eben nicht primär das „Bild Europas“ vor Augen führen, sondern die Bewegung des Erzählens. Das könnte auch damit zu tun haben, dass ich mir immer unsicherer werde – das mag am eigenen Älterwerden liegen oder an einigen Jahren der Enttäuschung –, ob diese Bewegung im gegenwärtigen oder auch zukünftigen Kino eine Chance hat. Das Erzählen im Modus Fernsehserie trifft offenbar auf größeres Interesse. Aber wie ist steht es mit der Option, diesen Kontinent weiterhin in dem Modus zu erzählen, in dem es der Spielfilm getan hat? Da bin ich mir offen gesagt etwas unschlüssig. Wie viel Luft ist da noch drinnen? Die Schau zeigt zwar Filme bis 2012, mit Tabu von Miguel Gomes als jüngstem Beispiel, und natürlich sehe ich hin und wieder neue Filme, die ein Teil der Schau sein könnten, aber es ging schon auch darum, eine ziemlich große historische Kraft zu zeigen, deren Überlebensfähigkeit ich skeptisch beurteile. Was nicht heißt, dass ich nicht mehr an das Kino glaube oder irgendwelche absoluten Aussagen tätigen will. Es gibt einfach eine Skepsis. Diese Filme in der Schau hatten ja auch alle eine Lebendigkeit, und ihre Kraft hatte damit zu tun, dass es ein ebenso lebendiges Publikum gab. Manchmal hatten sie am Anfang vielleicht kein Publikum, wie zum Beispiel Sierra de Teruel oder La règle du jeu, aber sie hatten eine Kraft in sich, die dann vielleicht zwanzig oder vierzig Jahre später zur Wirkung kam. Diese Kraft scheint mir erwiesen und die hat auch mit dem historischen Gegenüber, also mit der Publikumsseite zu tun. Meine Skepsis richtet sich dementsprechend ebenso an das fragliche künftige Gegenüber wie an die Filme selbst. Ich weiß nicht mehr ganz, an wen sich die neueren Filme richten. Abgesehen davon, dass sich Filme nicht an jemand Spezifischen, an ein „Zielpublikum“ richten müssen, entfalten sie sich trotzdem nur mit einem Gegenüber. Diese aktuelle Unsicherheit, die ich spüre, hat viel mit politischen und gesellschaftlichen Veränderungen zu tun – und das war dann wohl auch ein Motiv dieses „Erzählens von Europa“.

L'Espoir von André Malraux (© Österreichisches Filmmuseum)

L’Espoir von André Malraux (© Österreichisches Filmmuseum)

Valerie Dirk: Beim Stichwort Unsicherheit möchte ich gleich einhaken. Es wird ja sehr viel von Splitterhaftigkeit im Programmtext gesprochen, die Splitterhaftigkeit des europäischen Erzählkinos im Gegensatz zum einenden Narrativ des amerikanischen Kinos. Inwiefern drückt sich denn darin diese Unsicherheit aus?

A.H.: Ich verstehe die Frage gut, sie hängt sicher mit einer gewissen „self-fulfilling prophecy“ zusammen. Ich hätte natürlich genauso gut Filme aussuchen können, in denen der deutliche Versuch des Geeinten oder Einenden im Vordergrund steht. Das gilt für die Erzählstrategien der Filme wie auch für deren Begriffe oder Visionen von Europa. Meine Erfahrung seit über drei Jahrzehnten hat mir aber gesagt, dass diese Art des Kinos selten befriedigend ausfiel; ich habe mir immer gedacht, dass das im amerikanischen Kino stimmiger gelöst ist. Ich denke da an diverse Versuche eines europäischen Genrekinos oder diese „Europudding“-Tendenz, also Anläufe, um Europa produktionstechnisch zu einen. Man macht mehr und mehr Filme, in denen viele Nationen mitwirken oder in denen ein Ensemble an Schauspielern auftritt, das verschiedene dieser Fragmente Europas repräsentiert. Die Sachen, die mir aus diesem Bereich bekannt sind, sind von sehr bescheidener Schlag- oder Aussagekraft. Mit „self-fulfilling prophecy“ meine ich das, was mir am europäischen Kino am stärksten und überzeugendsten vorkommt, nämlich eher die „rissigen“ oder offeneren Ästhetiken und Erzählweisen. Filme, die den BetrachterInnen viel Raum geben, wo man von den Filmemachern eingeladen wird, etwas erst zusammenzusetzen. Ich glaube, dass ich die Größe des europäischen Kinos entlang dessen wahrnehme, was es besser oder anders kann als das amerikanische Kino. Das liegt auch daran, dass ich zunächst mit dem amerikanischen Kino sozialisiert wurde. Mein Begriff von Kino war zuerst, im Großen und Ganzen, von populären amerikanischen Filmen geprägt. Und Alternativen dazu habe ich dann zunächst als nicht-amerikanisch wahrgenommen. Aber als ich dann mit 17, 18, 19 Jahren, also gar nicht so früh, begann europäische Filme zu sehen, habe ich das auch als eine wertvolle Form von Opposition betrachtet. Wenn man einen Ursprung der eigenen Kinoliebe sucht oder festmachen will, auch wenn man mit Ursprüngen vorsichtig sein sollte, dann wäre das in meinem Fall das Populärkino der USA. Das Aufregende dann im Weiterforschen ist zu sehen, was es bedeutet, wenn Renoir oder Rossellini Spielfilme machen oder Reisender Krieger, der mich begleitet, seit ich ihn mit 18 oder 19 zum ersten Mal im Fernsehen gesehen habe. Insofern kann ich die Frage nicht wirklich beantworten. Ist das europäische Kino per se so „splitterhaft“ oder ist das ein Ergebnis meiner Art von Nähe zum europäischen Kino? Vielleicht ist dieser Ansatz auch meine Antwort an den Filmemacher, der an der Erzählbarkeit Europas im Kino zweifelte. Seine These war eigentlich, dass man damit nicht durchkommt. Die Amerikaner kommen gewissermaßen durch mit ihrem Mythos, mit ihrer auf wenige Begriffe und Bilder fokussierten nationalen Erzählung. Vielleicht besteht unsere europäische Antwort dann eben aus diesen Fragmenten und der Offenheit.

P.H.: Nur weiß das europäische Kino um diese eigenen Eigenschaften?

A.H.: Das ist natürlich ein großes Problem der EU-Filmpolitik. Auf der einen Seite weist man immer auf die lokalen Kräfte und das Regionale hin, aber wenn sich dann auf der anderen Seite zeigt, dass daraus ein großes, wucherndes Bündel von Dingen wird, dann erkennt man auch, dass man damit am Massenmarkt nicht groß reüssieren wird. Also erfindet man recht künstlich ein angebliches Massenkino europäischer Herkunft und Identität, dessen Gestalt meist eine läppische Nachahmung der amerikanischen Erzählmodelle, Genres oder Identifikationsangebote ist. Und das ist doch langweilig, da war mein Reflex immer, dass ich lieber zum Schmied gehe, als mich mit dem Schmiedl abspeisen zu lassen. In meinen filmpolitischen Ausflügen argumentiere ich auch immer, dass man akzeptieren sollte, das europäische Kino nicht so „verkaufen“ zu können wie das amerikanische. Und ich bin recht froh, dass in Österreich noch Filmentstehungs- und Filmförderungsmilieus existieren, die nicht dieses verrückte Spiel spielen, das sich zwischen Frankreich, Deutschland und anderen immer wieder abgespielt hat, nämlich diese Idee einer B-Version des amerikanischen Kinos, die sich kultivierter vorkommt als das Original. Das bringt nichts. Es wäre besser, auf Produktionsbedingungen zu achten, in denen die Kraft einzelner KünstlerInnen, die „verschroben“ sein mögen und eben auch „Fragmentarisches“ produzieren, weiterhin unterstützt wird. Aber natürlich braucht es auch die, die das dann sehen. Und so etwas kann man nicht durch Filmpolitik oder Förderungen herbeiführen. Das heißt, man muss sich vielleicht einer Realität stellen, in der die Entwicklungen unserer Gesellschaft und ihrer Formen von Interaktion wegführen vom Kino in seiner Form als abendfüllender Spielfilm; dass diese Form also vielleicht langsam historisch wird. Ich wollte nicht, dass diese Filmschau als kulturpessimistisch verstanden wird, aber aus meinen Antworten kann man vielleicht erkennen, dass es einen Hauch davon gibt. Wie wäre es, wenn das Publikum für europäisches Kino, so wie man es lange Zeit rezipiert hat, irgendwie ausrinnt? Dann wäre diese Retrospektive eine Rückschau auf die Großartigkeit einer Kunst- und Erzählform auf diesem Kontinent im 20. Jahrhundert.

Pasażerka von Andrzej Munk (© Österreichisches Filmmuseum)

Pasażerka von Andrzej Munk (© Österreichisches Filmmuseum)

P.H.: Hängt diese Rückschau auch ein wenig an deinem persönlichen Abtreten aus deiner Position hier im Filmmuseum?

A.H.: Das will ich gar nicht abstreiten. Ich wollte sehr gern noch ein paar Dinge machen, bevor ich hier aufhöre. Zum Beispiel wollte ich unbedingt noch die Schau „Der große Grant“ über vier Komiker (W.C. Fields, Hans Moser, Totò, Louis de Funès) realisieren, und im September wird es ein paar kleinere Dinge geben, die mir wichtig sind. Es gibt heute ein bisschen die Tendenz, sich vor „zu großen“ Thematiken zu hüten, um den Kanon-Verdacht zu vermeiden, aber ich dachte mir bei diesem Europa-Thema: Wenn, dann jetzt. Daher stammt dann vielleicht auch dieser zurückschauende Gestus, der eben mit meinen sechzehn Jahren Arbeit hier zu tun hat. Vieles in diesem Programm haben wir schon gezeigt, oft mehrfach, aber ich wollte ganz bewusst Dinge, die ich für ganz zentral, aber noch nicht ausreichend gewürdigt halte, ein weiteres Mal in dieses Spiel bringen. Mein Denken über Kino und Europa ist schlichtweg mitgeprägt von diesen Markierungen, und es käme mir ganz falsch vor, Filme wie Pasażerka von Andrzej Munk oder eben Reisender Krieger von Christian Schocher da nicht mit reinzunehmen, nur weil das Filmmuseum diese beiden Filme schon viermal in meiner Amtszeit gezeigt hat. Bei mehreren dieser Filme haben wir uns auch erfolgreich bemüht, sie für die Sammlung zu erwerben, das ist auch ein wichtiger Aspekt. Etwa 50% der Werke in der Schau stammen aus der Sammlung des Hauses. Das ist also auch ein Schaufenster für Dinge, die das Filmmuseum in letzter Zeit oder schon lange vorher erworben hat. Wir haben z.B. ganz zu Beginn meiner Zeit hier eine Munk-Retrospektive gemacht  und uns seither darum bemüht, Pasażerka zu erwerben. Irgendwie ist das jahrelang an verschiedenen Konstellationen gescheitert, aber jetzt ist es Regina Schlagnitweit tatsächlich gelungen, für diese Schau eine neue Kopie zu erwerben. Das freut mich sehr. Rückschau also auf meine Tätigkeit hier und auf etwas Größeres, 100jähriges, dessen Kräfte sich derzeit stark verändern.

P.H.: Du hast jetzt eine Lesart der Schau angeboten, die mir oder unserem Blog an sich sehr nahe ist, also mit filmpolitischer Einbettung und so weiter. Allerdings finde ich in dem Fall dieser Schau tatsächlich, dass sie nicht zuletzt aufgrund der Europa-Thematik sehr aktuell ist und eben nicht nur eine Rückschau und eine Kinogeschichte, sondern ein Politik darstellt. Das finde ich sehr spannend und vor allem in Verbindung mit den Filmen, die in der Schau sind, die von nicht-europäischen Filmemachern gemacht wurden, die also von „Außen“ kommen. Da frage ich mich dann nicht nur, wann ein Film europäisch ist, sondern auch, wann er von Europa erzählt.

A.H.: Ich habe am Anfang sogar zwei Listen geführt. Auf der einen waren quasi echte europäische Produktionen und auf der anderen waren Filme von Menschen aus anderen Kontinenten, die von Europa erzählen. Da kommt man dann sehr schnell drauf, dass wenn man zum Beispiel mit An American in Paris von Vincente Minnelli anfinge, eine Schau zusammenstellen könnte, die das komplette Gegenteil erzählen würde. Da würde dann aber nicht Mr. Arkadin oder Mr. Klein drinnen sein, sondern zum Beispiel amerikanische Musicals wie Funny Face. Es war mir wichtig, dass es da keine Reinheit bezüglich des Ursprungs gibt. Aber viele Filme, die von anderen Kontinenten auf Europa blicken, unterstützen nicht unbedingt diese These, diese Erzählungen von Europa, die mir wichtig waren. Und natürlich hast du Recht damit, dass diese Erzählungen im gegenwärtigen Europa, spätestens mit dem Brexit, noch einmal eine andere Dimension gewinnen. Letzten Sommer, während des FIAF-Kongresses in Bologna, sind unsere britischen Freunde tagelang niedergeschlagen auf der Piazza Maggiore gesessen und wollten gar nicht mehr heimkehren. Diese Niedergeschlagenheit hat der Schau dann den letzten Schub gegeben. Im Lauf des Sommers habe ich dann Tomas Zierhofer-Kin von den Wiener Festwochen getroffen. Ich hätte die Schau sowieso gemacht, aber ich habe ihn gefragt, ob die Wiener Festwochen da als Partner mit dabei sein wollen. Natürlich schwingt da vieles mit, was wir in den letzten zwei Jahren in Europa und der ganzen Welt erleben mussten. Es sind ja auch mehrheitlich Filme, die einen jetzt nicht total glücklich aus dem Kino entlassen. Das ist mir schon bewusst. Andererseits habe ich die fast närrische Hoffnung, dass man, wenn man sich dieser Schau in einem größeren Maße aussetzt, so etwas wie Stolz oder einen neuen Glauben an Europa gewinnen könnte.

Die letzte Chance von Leopold Lindtberg (© Österreichisches Filmmuseum)

Die letzte Chance von Leopold Lindtberg (© Österreichisches Filmmuseum)

P.H.: L’Espoir, Hoffnung scheint ein gutes Wort dafür.

A.H.: Ja, genau. Ein großes Wort natürlich. Aber deshalb habe ich im Einleitungstext auch so Begriffe wie ‚Espoir‘ oder ‚Promesse‘ betont, nicht nur weil es Filmtitel sind, sondern weil es wirklich um Versprechungen geht. Die Gründung der EU und die Nachkriegsdiskurse haben uns ja ein Versprechen gegeben und eine Hoffnung ausgedrückt. Man kann natürlich sagen, dass das hohle Begriffe sind, die Politiker immer verwenden, aber ich wollte sie lieber ernst nehmen und fragen, wo sie sich zeigen im filmischen Schaffen, in den Narrationen, die dieser Kontinent hervorgebracht hat. Heute sind wir ja gerne so ironisch gegenüber allem, und ich bemühe mich, das nicht zu sein, wo ich nur kann. Also schaue ich mir diese Versprechen, diese Utopien mal genauer an. Dass das auch mit schwierigen Gefühlen bei manchen dieser Filme verbunden ist, ist klar. Wenn man aus Le diable probablement herauskommt, dann wird man nicht unbedingt die große Hoffnung für Europa gewinnen, das ist mir klar. Aber wenn man zum Beispiel sieht, wie in Le diable probablement, in einer Zeit, in der die ökologische Bewegung noch weit nicht jene Präsenz hatte wie heute, mit Robert Bresson jemand kommt, der alles andere als ein Message-Filmemacher ist und einen jungen Mann als Protagonisten in dieser Post-68er Stimmungswelt wählt, der Suizid begeht, und das im Film aber mit der Zerstörung der Natur zusammenhängt, dann ist das ein Weg aus diesem illustrativen Kuratieren herauszukommen. Letzteres hieße,  die wichtigen Themen und Diskurse in Europa seit den 1920er oder 30er Jahren herzunehmen und sie möglichst punktgenau mit Filmen abzubilden. Nichts interessiert mich weniger als diese Methodik. Es geht eher darum, aus Filmen, die ich für zwingend oder begeisternd halte, erst die Diskurse herauszulösen, die dann eine Rolle spielen werden. Dazu braucht man keine „Themenfilme“, sondern man kann diese Begriffe aus Filmen wie Le diable probablement gewinnen.

V.D.: Du sagst, dass dich das illustrative Kuratieren nicht interessiert. Trotzdem sind in der Schau einige Punkte vertreten wie Geschichte, Geld, oder Bewegung über Grenzen, die dann in fast allen Filmen immer wieder auftauchen auf die eine oder andere Art und Weise. Außerdem geht es sehr viel um Freiheit und Aufklärung. Das mit der Aufklärung interessiert mich sehr. Was hast du dir dabei gedacht? Am Ende des Programmtexts steht ja: „50 Filme für die kommende Aufklärung“.

A.H.: Ja, ich habe vielleicht keine Hoffnung in ein zukünftiges europäisches Kinopublikum, aber ich habe Hoffnung, dass sich unserer Jetzt-Zustand verändern kann. Der ist doch genauso wenig das Ziel der Geschichte wie die vollends aufgeklärte oder kommunistische Gesellschaft das Ziel der Geschichte sein kann. Es gibt kein Ziel der Geschichte, das irgendwann einmal erreicht wird. Dieser Moment, der in meinem bisherigen Leben sicher der deprimierendste Moment ist bezüglich der Weltlage und der gesellschaftlichen Umstände, ist auch nicht der Endpunkt. Wenn da also am Ende steht „die kommende Aufklärung“, dann soll das nichts anderes sein ein kleiner Beitrag zur Überwindung der gegenwärtigen Situation. Es geht darum, dass ein Blick auf die jüngere Geschichte dessen, was Europa bereits erzählen konnte, und auf was es bereits zählen konnte, sich lohnt. Ich glaube nicht, dass sich Historisches 1:1 wiederholt, aber jegliche Schärfung hinsichtlich zukünftiger Möglichkeiten geht aus einer historischen Analyse hervor. Das ist für mich die einzig denkbare Weise des Fortschritts oder eben der Befreiung aus scheinbaren Sackgassen. Natürlich ist eine kommende Aufklärung eine Behauptung, aber sie ist auch die Angabe eines Ziels. Ich bin Anhänger davon, dass wir aus dem extrem unaufgeklärten Zustand, in dem sich momentan nicht nur die europäischen Gesellschaften befinden, eine zweite, fünfte oder hundertste Aufklärung anstreben sollten. Ich verstehe dieses Programm als ein Mosaik von Möglichkeiten, wo man ansetzen könnte. Es soll auch zeigen, dass es sehr wohl Alternativen gibt. Das sind nur Filme, keine Staatsgebilde oder Verfassungen, aber als Filme sind es erkennbare und relevante Vorschläge. Wir dürfen halt nur nicht dem Gedanken anhängen, historische Erfahrungen oder Begriffe 1:1 zu übertragen. Die Frage ist immer: Wovon lernt man? Und was braucht es, damit das Gelernte überhaupt nutzbar gemacht werden kann in der aktuellen Situation? Das ist das Allerschwierigste – die richtigen Schlüsse zu ziehen. Und da gehöre ich zu den Millionen von Überfragten. Aber es braucht erstmal das Material. Wenn man nicht einmal daran glaubt, dass es Material gäbe für eine kommende Aufklärung, dann soll man sich gleich aus der Existenz verabschieden.

Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen? von Gerhard Friedl (© Österreichisches Filmmuseum)

Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen? von Gerhard Friedl (© Österreichisches Filmmuseum)

V.D.: Und wie kommen jetzt solche Begriffe wie Geschichte, Geld und Grenzen zu Stande in deiner Arbeit an einer solchen Schau?

A.H.: Das kam eigentlich erst im zweiten oder dritten Schritt. Die Arbeit hat nicht mit diesen drei Leitbegriffen begonnen. Ich weiß nur, dass wenn eine Schau eine gewisse Stimmigkeit hat, dann ist es mir ab einem bestimmten Zeitpunkt möglich, solche Linien selber zu erkennen und sie dann auch zu benennen und dem Publikum anzubieten. Aber ich habe keinen dieser Filme quasi nachträglich hineingenommen, nur weil er einem solchen Teilthema entsprechen würde. Es war mir ab einem bestimmten Punkt klar, dass diese Linien bei der Vermittlung dessen helfen würden, welches Europa ich meine. Ich habe nicht so viel neu gesichtet für diese Schau. Manches habe ich gezielt und zum ersten Mal angeschaut, einiges wieder gesehen. Das ist alles ein wenig so wie eine Landkarte. Manche Orte sind besetzt und dann fragt man sich, in welchem Verhältnis diese Orte zueinander stehen. Auch bestimmte AutorInnen-Positionen finde ich da wichtig. Zum Beispiel Jean-Luc Godard. Wir hatten jetzt drei Jahre in Folge im Frühjahr Retrospektiven zu Godard. Heißt das jetzt, dass man der vom Kulturbetrieb verlangten Logik der Abwechslung folgt und damit eine Pause macht? Das wäre ein falsches Argument. Ich bin der Meinung, dass diese Schau einen Godard-Film braucht. So wie sie einen Rossellini-Film braucht, der naheliegenderweise Europa 51 heißt oder, mit La Règle du jeu, einen Renoir-Film. Bei Godard gab es naheliegende Kandidaten wie Film Socialisme oder Allemagne Neuf Zéro. Das wäre aber zu illustrativ gewesen. Und dann bin ich auf Masculin Féminin gekommen, und zwar über Lina Wertmüllers I basilischi. Das ist ein Film, den ich erst vor drei Jahren entdeckt habe, obwohl wir ihn in der Sammlung haben. Meine Liebe zum Kino von Lina Wertmüller ist beschränkt, was ihr sogenanntes Hauptwerk der 1970er Jahre betrifft. Sie ist also keine Filmemacherin, von der ich glaube, dass sie in einer solchen Schau unbedingt vertreten sein muss. Aber Peter Konlechner hat in seiner Carte Blanche im Jahr 2014 diesen Film ausgewählt und da habe ich ihn gesehen und war wirklich begeistert. Ich war dann auch fassungslos über meine eigene Ignoranz diesbezüglich. Es ist einer jener Filme, die nicht die große politische Geste in sich tragen. Er spielt in einem Kaff und bleibt mehr oder weniger in diesem Kaff. Niemand würde auf den ersten Blick sagen, dass das ein „Europa-Film“ ist. Aber er hält eine Situation junger Menschen fest, die an diesem Ort recht wenige Außenimpulse empfangen, wie Amerikanisierung, Globalisierung, Medialisierung; das ist dort eine Art mildes Gefängnis, wo aber viele gar nicht weg wollen. Und dazu dann die „Kinder von Marx und Coca-Cola“ im Paris der 1960er Jahre zu sehen, Jugendliche, die sich an alle Impulse ranhängen, an Amerika, an Pop und so weiter, fast im selben historischen Moment, das finde ich sehr spannend. So kamen Masculin Féminin und I basilischi zusammen. Ich habe bei diesen Assoziationen dann auch mehr und mehr gehofft, dass ich zwei Filme wie diese beiden auch wirklich nacheinander zeigen kann. Solche Hoffnung ist meistens illusorisch, wenn man sie auf eine ganze Schau anwendet, da steht meistens irgendeine praktische Realität dagegen, weil zum Beispiel nicht alle Filmkopien zu jedem beliebigen Zeitpunkt verfügbar sind. Aber da in diesem Fall vieles aus der eigenen Sammlung kommt und wir das mit den Leihkopien gut regeln konnten, hat es tatsächlich durchgängig geklappt. Es gibt 25 Abende mit jeweils 2 Filmen, die miteinander sprechen. Natürlich man fragt sich, ob man manchmal, um das Konzept einzuhalten, Nachbarschaften erzeugt, die keine sind. Das mag schon sein. Aber am Ende habe ich mich zu meiner eigenen Überraschung sehr wohl gefühlt mit all diesen Paarungen. Mir ist sehr bewusst, dass nur wenige Menschen zwei Filme am Tag sehen werden. Die Zahl jener, die so etwas regelmäßig tun, wird jedenfalls nicht größer, glaube ich. Aber vielleicht kennt man ja schon einen Film und schaut sich dann den anderen an und stellt so Verbindungen her. Dabei geht es auch nicht darum, dass man sich in erster Linie über die Frage der Paarung Gedanken macht. Ich verstehe mich nicht als allzu didaktischer Kurator. Es geht mir darum, dass man starke Erfahrungen machen kann, eben auch mit einer Paarung, wie zum Beispiel Mr. Arkadin von Orson Welles und Mr. Klein von Joseph Losey, die starke ästhetische Differenzen enthält. Und dann kommt so ein Film wie La Question humaine von Nicolas Klotz, ein Film der mich begeistert, seit ich ihn vor zehn Jahren zum ersten Mal gesehen habe. Der hat keinen besonderen Status im cinephilen Milieu, aber für mich ist das einer der politisch härtesten und klarsten Filme der jüngeren Zeit. Und er hat zum Thema „Geld“ eine besonders auffällige Nähe, so wie eben Mr. Klein oder David Golder oder mein liebster Fassbinder, In einem Jahr mit 13 Monden. Auf einmal gibt es also auf dieser Landkarte mehrere Filme, die Ökonomie und das Kapital thematisieren. Der Boden für diese Leseangebote der Schau sind die Werke selber. Und beim Begriff der „Freiheit“, die in Eurer vorherigen Frage anklang, bin ich von etwas ausgegangen, das Harun Farocki einmal in bestechender Klarheit gesagt hat. Nämlich dass das starke Streben nach einem möglichst freien Warenverkehr und Kapitalfluss kein rechtliches Äquivalent hat, was die Bewegungsfreiheit von Menschen betrifft. Was das bedeutet, sehen wir in den letzten Jahren, aber man muss dazu gar nicht Fuocoammare oder ähnliche aktuelle Kinoreflexe zeigen, man kann schon aus Filmen wie Die letzte Chance von Leopold Lindtberg oder Topio stin omichli von Theo Angelopoulos sehr viel mitnehmen. Es geht um das ungleiche Verständnis von Freiheiten. Hier gibt es eine Flüchtlingsdiskussion, dort eine Freihandelsdiskussion.

La Règle du jeu von Jean Renoir (© Österreichisches Filmmuseum)

La Règle du jeu von Jean Renoir (© Österreichisches Filmmuseum)

V.D.: Gehen und Geschichte stehen ja im Kontrast mit Narrativen, die man aus den USA kennt. Ich glaube ja, dass wenn man von außen auf Europa schaut, dann sieht man zuerst die Geschichte.

A.H.: Das Gewicht der Geschichte, ja.

V.D.: Wie zum Beispiel in Playtime mit dieser Postkartengeschichte, die dann in so Spiegelungen existiert. Und das Gehen ist ja etwas, was in Amerika in dem Sinne eigentlich nicht existiert.

A.H.: Ein Grund, dass ich das unter „Gehen“ subsumiert habe, ist auch recht simpel – es beginnt ebenfalls mit „Ge“, und ich habe solche Alliterationen ganz gern. Aber der zweite Grund ist tatsächlich dieser Kontrast zum Fahren, das wir ja hier vor einigen Jahren schon mit einer zweiteiligen Schau beleuchtet haben. Natürlich fahren die Leute auch in Europa sehr viel. Ich meine also insgesamt eher eine Bewegung, über Grenzen hinweg. Aber im Gehen drückt sich etwas spezifisch hiesiges aus, weil die Distanzen kleiner sind. Und man kann sich irgendwie nicht so gut vorstellen, dass hunderttausend Syrer an der US-Ostküste landen und dann nach Minneapolis gehen. Hier in Europa ist das anders. Nach diesen Motiven, wie dem des Gehens, habe ich dann mit Regina Schlagnitweit auch die Fotos für das Programmheft ausgewählt. Ich denke dabei immer auch an Sandrine Bonnaire in Sans toit ni loi. Sie bricht die Konvention nicht, indem sie sich in ein Auto setzt, sondern sie fängt an zu gehen.

P.H.: Ich tue mir sehr schwer damit, Sachen wie Geld oder Gehen an einen Kontinent zu binden. Zum Beispiel denke ich beim Gehen sehr stark an viele Enden in amerikanische Filmen, etwas Chaplin oder Ford, das sind für mich mit die stärksten Bilder des amerikanischen Kinos. Auch bei Ozu zum Beispiel wird unglaublich viel gegangen.

A.H.: Ich wollte nicht sagen, dass diese Begriffe exklusiv zu Europa gehören. Sie haben sich einfach im Zuge meiner Auswahl als drei grobe begriffliche Linien etabliert. Ich würde das wirklich eher mit Bewegung als mit Gehen umschreiben. D’Est von Chantal Akerman ist da ein gutes Beispiel. Das ist ein ganz eigentümliches Fahren in diesem Film, ein Fahren, das Gehende und Stehende filmt. Ein Fahren, das sich unterbricht und in konkrete Wohnungszusammenhänge hineingeht. Die Gefahr in solchen Gesprächen, wie wir es jetzt führen, ist, dass man alles restlos zu erklären versucht, was man im Lauf der Zeit entschieden hat. Aber in Wahrheit ist sehr vieles gar nicht erklärbar, sondern stimmig. Das entspricht dem schon beschriebenen Ansatz, von Filmerinnerungen auszugehen und diese dann zu befragen im Hinblick auf ein solches Thema. Es geht darum, den Filmen zu vertrauen. Und die Präsentation dieser Filme, das ist auch Strategie und Erzählung. Das ist halt meine Erzählung über die Arbeit, der ich mich ausgesetzt habe. Und wenn ich in meinem Text zur Schau dann einen langen Absatz habe, in dem ich zwanzig Filmtitel verwende, dann ist das auch eine Reaktion auf Gedankenprozesse in der Zusammenstellung solcher Texte. Der Text hat bis zu dem Zeitpunkt einen klaren Aufbau und dann wollte ich einfach so einen Traktor der Filmerinnerungen anwerfen. Wie lässt sich ein bestimmter Teil meiner Auswahl begrifflich so kombinieren, dass etwas noch mal klarer wird. Da ändert sich dann auch der Duktus des Schreibens, das sind nicht mal ganze Sätze. Das gefiel mir dann, dass der Text fast mit diesem Schwall endet. Der gibt auch den Schwall wieder, dem man sich ausgesetzt fühlt, wenn man so ein Programm erarbeitet oder auch nur betrachtet.

Le diable probablement von Robert Bresson (© Österreichisches Filmmuseum)

Le diable probablement von Robert Bresson (© Österreichisches Filmmuseum)

P.H.: Diese Art des Schreibens hat ja doch auch viel mit dem zu tun wie du programmierst, kuratierst. Die Wahl der Filme, ihre Kombination, das hat alles sehr viel mit Erfahrung und Erinnerung zu tun. Das hat sehr viel mit impulsiven Entscheidungen zu tun aus meiner Sicht. Ich mag das sehr. Aber jetzt, wo du aufhörst, stellt sich dir da nicht die Frage wie man so etwas weitergeben könnte? Wie soll denn deiner Meinung nach kuratiert werden, also selbst wenn man nicht deinen Erfahrungsschatz hat?

A.H.: Ich habe schon mit 22 Jahren begonnen, Programme zu machen. Meine erste Schau, die ich jemandem angeboten habe, war ein Programm der Filme, die Val Lewton produziert hat. Das war im Stadtkino, 1986 als Mitternachtsschiene. Zu dem Zeitpunkt habe ich wahrscheinlich ein Fünftel der Filme gekannt, die ich heute kenne, oder noch viel weniger, aber die Filme von Val Lewton habe ich ausreichend gut gekannt. Natürlich strebt man an, möglichst viel zu kennen, aber das lässt sich nicht anders bewerkstelligen als langsam aufbauend. Mein eigener Kenntnisstand ist außerdem wie bei jedem anderen Menschen durch libidinöse Neigungen geprägt. Manches ist einem näher, manches weniger. Ich kann mich bemühen, die Dinge, die mir weniger nahe sind, trotzdem zu verstehen und mehr und mehr davon zu sehen, aber ich kenne zum Beispiel im asiatischen Genrekino unendlich wenig, verglichen mit spezialisierteren Kollegen. Das Aufnahmevermögen ist halt begrenzt. Das gilt auch für das aktuelle Kino. Ich versuche da schon mitzukommen, deshalb fahre ich ja auch weiter auf Festivals, aber seit einigen Jahren habe ich das Gefühl, dass ich das einfach nicht mehr schaffe. Das ist auch kein besonderes Drama oder Trauma für mich. Das ist halt so. Das muss man mit Bescheidenheit betrachten. Und was das Weitergeben betrifft – diese Arbeit in den letzten 16 Jahren war für mich nicht nur ein Weitergeben von Werken oder Wissen an ein Publikum, sondern auch das Weitergeben bestimmter Praktiken. Wie man im Modus des Programm-Machens und Programm-Wahrnehmens Film und Filmgeschichte vermitteln bzw. auffassen könnte. Das ist eine Sache der Praxis, man muss es sozusagen tun – das Zeigen wie das Anschauen. Das geht mit Filmwissenschaft alleine nicht. Ich war und bin ja auch selber Publikum verschiedener Institutionen und habe daraus diverse Ansätze oder Ideen mitgenommen und andere zurückgewiesen. Es gibt also ein Fortschreiben, eine Genealogie. Zumindest habe ich meine Arbeit immer als Teil einer Genealogie empfunden, die auch stark von Wien und seiner Filmkultur geprägt ist. Darum finde ich die Tätigkeit hier auch so spannend und beglückend. Ich war hier lange im Publikum, habe die Szene kennengelernt und Figuren wie Peter Kubelka erlebt, bestimmte Redeweisen, Schreibweisen und Programmmatiken erlebt. Daraus konnte ich immer schöpfen, und Anderes konnte man woanders mitnehmen. Das verknüpft sich dann im Lauf der Zeit, und irgendwann kommt hoffentlich etwas Eigenes dabei raus. Diese Disziplin, an der mir viel liegt, nämlich Film Curatorship, inkludiert ja idealerweise auch ein hohes Bewusstsein von den Relais zwischen verschiedenen Generationen. Das ist insgesamt ein Metier, das im Schatten der Kunstkuratorenschaft steht und noch recht wenig reflektiert wird, gerade auch von denen, die es selber betreiben. Ich habe es als Teil meiner Arbeit verstanden, dieses Metier sichtbarer und auch „selbstreflexiver“ zu machen. Mit dem Ziel oder der Hoffnung, dass die Befassung mit Film und Filmgeschichte in den kommenden Jahrzehnten als notwendiges Element der generellen kulturgeschichtlichen Reflexion verstanden wird. Damit bin ich natürlich nicht sehr weit entfernt von jenen, die vor 70, 80 Jahren Kinematheken und filmkulturelle Institutionen gegründet haben oder die begonnen haben, ernsthaft über Film zu schreiben – fast immer mit dem Ziel einer Aufwertung. Das ist sicher auch zweischneidig. Das hat dann auch dazu geführt, dass man dem Film nur „als Kunst“ einen Wert zugestand, was meiner persönlichen Anschauung widerspricht. Aber dieses Motiv, den Film in ernsthafte kulturelle und ästhetische Debatten zu integrieren, war für jede Generation und auch für mich prägend. Ich merke auch, dass es heute wieder – mehr als vor fünfzehn Jahren – viele Diskurse gibt, die in die entgegengesetzte Richtung führen.

Alexander Horwath (© Österreichisches Filmmuseum)

Alexander Horwath (© Österreichisches Filmmuseum)

V.D.: Inwiefern?

A.H.: Wenn ich mir zum Beispiel die Verleih- und Kinolandschaft anschaue. Also die Motivlagen, die darüber entscheiden, was aktuell ins Kino kommt. Ich habe das Gefühl, dass die Motive für oder gegen die Herausbringung eines Films doch viel rückschrittlicher sind als vor 15 oder 25 Jahren. Wenn vor 20 Jahren ein Film von der internationalen Kritik einhellig als künstlerisch relevantes Statement begriffen wurde, dann war es selbstverständlich, dass sich auch in Österreich ein Verleih und Kinos dafür finden. Wenn man jetzt beobachtet, was herausgebracht wird, dann sind es andere Motiv- und Bedürfnislagen, die den Ausschlag geben. Es sind offenbar auch andere gesellschaftliche Bedürfnisse, die sich an das Kino richten. Wenn man das, wie ich, als einen Rückschritt in der Filmkultur betrachtet, muss man erst recht dafür eintreten, wieder relevante Räume für den Film im öffentlichen Gespräch zu schaffen. Ein anderer Aspekt ist das Leiden am Filmjournalismus, der mittlerweile wieder zu einem beträchtlichen Teil aus Stimmen besteht, die sich „generalistisch“ mit allem und jedem befassen, ohne von einem konkreten Feld viel Ahnung zu haben. Dafür hat sich an manchen Orten der Filmkultur aber auch eine Verbesserung eingestellt, denke ich; an den Universitäten zum Beispiel. Einerseits spricht viel dafür, dass mit dem Film jetzt dasselbe passiert wie mit anderen älteren Künsten – eine Art „Absinken“ im Mainstream bei gleichzeitigem „Aufstieg“ in die Hochkultur. Anderseits kommt mir vor, dass das Bildungsbürgertum, das für diese Prozesse im 19. und 20. Jahrhundert zumindest in Europa sehr aufnahmefähig und wichtig war, auch deutlich schrumpft. Damit stellt sich die Frage, wer jetzt und künftig den gesellschaftlichen Raum bilden könnte, den der Film dann „bespielt“. Das hat natürlich viel mit dem allgemeinen Medienwandel zu tun, mit den neuen Formen der Kommunikation. Und ich habe wenig Ansätze dafür, was das bedeuten wird für die Rolle des Films in 20 oder 40 Jahren.