Diagonale-Dialog 1: Graz in 3D

Twelve Tales Told von Johann Lurf

Rainer: Schön wieder in Graz zu sein, oder?

Patrick: Vielleicht. Es scheint sich jedenfalls nichts geändert zu haben oder hast du etwas völlig Neues entdeckt?

Rainer: Nein, nicht wirklich. Noch immer die gleichen Kinos, die gleichen Leute und die gleichen Filmemacher. Das hat natürlich alles seine Vor- und Nachteile. Wenn wir schon bei alten Bekannten sind: Ich kann dir sehr Hans Scheugls neuen Film Dear John ans Herz legen. Ein Stadtporträt, Vergangenheitsbewältigung, der Versuch einer Erinnerung, eine Zukunftsprojektion, und wahrscheinlich noch viel mehr.

Patrick: Und was hat dir daran gefallen?

Rainer: Der Film schafft es eine persönliche Geschichte, die fünfzig Jahre zurückliegt und eigentlich in Nostalgie ertrinken müsste, in die Gegenwart zu ziehen und mit einer gewissen Distanz zu präsentieren, die ihm sehr zugute kommt. Lange Passagen im Film sind ganz einfach Aufnahmen von einer Straßenbahnfahrt in Wien – es bleibt einem selbst überlassen, ob man diese als Versuch einer Stadtminiatur deutet, oder als metaphorische Zeitreise, oder ob man sich ausmalt, dass fünfzig Jahre zuvor die beiden Protagonisten den gleichen Weg zurückgelegt haben. Das lässt Raum, aber auch Anhaltspunkte. Verstehst du was ich meine?

Patrick: Eine Art poetische Offenheit? Film als reicher Samen, den das Publikum ernten darf?

Rainer: Ja so könnte man das sagen. Gab’s für dich bis jetzt ein vergleichbares Highlight?

Patrick: Nicht wirklich. Über die Jahre von Nikolaus Geyrhalter ist zwei Stunden lang ein großer Film, aber dann trifft er komische Entscheidungen. Aber ein Film, der unheimlich viel aufwirft für mich. Fragen zur Ethik von Informationen im Dokumentarfilm. Wann sage ich etwas und wann sage ich es nicht, aber vor allem WANN sage ich es. Das ist schon faszinierend. Und ja, die Nähe zu den Figuren ist unbeschreiblich.

Rainer: Der wurde mir auch schon empfohlen, aber ich werde ihn hier am Festival leider verpassen, startet aber ohnehin bald in den regulären Kinos.

Dear John von Hans Scheugl

Dear John von Hans Scheugl

Patrick: Ja, morgen startet der. Johann Lurf haben wir beide gesehen, weil du den in Wien gesehen hast, oder? Also Twelve Tales Told?

Rainer: Ja, habe ich ihn damals aus deiner Sicht zu Recht gelobt?

Patrick: Freudiger Film. Irgendwie das Böse im Verspielten, aber das Böse ist etwas Gutes. Erst dachte ich, dass das ein ganz schöner Wechsel für Lurf ist, weil er sich scheinbar zum ersten Mal mehr mit Bildern als mit der Realität befasst, aber dann ist mir aufgefallen, dass er sich schon immer mit diesen Bildern befasst hat, mit Dingen, die etwas für sich selbst darstellen und erklären wollen, seien es Pyramiden oder Kreisverkehre.

Rainer: Mir imponiert, wie Lurf immer wieder neue spannende Rhythmen findet, in der er seine Objekte auflöst, dass hier so ein hohes Tempo gewählt hat, passt natürlich auch sehr gut zu den Hollywoodlogos.

Patrick: Hast du Embargo auch gesehen?

Rainer: Nein.

Patrick: Man hat mir Gutes berichtet. Aber das ist es ja sowieso immer auf Festivals. Ich würde gerne mal ein Festival, der Filme, die man nicht gesehen hat auf Festivals gründen.

Rainer: Das wäre ein sehr großes Festival. Die Frage ist nur, wie hoch die Qualität ist, ich denke du bist eigentlich ganz gut darin, dir die interessantesten Filme aus dem Programm zu picken. Noch eine kurze Zwischenfrage zu Lurf: War der Film tatsächlich in 3D? Und: Ist die Saalregie im KIZ Royal unverändert?

Patrick: Ja, er war in 3D. Aussage von Lurf: Das ist kein Statement sondern ganz natürlich für ihn. Hat auf jeden Fall gewirkt das Ganze und es war schon kurios, dass mein erster Film in Graz in 3D war. Leider war die grandiose Saalregie (noch) nicht da. Vielleicht finden wir ihn noch.

 

Viennale 2014: Kurzfilme

"Fog Line" von Larry Gottheim

Was ich besonders an der österreichischen Filmlandschaft schätze ist, dass sie immer auch Platz für vergleichsweise marginalisierte Filmformen, wie Avantgarde-, Dokumentar- und Kurzfilme bietet. Wie jedes Jahr wartet die Viennale mit einer großen Auswahl an Kurzfilmprogrammen auf – neben einigen Programmen zu Filmen aus dem laufenden Jahr, gibt es auch eine Retrospektive zum 16mm-Film zu sehen, die aus 13 Programmen besteht (12 davon sind Kurzfilmprogramme). Es sammelt sich also eine Menge an großartigen Kurzfilmen an, über die (zu) wenig geschrieben wird. Zur Halbzeit des Festivals will ich also die Gunst der Stunde nutzen und ein paar meiner bisherigen Favoriten besprechen.

Milchig weiße Leinwand, ein dunkler Schemen rechts im Vordergrund. Warten, dass etwas passiert. Es passiert nichts. Passiert nichts? Langsam, eigentlich unmerklich wird der Schemen deutlicher, weitere Schemen sind zu erkennen. Eine Landschaft. Am Ende sieht man eine nebelverhangene Baumgruppe und versucht sich das Anfangsbild ins Gedächtnis zurückzurufen. Subtile Veränderung. Film ist Raum in der Zeit. Fog Line ist Film. Ein Meisterwerk des (Strukturalen) Films.

Fog Line lief im 16mm-Programm „Struktureller und freier Film“. Dabei handelte es sich quasi um ein Best Of des klassischen Avantgardeschaffens der 60er und 70er Jahre in 16mm – soweit man bei einem 70-minütigen Programm überhaupt von einem Best Of sprechen kann. Das soll die Qualität der ausgewählten Filme jedoch nicht schmälern. Neben Fog Line liefen in diesem Programm noch acht andere Filme, die eigentlich alle eine Erwähnung verdient hätten – ich beschränke mich auf Bruce Conners Cosmic Ray, das wohl beste Ray Charles-Musikvideo aller Zeiten. Conners Filme kann man eigentlich nicht oft genug sehen, deshalb war ich sehr dankbar für die Gelegenheit wieder einmal in seine Bilderwelten aus beißender Politsatire und Filmgeschichtszitaten einzutauchen. Cosmic Ray ist Kunst und Krempel in einem. Ein Meilenstein des Found Footage-Films und des New American Cinema allgemein.

Ebenfalls als Meilenstein des New American Cinema darf Bruce Baillies Quixote gelten. Baillie, dem mit „Oden an eine untergegangene Welt“ ein eigenes Programm gewidmet wurde, löst hierin die kalifornische Landschaft in Licht auf. Elegisch, fließend, poetisch, lyrisch ist der Film, da gehen einem die Adjektive und Superlative aus. Über vierzig Minuten habe ich das Licht gesehen – wohl mit ein Grund weshalb Aleksey Germans Hard to be a God, der im Anschluss lief, so schlecht bei mir weggekommen ist.

"Quixote" von Bruce Baillie

Quixote von Bruce Baillie

Aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Einer der spannendsten österreichischen Filmemacher der Gegenwart ist zweifelsohne Johann Lurf. Der meldete sich auch mit einem neuen Film zurück, der ironischen Essaykomposition Twelve Tales Told, einer melodischen Kakophonie aus Logovorspännen großer Filmstudios. „Melodische Kakophonie“, ein Oxymoron, ganz wie die Vermengung von Blockbusterkultur und Filmavantgarde.

Die US-Amerikanerin Deborah Stratman ist altersmäßig zwischen dem 32-jährigen Lurf und dem 83-jährigen Bruce Baillie anzusiedeln. Jedes Jahr stellt die Viennale unabhängige Filmemacher der Gegenwart vor. 2014 laufen diese Filme unter dem Programmpunkt „Broken Sequence“. Stratman ist neben ihrem Landsmann Kevin Jerome Everson und der Österreicherin Dorit Margreiter eine der drei Künstler und Künstlerinnen deren Arbeiten hier präsentiert werden. Und zurecht. Stratmans O’er the Land kann ohne Zweifel zur Riege der ganz großen Studien zum Wesen der amerikanischen Gesellschaft gezählt werden. Ausgehend vom Schicksal des Piloten William Rankin, der anno 1959 aus rund vierzehn Kilometern Höhe über und durch eine Gewitterwolke seinen Kampfjet mittels Schleudersitz verlassen musste. Das ist bis heute der einzige bekannte Fall in dem solch ein Manöver von einem Piloten überlebt wurde. Da Rankin wegen seines Alters nicht für ein Interview bereitstand (wie einer aufgezeichneten Nachricht von Stratmans Anrufbeantworter zu entnehmen ist), macht die Filmemacherin sich auf Heroismus und Pseudo-Heroismus ihres Landes einem kritischen Blick zu unterziehen. So folgt sie unter anderem den Protagonisten eines Reenactments einer Schlacht aus dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, Feuerwehrmännern und Grenzpatrouillen bevor sie sich selbst in die Wolken stürzt und eine geradezu magische Sequenz aus Himmel und Wolken auf die Leinwand zaubert und im Off-Kommentar Rankins Beschreibung seines einzigartigen Erlebnisses zu hören ist. An Stratman ist eine beachtliche Actionthriller-Regisseurin verloren gegangen – ein Verlust für die Filmindustrie, ein Gewinn für den unabhängigen Film.

"O'er the Land" von Deborah Stratman

O’er the Land von Deborah Stratman

O’er the Land ist eine ethnografische Studie des Landes und mit dem Stichwort Ethnografie sind wir schon beim letzten Abschnitt dieses kleinen Zwischenberichts angekommen. Ich kehre zurück zu einem der 16mm-Programme. „Radikale Ethnografie“ vereint acht Filme, die über Menschen und ihre (teils skurrilen) Lebensweisen erzählen. Dabei geht es nicht bloß um venezolanische Indianerstämme (wie in Children’s Magical Death) oder Tanzrituale in einem afrikanischen Dorf (wie in Tourou et Bitti), sondern auch um uns nicht ganz so fremden Milieus, wie der Wrestlingszene in Montreal (in La Lutte) oder einem Badesee in Massachusetts (in Quarry). Wenn es dem Programm darum ging das Poetische des Alltagslebens aufzudecken, dann hat Almadabra Atuneira von António Campos diese Aufgabe am befriedigendsten bewältigt. Seine wortlose Studie über portugiesische Fischer zeugt nicht bloß von einem immensen Verständnis für Arbeitsabläufe und Lebensweisen, sondern auch von einem unglaublichen Gespür für die Schönheit von Licht und Schatten. Das Glänzen des Sonnenscheins auf den Wellen der Algarveküste ist das elegische Licht Bruce Baillies. Das Glänzen des Sonnenscheins ist Nebel. Das Glänzen des Sonnenscheins ist Film.