Windeseile

von Helena Wittmann

Eins.
Es ist sehr warm, es ist heiß. Mag sein, dass die Wolken von oben langsam zu drücken beginnen. Trotzdem scheint es mir unwahrscheinlich, dass es regnen wird. Der Boden ist trocken, rote Erde, roter Staub. Es gibt Pflanzen, aber die scheinen nicht viel Wasser zu brauchen. Wir sind an einem besonderen Ort, es war ein weiter Weg hierher. Die Brüder, die hier in der Nähe leben, als Einzige, drängen zur Eile. Wenn uns der Regen zuvorkommt, dann wird der Weg zum reißenden Schlammstrom. Dann kommen wir mit den Motorrädern nicht mehr zurück zum Haus.

Dort steht das Auto. Ich mache Filmaufnahmen und bin längst nicht fertig. Das macht mich zu derjenigen, die die verbleibende Zeitspanne so weit wie möglich auszudehnen versucht. Ein Ruf der Brüder, der Tonfall freundlich aber bestimmt, und alle springen auf die geliehenen Motorräder und dann über die Löcher und Felsen im Weg. Ich sitze hinten und vermutlich lache ich, weil es Spass macht. Es macht Spass, weil das Unterfangen nicht die volle Sicherheit verspricht, auf diesem alten Motorrad, auf diesem staubig holprigen Weg, in Eile und mit Respekt vor unerhörten Wassermassen, die sich nun auch für mich spürbar ankündigen. Die Motorräder sind laut. Doch um uns, über uns und unter uns ist es ruhig. Noch ruhiger als es ohne den gewohnten Menschenlärm ohnehin schon wäre. Nun scheint auch all das andere Leben verstummt zu sein. Der Wind verbirgt sich im Kostüm der Ruhe und entzieht sich unseren Sinnen. In dieser Stille feuchter, fester Luft schneiden die Maschinen scharfe Risse. Dazu unser Lachen, zwei warme Körper auf einem Dings aus Stahl und Öl.

Springen wir auf unsere Füße und laufen zum Haus, weil die ersten Tropfen bereits fallen? Oder bleibt uns noch Zeit, die zwanzig Meter in Ruhe zu durchschreiten? Sicher ist, dass uns die Frau des älteren Bruders auf der Veranda erwartet. Uns bleibt noch etwas Zeit. Wir nehmen Platz, es gibt Kaffee und selbstgemachten Käse. Wir schauen erwartungsvoll in die Landschaft.

Die ersten Blätter zittern, dann breitet sich der Wind aus. Es dauert nicht lange, da fegt er bereits irre durch die Landschaft. Die Bäume legen sich vor ihm auf die Seite, die Wasseroberflächen kräuseln sich, das Eisentor schwingt auf und zu und singt und wir sitzen auf der Veranda und schauen aufgeregt und ich staune nur, wie alles in Windeseile seine Erscheinung verändert. Und plötzlich umgibt uns ein lautes Rauschen und der Regen ist so dicht, dass der Hintergrund im Weiß verschwindet, es gibt jetzt nur noch Vordergrund und da ist keine Lücke, da scheint keine Luft mehr zu sein, da ist nur Wasser, das vom Himmel stürzt.

Zwei.
Es ist lange her. Und es wird das einzige Mal sein, dass ich mich ernsthaft in Wintersport versuche. An diesem Tag ist es sehr still. Ich bin allein und nehme den Lift nicht allzu weit nach oben. Je höher es geht, desto dichter der Nebel, desto stiller wird es. Das Klackern des Liftes, wenn er über die Träger gezogen wird, ist überdurchschnittlich laut. Aber das Geräusch hallt nicht in den Raum, es bleibt, wo es entstanden ist. Ein trockener Klang im matten Weiß. Weiß unten und Weiß überall. Ein kleiner Sprung in den knirschenden Schnee, dann auf das Brett, dann hinab. Ich höre meinen Atem und das Brett auf dem Schnee. Aber ich erinnere mich nun nicht mehr, wie das klingt. Ich erinnere, wie sich der Raum auflöst, denn ich bin dicht umgeben vom Weiß. Die Bewegung spüre ich nicht, keine Geschwindigkeit, keinerlei räumliche Anhaltspunkte. (Man sitzt im Zug und denkt, dass er langsam anfährt, um den Bahnhof zu verlassen. Und dann stellt man fest, dass es der Zug auf dem Nebengleis ist, der schließlich aus dem Blickfeld verschwindet und die Bewegungslosigkeit des eigenen Zuges offenbart. Umgekehrt.) Ich fliege? Durch eine dichte träge Wolke. Oder stehe ich doch still? Ich wundere mich, wie wenig eindeutig sich die Bewegung auf meinen Körper überträgt. Und kann es wirklich sein, dass ich hier ganz allein bin? Dass keine Geräusche zu mir durchdringen? Es passiert etwas mit dem Zeitgefühl, es löst sich auf, es kondensiert in den Nebel, es wird träges, leichtes, feuchtes Weiß, es hatte mit meinem Körper zu tun und nun nicht mehr.

Drei.
Wir sitzen zu dritt in einem Auto und folgen einem anderen über eine Landstraße in Norddeutschland. Es ist dieser heiße, trockene Sommer. Man sorgt sich. Aber heute kündigt sich eine Veränderung an. Mehrmals versuchen wir, die Wetter-App zu öffnen. Keine Internetverbindung, dann klingelt mein Telefon. Meine Mutter fragt, ob wir die Unwetterwarnung mitbekommen hätten und sagt, dass wir unter keinen Umständen nach draußen gehen sollten. Während ich noch darüber staune, wie passend ihr Anruf ist, schaue ich aus dem Fenster. Der Himmel hat sich giftig grün, ätzend gelb verfärbt und in nicht so großen Abständen wird es sekundenlang gleißend hell. Die Blitze zucken durch das drohende Gelbgrün. (Ich erinnere gerade ein andermal. Da liegen wir in einem Zelt am einsamen Ostseestrand und schauen aus der Öffnung. Es regnet in Strömen und wenn die Blitze in das Meer einschlagen, kann man für den Bruchteil einer Sekunde bis auf den Grund schauen. Das Wasser wird dann türkis.) Am Telefon erzähle ich meiner Mutter davon und sie besteht darauf, dass wir auf keinen Fall aussteigen sollten. Aber habe ich nicht meine Kamera im Kofferraum? Sind wir nicht im Rahmen eines Filmdrehs unterwegs? Unter dem Protest meiner Mutter lege ich auf und bitte den Fahrer aufgeregt, so schnell wie möglich anzuhalten. Irgendwann erreichen wir die Einfahrt zu einem Supermarktparkplatz. F und ich springen aus dem Wagen, bauen die Kamera auf und eigentlich schon währenddessen geht es los. Es wird dunkel, der Himmel bleigrau schwer, Leute rennen zu ihren Autos, manche mit Regenschirmen. Doch der Regen, er beginnt so plötzlich und so mächtig, begleitet von einem Sturm. Da klappen die Schirme um, der Parkplatz ist im Handumdrehen zu einem See geworden, die Lichter der Autos strahlen in das bedrohliche Tagesgrau, der Regen peitscht von allen Seiten, die Welt geht unter, ganz sicher. F und ich lachen, klitschnass, F stemmt den Schirm gegen den Wind, hält das Stativ mit ihrem ganzen leichte Körper, um die Kamera zu schützen.

Vier.
Wir sind achtzehn Jahre alt und fahren auf einer italienischen Autobahn in die Alpen hinein. Hinter uns liegt Venedig, hinter uns liegt der Sommer. Das Auto ist dunkelgrün und verglichen mit den heutigen Modellen ist es relativ klein. Damals kommt es uns groß vor. Die Straße schneidet gerade durch die Landschaft. Dann landen die ersten großen Tropfen auf der Windschutzscheibe und treiben im Fahrtwind auseinander. J stellt den Scheibenwischer auf die niedrigste Stufe, in einen langsamen Rhythmus. Es werden mehr Tropfen, die nächsthöhere Stufe wird eingestellt, noch mehr Tropfen, und dickere, der Scheibenwischer schlägt nun hektisch von rechts nach links und zurück, an den Seiten fließt das Wasser hinunter und über die Karosserie, vom Wind getrieben. Die Sicht verschwimmt, die Fahrbahn spiegelt die Lichter der Autos, die nun immer langsamer werden. Irgendwann sind wir eingeschlossen vom dichten Regen, ausgeschlossen von der näheren Umgebung. Es ist nichts mehr zu sehen. Wir werden langsamer, und langsam langsamer, immer langsamer auf der Autobahn, bis zum Stillstand. Nichts geschieht, kein anderes Auto fährt uns von hinten an, niemand fährt an uns vorbei, aber der Regen! Er donnert auf das Blechdach, trommelt auf die Scheiben, mit aller Wucht auf uns ein.

Eins.
Und uns bleibt nichts zu sagen. Im Stillen fragen wir uns, ob das wohl jemals wieder aufhören wird.
Zwei.
Ich atme ein, aus. Ohne Furcht.
Drei.
Dreißig Sekunden halten wir das aus. Dann wird es zu viel und wir rennen zurück ins Auto. Die aus dem anderen Auto rufen an und halten uns für ein bisschen verrückt.
Vier.
Und dann werden es weniger Tropfen, wird es nicht leise, aber leiser, können wir wieder weiter blicken und die anderen Autos sehen. Alle stehen sie still, in größeren Abständen, und es dauert noch einen Moment, bevor sich der Strom ganz vorsichtig wieder in Bewegung setzt und der Verkehr dann weiter fließt. Und schnell fließt er ganz normal, als wäre nichts geschehen.

Balkanrouten: Zur Sensibilität zweier Filme

Casanovagen von Luise Donschen

Casanovagen von Luise Donschen

Kinder spielen im Wald. Sie rupfen ein paar Blätter, reißen Moos aus, um es an einen anderen Ort zu verpflanzen – finden einen Regenwurm. Eine Bildfolge von Händen die sich die Natur aneignen in sie eingreifen. Eine Szene in Casanovagen die mich trotz ihres Herausfallens aus der engeren Erzählung beim öfteren Sehen besticht. Natürlich wäre da meine eigene Kindheit am Land als einfache Erklärung der Faszination. Großaufnahmen von Händen, die etwas tun, machen, handeln – ein Topos der Kinogeschichte – meine Liebe zu Bresson ebenso. Aber da ist noch mehr – die Episode schafft es für mich Taktilität zu vermitteln, man sieht die Kinder zugreifen und erinnert sich wie Moos sich anfühlt. Eigentlich eine ganz einfache Verkettung von Filmbildern und deren immersiven Qualitäten – und doch scheint es mir viel mehr ein Ausdruck eines Filmens, dass es schafft eine Sensibilität gegenüber dem Gefilmten zu bewahren.

Casanovagen von Luise Donschen und Drift von Helena Wittmann wagen etwas. Eine Eigenschaft die viel zu oft abgängig ist im gegenwärtigen Kino. Immer ein bisschen im Begriff an der eigenen Konstruktion – an der Idee eines Films und dessen assoziativer Offenheit zu scheitern, stellen beide Filme Versuche des Beobachtens, des Hinschauen und des Abwartens dar. Beide Filme lassen etwas zu – nicht wie man es aus dem Amateurfilm oder dokumentarischen Formen gewöhnt ist durch eine Zufälligkeit in der die Dinge einfach so geschehen und sich fortspinnen – kein einfach draufhalten – dafür sind beide Filme zu fein und sorgsam zusammengesetzt. Wenn hier etwas zugelassen wird, dann durch die Eigenschaft einen gezielten Blick auf die Welt zu werfen. Ein Blick der Räume öffnet – die gefilmten Bilder durchschreitet. Essayistische Denkräume der Reflektion, Bildräume komplexer Beziehungen von Mensch und Natur, sowie politische Möglichkeitsräume des Nicht-Essentiellen – des Dazwischen. So stehen beide Filme zwischen den Spielarten des Kinos, wie zwischen ihrer präzisen Konstruktion und ihrem Hang zum Loslassen. Ein Driften das die Blicke bündelt, konzentriert und sich doch frei anfühlt.

Wir zeigen beide Filme gemeinsam am Mittwoch, den 13. März um 20:15 Uhr im Filmhaus am Spittelberg im Rahmen unserer Reihe Balkanrouten.

Die Verführung: Zu Casanovagen von Luise Donschen

Casanovagen von Luise Donschen

Wenn man dazu ausholt, einen Film über das Begehren zu drehen, dann kommt man nicht am Blicken vorbei. Wenn man einen Film über das Blicken dreht, dann blickt man doppelt. Man blickt auf etwas und zwischen etwas hindurch, auf die Blickenden und Angeblickten, man setzt sich aus und heftet sich an. Luise Donschen hat mit ihrem Casanovagen eine Form gefunden, – vielleicht hat die Form auch sie gefunden – in der die spielerischen, biologischen, rituellen Modi der Verführung nicht nur zwischen Frau und Mann/Mann und Frau ablaufen, sondern auch zwischen den Bildern, Licht und Schatten, der Öffnung und Schließung des Projektors.

Gedreht auf 16mm, jenem Format, in dem alles verführerischer aussieht, folgt man verschiedenen Bewegungen, die wiederkehren, sich nie ganz berühren und doch einander bedingen. Flamingokostüme bei einem wolkendurchtränkten Karneval in Venedig, zärtliche Hände in einem merkwürdig stillen Club, Auszüge aus den Memoiren von Casanova, das Paarungsverhalten von Finken in einem Labor, Kinder beim Spielen im Wald, eine Prostituierte mit flüsternder Behutsamkeit in der Stimme, später unter Hypnose auf dem Weg zum Orgasmus und John Malkovich mit Augenringen, in der Umkleidekabine über seine Rolle als Casanova nachdenkend, sich selbst und die Rolle verkörpernd mitsamt der Präsenz der Filmemacherin im Raum, die verführt und verführt wird. Die Verbindungen zwischen den Szenen folgen keiner kausalen oder dramaturgischen Logik; der Film hintergeht sowohl das absolute Sehen, das sich in einer einzelnen Einstellung verlieren kann wie etwa in den Filmen eines Lisandro Alonso oder Helena Wittmanns (die als Kamerafrau mitgewirkt hat) Drift als auch das relative Sehen, in dem jede Szene ihren Wert nur aus der jeweils vorhergehenden oder folgenden zieht wie das im klassischen Erzählkino der Fall ist.

Casanovagen hängt am seidenen Faden einer illusorischen Zerbrechlichkeit. Wie in einem Sich-Näherkommen könnte ein falsches Lächeln, eine falschgesetzte Geste oder ein unglücklich formulierter Satz das Ende dieses Spiels bedeuten. Folglich erscheinen die Bilder beschützt. Das gilt für die Protagonisten, die nicht ausgeliefert werden, so wie man in einer Verführung niemals nackt dasteht, sondern immer mit dem Geheimnis einer größeren Persönlichkeit hinter den Fassaden und das gilt auch für die Bilder selbst: Bilder, die sich nichts gönnen, die vorsichtig vorgehen, die nicht zu nahe und nicht zu fern sind, perfekt aufgetragen im wahrheitssuchenden Niemandsland zwischen Fiktion und Dokumentation, sodass man sich nicht sicher ist, ob man gerade getäuscht oder geliebt wird.

Casanovagen von Luise Donschen

Zur Liebe gibt es zu bemerken, dass man normal davon ausgeht, dass es etwas Gutes ist, wenn ein Film sich für die Menschen interessiert, die er zeigt. Bei Casanovagen ist das etwas anders, weil sich Donschen für das interessiert, was zwischen den Menschen passiert. Natürlich kann man das nicht filmen. Wie könnte man? Sie interessiert sich dafür so, als wäre das die Menschlichkeit selbst. Und die Tatsache, dass sie filmt, gibt ihr Recht. Denn jeder Blick auf einen Menschen im Kino ist immer ein Dazwischen. Kamera und Gesicht, Leinwand und Projektor, etwas ist zwischengeschaltet. Donschen filmt also immer dann in diesem Film, wenn wir gar nichts sehen. Zwischen den Bildern, wenn wir Brücken schlagen von A zu B zu C und in diesen Überbrückungen vergessen, dass wir es sind, die sehen, die gesehen werden vom Film.

Verführung ist entscheidend im Kino. Beginnend bei den kapitalistischen Bestrebungen von Produktionsfirmen, die Zuseher verführen wollen, ins Kino zu gehen, über erwünschte Wirkungen der Filmemacherinnen in ihren Filmen bis zum allgegenwärtigen, zum Teil vergifteten Prinzip der Identifikation, die nichts anderes ist, als eine Verführung in die Annahme jemand zu sein, der man nicht ist. Die Bilder verführen, ihr immer lauteres, immer grelleres Atmen zwischen dem Jetzt und dem Vergangenen; sie verführen in ihrem Angebot mit ihnen zu verschwinden. Casanovagen arbeitet weniger an einem solchen Verschwinden als daran, dass man in den Schritt eintaucht, den man fast jeden Tag wagt, wenn man sich verführen lässt. In dieser Hinsicht, auch wenn das durchaus komisch klingen mag, hat der Film einiges mit They Live von John Carpenter gemeinsam. Er funktioniert ein wenig wie der Blick durch eine Sonnenbrille, die einem etwas sichtbar macht, was immerzu arbeitet, sich aber zu gut anfühlt, um es zu dekonstruieren.

Dann aber gibt es ganz dezidiert Frauen und Männer in diesem Filmen. Es gibt Körper, die an dieser Verführung arbeiten, egal ob sterblich oder unsterblich, egal ob gekauft oder geborgt, unbeweglich oder tanzend; dokumentarische und fiktionale Körper, Körper, bei denen es keine Unterscheidung zwischen Frau und Mann mehr gibt. Was beginnt als Studie genetisch erklärter, männlicher Verführungsmechanismen, verpufft vor einer Kamera, die von einer Frau geführt wird, in einem Film von einer Frau in die Wolke eines Schauspielers vor einem Spiegel in einer Umkleidekabine und zeigt beständig auch die weibliche Verführung in Stimmen und Bildern von Annette von Droste-Hülshoff bis Rachel Ruysch, in den Verkleidungen, die alle Unterschiede aufheben bis zum Blick der Filmemacherin selbst, die uns verführt in ihrem Film, in dem sie die Dinge so zeigt wie sie sie zeigt, in dem sie immer filmt, wenn wir gar nichts sehen. Die in der Weltsicht von Casanova symbolisch angelegte Austauschbarkeit von Frauen und Wahrheit, die Art und Weise, in der man beides „erobern“ kann, erübrigt sich in Casanovagen hin zu einer Differenz in Bezug zur Identität, etwas Verschiedenes, dessen Ungleichheit sich von Ovids Narziss und Echo bis zu den genetischen Untersuchungen von Finken immer wieder annähert und abstößt und in keiner Weise festen Kriterien gehorchen kann. Donschen balanciert derart geschickt zwischen dem Konservativen und Modernen, den Rollenbildern und Erwartungshaltungen, dass man gar nicht merkt, was eigentlich passiert sein könnte.

Etwas entwischt in der Verführung. Zwei Bilder im Film tun das auch. Da gibt es die Aufnahme eines keinen Sees. Für einen Moment kommt das Sonnenlicht, dann verglüht es wieder hinter nicht-sichtbaren Wolken und lässt alles im Schatten zurück. Ein anderes Bild zeigt kurz einen Mann, der sich an einem Baumstamm festhält und in die Ferne blickt. Manche Bilder stehen einsam. Keine Verführung, kein Blick außer jene Flüchtigkeit, die uns manchmal in der Nacht aufschrecken lässt, ob wir nicht doch etwas entscheidendes übersehen haben während des Tages. Die Verführung wird körperlich, nicht symbolisch, nicht codiert. Sie wird unberechenbar, sie wird – wie Malkovich als Casanova erklärt – variiert. Was der Film nicht beantwortet, ist warum am einen Tag ein Blick die Welt bedeuten oder verändern kann und er am anderen Tag einfach an uns vorbei weht, als hätte es ihn nie gegeben. Vielleicht kann man das nur spüren, wenn man den Film zweimal sieht und sich einmal von ihm verführen lässt und einmal nicht.

Wir zeigen den Film gemeinsam mit Helena Wittmanns Drift am Mittwoch, den 13. März um 20:15 Uhr im Filmhaus am Spittelberg im Rahmen unserer Reihe Balkanrouten.