The Mouth Agape: Mrs. Fang von Wang Bing

Eines der großen Themen im Werk von Wang Bing ist das Überleben. Umso dringlicher erwartet uns, dass es in seinem neuen Film Mrs. Fang, der in Locarno verdient mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet wurde, um das Sterben geht. Man könnte auch sagen, dass es um das Leben mit dem Sterben geht. Die Kamera begleitet und verlässt Fang Xiuying, eine 67jährige Frau, die im Kreise ihrer Familie in eine dem Tode nahe Starre verfällt, die durch eine unheilbare Alzheimer-Erkrankung bewirkt wird. Nun hat das Kino dem Tod schon manches Schnippchen geschlagen, auch in dem es ihn gefilmt hat, aber mit Mrs. Fang geht es vielmehr um eine Suche nach dem Verstehen desselben. Ein versuchtes Verstehen, das im selben, unerbittlichen Starren gefangen ist wie die paralysierte Frau.

Mit La gueule ouverte, einem heftigen, zugleich sensiblen und unsensiblen Film über das Sterben, hat Maurice Pialat vor einigen Jahrzehnten womöglich den perfekten Titel für den neuen Film von Wang Bing gefunden. Denn das körperlichste und eindringlichste Bild in der Begegnung mit Frau Fang und ihrer Familie ist die wiederkehrende, mysteriöse Nahaufnahme ihres wie eingefrorenen Gesichts. Es wirkt zugleich entrückt und ganz bei sich. Immer wieder blicken auch die Verwandten ins Antlitz von Frau Fang und fragen sich, ob sie noch bei Bewusstsein ist oder nicht. Darin liegt auch das Mysterium, denn ihre Unfähigkeit zur Reaktion, ihr offener Mund und die dennoch wachen Augen, die sich von Zeit zu Zeit zu bewegen scheinen, ergeben ein unfassbares Bild. Es ist schwer, diese Nahaufnahme als etwas wahrzunehmen, was die wehrlose Frau bloßstellt, weil sich etwas in und hinter ihrem Gesicht zu verbergen scheint, das sich jedem Aussaugen ihrer Situation entzieht. Der ethische Balanceakt, der durch die Nähe zu dieser Person und ihrer Familie automatisch entsteht, wird paradoxerweise durch die größtmögliche Intimität aufgehoben. In dieser Intimität verbirgt sich etwas, es wird klar, dass nicht alles gezeigt werden kann. Im Gegensatz etwa zu Allan Kings Dying at Grace gibt es hier keine Behauptung einer Erfahrung des Todes. Stattdessen wird klar, dass man immer außen steht, dass man zwar erfahren will, aber nicht kann. In diesem Sinne gelingt dem Film etwas ganz unerhörtes mit den Prinzipien der Nahaufnahme. Unter dem Blick von Bing wird sie weder zu einem Eingang in die Seele der passiven Protagonistin, noch kommt es zu einer Identifikation. Die Bilder des regungslosen Gesichts verneinen den Kuleschow-Effekt. Denn statt der Freiheit einer Interpretation, die durch die Relation zu einem Zwischenbild bewirkt wird, erzählt sich hier die Ohnmacht einer Interpretation, die durch das unbedingte Fehlen eines Zwischenbilds bewirkt wird. Da ist nichts, da ist alles: Die Frau, ihr Gesicht und ihr Sterben. Die Nahaufnahme wirft hier zurück, auf den, der sie betrachtet beziehungsweise herstellt. Man findet dort nichts, man sucht nur und genau das rechtfertigt die Nähe. Was aus größerer Entfernung (die Bing im Augenblick des Todes einnimmt) nur das emotionale Bild einer sterbenden Frau sein kann, wird aus dieser Nähe zu einer Unsicherheit über Leben und Tod, also genau jenem Zwischenreich, in dem das Kino zu Hause ist.

Man denkt dabei an Fotografien und Roland Barthes. Wie beunruhigend ist es aber, dass diese Nahaufnahme keine Fotografie ist. Gerade im Potenzial zur Bewegung, gerade in den kleinen Regungen wie einer plötzlichen Träne auf den Wangen von Frau Fang, vermittelt sich die Unglaubwürdigkeit des Sterbens. Man könnte sogar so weit gehen und sagen, dass man durch diese Nahaufnahme die Bedeutung mancher Religion versteht. Denn es gibt etwas, das nicht filmbar ist an diesem körperlichen und seelischen Vorgang. Nichts wird dabei festgehalten außer der eigenen Ohnmacht im Angesicht dieses Gesichts.

Mrs. Fang von Wang Bing

Ab und an fokussiert sich der Film auch auf die Geschehnisse rund um diese Paralyse, was entfernt an Frederick Wisemans Near Death erinnert. Er zeigt Familienmitglieder und vor allem das nächtliche Fischen, das den Ort, in dem Frau Fang gelebt hat und sterben wird, prägt. Dabei ist zu bemerken, dass Bing erst ganz am Ende seines Films mit gewohnt ruckelnder Handkamera die Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Räumen des Films offenbart. Er folgt einem Familienmitglied durch die Gänge des kahlen Hauses nach draußen. Es wird klar, dass Frau Wang im hintersten Zimmer des Hauses liegt, dass die bereits eingeführte Straße tatsächlich direkt vor dem Haus liegt und es von dort auch nur einige Meter zum Wasser sind. Durch diese Verzögerung eines Etablierens der räumlichen Zusammenhänge ist auch in diesem Film, trotz der deutlich geringeren Laufzeit (86 Minuten) als zum Beispiel Tiexi qu (556min) oder auch Ta’ang (148min), die Dauer ein entscheidendes Kriterium. Man bekommt das Gefühl einer vergehenden Zeit, die eben nicht nur auf den Tod wartet, sondern weiter geht. Dadurch, dass Räume erst spät zusammengeführt werden, wird dieser Effekt verstärkt. Man bemerkt, dass alles, was man sieht innerhalb eines kleinen Universums abläuft. Nichts ist künstlich montiert und dadurch in der Zeitwahrnehmung unzuverlässig. Bing scheint seine Bilder zu machen, seinen Impulsen zu folgen und dann in einem zweiten Schritt mit wenigen Eingriffen eine Struktur zu finden, die sich immer wieder mit den Fragen beschäftigt: Was kann und muss das Kino zeigen? Wie kann ich verstehen?

Grob die letzten sieben Tage im Leben der Frau zeigt der Film. Dabei gibt es keine großen filmischen Ideen, sondern schlicht und brilliant den Alltag einer Familie, die mit dem baldigen Tod eines Mitglieds konfrontiert wird. Wie so oft im Werk von Bing geht es dabei auch um das Geld. Die Kosten der Pflege werden frustriert geäußert und es wird diskutiert, was man bei der Beerdigung zum Essen bereiten wird. Dass dabei sowohl die Kamera als auch Frau Fang im Raum sind, wird ignoriert. Die Familie schaut Fernsehen, ab und an blickt jemand ins Gesicht der Frau, man rätselt, ob sie schläft oder wach ist. Es geht so dahin und die emotionale Kraft jener Einstellung, die aus dem Zimmer der Frau nach draußen geht, liegt auch darin, dass einem klar wird, dass man diesen Tod nicht unbedingt spüren muss. Man trifft eine bewusste Entscheidung hinzusehen, wenn jemand stirbt. Jedem ist freigestellt, sich abzulenken. Im Kino gab es oft Diskussionen rund um diese Entscheidung hinzusehen. Pedro Costas No Quarto da Vanda ist ein gutes Beispiel, auch dort wurden ethische Zweifel bezüglich der Nähe des Filmemachers zu seiner drogenabhängigen Protagonistin geäußert. Eine intime Nahaufnahme, die eine Zärtlichkeit für die Schwäche offenbart, scheint nicht für alle Zuseher akzeptabel. Dabei liegt hier doch eine der großen Fähigkeiten des Kinos. Es wird uns nicht nur erlaubt hinzusehen, sondern eben auch eine Befreiung durch die Kraft der Kamera evoziert, die einen anderen Blick ermöglicht als jenen der Abkehr, Ausgrenzung und Angst. Welche Arbeit und Behutsamkeit in einem solchen anderen Blick steckt, wird schnell vergessen. Zu leicht wird Intimität im Kino als abstoßend empfunden, obwohl man bemerken sollte, dass Intimität eine Ausnahme ist, kein Verbrechen.

Mrs. Fang von Wang Bing

Viennale 2015: Singularities of a Festival: HYPNOSE

Notizen zur Viennale 2015 in einem Rausch, der keine Zeit lässt, aber nach Zeit schreit. Ioana Florescu und Patrick Holzapfel sind am biblischen siebten Tag des Festivals weit davon entfernt zu schlafen. Stattdessen gehen ihre Träume mit den Filmen spazieren in den Nächten Wiens, die nicht erst seit Arthur Schnitzler so einige Ebenen bereithalten.

Mehr von uns zur Viennale

Ben Rivers Things

Patrick

  • Psaume von Nicolas Boone: Halluzinierende Afrikaner straucheln durch einen hypnotischen Film. Ein Mann, der aussieht wie Staub liegt auf einem Karren. Die Männer holen Wasser von einem Brunnen. Sie hören nicht auf zu trinken. Die Kamera bewegt sich schwebend auf sie zu und dann zurück zum Wagen. Der Mann aus Staub erhebt sich plötzlich. Er ist doch nicht tot.
  • Boone bleibt immer in Bewegung, seine Philosophie: Film als einmaliges Ereignis. Ich bin mir nicht sicher, was ich von dieser Philosophie halten soll, aber das gute an ihr ist, dass sie automatisch die Zeit, die Vorgänge brauchen, respektiert.
  • Die nächste Halluzination war bereits früher: Things von Ben Rivers. Er stellt die Frage, ob es genügt, wenn man in sich stimmige Elemente in einem Film kombiniert. Hier ist Film kein einmaliges Ereignis, sondern eine dauernde Erinnerung, ein Speicher, vielleichte ein Speicher dieses Ereignisses?
  • Der Preis für die cinephile Handlung des Tages geht an Florian Widegger vom Stadtkino, der sich nur in die Abendvorstellung des Filmmuseums begab für den Vorfilm, gut 10 Minuten Ermanno Olmi. (aber Achtung: Laut Hans Hurch ist Cinephilie eine Krankheit)
  • Das Programm The Colour of Things war eine Beleidigung für Ben Rivers.
  • In der Nacht träume ich tatsächlich davon, dass sich Freunde von mir in Affen verwandeln. Primate hat sich in mein Unterbewusstsein geschlichen. Ich bin etwas überrascht (nach wie vor) von der verbreiteten Annahme, dass sich Wiseman durch eine besondere Objektivität auszeichnen würde. Für mich waren bislang alle Filme, die ich von ihm sehen konnte (vielleicht fehlen mir entscheidende) Argumentationsketten, die durch ihre Struktur und eingestreute Nahaufnahmen klar Stellung beziehen. Das macht sie nicht schlechter oder besser, weil Wiseman so oder so ein unfassbarer Beobachter von Arbeit, Prozessen und unserer Kommunikation ist.

Ben Rivers Things

Ioana

  • Es war eine gute Entscheidung Things wieder zu sehen, ich fand ihn auch beim zweiten Mal genauso fesselnd. Aber es tat weh, die nächsten zwei Kurzfilme im Programm zu sehen.
  • Samuray-S is the haunting ghost of a film, everything about it resembles the way in which a long ago seen and loved film is remembered – the images and sound emerge from the thick fog of memory distorted, disjointed, misty. That which takes hold of our senses is a multilayered phantasm because in its turn, that which is remembered belongs to the realm of ghosts and magic – dreams that bring back dead lovers and healing powers.
  • Nach einer halben Viennale kann ich zwischen den Screenings nur noch schlafen.
  • Über Primate und Wiseman allgemein muss man noch lange nachdenken. Ich befürchte, dass die Hysterie des Festivals ihn verschluckt hat.

Filmfest Hamburg Diary: Wie man ein Pferd mit den Händen befriedigt

Was ich heute gesehen habe:Wie man ein Pferd mit den Händen befriedigt/Wie das Surface einer digitalen Wünschelrute aussieht/Wie man ein Konzentrationslager in ein arrogantes Sensorium verwandelt

Bei meiner Ankunft in Hamburg lichtete sich der Nebel und ich musste endgültig feststellen, womit ich schon gerechnet hatte: Ich bin in Deutschland. Was das bedeutet, zeigte sich bei der Ausgabe der Tickets. Dort sagte man mir mit betont freundlichem, freundlich antrainierten, freundlich durchgehenden Ton, dass man, wenn man einmal Tickets für einen Tag reserviert habe, keine Möglichkeiten mehr habe, diese Reservierungen zu ändern oder gar neue zu machen. Von weiter hinten ertönte eine Stimme aus dem gewohnt heimeligen, an ein Gewächshaus (Filme sollen wachsen? Wir wachsen an und mit Filmen?) erinnerndes Festivalzelt: „Man muss eben planen.“, ich sage nichts, da ich Deutscher bin und genau geplant habe, aber der Mann neben mir hackt nochmal nach. Er fragt: „Aber warum geht das nicht?“, die Antwort: „Weil Sie dann schon ein Loch für diesen Tag auf ihrer Karte haben.“.

The_Treasure01_c_Wild_Bunch

Wenn man von Löchern spricht, dann ist auch Corneliu Porumboiu nicht fern, dessen Comoara mein zweiter Film auf dem Festival war. Porumboiu wird wieder etwas narrativer. Es geht – wie so oft, aber meist unbemerkt bei ihm – um eine Vaterfigur. Es geht um die Kraft der Illusion (die Liebe als Illusion, das Lieben von Illusionen und die daraus folgende Desillusionierung, very clever, aber das ist Porumboiu, come on. In seiner letzten Einstellung dreht er alles und man könnte alleine darüber Stunden diskutieren) und natürlich die Absurdität an sich. Porumboiu geht hier weitaus weniger formale Wagnisse ein wie in seinen beiden vorherigen Filmen Când se lasă seara peste București sau metabolism und Al doilea joc, aber sein Wagnis ist narrativer Natur, weil er sich im Bereich der Märchen aufhält, der Fiktionen…

Puh, das bringt mich irgendwie zum ersten Film des Filmfests Hamburg für mich: Saul fia von László Nemes. Ein polarisierender Film, ausgezeichnet von einer blinden Jury in Cannes mit dem Grand Prix derselbigen. Darin folgt man in einer aufgesetzten, extremen Nähe Saul Ausländer, einem jüdischen Mitglied eines Sonderkommandos in einem Konzentrationslager. Man ist immer in Bewegung und bekommt kaum Luft.  Es geht Nemes scheinbar darum, ein solches Lager fühlbar zu machen. Oft erleben wir die Massentötungen in einem unbequemen Off, wir hören beständig den Terror des Lagers, der sich solange als Realismus ausgibt, bis wir erfahren, dass er Effekt war, als er verschwindet, um andere Emotionen zu ermöglichen. Nein! Ich erinnere mich an Carl Theodor Dreyer, der gesagt hat, dass man verstehen muss, dass ein guter Filmemacher hört, was es in der Welt gibt, nicht was er gerade braucht. Und auch im Bild unterlaufen dem selbstsicheren Nemes einige Unsicherheiten in diesem arroganten Poserfilm. Das Problem ist, dass Unsicherheiten bei einer solchen Thematik schnell zum ethischen Verbrechen werden. Wiederholt verharrt die Kamera in möglichst spektakulären Einstellungen, bei denen Leichen im Bildhintergrund durchs Bild gefahren werden und das Off jetzt gar nicht mehr so Off ist, sondern nur so tut…und noch offensichtlicher sind die plötzlichen Point-of-Views, die Nemes hier einbaut, Gegenschüsse auf das Elend. Der erste Blick ist dabei natürlich bewusst gesetzt, er geht auf den Sohn, Sauls Sohn, ein Titel mit mehr Bedeutungsbenen als es visuelle Einfälle in diesem Film gibt, der für seine visuelle Innovation gelobt wird. Es ist ein Konzeptfilm, der nicht an seinem Konzept interessiert ist, sondern am Effekt dieses Konzepts. Narrativ geht es dabei um eine Würde, die größer ist als das Überleben und die sich in einem untragbaren Lächeln am Ende des Films offenbart. Es ist ein untragbares Lächeln, weil es eine Verklärung ist. Genau wie vieles andere im Film sich nach fünf Minuten der visuellen Überrumpellung in ein erschreckendes Nichts auflöst. Es ist ein ganz ähnlicher Film wie der Kurzfilm With a little Patience von Nemes. Hier ist ein Filmemacher, der einer coolen Idee bis zur Schmerzgrenze folgt, statt sich um seinen Film zu kümmern. Was bleibt ist ein Film, in dem fast gar nichts passiert, kein Ton, kein Bild, kein Blick spielt eine Rolle. Alles schreit mich an, alles fordert mich auf, über die Idee nachzudenken, nichts fordert mich auf hinzusehen.

Son_of_Saul01_Sony

Weiteres:

  • Im Programmheft geblättert…amüsiert: Fred Wisemans In Jackson Heights wird uns von fritz-kola präsentiert und natürlich – wie fast alle Filme – nur thematisch beschrieben. Danke fritz-kola dafür.
  • Beim Frühstück begegne ich Koreanern, die in kompletten HSV-Trainingsanzügen auftreten. Ich versuche ihnen zu kommunizieren, dass sie nach London fahren müssen. Sie verstehen mich nicht.
  • Man sagt mir, dass ich am besten in jede der drei Vorstellungen von Hou Hsiao-hsiens The Assassin gehe. Heute ist die erste.
  • Am Vorabend gab es auch noch Boi Neon von Gabriel Mascaro, der mir letztes Jahr mit August Winds sehr gut gefallen hat. Auch er ist in diesem Film etwas narrativer unterwegs und lange Zeit macht sein Film richtig Freude. Besonders sein Gefühl für Farben, Framing und Bewegungen ist auf einem hohen Niveau. Allerdings forciert er ein Genderissue anhand unterschiedlicher Personen derart deutlich, dass es selbst die Jury in Cannes gesehen hätte, wäre er dort gelaufen. Was wir bekommen ist ein Film, zu dem eigentlich nur der Titel The Lusty Men passen würde…Rodeo und Sex, Tiere und Menschen, Mann und Frau, alles verwischt hier zu einem surrealistischen Sog, der aus einer dokumentarischen Beobachtung entsteht. Mascaro ist nach dem Film auch da und erzählt so einiges über seinen – auch seiner Meinung nach gelungenen, einzigartigen – Film. Heute war mit Sicherheit nicht der Tag, der an sich zweifelnden Filmemacher…jedenfalls musste er auch Hand an einem Pferd anlagen, damit es der Schauspieler auch tut. Fragwürdig jedoch dann sein Schwenk in selbiger Szene, der den Orgasmus des Pferdes ins Off verlegt. Darüber muss man aber nicht wirklich diskutieren…

Diagonale 2015: Wie die anderen von Constantin Wulff

Wie die anderen von Constantin Wulff

Tulln ist eine unscheinbare Kleinstadt an der Donau, rund dreißig Minuten von Wien entfernt. Diese geographische Lage macht Tulln zu einer klassischen Pendlerstadt, aber auch zu einem regionalen Knotenpunkt für die landwirtschaftlich geprägten Gebiete des Tullnerfelds und des Wagrams. Die relativ dezentralisierte Aufteilung der Verwaltungsinstitutionen Niederösterreichs hat zur Folge, dass dieses unscheinbare Städtchen mehrere interessante Institutionen beherbergt: die niederösterreichische Landesfeuerwehrschule, die Landesstelle des Roten Kreuzes und ein vergleichsweise großes Krankenhaus. Neben jenem in der Landeshauptstadt Sankt Pölten, das im Moment zum zweitgrößten Krankenhaus Österreichs ausgebaut wird, sind die Landeskliniken in Niederösterreich auf verschiedene Fachabteilungen spezialisiert. Der Schwerpunkt des Landesklinikums Tulln ist die Psychiatrie.

Diesem Krankenhaust stattet Constantin Wulff in seinem neuesten Film Wie die anderen einen Besuch ab. Doch eine Besprechung dieses Films wäre unvollständig ohne einige autobiographische Notizen, denn Tulln ist zugleich meine Geburtsstadt, in der ich zwanzig Jahre gelebt habe. Als einer der ersten Jahrgänge wurde ich in diesem Krankenhaus zur Welt gebracht, das erst kurz zuvor aus Platzgründen übersiedelt worden war (meine um drei Jahre ältere Schwester wurde noch im Alten Krankenhaus geboren, wo sich heute eine Wohnungsanlage samt Kindergarten und römischen Ausgrabungen befindet). Der konkrete Flügel, in dem heute die Psychiatrie untergebracht ist, entstand jedoch erst im Zuge der Umsiedelung der Nervenheilanstalt Maria Gugging, Ende der 2000er. Diese Erweiterung kam einer Entmystifizierung gleich, denn „Gugging“ war für die Tullner Jugend eine Chimäre, ein geheimnisumwobener Ort, im hügeligen Wienerwald, in dem ein Haufen Halbverrückter von der Zivilisation ferngehalten wurde. In der kindlichen Vorstellung war diese Anstalt gleichbedeutend mit jenen Orten, in denen gruselige Horrorfilme spielen und sabbernde, lobotomisierte Zombies herumlaufen. Die Auflassung der Nervenheilanstalt, an deren Stelle sich heute ein Forschungsinstitut befindet (eine zugegeben ironische Entwicklung), hatte also zur Folge, dass das Gedankenkonstrukt „Gugging“ zu einem realen Ort in der Nachbarschaft wurde, an dem natürlich keine lobotomisierten Zombies ein- und ausgingen. Eine nähere Auseinandersetzung mit den Aufgaben der Institution blieb von meiner Seite aus, ein letzter Hauch von mysteriöser Romantik angesichts dieses unbekannten Ortes hinter der eintönigen Krankenhausfassade blieb bestehen.

Wie die anderen vollendete nun den Vorgang der Entmystifizierung, denn erstmals wagte ich mich hinein in diese Abteilung des Krankenhauses, von Angesicht zu Angesicht mit den Patienten und zuständigen Ärzten. Ganz im Stile eines Frederick Wiseman nähert sich Constantin Wulff der Kinder- und Jugendpsychiatrie und den Protagonisten, die er dort vorfindet stumm und sachlich, seine Kamera stellt nicht aus, respektiert die Privatsphäre der Menschen. Wie die großen Meister des dokumentarischen Fachs, findet auch Wulff die richtige emotionale Distanz zum Geschehen, so ist sein Blick weder aufdringlich oder aufgezwungen intim, noch zu kühl und distanziert. Was Wulff interessiert, und da wird die Ähnlichkeit mit Wiseman besonders deutlich, sind weniger Einzelschicksale, sondern Arbeitsabläufe. Wie funktioniert diese Abteilung? Was gehört neben der Betreuung der Patienten noch zum Krankenhausalltag? Welche bürokratischen Hürden muss das Personal jeden Tag bewältigen, wie sind die Arbeitsumstände, wieviel muss improvisiert werden um ein reibungsloses Funktionieren zu gewährleisten? Die richtige Balance zu finden war dementsprechend eine heroische Aufgabe, die Wulff eindrucksvoll meistert. Immer wieder widmet er sich den Krankheitsbildern der jungen Patienten und ihrem Behandlungsvorgang, lässt jedoch auch nie die Ärzte außer Acht, auf denen ungemeine Verantwortung lastet, die sich in den Bildern materialisiert. Dieser psychische Druck, der beide Seiten betrifft wird in den intimen Gesprächssituationen spürbar, in denen der Blick der Kamera schonungslos die teils unschönen Lebensumstände der Protagonisten festhält und kein Abwenden zulässt. Diese intensiven Momente werden durch Perspektivenwechsel aufgelockert. Dieser Blick von außen auf die Therapiesituation wechselt sich mit einem Blick von innen ab, der die Vorgänge hinter den Kulissen beleuchtet, wenn im Kreise der Kollegen über Fortschritte und Rückschläge der Patienten diskutiert wird und immer auch die Entwicklungen in der Außenwelt thematisiert werden, die deutlich machen, dass man sich hier nicht in einem hermetisch abgeriegelten Paralleluniversum befindet.

Diese Erkenntnis wiegt schwer, denn bis zu diesem Zeitpunkt habe ich diese psychiatrische Abteilung, dieses „Gugging“, als ein Paralleluniversum wahrgenommen. Der Einblick in den Krankenhausmoloch zeigt eine ganz andere Realität. Eine Realität, die erschreckend viel mit meinem eigenen Leben gemein hat. Diese Kinder und Jugendlichen sind keine Verrückten; noch mehr, für die meiste Zeit, wirken sie vollkommen normal, erst wenn sie zu sprechen beginnen und erzählen, wie ihr Leben von der Normalität abweicht, entpuppen sie sich als krank. Die meisten von ihnen, wollen bloß „wie die anderen“ sein und diese Feststellung zeigt, dass sie sich anders fühlen als „die anderen“. Wer sind diese „anderen“? Sind wir das, die wir den Film sehen und uns dabei unwohl fühlen? Es fällt mir schwer diese Trennung vorzunehmen, denn in zu vielen Momenten fühle ich mich an meine eigene Kindheit zurückerinnert. Ich stelle mir also die Frage wer ich eigentlich bin. Bin ich einer von „denen“ oder einer von den „anderen“? Bin ich nur knapp vorbeigeschrammt an einer solchen Therapie, was hat mich davor bewahrt? Überinterpretiere ich diese Gemeinsamkeiten oder hatte ich Glück, dass sich meine Ticks in weniger selbstzerstörerische Bahnen gelenkt haben?

In dieser Hinsicht ist Wie die anderen ein harter und unangenehmer Film für mich, denn verborgen hinter dem forschenden Blick im Direct-Cinema-Gestus steckt die Frage nach Identität; Identität im Verhältnis zu anderen, Identität durch Ausschluss. Nach nur fünfundneunzig Minuten ist der Film zu Ende, in der Laufzeit des Films enden die Gemeinsamkeiten mit Frederick Wiseman, das Publikumsgespräch mache ich nicht mehr mit, obwohl ich noch sehr viele Fragen habe, denn ich fühle mich erstickt und brauche Luft. Um ehrlich zu sein habe ich auch etwas Angst vor den Antworten.

Viennale 2014: Unsere hohen Lichter

Zwei Wochen lang haben wir uns nun auf und mit der Viennale bewegt und nach so einem Festival muss man sich erst mal sammeln. Zum einen muss man sich bewusst machen, was man eigentlich alles gesehen hat, man wird feststellen, dass man sich an manche Filme, die man zu Beginn des Festivals gesehen hat kaum mehr erinnert und an andere erstaunlich stark. Man denkt über Linien und Parallelen nach, Überraschungen und Widersprüche, die einem während des Festivals begegnet sind. Bei einem Festival wie der Viennale sind die Eindrücke auch deshalb besonders intensiv, weil man dort sozusagen in komprimierter Form das ganze Kinojahr und mehr zu sehen bekommt.

The Second Game von Porumboiu

Al doilea joc von Corneliu Porumboiu

 

Um mit der Aufarbeitung des Kinotraum(a)s zu beginnen, habe ich meine Co-Autoren hier auf Jugend ohne Film gebeten mir ihre Highlights in irgendeiner, für sie passenden Form zu schicken. Wir verstehen unsere Listen und kurzen Texte als eine Art Erinnerung an die Realität der Bilder. In den kommenden Tagen werden noch einige Besprechungen und Texte folgen.
Ich selbst werde den Anfang machen und ich habe mich für eine ganz nüchterne Top 13 ohne Reihenfolge entschieden. Darin inkludiere ich auch jene Filme, die ich bereits vor dem Festival sah oder dort wieder sah. Das Echo in den Augen meiner Freunde als sie die Filme in Wien sahen, weckte zum Teil jene Erinnerung in mir, die Filme so viel größer macht als ihre bloße Materialität.

Patrick Holzapfel

Horse Money Ventura

Cavalo Dinheiro von Pedro Costa

Cavalo Dinheiro von Pedro Costa

Für mich ein wirklicher Sturm, der nach innen geht. Gerne wird Pedro Costa ja wegen seiner formalen Brillanz gelobt, aber man darf nicht vergessen wie viel Gefühl und Zärtlichkeit er da in seine Bilder und in die Art wie er Menschen filmt, legt. Dort wo große, große Filmemacher wie Jean-Luc Godard oder Jean-Marie Straub einzig einen intellektuellen Zugang zu ihren Gefühlen ermöglichen, geht Costa den viel direkteren Weg ohne sich dabei irgendwelcher billigen Tricks zu betätigen. Seine Strenge ist tatsächlich wie Musik. Das Leiden in diesem Film wird in einer Art stilisiert, die es greifbar macht.

Mein Review

Mein Interview mit Pedro Costa

My Darling Clementine von John Ford

Ich habe diesen Klassiker von John Ford zum ersten Mal im Kino sehen dürfen und zum ersten Mal in seiner Pre-Release Version. Das war eine kleine Offenbarung. Ein Film, bei dem immer wieder die Zeit steht für die großen Momente und wenn sie wieder läuft, dann ist der Film vorbei. Ich bin kein Zuschauer, der sich leicht mit Figuren identifiziert, aber in diesem Fall kann man fast nicht anders als nach dem Screening vor einem Spiegel seine Haare glatt zu drücken. Im Vergleich zu Sergio Leone ist Ford ja nicht unbedingt ein Regisseur der großen Westernduelle. Aber was hier am Ende voller poetischer Gewalt schwebt, lässt mich immer noch nicht schlafen.

Meine Besprechung

Maidan von Sergei Loznitsa

Ein Film, der das Schreiben von Geschichte im Moment ihrer Entstehung auf ein neues Niveau hebt. Damit korrespondiert er auch wunderbar mit John Ford oder Pedro Costa, zwei Filmemacher, die auch nicht akzeptieren, dass man Gegenwart und Vergangenheit nicht gleichzeitig denken kann. Loznitsa, der Nebel liebt, steht fast unbestechlich mit seiner Kamera im ukrainischen Bürgerkrieg. Eine Lehrstunde filmischer Zurückhaltung, die dennoch Botschaften enthält (eine davon ist der Prozess einer Realität) und mit einem derartigen Gespür für Bildkomposition und Rhythmus vor einem liegt, dass man sich tatsächlich fragt, ob man im Kino richtig ist und ob das Kino gefährdet ist.

Mein Review

Jauja von Lisandro Alonso

Es war mir eine große Freude diesen Film ein zweites Mal in Augenschein zu nehmen. Zwar wurde er an seinem zweiten Termin im furchtbaren Projektionsrauschen des Künstlerhauses gezeigt. (in den weißen Stellen sah es bei Jan Soldat, Julian Radlmaier und auch bei Alonso so aus als würde es schneien), aber dennoch ist die Raumgestaltung, das Gefühl für Bilder und Bewegungen von Alonso in einer eigenen Liga. Und wie das immer so ist bei guten Filmen wurde er mir bei der zweiten Sichtung weitaus unklarer.

Mein Review

P’tit Quinquin von Bruno Dumont

Ein für mich äußerst schwieriges Projekt, denn wenn Bruno Dumont für das Fernsehen eine Selbstparodie inszeniert, dann parodiert er damit gewissermaßen auch meine eigenen Ansichten über das Kino. Allerdings macht er das in einer Art, die bereits wieder genau meinen Ansichten zum Kino entspricht. Auf jeden Fall das Kinoerlebnis mit den meisten unvergesslichen Momenten und Gesichtern während der Viennale.

Mein Review

Turist von Ruben Östlund

Ein Film der zeigt, dass Psychologie im Kino durchaus groß sein kann. Und zwar dann, wenn sie bis zum letzten Winkel menschlicher Verstecke dringt und diese erkennend entlarvt oder erkennend weiter verbirgt.

Meine Besprechung

Nouvelle Vague von Jean-Luc Godard

Ich bin etwas überrascht, ob des vielen Lobs das Godard für seinen neuen Film Adieu au Langage 3D bekommt. Natürlich ist das ein visionärer Film bezüglich der Verwendung von 3D mit Blenden und in alltäglichen Situationen, aber alles andere ist dieselbe intellektuelle Masturbation, die der Altmeister seit Jahren betreibt und die nur deshalb so anerkannt ist, weil Kritiker in ihrer Rezensionen beweisen können wie klug sie sind. Irgendwo habe ich gelesen, dass dieser Film wohl mit seinen Rezensionen wachsen wird. Das kann er von mir aus gerne tun. Nouvelle Vague dagegen funktioniert auch auf einer sinnlichen Ebene. Nicht so willkürlich und selbstverliebt, mehr Zweifel weniger Weisheit. Mehr Poesie weniger Technik.

National Gallery von Frederick Wiseman

Ich habe ein Portrait einer Institution erwartet und habe ein Mosaik einer Vorstellung von Kunst anhand einer Institution bekommen. Der Film verbindet alles was Wiseman auszeichnet, aber durch den Inhalt hebt sich das Ganze in fast geistliche Regionen, die mir zum letzten Mal derart bewusst waren als ich Sculpting in Time von Andrei Tarkowski lesen durfte.

João Bénard da Costa – outros amarão as coisas que eu amei von Manuel Mozos

Dies ist der einzige Film auf meiner Liste, der dort für seinen Inhalt steht und nicht für seine Machart. Wie der Name bereits sagt, geht es um die verstorbene Leitfigur einer Generation des portugiesischen Kinos und es war einfach beeindruckend zu sehen wie Persönlichkeit, Gefühl, Begeisterung und Wissen zu einer Einheit verschmelzen können, die das Kino bedeutet. Filmpolitik ist hier keine Frage eines politischen Standpunkts oder einer kulturellen Verpflichtung sondern einer Leidenschaft. Das Mysteriöse, das ist allen Filmen auf meiner Liste eine entscheidende Rolle spielt, bestimmt die Anerkennung und Liebe für das Kino. Menschen, die zur Cinemathek pilgern, um einen Mann über das Kino sprechen zu hören. Der Diskurs wurde im Film genauso gezeigt wie das Kino selbst. Ein Film für alle, die sich nicht schämen das Kino zu lieben.

Outtakes from the Life of a Happy Man von Jonas Mekas

Während eines Festivals in einem Jonas Mekas Film zu gehen, kommt einer Verwandlung der Eindrücke und Bilderfetzen dieser langen Tage gleich, denn über alles hebt sich ein nachdenklicher und glücklicher Schleier. Man erinnert sich plötzlich an das Leben und zwar weit stärker als während des Lebens, ja man lebt intensiver im Kino.

Mein Review

The Lost Patrol von John Ford

Wüstengestalten und unsichtbare Mörder, ein Last Man Standing Geisterspiel als existentialistische Verlorenheit. Ein weiterer Film, der mich völlig kalt überrascht hat und vielleicht die Entdeckung des Festivals schlechthin.

Al doilea joc von Corneliu Porumboiu

Ich habe Schneefall bei Fußballspielen schon immer als äußerst poetisch wahrgenommen. Aber ich habe nicht erwartet, dass man so viel in einem Gespräch während eines Fußballspiels erzählen kann. Ein kleines Wunder, das Porumboiu noch eine Spur bedeutender macht als er ohnehin schon ist. Insbesondere die Frage der Vorteilsregel und ihre Anwendung auf das Leben, auf Film, ihre Erhebung zum Prinzip, ein Lauf, hat es mir angetan…und dieser Schnee. Man könnte ein Buch über diesen Film schreiben: Über Fußball, über Zeit, über Politik, über Vater&Sohn, über Medien, über die Filme von Porumboiu, über das Kino.

Winter Sleep von Nuri Bilge Ceylan

Und wieder fällt Schnee. Wie so viele große Filmemacher dieses Jahr hat sich auch Nuri Bilge Ceylan neu erfunden und etwas gemacht, was man so nicht von ihm erwartet hätte. Das mag auch in seinem Fall etwas gewöhnungsbedürftig sein, aber am Ende des Tages steht hier eine künstlerische und philosophische Vision, die man derart noch nie in einen Dialogfilm gebannt sah.Ein Film bei dem ich mich frage, ob auf dem Drehbuch Blut gefriert.

Mein Review

Maidan Sergei Loznitsa

Maidan von Sergei Loznitsa

Ioana Florescu

Jauja von Lisandro Alonso

Jauja von Lisandro Alonso

Cavalo Dinheiro von Pedro Costa

Al doilea joc von Corneliu Porumboiu

(countless layers. snow, memory, time, speech, rules, poetry…)

Jauja von Lisandro Alonso

(lack of maps leads to the stars)

P’tit Quinquin von Bruno Dumont

(humor makes the realization that there is evil in the world even more brutal)

Turist von Ruben Östlund

(Well I stepped into an avalanche, It covered up my soul)

Tiger Morse (Reel 14 of ***) von Andy Warhol

(the fascinating process of people making themselves interesting. kaledoscopic erection of the camera)

My Darling Clementine von John Ford

(revisited)

Tiger Morse Warhol

Tiger Morse von Andy Warhol

Rainer Kienböck

Bruno Dumont arte

P’tit Quinquin von Bruno Dumont

Meinem Naturell entsprechend in buchhalterischer Manier, meine persönlichen Highlights der Filme, die ich auf der diesjährigen Viennale gesehen habe. In alphabetischer Reihenfolge, von alt bis neu, von 3 bis 200 Minuten. John Ford lief außer Konkurrenz:

Almadabra Atuneira von Antonio Campos
Birdman von Alejandro G. Inarritu
Cosmic Ray von Bruce Conner
Die Büchse der Pandora von G.W. Pabst
Fog Line von Larry Gottheim
National Gallery von Frederick Wiseman
O’er the Land von Deborah Stratman
Outtakes from the Life of a Happy Man von Jonas Mekas
Plemya von Myroslav Slaboshpytskiy
P’tit Quinquin von Bruno Dumont
Quixote von Bruce Baillie
Still the Water von Naomi Kawase
Whiplash von Damien Chazelle
Winter Sleep von Nuri Bilge Ceylan

Kurzfilme

Weimar 101010

Hard to be a God

Out-Takes from the Life of a Happy Man

Out-Takes from the Life of a Happy Man von Jonas Mekas

Andrey Arnold

John Ford Wien

The Lost Patrol von John Ford

John Ford reitet auf dem Pferd, das sie Geld nannten, durch Jauja.
Videogramme einer Revolution führen ihn über den Maidan.
Im Land, in dem der Leviathan über alle Stämme herrscht, ist es schwer, ein Gott zu sein.
Hört man die Lieder aus dem Norden auf dem Hügel der Freiheit?
Warten dort die geliebten Schwestern? Wissen sie von dem, was bis Mittag geschah?
Der Bussard und die Kindergärtnerin haben den Terror live erlebt.
Doch kehren sie im Sommer, im Dezember und im Februar zurück in Abrahams Schoß.
Es ist das Leben: Rette sich, wer kann.

Eindrücke von Andrey

Amour Fou Review

Hong sang-soo

Hill of Freedom von Hong Sang-soo

Viennale 2014: Dialog: Die Einsamkeit der Inspiration

Nachdem wir uns endlich in den gleichen Filmen wiederfanden, haben Rainer und ich unsere Tradition von der diesjährigen Diagonale fortgeführt und einen kurzen (diesmal wirklich) Dialog über die Filme des Tages geführt. Mit dabei: Sobre la marxa von Jordi Morató, National Gallery von Frederick Wiseman und ein 16mm-Programm.

Sobre la marxa Viennale 2014

Sobre la marxa von Jordi Morató

Patrick: Also wir haben ja gerade Sobre la Marxa gesehen. Ein Film über einen sehr beeindruckenden Mann. Für mich ein Film, der es mir erlaubt hat völlig naiv den unglaublichen Bauten und Aktionen dieses Dschungelmanns zu folgen. Eine Inspiration einfach…war das für dich ähnlich?

Rainer: Inspiration ist ein starkes Wort. Ich habe den Film sehr genossen, er hat den Festivalalltag entschleunigt und es hat Spaß gemacht diesem Mann zuzusehen. Auf der anderen Seite ist Sobre la Marxa wohl kaum ein Film ohne den die Menschheit nicht weiterbestehen kann.

Patrick: Inspiration meine ich tatsächlich im Hinblick auf die Figur des Mannes und nicht auf den Film selbst. Ein Spanier, der 45 Jahre lang seine eigene ungalubliche Stadt aus Holz und Steinen in einem Wald baute und dreimal alles wieder abreißen muss nur um es wieder aufzubauen. Für mich lag darin eine derartige Romantik und Tragik, eine solche Leidenschaft, die ich einfach nur als berührend empfand und seine Bauten waren zudem wundervoll. Ich finde es wichtig, dass man sowas auf Film festhält. Entschleunigt klingt interessant? Sind wir nicht kurz davor aus einem kontemplativen 16mm (Die Gegenwart des 16mm-Films) Programm gekommen?

Rainer: Ja, in Bezug auf den Mann (Garrell) gebe ich dir mit Sicherheit recht, auch wenn ich weder Ambitionen noch Hoffnung habe jemals eine eigene Stadt zu bauen. Ich finde es noch immer interessant, dass du dieses Programm als kontemplativ wahrgenommen hast – gut die Hälfte der Filme war dermaßen schnell, dass sie knapp an der Grenze zum Flickerfilm angesiedelt waren und nach Runa Islams This Much is Uncertain taten mir regelrecht die Augen weh. Alles in allem konnte ich diesem Programm leider nicht so viel abgewinnen wie du. Da war sehr vieles dabei, dass ich so, oder so ähnlich, bereits in besserer Ausführung gesehen habe.

Patrick: Es geht auch gar nicht darum, dass man eine Stadt bauen muss. Es ist ein Lebensmodell und es atmet eine Freiheit, die glaube ich für alle inspirierend sein kann. Und so ganz ohne war der Film dann in seinen Reflektionen über Fiktionalität und Realität, Feuer und Wasser und mit einem brennenden Teddybären auch nicht. Ich habe dieses Programm davor tatsächlich als Programm genossen und auch so wahrgenommen. Und in diesem Sinn war es für mich sehr kontemplativ vom Sonnenuntergang über den Nebel bei Ben Rivers bis zu abstrakten Hubschraubern. Ich finde, dass die Filme da ineinander geflossen sind und This Much is Uncertain habe ich tatsächlich ganz anders wahrgenommen was auch für den Film spricht. Ein Programm voller Einsamkeit. Ich hatte da immer das Gefühl, dass die Bilder in einsamen Momenten aufgenommen wurden. Das bringt mich wieder zurück zu unserem Helden Garrell aus Sobre la Marxa. Ist das für dich ein einsamer Mann?

The Coming Race Ben Rivers

The Coming Race von Ben Rivers

Rainer: Diese Frage ist für mich eigentlich nicht beantwortbar, denn wir sehen ja quasi nichts von ihm, außer seiner Filmchen und seine Arbeit im Wald. Aber selbst wenn das wirklich sein gesamtes Leben ist, also er ohne Familie und Freunde ein Eremitendasein fristet ist es zumindest ein erfülltes Leben – da fällt dann die Einsamkeit auch nicht mehr so stark ins Gewicht. Aber das ist alles Spekulation. „Ein Programm voller Einsamkeit“ – ein spannender Ansatz, für mich war es eher ein Programm des Tonalen – das begann mit der Stille in Tacita Deans The Green Ray und endete im visualisierten Helikoptergeräusch bei Rouard. Da fehlt mir der mythisch-romantische Zugang, wie du ihn wählst, ein bisschen in meinem Wesen – da bin ich zu sehr Kopfmensch. Denkst du ist Frederick Wiseman auch ein Kopfmensch?

Patrick: Ich denke, dass Wiseman-und das zeigt auch sein National Gallery-vor allem ein geduldiger Mensch ist, ein Beobachter und Arbeiter. Aber da ist ja etwas, das Sobre la Marxa und National Gallery verbindet. Man sieht niemanden zuhause. Die Menschen in ihrer Arbeit, Kunst und Leidenschaft. Für mich ist es immer einsam, wenn mögliche Näheverhältnisse eine Sache des hors champs sind. Und das spiegelt wiederum die Festivalerfahrung an sich, denn man ist ja zumeist außer Haus, alleine mit sich und der Kunst. Da kann man noch so viel drüber sprechen.

Rainer: Das klingt ja ziemlich suizidal… Ich finde Festivals ganz und gar nicht einsam. Da ist man doch ständig unter Leuten und in Gesellschaft toller Filme. Was wäre wohl aus Sobre la Marxa geworden, wenn Wiseman den gedreht hätte? Wäre er dann durch Garrells Konstruktionen gewandert und hätte jeden Winkel erforscht? Oder ebenfalls wie Jordi Morató auf das Material aus früheren Jahren zurückgegriffen?

Patrick: Ich glaube, dass mir im Kino die Einsamkeit fehlt. Ich vermisse die Anonymität, die Unsichtbarkeit, da ich inzwischen zu viele Gesichter hier kenne. Aber ja, vielleicht hat das auch was Schönes. Mit der Einsamkeit eines Festivals meine ich aber dann doch die kurzen Begegnungen, die nie mit den Stunden, die man im Kino erlebte mithalten können und mir daher sehr oberflächlich erscheinen. So oder so kommt es mir einsam vor. Wiseman hätte diesen Film nicht gedreht. Aber fandest du die Found Footage Sache schlecht bei Morató?

Rainer: Zwischenzeitlich hatte das schon seine Längen… Also zum Beispiel diese Tarzan-Ausschnitte in dieser Ausführlichkeit zu zeigen, noch dazu mit wenig Erklärung vorne weg, war schon etwas gewöhnungsbedürftig. Ich finde das waren die schwächsten Momente des Films, da man die Analogie zwischen seiner Tarzan-Persönlichkeit auf der Flucht vor der Zivilisation und seinem Kampf gegen die Vandalen, die seine Bauten beschädigen auch in kürzerer Zeit aufbauen hätte können. Da braucht es keine endlosen, primitiven Videoaufnahmen, wo er in Lendenschurz auf Bäumen klettert.

Patrick: Das war wohl der absurde Trashfaktor. Sehe das ähnlich, aber für mich hat sich retrospektiv dadurch ein schöner Wandel in meiner Wahrnehmung von Garrell ergeben, weil er mir zunächst wie ein Nerd vorkam und am Ende wie ein Genie.