Die Last der Erinnerung von Albert Meisl

„Ob man die Welt mit dem Blick der Komödie oder des Dramas betrachtet, ist ja nur eine Frage der Perspektive“: Ein Gespräch mit Albert Meisl

Der „lus­ti­ge Kurz­film“ ist – etwas all­ge­mei­ner gespro­chen – oft eine jener Film­for­men, die bei Fes­ti­val­be­su­chen im deutsch­spra­chi­gen Raum aus gutem Grund zu den zu mei­den­den Pro­gramm­punk­ten gehört. Eine Aus­nah­me bil­de­ten in den letz­ten Jah­ren Die Last der Erin­ne­rung und Der Sieg der Barm­her­zig­keit des Regie­stu­den­ten Albert Meisl. Mit Die Schwin­gen des Geis­tes läuft in die­sem Jahr der drit­te Teil der Rei­he auf der Dia­go­na­le, die von einem wei­te­ren merk­wür­di­gen Aben­teu­er der unglei­chen Musik­wis­sen­schaft­ler Fitzt­hum und Szabo erzählt. Ein Anlass für ein längst über­fäl­li­ges Gespräch.

Ale­jan­dro Bach­mann: Dein neu­er Film Die Schwin­gen des Geis­tes erzählt von der drit­ten Begeg­nung der Musik­wis­sen­schaft­ler Szabo und Fitzt­hum, die zuvor schon in Die Last der Erin­ne­rung und Der Sieg der Barm­her­zig­keit auf­ein­an­der getrof­fen sind. Mit jedem Mal, so kam es mir vor, kon­tu­riert sich kla­rer, wer die bei­den Figu­ren sind, wie sich ihr Ver­hält­nis gestal­tet und es erscheint mir abso­lut kon­se­quent, dass es dies­mal dar­um geht, dass der eine als der ande­re auf­tritt, sei­ne Rol­le über­nimmt: Zum einen, weil das ja auch die Aus­gangs­kon­stel­la­ti­on im ers­ten Film war – Fitzt­hum über­nimmt die Rol­le der wis­sen­schaft­li­chen Assis­tenz Sza­bos, da die­ser zu lan­ge an sei­ner Dok­tor­ar­beit sitzt – zum ande­ren, weil sich in die­ser Figur des Dop­pel­gän­gers auch etwas über die bei­den aus­drückt. War dir von Anfang an klar, dass es meh­re­re Fil­me zum Ver­hält­nis die­ser bei­den geben wird?

Albert Meisl: Nein, das war nie geplant. Der ers­te Film Die Last der Erin­ne­rung ist für eine Aus­schrei­bung für die Som­mer­aka­de­mie der Uni­ver­si­tät für Musik und dar­stel­len­de Kunst, zu der auch die Film­aka­de­mie gehört, ent­stan­den. Das – etwas Eigen­ar­ti­ge – The­ma der Som­mer­aka­de­mie war „Cul­tu­ral Memo­ry /​Jubi­lee“. Zu gewin­nen gab es 1000 Euro Bud­get und die Mög­lich­keit einen qua­si irre­gu­lä­ren Film an der Aka­de­mie zu dre­hen, also einen Film, für den man kei­ne Pro­duk­ti­ons­er­laub­nis der Pro­fes­so­ren braucht und ein­fach machen kann, was man will, also auch schei­tern kann. Die­ses Geld woll­te ich also und so kam es zu der Geschich­te, die das The­ma kon­ter­ka­riert und iro­ni­siert. Cul­tu­ral Memo­ry – das ver­leg­te Noten­blatt – ein biss­chen wie ein The­men­auf­satz in der Schu­le, den man gleich­zei­tig erfüllt und unter­läuft. Also, dass sie mir das Geld geben müs­sen, weil es das The­ma so brav erfüllt.

Die Schwingen des Geistes von Albert Meisl
Die Schwin­gen des Geis­tes von Albert Meisl

AB: Ste­cken also schon in der Pro­duk­ti­on des Films sowohl Fitzt­hum – der Kon­for­me, der Fleißige—und Szabo – das Wider­stän­di­ge und Subversive?

AM: Das ist eine lus­ti­ge Fra­ge. Kann sein. Denn da wir eine strik­te Dead­line hat­ten, muss­te der Film gedreht wer­den, also kei­ne Zeit für unkon­for­me Zwei­fel und Selbst­quä­le­rei­en. Da es kein wirk­lich offi­zi­el­ler Film war, son­dern so ein klei­ner, dazwi­schen, dach­te ich mir aber auch, wenn es nicht gelingt oder nur den Betei­lig­ten gefällt, dann wer­fen wir ihn ein­fach weg und es gibt den Film ein­fach nicht. Das war wie eine Rück­kehr zum Fil­me­ma­chen vor der Film­hoch­schu­le. Einen immens gro­ßen Anteil – dass wir über­haupt gedreht haben und dass es etwas gewor­den ist – hat Alex­an­der Dir­nin­ger, der die Kame­ra gemacht hat. Ich kann­te ihn schon lang, aber wir haben nie in der Paa­rung Regie-Kame­ra zusam­men­ge­ar­bei­tet. Ich wuss­te, dass wir einen ähn­li­chen Humor und eine ähn­li­che, natu­ra­lis­ti­sche Ästhe­tik haben. Er ist auch schuld, dass ich die Figur des Szabo spie­le, das war nicht inten­diert von mir. Wir haben aber schlicht und ein­fach nie­man­den gefun­den, der gepasst hät­te und Zeit hat­te. Und dann hat Alex gesagt: „Dann musst du das halt machen“. Da ist er der Sub­ver­si­ve. Hät­te er Sor­gen gehabt, dass das mit Regie und Schau­spiel in einer Per­son funk­tio­niert, dann wür­de es die­se Fil­me viel­leicht gar nicht geben, weil ich dann wei­ter gesucht hät­te und mög­li­cher­wei­se nie­man­den gefun­den hät­te und das gan­ze wäre abge­bla­sen worden.

AB: Eine glück­li­che Fügung, auf so vie­len Ebe­nen: Wenn man sich bei­spiels­wei­se ansieht, wie Szabo und Fitzt­hum mit­ein­an­der umge­hen, auf irre Wei­se ein­ge­spielt und zugleich im per­ma­nen­ten Anein­an­der-rei­ben, die stän­di­gen, teil­wei­se mini­mal klei­nen Sti­che­lei­en, die Momen­te der Zunei­gung. Was macht das aus, die­se Che­mie – zum einen bei dir und Rafa­el Hai­der, zum ande­ren zwi­schen Szabo und Fitzt­hum? Und was genau dar­an ist naturalistisch?

AM: Natu­ra­lis­tisch habe ich eher in Bezug auf die Bild­ge­stal­tung und Kame­ra­ar­beit gemeint. Also auf den ers­ten Blick zurück­hal­tend, nahe­zu doku­men­ta­risch, das Arti­fi­zi­el­le nicht aus­stel­lend, son­dern ver­ber­gend, oft mit Hand­ka­me­ra und available light – dass sich das Komisch und Eigen­ar­ti­ge dar­in ereig­nen kann, als wäre es ganz nor­mal. Ganz all­täg­lich. Deut­sche Komö­di­en sind oft schon im Bild extrem künst­lich, so nach dem Mot­to: Das hier ist „big­ger than life“, ist lus­tig und wür­de des­halb eh nie wirk­lich so statt­fin­den. Mein Ansatz war eher, dass das rea­lis­ti­sche Fil­me sind, die auch Dra­men sein könn­ten, wür­de es um höhe­re Kon­flik­te gehen.

Ja, und Rafa­el Hai­der, ohne ihn wür­de es die Fil­me auch schlicht und ein­fach nicht geben. Wir ken­nen uns schon sehr lang durch unser gemein­sa­mes Regie­stu­di­um, er hat mei­nen Doku­men­tar­film Vater­film geschnit­ten und ich habe Herrn Fitzt­hum prak­tisch für ihn geschrie­ben. Das war von Anfang an klar, dass er das spie­len muss. Dass wir ein gro­ßes Ver­trau­ens­ver­hält­nis haben und zugleich wis­sen, wie die Figu­ren funk­tio­nie­ren, wo sie mit uns Ähn­lich­kei­ten haben und wo nicht, macht es mög­lich, dass das Ver­hält­nis der bei­den – hof­fent­lich – eine gewis­se Kom­ple­xi­tät hat. Vie­le Ideen, wie dass Fitzt­hum den Kaf­fee ein­fach selbst kauft und ver­birgt, dass er bei Frau Pau­lus geschei­tert ist, kom­men direkt vom Rafael.

Was die Che­mie der bei­den Figu­ren betrifft: Sie sind ja wie zwei gegen­sätz­lich Pole und sich zugleich gar nicht so unähn­lich. Sie sind bei­de Musik­wis­sen­schaft­ler, also Kol­le­gen. Da gibt es einen gewis­sen Respekt. Und ich glau­be auch, dass Szabo in sei­nem Schei­tern eine Art poten­zi­el­les Hor­ror­sze­na­rio für Fitzt­hum dar­stellt, dass es ihm auch ein­mal so erge­hen könn­te. Viel­leicht lässt er sich auch des­we­gen immer wie­der auf ihn ein. Aus Mit­leid. Es sind bei­de ja auch sehr reli­giö­se Charaktere.

Der Sieg der Barmherzigkeit von Albert Meisl
Der Sieg der Barm­her­zig­keit von Albert Meisl

AB: Wie kommt das bei Fitzt­hum zum Tra­gen? Im drit­ten Teil gibt es ja den Moment, wenn Szabo aus der Poli­zei­sta­ti­on flüch­tet und Fitzt­hum allei­ne lässt. Da sehen wir ihn dann kurz vor einer Kir­chen­mau­er ste­hen, da mate­ria­li­siert sich sein (schlech­tes) Gewissen.

AM: Das kommt beson­ders im zwei­ten Teil zum Tra­gen. Wenn Fitzt­hum denkt, dass Szabo sei­ne letz­te Jacke für Fitzth­ums Befrei­ung gege­ben hat, da steckt ein biss­chen der Hei­li­ge Mar­tin drin, das hat Fitzt­hum sicher im Reli­gi­ons­un­ter­richt in Salz­burg gehört. Auch dass man Men­schen in Not hel­fen muss, ist ja so ein Grund­an­spruch, beim Ein­stei­gen in die Klei­der-Sam­mel­stel­le etwa geht Fitzt­hum dem nach. Beim drit­ten Teil ist das dann eher Szabo, der mit sei­nem katho­li­schen schlech­ten Gewis­sen ringt – weil er einen Kol­le­gen ver­ra­ten hat, bevor der Hahn über­haupt zu krä­hen begon­nen hat.

AB: Szabo wirft Fitzt­hum ja unter ande­rem die Nicht­mit­ein­be­zie­hung der Popu­lar­mu­sik in sei­nen Stu­di­en vor, das passt irgend­wie gut zu Salz­burg… Wie ist Szabo denn groß geworden?

AM: Das ist mir sel­ber etwas schlei­er­haft. Er hat gar kei­nen so expli­zi­ten Hin­ter­grund. Er ist für mich eher wie ein Gewit­ter, oder ein sau­rer Regen, also ohne Bio­gra­phie, jeden­falls ohne eine, die mir bekannt ist. Fitzt­hum kommt übri­gens aus Salz­burg Land – ich den­ke so Rich­tung Els­be­then. Die Popu­lar­mu­sik, die dort gehört wird, ist auch eher abschre­ckend. Des­halb ver­ste­he ich ihn schon, dass er sich eher auf E‑Musik spe­zia­li­siert hat.

AB: Das ist inter­es­sant, dass aus­ge­rech­net Szabo ohne Bio­gra­phie ist, ein Typ, der in so mas­si­ver Wei­se mit Geschich­te umge­ben ist, in sei­ner Woh­nung, den Schall­plat­ten und Büchern…Das bringt mich aber zu einem etwas all­ge­mei­ne­ren Punkt: Du hast vor­hin gesagt, dei­ne Fil­me könn­ten auch Dra­men sein, wenn es um höhe­re Kon­flik­te gin­ge. Mit den Begrif­fen der „Barm­her­zig­keit“, der „Erin­ne­rung“ oder des „Geis­tes“, die in den Titeln vor­kom­men, ist da ja schon auch eine sol­che Grö­ße ange­deu­tet, die Titel klin­gen nach gro­ßer Büh­nen­kunst. Und dei­ne Fil­me bewe­gen sich da für mich an einer Gren­ze – zwi­schen dem sehr genau Durch­dach­ten, dem sehr gut (in einem klas­si­schen Sinn) geschrie­be­nen Dia­log, der immer (min­des­tens) dop­pel­ten Bedeu­tung der Din­ge und des Gesag­ten – und einer gro­ßem Läs­sig­keit, die sich in der All­täg­lich­keit der Sze­ne­rien, der Freu­de am Alber­nen, sol­chen Din­gen eben äußert…

AM: Zu den Titeln kann ich nur sagen, dass ich, begin­nend mit Die Last der Erin­ne­rung, ver­sucht habe, den Fil­men kei­ne Komö­di­en­ti­tel zu geben, son­dern erns­te Titel, die Fra­gen auf­wer­fen. Dass der Zuschau­er dann über­rascht ist, was für eine Art von Film es ist. Bei einem Lang­film wäre das wohl dys­funk­tio­nal, weil da der Titel mehr Aus­kunft über das Gen­re geben muss, damit die Leu­te über­haupt rein­ge­hen. Aber Kurz­fil­me lau­fen in Blö­cken, die Zuschau­er haben kein Vor­wis­sen, lesen die Titel im Pro­gramm und meis­tens nicht mehr als nur die Titel. Dass die Fil­me komisch sind, müs­sen sie erst fest­stel­len. Das fin­de ich einen guten Effekt, dass man am Anfang nicht weiß, wohin die Rei­se geht und das Gen­re erst ent­deckt. Und das Gra­vi­tä­ti­sche der Titel ist natür­lich auch par­odis­tisch gemeint. Beim ers­ten Film haben Leu­te gesagt, dass der Titel unpas­send für eine Komö­die sei und nach etwas mit Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung klingt. Das hat mir gefal­len, weil es dar­um ja auch geht. Der zwei­te erin­nert mich an einen Bibel­film und der drit­te an etwas aus dem Eso-Laden, eine DVD, die man neben das Osho-Tarot oder die Ambi­ent-Plat­te stellt.

Zum erns­ten Kern, dem Dra­ma noch­mal: Komö­di­en, die mich inter­es­sie­ren, haben ihn eigent­lich immer. Ob man die Welt als Komö­die oder Dra­ma betrach­tet, ist ja nur eine Fra­ge der Per­spek­ti­ve. Ich hän­ge in der letz­ten Zeit beim Erzäh­len mehr dem komö­di­an­ti­schen Blick an, das heißt aber nicht, dass man die Din­ge, die um uns her­um pas­sie­ren, leicht­nimmt oder weg­lacht, ganz im Gegen­teil. Natür­lich gehört das prä­zi­se Geschrie­be­ne dazu, da die Fil­me stark dia­log­ba­siert sind und Dicht­heit nötig ist, damit sie nicht fad oder brei­ig wer­den. Gleich­zei­tig ist es – unter einem rea­lis­ti­schen Ansatz – oft sehr bemer­kens­wert, wie prä­zi­se und poin­tiert das Leben komö­di­an­ti­sche Situa­tio­nen her­vor­bringt. Oder wie poin­tiert man ande­ren sein Leben erzählt, dar­aus wie­der eine Geschich­te macht, aus dem was einem wider­fah­ren ist. Ich glau­be nicht, dass die rei­ne Rea­li­tät unpoin­tiert ist. Was das Leben nicht hat, ist eine dich­te Dra­ma­tur­gie, in der in kur­zer Zeit sehr viel pas­siert, oft pas­siert ja tage­lang ein­fach gar nichts. Die­se Dra­ma­tur­gie in Zusam­men­hang mit dem dich­ten Dia­log ist die Haupt­ar­beit beim Schrei­ben der Filme.

Und dann wird der Film – en detail – im Schnei­de­raum noch ein­mal neu geschrie­ben. Da ist die Rol­le unse­res Cut­ters Sebas­ti­an Schrei­ner beson­ders wich­tig. Da ich ja auch vor der Kame­ra ste­he, sich­tet er das Mate­ri­al und erstellt einen ers­ten Schnitt ganz allein. Er ist somit der ers­te wirk­li­che Zuschau­er – und erspart mir damit, vie­les, was nicht gelun­gen ist, zu sehen. Und wenn ihm Din­ge gefal­len, weiß ich dass sie gut gewor­den sind. Das ist extrem wich­tig für mei­ne Schaf­fens­freu­de. Das Glück, das ich habe ist, dass Sebas­ti­an, Rafa­el, Alex, unse­re Pro­du­zen­tin Lena Weiss und ich uns lan­ge ken­nen, ein­an­der zutiefst ver­trau­en und einen ähn­li­chen Humor haben. Sonst wäre es auch nicht mög­lich gewe­sen, die­se Fil­me zu machen, die ja auch unter gro­ßen kräf­te­mä­ßi­gen Belas­tun­gen in einem sehr klei­nen Team ent­ste­hen. Jeder hat da sei­nen eige­nen, sehr gro­ßen eige­nen Anteil daran.

Noch eine Sache, die Per­spek­ti­ve und den Ansatz des rea­lis­ti­schen Humors betrifft: Ich habe vor Kur­zem im Fern­se­hen zufäl­lig einen Film von Wolf­gang Staud­te wie­der gese­hen Die Her­ren mit der wei­ßen Wes­te von 1970, ein Film, der in Staud­tes Werk nicht beson­ders gewert­schätzt wird und eher als Kon­fek­ti­on gilt. Ich habe die­sen Film als Kind im Fern­se­hen oft gese­hen, der war wohl in die­sem Kirch-Paket. Und mir fiel auf, dass ich den Dia­log teil­wei­se prä­zi­se mit­spre­chen konn­te. Ich habe in die­sem Film auf ein­mal eini­ges ent­deckt – Kon­stel­la­tio­nen, Figu­ren – was in ande­rer Form in den Szabo-Fitzt­hum-Fil­men vor­kommt. Din­ge von denen ich ursprüng­lich gedacht habe, sie kämen aus All­tags­be­ob­ach­tun­gen. Der Blick aufs Leben und der Blick durch Fil­me auf ein vir­tu­el­les Leben fal­len zusam­men. Und die Fil­me, die man frü­her gese­hen hat, spre­chen aus einem, man ver­wech­selt sie mit Erfah­run­gen und Beobachtungen.

AB: Auf wel­che Film­erfah­run­gen, die sich über die Zeit manch­mal in einem als gelebt abla­gern, beziehst du dich denn in der Tri­lo­gie? Ein wenig ver­meint man ja in den Situa­tio­nen und Dia­lo­gen etwas vom deut­schen Kino der 50er Jah­re zu ver­spü­ren, Heinz Erhard war etwas, was mir in der Art wie eine Poin­te vor­ge­tra­gen wird, im Kopf rum­spuk­te – viel­leicht im Wort­witz, dem Beto­nen des Wit­zi­gen. Damit scheint mir aber vor allem auf das Dra­ma­tur­gi­sche und Dia­lo­gi­sche ver­wie­sen, wie sieht es denn mit dem For­ma­len aus? Irgend­wie sind die­se Fil­me ja Dia­log­fil­me, was eine gewis­se öko­no­mi­sche Ver­wen­dung der fil­mi­schen Mit­tel, ein Zurück­tre­ten und Unauf­fäl­lig-wer­den mit sich bringt. Und dann gibt es doch auch Momen­te, wo der Humor aus einer Dyna­mik des Bil­des ent­steht, wenn man das so sagen will: Ich den­ke an die Sze­ne, in der Fitzt­hum die Trep­pen im ers­ten Teil hin­un­ter­läuft oder dar­an wie Szabo im drit­ten Teil auf die Poli­zei­sta­ti­on zurennt. Und schließ­lich gibt es noch die Tücke der Objek­te, Sza­bos Kampf mit dem Kaf­fee­au­to­mat im zwei­ten Teil, Fitzth­ums Irri­ta­ti­on über den hüp­fen­den Kar­ton, in dem der Papa­gei auf­be­wahrt wird im drit­ten, das hat fast was von Slapstick-Komödien…

AM: Mit Heinz Erhardt habe ich eher so mei­ne Pro­ble­me, bzw. fin­de ihn nicht beson­ders lus­tig, mit Aus­nah­me des gran­dio­sen Werks Dril­lin­ge an Bord, in dem er drei­mal vor­kommt und Tru­de Herr im Lie­bes­rausch erst mit Rosen und dann einer Vase bewirft. Das sind oft so Situa­tio­nen und Sequen­zen, die ich mir von die­sen Fil­men gemerkt habe. Ich habe natür­lich Unmen­gen die­ses Kinos gese­hen – im Fern­se­hen, das waren ja damals schon eher Kin­der­fil­me. Auch von der Pro­gram­mie­rung her. Sonn­tag Mit­tag sind die gan­zen Pepe, der Pau­ker­schreck-Fil­me gelau­fen, ich weiß gar nicht, wie oft ich die gese­hen habe. Spä­ter war es dann aber eher ame­ri­ka­ni­sches Kino, Bil­ly Wil­der oder Howard Hawks Man’s Favo­ri­te Sport?, eine mei­ner Lieb­lings­ko­mö­di­en über­haupt. Das ist dann ein ande­res Niveau, das geht tie­fer und ist kom­pro­miss­lo­ser. Ich habe dia­log­las­ti­ge Fil­me immer sehr gemocht. Screw­ball-Come­dies oder die Fil­me von Karl Valen­tin. Aber wenn man Film stu­diert, dann kommt man ja sehr schnell an die­se Regel „show, don’t tell“. Zumin­dest habe ich am Anfang ver­sucht, eher wort­kar­ge Fil­me zu machen, weil ich dach­te, das hat so zu sein. Beim ers­ten Szabo-Fitzt­hum-Film woll­te ich dann ganz bewusst einen in die­ser Hin­sicht unfil­mi­schen Film machen, der durch Dia­lo­ge ange­trie­ben wird. Das ent­spricht auch der dar­ge­stell­ten, pre­kä­ren Schicht, der ich mich auch zuge­hö­rig füh­le. Dass man sich hin­ter Wor­ten ver­ste­cken kann. Und dass man die Wor­te hat, etwas zu benen­nen, aber nicht die Kraft, es zu ver­än­dern. Beim zwei­ten Teil ging es mir dann ganz bewusst um Kör­per­li­ches, um phy­si­sche Komik, wobei Slap­stick ja immer von sehr kör­per­be­wuss­ten, sport­li­chen Komi­kern gemacht wird. Da Rafa­el Hai­der und ich sehr unsport­lich sind, war das auch ein Expe­ri­ment in Selbst­ver­let­zung, wobei das lei­der eher ihn betrof­fen hat als mich. Das sind auch so Din­ge, die man mit Schau­spie­lern ein­fach nicht machen kann. Aber als Regis­seur, was Rafa­el ja ist, weiß man, dass nichts bes­ser ist als ech­te Gefüh­le, ech­te Pan­nen und eben auch ech­ter Schmerz.

Die Last der Erinnerung von Albert Meisl
Die Last der Erin­ne­rung von Albert Meisl

AB: Ich den­ke jetzt an die groß­ar­tig aus­ge­spiel­te oder eben tat­säch­lich durch­leb­te Sze­ne, wo die Räu­ber­lei­ter in den Cha­ri­ty-Laden ein­zu­stei­gen her­hal­ten soll in Der Sieg der Barm­her­zig­keit. Neben der Nähe zum Wort auch der Bezug zum Kör­per. Was meinst Du genau mit der pre­kä­ren Sicht? Das Pre­ka­ri­at Sza­bos oder wirk­lich einen bestimm­ten pre­kä­ren Blick auf das Leben?

AM: Die­se Sze­ne gebe es in die­ser Art und Qua­li­tät nicht ohne Alex­an­der Dir­nin­ger. Inhalt­lich, aber auch for­mal. Die Idee, dass Fitzt­hum die Klap­pe öff­net, war von ihm und es war mein Wunsch, dass wir die gan­ze Sze­ne bis zum Sturz der bei­den in einer Ein­stel­lung hal­ten, eben um das Phy­si­sche, das Unge­len­ke spür­bar zu machen. Wir haben das ziem­lich oft gedreht, natür­lich Sicher­heits­ein­stel­lun­gen gemacht, falls man doch Takes kom­bi­nie­ren will. Dass wir das nicht muss­ten, ver­dan­ken wir Alex. Er ist ein begna­de­ter Hand­ka­me­ra­mann, schaut durch die Kame­ra auf die Situa­ti­on und lebt sie mit. So war es in die­ser Sze­ne mög­lich zu impro­vi­sie­ren, sie aus­zu­spie­len, ohne abbre­chen zu müs­sen – wobei viel Unvor­her­ge­se­he­nes pas­siert ist. Übri­gens ist die Ein­stel­lung im Film, in der ich Rafa­el – natür­lich unab­sicht­lich – real auf den Fuß tre­te, wes­we­gen er sich so komisch vor­beugt und ich mich bei ihm erst ent­schul­di­ge und ihn dann doch ange­he. Ja und die­ser pre­kä­re Blick aufs Leben, das Inter­es­se an Nischen, an Grenz­gän­gern, an unauf­ge­räum­ten Wohn­or­ten, aber auch Figu­ren, der ver­bin­det uns alle, das gan­ze Team. Als Film­stu­dent hat man da ja einen Sinn dafür, man lebt die­ses Leben.

AB: Und zudem lebst du – lebt das Team – ja mehr­heit­lich in Wien. Das ist auch so etwas, was ich mich gefragt habe beim Sehen der Fil­me: Gibt es etwas Wien-spe­zi­fi­sches an die­ser Tri­lo­gie, oder könn­te sie für dich poten­zi­ell auch in ande­ren Städ­ten statt­fin­den? Das Ele­ment der Musik – im Film, aber auch als The­ma (die E‑Musik, aber auch die Sin­gle, die Fitzt­hum im drit­ten Teil als Kar­rie­re­schmier­mit­tel von Szabo erste­hen will) – scheint mir sehr anschluss­fä­hig an die­se Stadt, sind es die Orte oder ande­re Din­ge dar­über hin­aus aus Dei­ner Sicht auch?

AM: Klar, zu den Wien-Kli­schees gehört natür­lich Musik. Also klas­si­sche Musik. Dass Szabo sich der Popu­lar­mu­sik­for­schung ver­schrie­ben hat, hat etwas Wider­stän­di­ges, viel­leicht auch etwas Kläg­li­ches. Denn die rele­van­ten popu­lar­mu­si­ka­li­schen Auf­nah­men aus Öster­reich aus den 60er und 70er Jah­ren sind jetzt nicht so zahl­reich wie in ande­ren Län­dern. Das liegt an der dama­li­gen Rand­la­ge Öster­reichs am Eiser­nen­Vor­hang, von vie­len Ent­wick­lun­gen abge­schnit­ten. Und auch Sza­bos Lebens­form, das Pre­kä­re, aber doch am Stadt­le­ben par­ti­zi­pie­ren­de – er lebt ja nicht in einer WG oder in einem Sozi­al­bau am Stadt­rand – wäre in einer Stadt wie Mün­chen oder Stutt­gart kaum mehr mög­lich. Dort könn­te es kei­ne Pre­ka­ri­ats­ko­mö­di­en geben, nur Pre­ka­ri­ats­dra­men. Gen­tri­fi­zie­rung ist zum Glück – noch – in Wien kein gro­ßes The­ma. Hof­fen wir, dass es noch lan­ge so blei­ben wird. Denn dass es eine Stadt der Nischen, der Koexis­tenz von Begü­ter­ten und Pre­kä­ren ist, das macht Wien für mich aus. Es ist ja gera­de zu sehen, wie Ber­lin unter Hipster­tum und neo­li­be­ra­lem Geld zusam­men­bricht und sei­nen Reiz ver­liert. Die­se Lie­be zum grau­en, alt­mo­di­schen, devi­an­ten Wien der Rand­exis­ten­zen, der bizar­ren Zwi­schen­räu­me und unsa­nier­ten Alt­bau­ten ist neben dem Humor auch das, was mein Team und mich verbindet.