May I Touch: Chinese Checkers von Stephen Dwoskin

(may i touch said he
how much said she
a lot said he)
why not said she
(E.E. Cummings)

„Gefährliches Spiel“ wäre ein schrecklicher Titel für diese männliche Studie des transformierenden, männlichen, erotischen Blicks. Weibliche Körper in den Augen einer männlichen Wahrnehmung zählen zu den wichtigsten Interessen im Kino von Stephen Dwoskin. Er ist ein umstrittener Grenzgänger in dieser Hinsicht, weil er seine Kamera zur Verlängerung einer Körperlichkeit werden lässt, nicht zu einem Denken.

Zwei Frauen mit schattig-blassen Gesichtern; um ihre Augen sammeln sich bereits die Tränen einer verlorenen Nacht, sie spielen eine Partie Halma, sitzen sich gegenüber. Ihre spitzen Finger bewegen die kleinen Figuren. Die Kamera von Dwoskin interessiert sich mehr und mehr für die Körper der beiden Frauen als für das Spiel. Er nähert sich den Lippen bis zur Unschärfe, klebt an den Händen. Die beiden Frauen nehmen das Spiel an. Sie sind in schwarz und weiß gehalten. Die Verführung findet eine Doppelung. Denn nicht nur zwischen Kamera und den Frauen findet sie statt, sondern auch zwischen den beiden Frauen. Sie blicken direkt in die Kamera, bezirzen sie, drehen sich voneinander, um sich immer wieder neuen Blicken hinzugeben. Dazu hört man die betörende Musik von Ron Geesin. Ein Rhythmus setzt ein, der sich auf etwas hin steigert, der das Spiel verändert bis man es vergisst.

Chinese Checkers von Stephen Dwoskin

Man spürt wie das Kino sich entscheidet: Weg vom Alltag des Spiels hin zu einem Begehren darunter. Es ist eine eindeutige Entscheidung, die in der Filmgeschichte oft zu klar getroffen wurde. Gesichter über Systeme, Emotionen über Rationalität, Sex über Freundschaft. Plötzlich verwandeln sich auch die Frauen. Ihre Kleidung, eine neue Maske: Alles erzittert in der Lust des Blickenden, wird beinahe zur Parodie eines sexuellen Hungers. Die Übersteigerung sucht hier nicht nach dem möglichen Pornografischen, sondern nach einem Expressionismus des Begehrens. Man muss an Stummfilmgesten denken und fragt sich unweigerlich: Wie sieht man aus, wenn man mit jemanden schlafen möchte? Wie äußert man Lust außer in der Übersteigerung? Es ist erstaunlich, dass Chinese Checkers nicht lächerlich wirkt, obwohl er lächerlich ist: Zwei Frauen spielen eine Partie Halma und die Kamera setzt ein erotisches Bewusstsein frei. Die beiden Frauen, wie Marionetten der Lust, geben sich hin und mit einem Mal wirkt nichts Sinnlicher als eine Partie Halma. Es ist schwer sich gegen die Verführung zu wehren. Sie ist auch ein sich befreiender Blick, ein ungehindertes Sein. Doch etwas passiert. Dwoskin dreht das schwarz und weiß um zu einem weiß und schwarz. Wer verführt wen? Passiert das gleiche mit dem Kino, wird das Kino vom Gleichen passiert? Die Kamera verführt diese Frauen, diese Frauen verführen die Kamera. Man stelle sich vor, was etwas konstruiert ist, dass Dwoskin eigentlich nur ein Spiel Halma filmen wollte. Dazu lud er zwei Freundinnen ein und diese starteten das Spiel. Dann wäre der erotische Trieb von Bild und Ton plötzlich eine aktive Bewegung der Protagonistinnen. Solch ein Denken wird schnell zur Fantasie. Es ist eine Illusion, die nicht nur hinterfragt, was wir sehen und begehren, sondern auch, was wir im Begehren sehen.

Es ist nunmal ein Spiel. Im Halma geht es darum, die eigenen Spielfiguren mit möglichst wenigen Zügen jeweils in das gegenüberliegende Feld zu bringen. Jeder Spielzug ist auch eine Annäherung. Wohin geht der nächste Blick? Wie nahe kommt die Kamera? Wer geht welchen Schritt? Es gibt hier also drei Ebenen einer Verführung. Die erste folgt den Regeln eines Spiels. Sie findet auf dem Tisch statt. Die zweite folgt den Spielerinnen. Diese beiden Ebenen werden durch die Arme und Hände und Finger verbunden. Die dritte Ebene wird von der Kamera, die das Spiel auf den beiden anderen Ebenen registriert und ihrerseits selbst in ein solches Spiel eintritt, dominiert. Sie allein macht es möglich die Parallelität aller drei Ebenen zu fassen.