Liebesbrief an Delphine Seyrig

Liebe Delphine Seyrig,

ich habe dich gesehen, aber ich bin mir nicht sicher, ob du auch mich gesehen hast. Ich sehe dich eigentlich immer wieder. Begleitet von sich wiederholenden Melodien, sich wiederholenden Bewegungen, du bist für mich wie ein ewiger Kreis und immer wenn ich glaube, dass du endest, beginnst du von Neuem. Du erzählst auch kaum etwas zu Ende. Alles ist eine Andeutung, die dir Würde verleiht.

Es ist mir etwas peinlich, aber gestern bin ich lange vor dem Spiegel gestanden und habe deinen Namen wiederholt und wiederholt und wiederholt. Das passt zu dir irgendwie. Man verliert sich in Kreisen. Dein Name klang bei jedem Mal anders. Du wirfst mich aus der Zeit. Einmal wache ich auf und bin mir ganz sicher, dass ich dich schon letztes Jahr gekannt habe. Dann wieder erscheinst du mir wie eine neue Bekanntschaft. Du bist ein Sprung in der Zeit. So sehr, dass du immer wieder die gleichen Schmerzen erleben musst. Egal ob Tag für Tag, Jahr für Jahr oder auch nur in den Ruinen deiner Erinnerung. Ich spüre, dass dir das wichtig ist. Das Erinnern und das Vergessen. Ich habe Angst, dass du diese Worte vergisst, während du sie liest. Ich habe Angst, dass du plötzlich eine andere bist. Mit schwarzgrauen Haaren und einer Zigarette, nervös vorausahnend, was als nächstes passieren könnte, nie mehr die Gegenwart sehend. Alles an dir ist eine Rückkehr.

Ich habe gehört, dass du einen Sohn hast. Ihr redet nicht viel. Du machst alles für ihn, verkaufst dich sogar. Es bricht mir ein wenig das Herz, aber du bist zu stoisch, zu erhaben für Mitleid. Schon als ich dich zum ersten Mal sah, sehr nahe, immer etwas aus der Schärfe fallend, hast du aufgeräumt. Du räumst auf und wiederholst auch das. Du bist stolz dabei. Du hast keine Angst. Auch nicht, wenn du von gierigen Blicken umzingelt wirst. Dann packst du die Männer und schleppst sie hinfort.

Ich habe dich aber auch beim Tanzen gesehen. Du tanzt langsam, du tanzt schnell. Oft in den Armen reicher, müder Männer. Vor riesigen Spiegeln in schwülen Nächten. Du entwindest dich ihrer Zuneigung oder lässt sie abwesend über dich ergehen. Du scheinst mehr als dass du bist. Du kannst so unglaublich gut müde und gelangweilt sein. In deiner Langeweile liegt immer auch eine Wut über dein Leben als Frau. Man spürt das so stark, weil es wie eine Krankheit in dir arbeitet. Du öffnest meine Augen dafür.

Und dann sehe ich wieder dich. Wieder mit irgendwelchen Botschaftern. Was willst du mit ihnen? Du dachtest, dass ihr bei einem normalen Essen seid und plötzlich fandet ihr euch auf einer Bühne wieder. Der Vorhang ging auf und ich sah dich. Ich war dort im Publikum. Du warst schön und hast nicht geschwiegen. Es ist keine Sache der Schönheit, sondern es sind andere Dinge, ja, andere Dinge, zum Beispiel von Verstand und Sinn.

Du kannst sehr kühl sein. Intellektuell, distanziert. Dann aber wieder eine geheimnisvolle Geste, die alles öffnet. Nie erliegst du dabei dem, was von dir erwartet bist. Immer bist du anders, immer wiederholst du. Ich bin mir sicher, dass ich dich wieder sehe. Aber nie, ob ich dich sehe.

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