Leuchttürme im Winter

Er ist krank, Hände ganz gebrechlich, schreiben einen Satz: Das Kino ist fern. Aber er sitzt schon, fiebrig auf den Wangen, sie haben ihm gesagt, dass er spazieren soll statt ins Kino zu gehen, wollte er nicht hören. Hände zittern, vielleicht noch einen Happen, vielleicht nicht. „Anne, ANNE“, ruft er, wild hechelnd, leise leidend, sie hört ihn nicht, ist nicht da, vielleicht ein Schatten auf der Leinwand. Er muss sie sehen. Vielleicht mit seinen Händen am Tisch, abstützende Bewegung, ein Lauf, den er sich vorstellt, bestehend aus vierundzwanzig Bildern in der Sekunde, seine Füße fliegen fast durch die Sekunden, die Augen auch, weil sie all das sehen, was zwischen den Schritten passiert. Er hustet, es bleibt hysterisch im Hals stecken, es ist die fiebrige Gesinnung, die ihn leiden und atmen lässt. Er ist krank, er ist es noch nicht lange, aber heftig. Seine Hände wirken wie nach dem Bad. Er blickt sie an, will sie nicht sehen. Ob er nochmal genesen würde, fragte er, sie nickten nicht, schüttelten nicht den Kopf, es war etwas dazwischen. Der Tisch, er stützt sich auf ihn, der Staub auf dem Holz flackert im Fensterlicht, außen steht eine vom Regen zerfressene Kamera, aus ihr kroch ein dicklicher Wurm vergangenen Herbst, weshalb er sie dort stehen ließ, schlechtes Omen, schlimmes Omen, dachte er.

Das Kino ist fern, sie hatte es ihm immer gesagt: Wenn du mal krank wirst, wird das Kino nicht für dich da sein, deine Augen werden nicht hungrig sein, du wirst nichts im Blick haben, was dich besänftigt, was dir zärtlich vom Tod erzählt. Das Kino wird nicht mal auf dein Grab geschmissen werden. Vielleicht eine Blume dachte er, wuchs doch der erste Moos auf der Leinwand in seinem tropfenden Keller, vielleicht eine schöne Blume, die über meine Lippen streicht wie die Kuppe eine Fingers aus Wasser. Eine projizierte Blume. Sie könnte seine Lippen verändern. Vielleicht nicht, also der Tisch, er erzürnt sich nicht über den schwachen Körper, der sich in ihn biegt. Er ist krank und will nichts mehr hören und sehen. „Anne, ANNE“, schreit er, Blut unter seinen Augen. Es tropft auf die Erinnerungen an das, was er gesehen hat. Am Strand, als er seinen ersten Film gebaut hat. Mit dem Rücken zu den Möwen, ihre Schreie über dem sich entfernenden Meer. Das Fieber hatte im Kino begonnen, seither nicht aufgehört, der Husten bestand aus Bildern, die er nicht mehr sehen konnte. Er sah immer gebrechlich aus, das Kino hatte ihm das gesagt, hatte ihn gewarnt, dass er so enden würde, aber er wollte das immer wieder sehen, sein Ende im Licht einer Nacht. Er konnte kaum mehr gehen, er war krank. Schritt für Schritt, vielleicht noch dieser Film? Seine Hände im Sand verbuddelt, der erste Film, ein blaßes Bild unter den Wolken, das von den ersten Wellen davongetragen wurde, ein Film aus Sand. Seine Lippen eine Wüste, er musste durch die Sonne, um das Kino zu erreichen. An der eigenen Tür überwindet er seinen Schatten, der ihn zurück in den Projektor drängt. Am Strand sieht man noch immer die Spuren seines ersten Films im Sand verwischen. Seine Mutter hatte ihn gesucht, immer nur Mütter, die suchen. „Du fällst mir schwer.“, hatte seine Mutter ihm gesagt, mit einem Hut, den sie mit ihren krallenden Finger behutsam rettete. Sie war Fiktion in ihrer Geistlichkeit. Wenn du mal krank wirst, wird das Kino nicht für dich da sein, doch nicht das Kino mit seinen Gespenstern und Lügen.

Aus der Kamera wuchsen Blumen, das hatte ihn gefreut. Er hatte sie sogleich an den Strand gebracht, um sie allen zu zeigen dort in den Dünen. „Meine Kamera,“, sagte er „ist eine Blumenkamera“. Jetzt ist er krank, die Straßenbahn kommt nicht, das letzte Wasser des Regens perlt an der Glasscheibe des Wartehäuschens, womöglich ist es auch der Dunst der Sommerschwüle, wozu auch Jahreszeiten. Wenn er es ins Kino schaffen würde. Auf dem Asphalt tummeln sich die ersten Ameisen, es wird keinen Regen mehr geben. Er stützt seine linke Hand auf den zittrigen Oberschenkel, die rechte Hand drückt sich in den Gehstock, den er so gut es geht ignoriert. Man sieht jede Ader in seinem Gesicht. Es war so ein Tag, würde man die Augen schließen, wäre alles gelb und blau. Die Wolken sammelten sich nie, sie waren eine unsichtbare Kraft über der Sonne. Man würde nur Verwirrung sehen. Er dachte an das weiße Leinentuch, von dem er geträumt hatte, er dachte daran, dass er eigentlich nicht ins Kino gehen konnte. Jemand lachte laut neben ihm, es war ein solches Lachen, das ein Gesicht erahnen lässt. Er solle doch lieber spazieren, das wäre gesund. Das Lachen kam aus dem Gesicht eines Jungen, dessen Hand in den Haaren einer Frau, wie im Kino, größer als die Sonne. Der Bus ächzte als er vor ihm stand, die Tür öffnete sich mit dem Heizungsdruck, der ihm in den Wimpern hängen blieb. Von der Leinwand wehte nie ein Wind, es war immer ganz still, ganz konzentriert, nicht so laut.

Er hatte sich angewöhnt, nicht zu sprechen im Kino, das Kino über sich ergehen zu lassen, irgendwann hatte er es dann auch so mit dem Leben gemacht. Im Bus schlief er beinahe ein, das Ächzen, das Brummen und die Heizungsluft, seine Hand war wie aufgeweicht, er sah aus dem Augenwinkel den Jungen, ob er auch ins Kino ging? Er sah, dass sich die Lederjacke des Jungen aufzulösen begann, sie war wohl im heißen Regen gehangen. Der Körper des Jungen war voller Mitgefühl, ohne dass er das merken musste. Es gab eine Zeit, da wusste er, wie ein Mensch war, wenn er ein Bild, das dieser Mensch gemacht hatte, vor sich sah. Heute konnte er einen Menschen sehen und wusste, was für ein Bild dieser Mensch machen würde. Er sah es ganz genau, eine Frau im Profil, im Inbegriff einer Zigarette, aber noch ohne Atem. Ein Geständnis: Er war zu krank, um ins Kino zu gehen, es war auch zu heiß und zu kalt, zu nass und zu trocken. Seine Haut löste sich unter den Augen, sie wurde hinweggeschwemmt.

Irgendwann stand er, er weiß nicht mehr wie, vor dem Kino, das mit roten Buchstaben verkündete, dass es ein solches sei. Vielleicht ihr Schatten dort auf der Leinwand, das was sie ihm auf den gefrorenen Flüssen versprochen hatte, die Blumen aus der Kamera, der letzte Film, der erste Film im Meer taumelnd. Schreib mir doch wenigstens einen Brief, hörte er irgendwo eine Stimme, seine Stirn tupfte sich im grellen Licht des Tages. Er suchte die Nacht, wieder das, jemand müsste ein Portrait von ihm machen: Der Mann im Sterben auf dem Weg ins Kino, will sich in ein Bild retten, damit er vergisst, dass er stirbt.

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