Oh Boy oder warum geht es nicht weit genug?


Ich habe etwas länger gewartet bis ich mir den Stern am deutschen Kinohimmel des vergangenen Jahres (beziehungsweise schon 2012 ) angesehen habe. Der Spiegel bezeichnete den Film als einen „Glücksfall für das deutsche Kino“ und überall wird hervorgehoben, dass Regisseur Jan Ole Gerster mutig auf wirkliche Charakterentwicklung verzichtet und ganz außerordentliche neue Wege geht. Als ich den Film mit den entsprechenden Erwartungen anschaue, bin ich fast schockiert . „Oh Boy“ ist eine einfache, einigermaßen gelungene Beobachtung eines jungen Studienabbrechers in Berlin, der dort einen Tag verbringt, an dem vieles schief läuft. Die klassische Konstellation (ein Mann gegen den Rest der verschworenen, bizarren Welt) einer amerikanischen Komödie, nur dass der Klamauk sich bei Gerster oft in absurde Stille verkehrt. Ein jazziger Score erinnert an Woody Allen, auch der schwarz-weiße Look könnte von Allen sein, ja selbst die Figuren und der Rhythmus könnten von Allen sein, aber auch die Drifterphase der Nouvelle Vague oder coenesque Komödien standen hier Pate. Ein bisschen Kafka wird auch in den (nicht vorhandenen) Kaffee gerührt und schließlich hat man den besten deutschen Film des Jahres? Da bin ich mir nicht so sicher. Schauspiel, Kamera und Musik sind auf dem obersten Level. Insbesondere Hauptdarsteller Tom Schilling überzeugt in seiner passiven Frustration, durch die ganz selten ein Funkeln huscht und er trifft damit sicherlich den Nerv bezüglich vieler junger Nicht-Studenten seiner Generation. Auch Ulrich Noethen als Schillings Vater überzeugt. Die schwarz-weiß Ästhetik unterstreicht das jazzige, improvisierte Leben des Protagonisten und die Kargheit des seltsam feindlichen und doch wiedererkennbaren Berlins. Ansonsten ist der Umgang mit der deutschen Hauptstadt keineswegs besonders originell oder vielschichtig. Gerster fühlt sich immer wieder hingezogen mit einer etwas lauten Subtilität auf die Stadt als weiteren Charakter hinzuweisen. Er zeigt im Hintergrund Bilder der Wahrzeichen. Das Schlechte daran ist, dass er sie überhaupt zeigt (man würde merken, dass es Berlin ist ohne Friedrichstraße und Fernsehturm), das Gute daran ist, dass er sie oft mit dem leeren oder fragenden Blick seines Protagonisten unterschneidet und damit ein großes Fragezeichen auf die Stadt legt. Als er am Ende aber eine bildliche Untermalung von imaginierten Peter Fox Lyrics wagt, offenbart er doch, dass er es ziemlich cool findet, einen Film über sein Berlin zu drehen und eine merkwürdige Ambivalenz zwischen Abgesang und Lobgesang auf die Stadt tut sich da auf. Schon zu Beginn des Films wird „Taxi Driver“ zitiert und man erinnert sich unweigerlich an den letzten schwarz-weißen Abgesang auf eine Stadt, der das tat, nämlich „La Haine“. „Oh Boy“ nimmt genau wie „Taxi Driver“ und „La Haine“ den Point of View eines Außenseiters unter vielen ein. Allerdings ist der deutsche Außenseiter in der Gesellschaft integriert, er ist kein Gewaltverbrecher. Der deutsche Außenseiter ist Existentialist ohne Lust sich als solcher zu bezeichnen. Er wandert durch die Stadt und eigentlich kümmert sie ihn nicht. Deshalb verstehe ich nicht, warum die Stadt so involviert werden muss. Sowohl New York als auch Paris sind in den angesprochenen Filmen Feinde der Hauptfiguren, sie liefern eine Aggressionsfläche, aber in „Oh Boy“ könnte Berlin auch viele andere Studentenstädte sein. Für den Protagonisten ist das herzlich egal. Gerster scheint es hier mehr, um das persönliche Element und die Absurdität gewisser hauptstädtischer Phänomene zu gehen. 
Das größte Problem scheint mir in der Charakterzeichnung zu liegen. Außer der Hauptfigur sind alle Charaktere sehr grob überzeichnet, ihr Verhalten ist stereotyp, einer Komödie angemessen. Dadurch ermöglicht der Film nicht, dass man sich auf einer Gefühlsebene mit der Hauptfigur identifiziert. Das durch die Welt treiben wird nur von außen gefilmt und obwohl die Kamera mit zahlreichen Suchschwenks immer wieder versucht das Drifter-Feeling zu transportieren, muss man doch mehr lachen als fühlen. Es spricht natürlich nichts dagegen eine solche Komödie zu drehen, aber wenn viele Kritiker darin ein Portrait einer ganzen Generation sehen und einen Film, der eben über sein bloßes Dasein als nette Komödie hinausreicht, dann ist das schlicht nicht nachvollziehbar. Eine gebundene, kohärente Narration, cleveres Verschwinden und Wiederauftauchen von Figuren und ein durchkomponierter Rhythmus kanalisieren hier ein Leben, das eigentlich ohne Ordnung abläuft. Keine einzige Sekunde fühlt man sich so verloren wie die Figur, denn immerzu wird alles zusammengehalten. Die Nebenfiguren verhalten sich nie so realistisch, dass man sich ertappt fühlt, sondern immer ein wenig over-the-top. Gerster spielt Jazz mit Noten. Der Film schwebt immer einige Meter über der Realität, in einem Zustand des Träumens. Man mag argumentieren, dass dieser Zustand genau jenem der Hauptfigur entspricht, aber dann frage ich mich, warum Gerster so wenig Zeit für tote Zeit verwendet. Seine Momente des Nichts, die doch eigentlich den Hauptteil des Lebens ausmachen, sind integriert in Montagesequenzen oder lustige Zwischenfälle. Nie transportiert sich die Ausweglosigkeit wirklich, denn man wird zu sehr unterhalten. Denkt man an den Anfang von „Je tu il elle“ von Chantal Akerman oder etwa Oliver Assayas und seine Auseinandersetzungen mit Jugend bemerkt man schnell, dass man viel weiter gehen könnte, um eine Generation ohne Lust und ohne Perspektive zu zeigen. Wie schon Heinrich Heine bemerkte ist Deutschland eben ein Land des Träumens und nicht der Erde. Körperlichkeit und harter Realismus sind kaum vorhanden. „Oh Boy“ geht nicht weit genug. Das ist kein Plädoyer für Identifikation im amerikanischen Stil, sondern für Radikalität und tatsächliche Wahrheitssuche in der Darstellung vom Leben. Daher bemerkt man auch jederzeit (und die Kritiker haben das in Scharen getan), dass die melancholische Stimmung des Films konstruiert ist. (toll, wie schön, dass konstruiert ist…). Als könnte man Stimmungen konstruieren.
Das kann man dem Film aber nicht wirklich vorwerfen, denn schließlich scheint Gerster eher in Richtung einer Woody Allen artigen intellektuellen Auseinandersetzung mit einer Figur gezielt zu haben. Und das gelingt ihm auch ganz vortrefflich, sicher besser als Allen in seinen letzten Filmen. Die Frage scheint eher zu sein, warum dieser Film so gehyped wird. Für einen Debütfilm ist „Oh Boy“ mit Sicherheit herausragend, aber wie viele unterhaltsame, intelligente Komödien kann dieses Land denn noch vertragen? Die Seitenhiebe auf den Kulturbetrieb (Nazi-Thematik, Off-Theater) lassen sich ganz leicht auf den intelligenten deutschen Film dieses Jahrtausends verkehren. Es wird nachgedacht, es wird alles gut gemacht und am Ende bleibt ein weiterer Film, der wunderbar ins Fernsehen passt und niemanden stört. Ich gebe zu, dass es andere, weitaus schlimmere Filme gegeben hätte, um diese generelle Kritik zu äußern, aber „Oh Boy“ ist in diesem Fall Opfer seiner eigenen Beliebtheit, die ich ganz offen hinterfragen möchte, geworden.

The Spectacular Now von James Ponsoldt


Text: Rainer Kienböck
Und dann, für einen kurzen Augenblick übertönt dein Herzschlag den Ton aus den Lautsprechern und genau in diesem Moment wird das Bild schwarz und für einen kurzen Moment bist du dir nicht sicher, ob du nicht versehentlich die Augen geschlossen hast – das kann nur Film.
Das geniale an Filmen ist, dass sie es schaffen eine intime Beziehung zwischen mir, dem Zuseher, und den Charakteren im Film herzustellen. Ein guter Film schafft es diese Intimität so weit zu treiben, dass man sich als Teil der Filmwelt fühlt. Man ist nicht materiell präsent – im Kino werden Schattenbilder auf eine weiße Leinwand projiziert, und selbst die Bilder am TV-Screen sind nicht greifbar wie ein Gemälde oder eine Skulptur – und doch besitzt Film eine intime Präsenz.
Es ist dieser Zwiespalt aus dem beinahe körperlichen Eintauchen in die Filmwelt und der unnahbaren Illusion, die Film zu meinem Lieblingsmedium macht. Eine spannende, faszinierende Ambiguität.Was führt mich zu diesen Überlegungen? Ein Film, der wieder einmal einer dieser magischen Achterbahnfahrten glich. Kein Tarkowski oder Kubrick, wo man ob der Schönheit der Bilder ins Staunen kommt, wie bei einem Gemälde, kein Hitchcock oder Spielberg, der einen durch psychologische Raffinesse in Spannung versetzt, „The Spectacular Now“, ist ein Film, der einen in seine Welt einlädt, beim Herzen packt und nicht mehr loslässt.Dann wundert man sich nicht mehr, wie Shailene Woodley als High-School-Schülerin ein Dasein als Mauerblümchen fristet, sondern man verliebt sich in ihre Augen, so wie Miles Teller in ihre Augen verliebt. Dann wundert man sich nicht über ebenjenen Teller, der eindeutig zu viel trinkt und danach eindeutig nicht mehr mit dem Auto fahren sollte, sondern man wünscht sich selbst einen Schluck aus dem Flachmann. Dann wundert man sich nicht mehr, dass Kyle Chandler (als Tellers Vater) keine Autoritätsperson in Anzug spielt, sondern ist enttäuscht, dass er ein unzuverlässiger Taugenichts ist.
Es scheint so, als ob die vielgescholtene amerikanische Kinolandschaft abseits des allerschlimmsten Mainstreams, Jahr für Jahr zumindest eines dieser magischen Coming-of-age Dramen produziert. Letztes Jahr war es „The Perks of Being a Wallflower, dieses Jahr ist es „The Spectacular Now“. Ich denke diese Filme sind nicht universell und ich fürchte die Zeit, in der ich aus der Thematik hinauswachse, aber für den Moment ist dieses Genre wohl jenes, dass am beständigsten diese magischen Achterbahnfahrten hervorbringt.Im Zeitalter der Postmoderne in dem wir uns befinden, hat sich das Neuzusammenfügen von altbekannten Elementen zur gängigen Kulturpraxis entwickelt und gerade Coming-of-age Storys kauen wieder und wieder die gleichen Sujets durch. „The Spectacular Now ist da keine Ausnahme – von der ersten bis zur letzten Szene kann man zu Recht behaupten, dass hier bloß eine altbekannte Formel heruntergeleiert wird. Wenn man das tut, hat man aber einen der besten Filme des Jahres verpasst, und sich bewusst dagegen gewehrt, sich von der atemberaubenden Chemie der beiden jungen Hauptdarsteller verzaubern zu lassen.
Der 18-jährige Sutter Keely (Miles Teller) wird von seiner Freundin verlassen, und trifft nach einem kurzen Tief Aimee, ein „hässliches Entlein“ (dass Woodley als Außenseiter nur wenig glaubwürdig ist, habe ich schon erwähnt, die Inszenierung macht aber deutlich, welche Rolle sie auszufüllen hat), und macht es sich zur Aufgabe, deren innere Schönheit nach außen zu kehren. Dass die Beweggründe für Sutters Verhalten unklar bleiben kann als interessante Abwechslung gewertet werden. Weder verliebt er sich beim ersten Blick in sie, noch wettet er mit seinen Kumpels – er kommt ganz einfach mit ihr ins Gespräch und findet sie sympathisch. Natürlich verlieben sie sich, so viel darf verraten werden, und während sie beide mit familiären Problemen kämpfen und ihre Zukunft am College planen braut sich ein genre-typisches, furchtbar melodramatisches, furchtbar schönes, Ende zusammen.
Worum es geht ist also in einem kurzen Absatz abgehandelt, die Charaktere sind auch nicht wirklich komplex. Sutter ist ein cooler Partyhengst mit einem angehenden Alkoholproblem, seine Mutter alleinerziehend und selten zu Hause. Aimee ist Mangaliebhaberin, Bücherwurm und Einserschülerin. Sutters Exfreundin ist Cheerleaderin und nun mit dem besten Sportler der Schule zusammen. Sie alle sind liebenswert, aber nicht gerade komplex oder neu – die Charaktere eines John Hughes waren in dieser Hinsicht besser geschrieben.Aber die Chemie zwischen Teller und Woodley hält den Film zusammen. Regisseur James Ponsoldt hat unglaubliche Performances aus seinen Hauptdarstellern herausgepresst. „The Spectacular Now zeigt wozu zurückhaltende Hollywood-Ästhetik und solide Dialoge fähig sind. Das Endresultat ist auf jeden Fall spektakulär. Aus so viel Ramsch und Mittelmaß ein so tolles Gesamtergebnis zu schneidern zeugt von Talent und Verständnis für die Materie.

Die 13 Momente des Kinojahres 2013


Wie jedes Jahr möchte ich auch 2013 zum Ende des Jahres meine persönlichen Momente und Einrücke des Kinojahres zusammenfassen. Dabei geht es nicht um die Auflistung irgendwelcher „Besten Filme“, die dann in einigen Monaten sowieso wieder hinfällig werden würde, sondern um Bilder und Töne, die seit ich sie wahrgenommen habe nicht mehr aus meinem Kopf verschwinden. Ich lege dabei weder Wert auf hierarchische Reihenfolgen noch auf das Datum des internationalen oder deutschen Kinostarts. Es geht lediglich darum, dass ich diesen Film 2013 im Kino gesehen habe. Allerdings sind alle ausgewählten Momente aus Filmen, die für mich zu den Höhepunkten des Jahres gehören.
Norte, the End of History von Lav Diaz-Hunde, Morgenlicht
In einer langsamen, seitlichen Fahrt in der Morgendämmerung offenbart sich die Farbe im Kino von Lav Diaz am eindrücklichsten. Bis in die tiefsten Tiefen des Bildes erstreckt sich ein purpurner Morgen mit Vögeln und Hunden von unglaublicher Schönheit. Ein Fenster öffnet sich, heraus sieht die Frau, die vom Leben gestraft wurde. Ihr Mann ist ungerechterweise im Gefängnis, sie muss sich einem Leben ohne Hoffnung stellen. Ein Motorrad kommt ins Bild gefahren, die Hunde schauen nebenbei. Hier trifft sich die Essenz dieses Films, eine Mischung aus Banalität, Schönheit, Epik und Sehnsucht. Die Kamera ist mitten im Geschehen und doch schwebt sie darüber hinweg.
Poziția Copilului von Călin Peter Netzer-Mutter, Gesicht
Der Moment in Netzers Berlinale-Gewinner spielt sich im Gesicht der Mutter ab. Der Film stellt auch die Frage wie lange man Härte betrachten muss, damit sie weich wird.  Luminița Gheorghiu legt als Cornelia eine solche rationale Präsenz in die ersten Minuten als sie erfährt, dass ihr Sohn einen Unfall verursacht hat, dass man ihre Blicke und Gesten und Worte nie wieder los wird. Dieser Moment streckt sich eigentlich über den ganzen Film, aber besonders wenn sie das Theater verlässt und die Kamera sie begleitet, greift sie über den Realismus des Films hinaus, scheint sich im Kreis durch das Kino zu bewegen. Verzweiflung hat selten so mächtig und einschüchternd gewirkt.
La Vie d’Adèle : Chapitres 1 et 2 von Abdellatif Kechiche-Mund, Körper
Wir bleiben bei einem Gesicht, genauer bei einem Mund. Der geöffnete Mund von Adèle Echarchopoulos in fast jeder Nahaufnahme. Sinnlichkeit und Körperlichkeit werden in ihrem charakteristischen Mund eingefangen. Beim Essen, beim Küssen, beim Atmen. Alles geschieht über ihren Mund, der die Verbindung zur Welt ist und gleichzeitig tief in sie hinein führt. In ihrem Selbstfindungstrip ist sie von Anfang an ein Magnet für die Kamera, alles versucht sie zu umschlingen, alles folgt ihr, während sie sich noch gar nicht gefunden hat.
The Loneliest Planet von Julia Loktev-Sekunden, Fehler
In einem Film, der sich darauf fokussiert, wie sich in einem kurzen Moment sehr vieles verändern kann, ist es nicht schwer, jenen Moment zu finden. Als Nica und Alex in der georgischen Wildnis plötzlich von einem Mann mit einer Waffe bedroht werden, reagiert Alex mit einem Reflex, der sein komplettes weiteres und vorheriges Verhalten in Frage stellt. Gefühle, die sich aus Sekunden füllen und die Frage nach den wackeligen Stelzen auf denen die Liebe geht. Der Film füllt die Momente, in denen man nicht hinsieht.
La Jungla Interior von Juan Barrero-Busch, Sperma
Eine Befruchtung mit einem lebendem Busch oder Baum zu zeigen, in dessen Moos eine weiße Flüssigkeit gerieben wird, ist einer der Kunstgriffe des Jahres. Es ist der einzige Moment von Abstraktion in einem ansonsten völlig privaten Stück Kino. Dennoch gehen die Bilder fließend ineinander über, weil der intime Blick der Kamera voller Poesie ist und die Metaphorik der Szene sich mit der Offenlegung persönlicher Erlebnisse verbindet. Der menschliche Körper und seine Fruchtbarkeit, seine Anziehung und Abstoßung, seine Natur. 
Like Someone in Love von Abbas Kiarostami-Glas, Schwarz
Die Ruhe des Films ist trügerisch. Man weiß, dass Abbas Kiarostami in seinen letzten Bildern gerne völlig neue Richtungen einschlägt, aber hier ist es eher die brennende Ruhe, die einen in einen Zustand der Erwartung versetzt. Man weiß nur nicht, was man erwartet bis man es sieht. Und wenn man es gesehen hat, dann hört der Film auf. Der Moment in diesem Film ist daher das Schwarzwerden des Bildes, nachdem ein Gegenstand durch die Fensterscheibe geflogen kommt und der sympathische alte Herr zu Boden geht. Wie ein brutales Aufwachen aus einem mulmigen Traum.
Història de la Meva Mort von Albert Serra-Glas, Lachen
Wenn Casanova mit einer Frau schläft, dann lacht er. In einem wunderschönen Bild fängt Serra diesen Moment. Einem Gemälde gleich hinter einem Fenster schleicht sich eine gemütliche und doch bedrohliche Schönheit durch den Kinosaal. Am linken Rand eine weitere Frau. Fast ein Stillleben. Das angestrengt stöhnende Lachen von Casanova ist zu hören. Die Natur ist zu hören. Es ist ruhig und gleichmäßig. Und plötzlich springt das Fenster und zerklirrt in tausend Scherben. Ein ohrenbetäubender Schock als Orgasmus, als Schmerz, als Weckruf.
Prisoners von Denis Villeneuve-Schlangen, Loki
Es gibt Thriller, bei denen vergisst man recht schnell, dass sie Thriller sind. So ist das auch bei Denis Villeneuve und seinen vor Spannung geladenen Suchspielen, Dramen und Charakterstudien. Detektive Loki ist dabei gleichzeitig gar nicht aus der Ruhe zu bringen und in ständiger Unruhe. Man verliert sich in den Charakteren und umso plötzlicher, ja gewaltvoller erscheint es dann, wenn aus dem Nichts Schlangen in dieser kalten nordamerikanischen Atmosphäre auftauchen. Ein Schock für Loki und den Zuseher, der sich in Sekunden in bloße Lust am Sehen verwandelt.
La Grande Bellezza von Paolo Sorrentino-Party, Zeitlupe
Berauschender kann man kaum in eine Welt geworfen werden wie in den ersten Bildern des Lebens von Jep. Dröhnende Beats und eine alles umschlingende Schönheit mit virtuosen und völlig losgelösten Kamerafahrten und kurzen Eindrücken völlig ausgelaugter Gesichter legen die gesamte Faszination und Müdigkeit der eigenen Dekadenz in nur wenigen Bildern nahe. Am Ende zeigt er sich selbst und die Bilder verlangsamen sich. Aber nur kurz.Dann schwebt Sorrentinos Blick wieder durch Rom.
Stray Dogs von Tsai Ming-liang-Zwei, Tränen
In einem Schuss, der aus slow cinema ganz schnell still cinema macht, stehen ein Mann und eine Frau nebeneinander. Sie berühren sich nicht. Sie betrachten ein Bild Off-Screen. Es gibt Tränen, es gibt die Zeit, es gibt zwei Gesichter und den Raum zwischen ihnen, der sich verkleinern wird. Das Unsichtbare zeigt sich nach und nach in dieser Einstellung, es brennt sich durch das Bild, um zu einem wahren Gefühl zu stoßen. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Trauer, Liebe, Anziehung, Abstoßung, alles trifft sich in diesem Moment der Stille.
L’inconnu du Lac von Alain Guiraudie  -Wasser, Mord
Aus dem Wald beobachtet Franck eine schreckliche Tat. Er ist weit weg, aber er kann alles sehen. Das Wasser bleibt völlig ruhig, es ist fast friedlich. Nichts wird schneller oder langsamer, es ist einfach nur ein voyeuristischer Moment, der Gewalt und Faszination, Gefahr und Leidenschaft auf einmal denkt und damit vieles, was im weiteren Verlauf passieren wird schon trifft. Die räumliche Konstruktion des Sehens und Gesehen-Werdens könnte präziser und effektiver nicht sein.
Pine Ridge-Schießen, Hendrix
Viele Bilder aus dem Indianerreservat gehen einem nicht aus dem Kopf. Die scheinbar sinnlose Freude des Schießens auf Gegenstände, die Geräusche der Waffen, die freudigen Gesichter der Jugendlichen verlieren sich allerdings für einen Moment, indem Jimi Hendrix beginnt zu singen „There must be some kind of way out of here“ . Und es wird einem bewusst, welches Gefängnis man gerade betrachtet.
Medeas von Andrea Pallaoro-Hund, Staub
Eine Staubwolke bleibt zurück und in ihr verschwindet, der in die Wüste ausgesetzte Hund. Ein Moment irrationaler Brutalität, ein Moment von Einsamkeit. Nachdem der Hund seinen Sohn gebissen hatte, packt der Vater ihn und setzt ihn in der Wüste aus. Wer seiner Familie etwas Böses tut, wird bestraft. Der eigentliche Moment ist die Rückkehr des Hundes, als alles zu spät ist. Er rettet sich wild hechelnd ins Haus und fällt zu Boden. Er ist voller Würde.

Fanboys: The Hobbit: The Desolation of Smaug von Peter Jackson


Vor kurzem habe ich mich mit einem Freund über die Atomisierung der Cinephilie ausgetauscht. Die Völlige Verteilung des Kinoliebenden aufgrund der neuen Sehgewohnheiten und Möglichkeiten, aufgrund der unzähligen Alternativen, die sich einem jenseits des aktuellen Kinoprogramms mit On-Demand Services, illegalen Streams und Downloads, dem DVD- und BluRay Markt und so weiter täglich ergeben. Wir haben von einer unendlichen Liste an nicht-gesehenen Filmen gesprochen, von der man sich immer wieder distanzieren muss, weil es sonst nur noch um das utopische Ziel gehen könne, alle Filme von der Liste zu streichen. Was dieser Art von Kinoliebe oft fehlt, ist ihr sozialer Faktor, ihr agitatorisches Massenpotenzial, das Kino propagiert. Stattdessen zieht man sich in seine Kämmerchen zurück und betreibt Filmeschauen, als eine Art Marathon. Man findet viele Menschen, die mit einem laufen, aber es geht zu sehr darum, wer mehr und was gesehen hat und zu wenig darum zu sehen. Da ich mich selbst nicht frei machen kann von diesem Drang freue ich mich sehr, dass Rainer Kienböck sich in seinem folgenden Bericht als Mittelerde-Fanboy outet und das Gefühl über die Vernunft siegen lässt. Denn irgendwo liegt in der oft als „Fankultur“ abgespeisten Masse an Menschen, dann doch jenes soziale Element, das der differenzierten Cinephilie abhanden kommt. Vielleicht kann man davon einiges lernen, vom Kino als Medium der Massen, das zu Verkleidungen und Mitternachtsanstehorgien verleitet. Natürlich stellt sich im derzeit ja sehr heftig geführten Diskurs, wo bei so einem Blog wie „Jugend ohne Film“ die Grenze liegt zwischen: Da schreibt irgendeiner über Dinge, die er mag als Fan und da schreibt jemand als Journalist und so weiter. Meine Antwort dazu ist relativ knapp: Es geht darum über Film zu schreiben.
A Fanboy’s Life: Midnight Screening Frenzy
Text: Rainer Kienböck

Schafe und Lemminge sind sie! Strömen in die Kinosäle um sich gehypten Müll vorsetzen zu lassen. Sie merken nicht einmal welchen Dreck sie da zu sehen bekommen, und nachher sind sie hellauf begeistert vom sinnbetäubenden Spektakel.
Die dummen Massen, gerne schere ich sie über einen Kamm und verurteile sie. Deshalb beschämt es mich zuzugeben, dass auch ich, selten, aber regelmäßig, zum Schaf werde. Dafür gibt es zwei Gründe: Star Wars und Mittelerde. Mir Filmsnobismus vorzuwerfen ist durchaus legitim, ich gebe offen zu oft nicht verstehen zu können, was die Massen an abendfüllenden Blockbustern begeistert oder unterhält. Ich scheine Filme mit anderen Augen zu sehen, als viele meiner Freunde und Kollegen. Doch selbst meine kinoerprobten Augen erliegen immer wieder dem Blendwerk zweier Männer: Peter Jackson und George Lucas. Über die rare Gelegenheit, einen Film unreflektiert ansehen zu können – ein zugleich erschreckendes und erleuchtendes Erlebnis – handelt mein Bericht.
Mittwoch der 11. Dezember 2013, ein grässlicher Tag. Es ist schweinekalt. Eine halbe Stunde vor Mitternacht stehe ich auf der Wiener Mariahilfer Straße und lasse mich noch von einem FM4-Reporter über den Status Quo des österreichischen Films interviewen. Eine halbe Stunde noch, dann geht es los. Vorfreude? Nicht wirklich, ich bin kritisch eingestellt. Der erste Teil von Peter Jacksons The Hobbit-Trilogie hat mich zwar begeistert, doch umso länger ich über ihn nachgedacht habe, desto mehr Fehler und Ungereimtheiten sind mir aufgefallen. Nichtsdestotrotz, ich mochte den Film, und ich mag ihn noch immer – und dennoch, ein weiteres Mal wird es Jackson nicht schaffen mich mit solch einem lauwarmen Feuerwerk zu bannen! Im Foyer tummeln sich unzählige Besucher, die auf den Einlass warten, man erspäht einige Verkleidungen und sogar ein paar spitze Elbenohren. Langsam strömen die Massen in den Saal, und während man noch über die 3D-Brillen lästert und sich über Details des ersten Teils beschwert, verdunkelt sich der Saal. Werbung. Der Film beginnt. Wie immer im Haydn-Kino versperren einem noch kurz die Zuspätkommenden (das Haydn ist wahrlich die Hochburg der Unpünktlichen) die Sicht auf die Leinwand und verhindern die sofortige Immersion. Und dann: der erste Blick auf mein geliebtes Mittelerde – der erste Gedanke: ich mochte es noch mehr, als es noch nicht größtenteils aus Bits und Bytes bestand – setzt sich mein kritischer Verstand doch durch? Spätestens nach fünf Minuten lässt sich diese Frage getrost mit Nein beantworten – die Anziehung Mittelerdes ist zu stark. Wieder bin ich verschluckt worden von dieser Effektmaschinerie, lasse völlig unreflektiert die 1en und 0en auf mich eindreschen. Und das Schlimmste daran: es gefällt mir. Etwa 160 Minuten später stehe ich wieder auf der Mariahilfer Straße. Nach etwa 145 Minuten gebannten Zusehens und 15 Minuten krampfhaft verschlossener Augen (galoppierende Arachnophobie hat seine Nachteile) diskutiere ich über die Unzulänglichkeiten des Skripts, das Übermaß an CGI (Merke: weniger Budget für Drachendesign, mehr für flüssiges Gold) und spotte über Jacksons Entscheidung dieses dünne Kinderbuch zur Trilogie auszuschlachten (man erdichte ganz einfach drei Stunden an Screentime selbst, die man seinen Buddies aus Herr-der-Ringe-Tagen für Cameoauftritte zur Verfügung stellt).
Es ist drei Uhr nachts, und sehr gerne würde ich noch weitere Stunden zubringen den Film zu zerreißen. Er zählt trotzdem mit zum Besten was das Kinojahr 2013 zu bieten hat – das Schaf in mir hat entschieden.

Hunting the Northern Godard by Éric Morin


Cinema is sexy. Cinema was sexy. “Hunting the Northern Godard” by Éric Morin is a piece of nostalgic revolution, a search, not for the eponymous famous director, but for the kind of cinema he stood for: Revolutionary and sexy! (At least in the beginning…) Morin, a Canadian music video director makes his first feature film a colorful homage to the early hipster films of the Nouvelle Vague without ever achieving their deepness, richness and diversity. It almost seems like he has watched more screenshots of Anna Karina in “Pierrot Le Fou” than actual movies. In the end his debut feature offers light entertainment with some charming moments and nothing more.

The film is about the people of Abitibi, a remote little town in Northern Canada. Based on true events the French, by then rising firmament of world cinema, Jean-Luc Godard arrived in the snowy city to exercise a television revolution. He wanted to give voice to the people, the workers and housewives and the broadcasting station gave him a carte-blanche. The movie shows how Godard’s henchmen execute the radical ideas of the famous director, who in the meantime travels the forests to take some photos and sleep with Indian girls. It is also the story of a collapsing relationship and of Marie, a young inhabitant of Abitibi with a strong desire to leave her daily routines. Morin’s Anna Karina is beautiful actress and Canadian shooting star Sophie Desmarais. The camera just falls in love with her big eyes and her movements and sometimes it feels like the director loses his contact with the narrative just to capture beautiful movements of Desmarais. Conveniently, she is told by her wooing co-worker that she should be an actress because of the way she holds her cigarette. There are at least two scenes that show the talent of Morin. The first is when the boyfriend of Marie tells her a story of animals being shot and every time he says “Bang” a loud shooting-sound shocks you accompanied by the image of a falling deer. And the last shot when Marie heads to an uncertain future with the camera just exploring her face and her tears, while she sits in the back of a taxi. 

But the script lacks too many things to go unnoticed. The political issues are confusing as well as the character of Godard who is portrayed as a hovering ghost above the project but remains a caricature of his artist personality. He always smokes, rarely talks and is victim of some bad jokes. How political nostalgia could have been portrayed in a more charming and intellectually satisfying way shows, for example Pablo Larraín’s “No”. The problem with “Hunting the Northern Godard” is that it never really knows where it goes: Comedy, drama, history lesson, revolutionary movie, movie concerning revolution, movie concerning television, melodrama, coming of age and gender issues all mix up to an average arthouse chaos.

In the end the rural people of Abitibi dismiss the idea of a democratic television structure. In a metaphorical scene the local workers shoot some helpers of Godard leaving him alive in the snow. Morin offers glimpses of a modernist approach to sexy cinema when he goes further than you would expect him to do. But it is the urge to give his characters reasonable motivations, to stick to a certain tradition of storytelling, which lets Morin’s revolution disappear in the white snow of Canada, too.   

36 by Nawapol Thamrongrattanarit


1: 36 by young director Nawapol Thamrongrattanarit consists of 36 single static shots corresponding to the roll of films in the analogue still camera of the filmmaker.
2: Before each shot the number of the scene appears on the screen and one sentence confusing, enriching or commenting the shot.
3: Sometimes a sentence refers to a scene to come or one of the previous scenes.
4: The story is about a location scout who loses all her photos taken of one singly year she saved on a hard disc.
5: One of them showed her together with an art director she liked very much.
6: It is a highly poetical love-story set in a digital age where memories are saved on hard discs and are threaten to disappear in the very moment you capture them.
7: Its formalistic consistency feels like a liberating prison as the director denies plot information by having it happen off-screen and delivers a deeply personal point-of-view on the world.
8: At the same time a tacky score gives a strange feeling of being happy after visiting your love and going down in an elevator where lounge music plays.
9: Thamrongrattanarit finds an astonishing and unique voice talking about a digital generation and maybe makes one of the first films portraying that generation in a silent way.
10: He forces you to look at the world instead of just consuming it, just like when the art director tells the location scout that she should watch the beautiful bird in the sky with her eyes before taking a photo.
11: It is like going to Marienbad once again and bringing your camera, but when you want to show someone that you have been there everything will be erased.
12: Silence.
13: This review is written by Patrick Holzapfel and the credits appear in the middle of the film.
14: Still silence.
15: Every shot is like an erased photography that slowly begins to move.
16: Form and content kiss each other until blackness overshadows their emotions.
17: Its formalistic consistency feels a little bit overcooked, never leaving freedom to characters or 
story but rather giving all the power to a concept.
18: Bertolt Brecht would have loved it except for the last shot where suddenly feelings and sadness take control.
19: But those feelings do not come out of nothing, they are the result of melancholy that transport as well in digital images as in analogue images.
20: Digitalism could serve as a metaphor for the lack of feeling in real live, the disability to really touch things just like when the view on characters is blocked or filmed through a frame.
21: Playful,
22: but dedicated to reality “36” shows extracts of daily life, with small-talk and small observations.
23: You might find yourself drifting away because the film makes you forget about time just like a regular visit on facebook.
24: Its formalistic consistency is heavily inspiring, showing a direction where movies might head in the future.
25: Even the locations reflect the topic of past and present like an old ruin of a former motel where one can still find condoms on the floor.
26: Thamrongrattanarit even heads back to places the movie has been before showing small changes like the lack of one requisite changing everything about the place.
27: Therefore it is also a film about absence.
28: A few shots of people sitting in front of computers give the uncanny feeling of a mirror for the audience.
29: Do not move, you are a movie!
30: In a kind of meta-twist the lost pictures resemble the film itself.
31: Due to that a strange quest for “36” lies deep in the heart of “36”.
32: It is as if the film is afraid of being deleted after it has been finished.
33: A dystopian, romantic reality of film emerges out of the shots that sometimes appear to be stills.
34: Its formalistic consistency is more than just formalisms as it depicts the reality of a world bombed with digital images where it becomes increasingly hard to differ between beautiful and ugly, important and banal, memory and image.
35: I am afraid that I have forgotten something.
36: Don’t delete my review, please.