Diagonale 2014: Innovatives Kino


Text: Rainer Kienböck 
Bilder: diagonale.at
Die Diagonale benennt ihre Experimentalkurzfilmprogramme „Innovatives Kino“. Diese Bezeichnung kann man mögen oder ablehnen. Fakt ist, ich habe mir alle vier Programme angesehen und lasse nun Revue passieren, welche der Filme dieses Label meiner Meinung nach verdient haben und dabei viel lieber Fragen stellen als Antworten geben:
(die Filme sind in der Reihenfolge geordnet in der ich sie gesehen habe, das ist keine Rangliste)
„STILL DISSOLUTION“ (Siegfried A. Fruhauf)
Analoge Urlaubsfotos werden mittels Bunsenbrenner langsam verformt und zerstört (?). Dieser Film ist so vielschichtig, es lohnt sich intensiv darüber nachzudenken. Will Fruhauf das Verblassen der Erinnerung thematisieren, den Tod des Analogen? Will er durch die Deformierung des Bildes neue Bilder schaffen – Vandalismus als Kunstschaffen, Kunstschaffen als Vandalismus (wie in „Minimal Vandalism“ später). Eine Wiedergeburt des Analogen im digitalen Tod. Einer meiner Festival-Favoriten.
„Creme 21“ (Eve Heller)
Eve Heller brachte einen der imposantesten Filme mit auf die Diagonale. Einen Found-Footage Opus aus frenetischen Filmschnipseln – analog gearbeitet versteht sich, und dabei immer die richtige Tonspur zum richtigen Bild. Was bleibt sind nicht Einzelbilder (daran kann ich mich gar nicht mehr so genau erinnern), sondern ein stimmiger Gesamteindruck eines, teils futuristischen, teils kritischen, teils politischen Films.
„Picture Perfect Pyramid“ (Johann Lurf)
Auch ich habe Gefallen gefunden an Johann Lurfs konzeptueller Pyramidenstudie. Die Pyramide, der Schnee und der Rhythmus der präzisen, statischen Einstellungen, die immer Sinn ergeben, umso mehr man darüber erfährt.
„sexy“ (Kurdwin Ayub)
Kannst du nicht tanzen, dann winde dich auf deinem Bett und nenne es Kunst! Eine reflexive Neuinterpretation des Formats „Fan-Homagevideo“ – totally out of place aber genau richtig. Die Künstlerin im Publikumsgespräch danach war einer meiner persönlichen Höhepunkte des Festivals– mit Chuzpe und aufgesetzter Teilnahmslosigkeit spricht sie den Produktionsprozess an: „Wir haben 30 Minuten gefilmt, 30 Minuten geschnitten und dann der Diagonale geschickt.“
„Ma peau précieuse“ (Friedl vom Gröller)
Friedl vom Gröller (auch bekannt als Friedl Kubelka) hat augenscheinlich Angst vor dem Tod. Deshalb hat sie 2013 einen Beinahe-Zyklus aus Arbeiten gemacht, die alle irgendwie mit dem Thema zu tun haben (die Diagonale zeigte fünf davon). Als repräsentatives Beispiel habe ich „Ma peau précieuse“ gewählt, der am Beispiel einer Frau und ihrer Beautyprodukte den Anti-Aging-Wahnsinn durchleuchtet. Vielleicht kein so großes und konzeptuelles Werk wie andere in dieser Liste hier, aber ehrlich, authentisch und unterhaltsam.
„Goodbye“ (Karin Fisslthaler)
Karin Fisslthalers Musikvideos gehören mit zum spannendsten was die österreichische Experimentalfilmszene zu bieten hat. In „Goodbye“ widmet sie sich der Geste im Hollywoodfilm. Sie ist dem Wandel von Abschieds- und Begrüßungsgesten im Laufe der Zeit auf der Spur und durch stetes vor- und zurücklaufen der Bilder deckt sie Bedrohliches und Komisches in den Gesten auf.
„Wotruba“ (Thomas Draschan)
Auf den ersten Anhieb konnte mich dieser Film nicht vollends überzeugen. Dann betrat Kubelka-Schüler Draschan die Bühne und legte los wie ein Duracell-Hase: Er habe jetzt eine Zeit lang nur Found-Footage Filme gemacht, weil ihm die Entwicklung des Digitalen nicht zusagte. „Wotruba“ entstand nun aber auf eine Weise die nur digital möglich ist – mit einer billigen Digitalkamera aus tausenden Einzelbildern und viel Körperlichkeit in den Bildern. Dahinter steht auch eine tiefe Verehrung für Wotruba. Es ist eine liebkosende Erforschung eines Raums, der Wotrubakirche.
„Reign of Silence“ und „High Tide“ (Lukas Marxt)
„High Tide“ gewann den Jurypreis in der Kategorie „Innovativer Film“. Es handelt sich hierbei um eine Erforschung eines Fjords im norwegischen Eiland Spitzbergen. Lichtverhältnisse und Landschaft geben der Szenerie ein unwirkliches Aussehen. Der Film wirkt wie ein hyperreales Gemälde. Besser noch fand ich jedoch die zweite Arbeit von Marxt, die auf der Diagonale gezeigt wurde. Für „Reign of Silence“ kletterte er auf einen Kran, der vormals zu einem Bergwerk gehörte. Von dort eröffnet sich ein (Kamera-) Blick auf eine Bucht in der ein Schlauchboot seine wortwörtlichen Kreise zieht. Der caméra-stylo wird zum Schlauchboot-stylo, das Ergebnis ist ein genuin filmisches.
„O.T.“ (Markus Scherer)
Ein schneebedeckter Berghang. Warten. Warten. Warten. Ein einzelner Skifahrer fährt eine schnurgerade Spur hinab. Warten.
Ich habe auf eine Lawine gehofft und wurde durch diese Spur enttäuscht, geschockt, beeindruckt. Mit Präzision und Kalkül kreierte Scherer hier einen Freeridefilm im weitesten Sinne, der mit allen Konventionen dieses Formats bricht. Was bleibt, ist die Spur im Schnee und die Frage ob das jetzt Kunst oder Ignoranz ist.
„Minimal Vandalism“ (Kay Walkowiak)
Noch ein Film in der Grauzone von Sport und Kunst. Ein Skateboardfilm könnte man vermuten. Aber auch hier ist alles anders als es zunächst scheint – zuerst die Location – das Generali Kunstforum. Dann die allmähliche Abkehr vom Festhalten der (eindrucksvollen) Tricks durch die Kamera hin zu Studien der Beschädigungen die das Board an den Wänden, Böden und Rampen hinterlässt. Ich randaliere hier! Ich bin Künstler ich darf das!
„darkroom“ (Billy Roisz)

Roisz‘ verstörend brillanter stroboskopartiger Einblick in die heiligen Hallen des Österreichischen Filmmuseums. Kino – Epilepsie – Albtraum und noch viel mehr. Ein Raum bespielt von Licht und Musik. Audiovisuelle Ekstase aber niemand der sie auslebt – zugleich klinisch und schmutzig. Ein zutiefst intuitiv wirkender Film hinter dem allerdings enorm viel Planung steckt – wie so oft in der Kunst.
„der springende punkt.“ (Thomas Brandstätter)
An der Grenze von Animation und Experimentalfilm operiert Thomas Brandstätter mit seinem Film. Eine Mischung aus Stop-Motion, Collage, Live-Action und allen möglichen anderen Techniken, die ich vielleicht übersehen habe oder an die ich mich nicht mehr erinnern kann machen den „punkt“ zu einem Augenschmaus für Animationsliebhaber (wie mich). Einer der unterhaltsamsten Filme in den Avantgardefilme-Programmen der Diagonale – ein Film von gondry-esquen Qualitäten.
„IT’S A DANCE“ (Viktoria Schmid)
Letzten Winter habe ich einen Film von Bill Morrison gesehen. Der Amerikaner ist bekannt für seine Filme aus bereits stark zersetzten Archivmaterialien. So betont Morrison die Materialität des Films. Viktoria Schmids Film könnte man als digitalen Counterpart dazu bezeichnen. Sie nahm sich einer beschädigten Videodatei einer 90er Jahre Teenieserie an und ästhetisierte die Bildfehler zu einem imposanten Musikvideo, dass uns mehr über das neue, digitale Paradigma erahnen lässt, als uns zuvor klar war.
„MeTube: August sings Carmen ‚Habanera‘“ (Daniel Moshel)
Ein Film, der eigentlich zu lustig ist für ein ernstes Kunstfilmprogramm. Ein aberwitziges und furchtbar aufwändiges Musikvideo im Stile eines Fancovers. Die Teestunde bei Oma wandelt sich zu einem S&M-Fest sondergleichen – Electrobeats unterbrechen die Arie. Danach ist man für sein Leben gezeichnet oder hält sich den Bauch vor Lachen – mehr Möglichkeiten gibt es da nicht.
„The Construction of ANSTALT 3000“ (Helmut Munz)
David OReilly! Machen wir keinem etwas vor – „ANSTALT” ist ein OReilly-Klon – und das ist gut so. Wer Freude an der Arbeit des jungen Iren hat, wird auch Gefallen am Film von Helmut Munz finden. Er ist obszön, hat den distinkten Look eines eher sorglos gearbeiteten Videospiels und ist doch recht flashig, wenngleich nicht unbedingt farbenfroh. Ein großer Abschluss für eine Reihe großer Experimentalfilme.

Decoding Fear in Cinema (J.B.)


Es stand “Two Cabins” in mattem Weiß auf dem quietschenden Boden. James Benning lehrt Sehen. Ich stehe in der Mitte einer dieser „Two Cabins“. Es gibt zwei Fenster. Eines ist Frühling, eines ist Winter. Es schneit. Es schneit noch woanders im Raum. Ein Holzpult und in der Ferne ist ein digitaler Güterzug zu hören. Da steht als ein Holzpult auf eines der digitalen Fenster gerichtet und vor dem anderen Fenster steht eine alte Schreibmaschine. Ich spüre den Druck künstlerischen Schaffens, die Ablenkung. Es schneit auch noch in einem anderen Raum. Zitate von Hitler, mathematische Formeln, um die Welt zu verstehen. Ich frage mich nach dem Problem der Repräsentation. Wie ist es Jesus zu filmen? Wie ist es einen Zug zu filmen? Wo ist der Unterschied. Pflicht und Inspiration prallen in den „Two Cabins“ aufeinander. Ich will schreiben, filmen, reden, ich muss schreiben, filmen, reden. 

Woanders ist es lediglich Licht. Licht von außen, keine Chance hinaus zu sehen, hinaus zu gehen. James Benning fokussiert mich. Es sind die nachgebauten Hütten von Henry David Thoreau und Ted Kaczynski. Ich baue eine Briefbombe und pflanze sie in meinen Film. Wie sieht es in einem Mörder aus? Das fragt sich Benning auch in „Landscape Suicide“. Die Faszination am Unvorstellbaren, am beiläufigen Mord, am Auslöschen von Leben. Strukturelles Kino, um die Sprache zu gewinnen in der Sprachlosigkeit. In „Data Entry“ tippen Finger in einer endlosschleife Ziffern in einen Computer, der Versuch zu verstehen, das Kino verstehen oder die Welt? In meinem nun fertiggestellten Kurzfilm „Es ist mehr ein Gefühl“ heißt es „Irgendwo rattert ein Zug vorbei…“, dieses Gefühl von Beiläufigkeit und Dringlichkeit im gleichen Atemzug ist für mich immer Kino gewesen und ich finde es im Rahmen einer Ausstellung, „Decoding Fear“ von James Benning im Kunsthaus Graz, einen Tag bevor ich dort am letzten Tag der Diagonale „Landscape Suicide“ begegne. Ja, und es rattern zwei Züge vorbei, manchmal keiner, denn Benning positioniert zwei Leinwände direkt gegenübergestellt. Einer wird digital von einem Beamer bespielt, mit einem wuchtigen Sound, die andere wird von 16mm und einem wackeligen Projektor getragen. Ich habe Angst, dass „BNSF“ und das digitale Treiben die flimmernden Bilder von „RR“ überfahren, ich sitze dort und irgendwas nähert sich mir, es kommt mir sehr nahe. Ich denke an „Snowblind“ von Hollis Frampton und denke gleich wieder an etwas anderes. Fokus macht blind. Irgendwo habe ich Schnee gesehen.
Wo wohnen wir im Kino? Wo wohnen wir, im Kino? Wo im Kino wohnen wir? Ich muss nochmal zurück zu den beiden projizierten Fenstern. Ihre Aussicht wirkt bedrohlich und beruhigend. Plötzlich erkenne ich einen hängenden Mann an einem der Bäume. Das Bild verändert sich, ich bin in meinem eigenen „Blow-Up“ und jemand sagt mir, dass das alles Müll ist, ein Film müsse nicht die Welt verändern, man sagt das, also ein Film müsse nicht die Welt verändern. Ich denke an Pier Paolo Pasolini und frage mich wie es ist Jesus zu filmen. Die Landschaft bei Benning ist Gewalt. Wie hätte er Jesus gefilmt? Oder Stalin? Ich glaube Albert Serra hat sich das auch mal gefragt. Wie kann man Albert Serra filmen? Benning spricht auch auf der Diagonale. Er würde Sehen lehren. Er tut es. Er kehrt jener Gesellschaft den Rücken zu, die er betrachtet. Der Fortschritt ist in seinen Augen nur ein Schritt. Also zumindest nehme ich das mit. Wie kommt aber nun die Landschaft ins Kino? Film könnte wie ein Zug durch die Landschaft fahren, aber welche Landschaften gibt es noch? Der User Mark mit einem schönem Review zu „Landscape Suicide“ auf mubi: „Fuck“. Ich bin zutiefst bewegt. 
Wenn man sich Benning nach dem Prinzip der freien, indirekten Rede von Pasolini annähert, 
wird man ins Träumen geraten und erkennen können, wo im Kino man wohnt. Draußen scheint vielleicht die Sonne.


Agnès Godard-Kamerafrau


Zu den absoluten Highlights auf der diesjährigen Diagonale gehörte sicherlich die Retrospektive für Agnès Godard. Die französische Ikone der Kameraarbeit ist vor allem für ihre Arbeit mit Claire Denis bekannt. Seit Anfang der 1990er arbeitet sie mit Denis, die sie bei Wim Wenders spannender Dokumentation „Chambre 666“ kennenlernte und von da an nicht mehr losließ. In Graz wurden drei ihrer Arbeiten mit Denis („L’intrus“, „Beau travail“ und „Les salauds“) gezeigt sowie drei weitere („La Vie rêvée des anges“, „Wild Side“ und „Home“). Die großen Leinwände und die Projektionen auf 16mm, 35mm und DCP zeigten eine Kamerafrau am Puls der Zeit, die in ihren Bildern Zeit pulsieren lässt. Sich eine Woche gezielt auf ihre Arbeit einzulassen, kam einer Offenbarung gleich. Die Frage nach der Autorenschaft ihrer Bilder stellte sich mir, da sie in jedem Film erkennbar waren, obwohl sie sich auch immer dem Film unterordnete. Immer wieder wurde ein Zitat von A. Godard selbst bemüht, indem sie sagt, dass Kameraarbeit für sie wie tanzen wäre. Gewissermaßen trifft das auch zu, denn die ständige Bewegung um Körper und Berührungen gleicht einer Choreographie des Lebens, kein Wunder, dass Denis&Godard sich mit „Vers Mathilde“ dokumentarisch einer Choreografin gewidmet haben. Aber gleichzeitig reduziert der Begriff des Tanzens die handwerkliche Perfektion und die malerische Komponente das Schaffen von Godard. Ihre Arbeit definiert sich über deutlich mehr:
 
1.Farben

2.Nah und Weit

3.Atmen

4.Körper

5.Pars pro toto
Farben
Die rosa Konditorei mit ihren hellblauen Tropfen in sexuell-kindlicher Aufladung in „Nénette et Boni“, die rot-blaue Kraft, die in „La Vie rêvée des anges“ durchs Bild springt und aus ihm herauszukommen scheint, die gelb-blauen Landschaften in „Beau travail“, die den weißen und lichtdurchfluteten Wüsten, in ihren Filmen ein Denkmal setzt, das Schwarz, das gleich einer Farbe über die toten Bilder von „Les salauds“ drückt und seinen Höhepunkt in einer Fahne findet, die auf dem Abschleppwagen des verunglückten Autos weht und schließlich die orangenen Nächte, die in ebenjenem bis dato letzten Film von Denis die regennassen Straßen in warmer Feuchtigkeit zu Grunde gehen lassen und in „35 rhums“ die Gesichter der Verlorenen mit Wärme befluten. Dieses Gespür für Farben entwickelt sich durch eine präzise und intensive Zusammenarbeit mit Szenenbild, Kostüm, Maske und natürlich Licht. Filme, bei denen A.Godard die Kamera führt, wirken immer wie ein einheitliches Werk, egal, ob sie sich nur in einem einzigen Haus aufhält oder um die ganze Welt reist. Ihre Farben zeigen das Innenleben der Figuren und die Stimmung der Welt an, in der sie leben und überleben müssen. Auffällig auch wie detailliert dieser Umgang mit Farbe ist, denn wenn man in einem Film wie „La Vie rêvée des anges“ beispielsweise rot als wichtige Farbe wahrnimmt, wird man ständig rot in den Bildern entdecken und sei es nur in kleinen Figuren auf den Nachttischen im Hintergrund. Dadurch wirken die Bilder trotz ihres losgelösten Framings absolut zusammengehörig und versetzen den Zuseher in eine Stimmung, aus der er sich nicht mehr befreien kann.
Nah und Weit
In ihrem Werkstattgespräch machte A.Godard darauf aufmerksam, dass sie nur äußerst ungern Objektive während eines Films wechseln würde. Sie würden sich lieber festlegen und dann mit ihrer Entfernung zu den Figuren und Objekten variieren. In der Tat ist äußerst auffällig, dass sie sich, als wäre sie die Kamerafrau von Sergio Leone, vor allem um weite und nahe Einstellungen bemüht. Nur selten wird man Halbtotalen oder amerikanische Einstellungen in den Filmen von A.Godard sehen. Wenn sie nah ist, dann ist sie wirklich nah, dann ist es fast unkontrolliert, impulsiv, sensibel. Und wenn sie weit weg ist und die Landschaften, wie beispielsweise in „Beau travail“, wie Oberflächen mit Farben und Formen betrachtet, Reliefs zeichnet gewissermaßen, dann lässt sie damit häufig auch nur Raum für die selbe Impulsivität des Schauspiels, die sie in den nahen Einstellungen findet. Bei Godard ordnet sich die Einstellung immer der Freiheit des Schauspiels unter. Im Workshop zeigt sie konsequenterweise die Schlussszene aus „Beau travail“, in der Denis Lavant tanzt. Sie beschreibt, dass niemand am Set wusste, was passieren würde und sie sich deshalb für eine weitere Einstellung entschieden habe. Es fällt auf, dass sie in der Arbeit mit Claire Denis eine unheimliche Freiheit genießt, die vor allem daraus resultiert, dass sich die beiden bezüglich der groben Vorstellung von Bildern sehr ähnlich sind. Nah kann bei A.Godard auch bis zur völligen Unkenntlichkeit gehen, sie dringt manchmal in ihre Figuren ein und kommt dadurch zur Gefühlsessenz des durch Bilder Möglichen. „Vendredi soir“ ist ein solches Beispiel. Ein Film, der sich immer wieder in Unschärfe verliert. Man könnte sagen, dass Godards Bilder gar nicht erst versuchen zu existieren, sie verflüchtigen sich in einem Rausch, sie sind ständig auf der Flucht vor sich selbst und bleiben eben immer in den Extremen des Augenblicks, die sich mit Nahen und Weiten am besten manifestieren.
Atmen
A.Godard ist eine große Freundin der Handkamera. Sie hat in den Publikumsgesprächen immer wieder betont wie die Entscheidung für eine Kamera auch eine Entscheidung bezüglich der Schwere der Kamera war, obwohl sie sich dann doch immer mehr Schmerzen zugefügt hatte, als sie intendierte. Es herrscht immer Bewegung in ihren Bildern, sie schwenkt die Körper ab in einem Rhythmus, der vermuten lässt, dass sie den exakt selben Herzschlag wie die Figuren hat. Das Atmen kommt wohl jenem gleich, was sie selbst als Tanzen beschrieben hat. Dabei sei natürlich auch erwähnt, dass dieses Gefühl nur in Vermischung zu Schnitt und Musik funktionieren kann. Auffällig aber, dass ihre Kamera sich immer wieder auf den Prozess des Atmens selbst stürzt, die Lippen und den Mund ihrer Figuren fokussiert und über ihn hinweg streift. In ihren Bildern ist zudem ein ungeheurer Respekt vor Schauspielern und deren Körpern zu spüren, sie nähert sich immer mit Anmut und auf der Suche nach einer äußeren Wahrheit, nie auf der Suche nach Fehlern oder dem Unechten. Hunde, Pferde oder Katzen in den Filmen zeigen diese animalische Kraft hinter den Bildern, die unberechenbar sind. A.Godard hat eine ungeheure Fähigkeit in undurchschaubaren Situationen die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die häufigen Improvisationen und das schnelle Folgen in unerwartete Regionen verlangen ein äußerst effektives Lichtkonzept sowie das Atmen der Kamera mit der Szene. Ihr Interesse scheint immer zuerst der Szene, der Psychologie, der Stimmung zu folgen, und im zweiten Schritt erst der Technik, der Perfektion. Vielleicht ist das zu einfach gesagt, denn ähnlich der großen Poeten scheint bei ihr Form und Inhalt aus einer Bewegung heraus zu entstehen.
Körper
Love me tender, wäre eine Beschreibung für die gleitenden Studien von Haut und Kleidung, von der Berührung zweier Körper. In „L’intrus“ liegt der Protagonist zu Beginn nackt am Waldrand. Irgendwann umarmt er einen seiner Hunde und man spürt fast die Wärme (auch wenn man sich ein wenig unwohl fühlt). Und selbst in den digitalen Bildern von „Les salauds“ vermag sie Plastizität zu finden, weil sie weiß und schwarz gegeneinander setzt und die Tiefenschärfe der Red Epic auf die Poren der Haut überträgt. Es gibt Szenen wie in „La Vie rêvée des anges“ oder auch am Ende von „Les salauds“ und eigentlich immerzu in „Vendredi soir“ da schläft sie selbst mit ihren Figuren, da wird die Kamera zum Partner, der angeschaut wird, angehaucht wird und der die Blicke nicht erduldet, sondern fordert und verlangt. Ihre Bilder drücken ein verlangen nach Körperlichkeit aus jenseits aller Geschlechter. In „Beau travail“ zeichnet sie den männlichen Körper, der in einer Anspannung sexuell wie aggressiv erregt ist, sie blickt nie auf ihre Dinge, ohne sie zu fühlen. Nacktheit bekommt bei A.Godard immer den Anstrich eines völlig naturalistischen Gemäldes. Dort verbinden sich gewissermaßen ihre Sensibilitäten für Farbe, Bewegung, Material und Nähe. Das bedeutet nicht, dass Körperlichkeit immer gut aussieht oder nett ist. Ganz im Gegenteil, hier geht es um eine Lebendigkeit, die den Figuren und Filmen gerecht wird und durchaus brutal und entblößend sein kann. Aber in Körpern liegt eben auch immer Würde und diese vermag A.Godard einzufangen.
Pars pro toto
Mit Pars pro toto ist gemeint, dass bei A.Godard immer ein Detail im Vordergrund steht, das für etwas viel Größeres steht. Dabei findet sie effektive, rein filmische Einstellungen, die man in dieser Art nur bei ihr findet. Ist ein Mann erregt, kann es sein, dass sie sich auf Höhe seiner Hüfte bewegt, oft zeigt sie Berührungen nur durch eine Nahaufnahme der Hände. Dabei fällt auf, dass die nächste Einstellung selten eine Totale ist, sondern ein weiteres Detail, als würden sich die Filme in diesen Details, die das Zwischenmenschliche definieren, verlieren. Diese Fokussierung auf Details hängt natürlich sehr eng mit der elliptischen Erzählweise von Denis und der Körperlichkeit ihrer Filme zusammen. Dennoch finden sich immer wieder völlig ungewöhnliche Detailaufnahme in der Art die Welt und Menschen zu betrachten bei A.Godard. Sie dekadriert den menschlichen Körper ohne ihn zu zerstückeln. Eine Bewegung des Fingers kann dann die ganze Welt der Figur ausdrücken. Fast scheint es als würden die Körperteile mit der Kamera spielen, als würde sie die Kamera erst komplettieren.

Diagonale-Schlussdialog: Protest gegen Protestvideos und Schlafwandeln im Kinoland


Zum Abschluss der Diagonale 2014 haben sich Rainer und ich nochmal über allerhand Dinge unterhalten, die sich unserem Kopf abgespielt haben. Unser Gespräch zeigt auch wie nahe man noch an den Eindrücken ist, einen Tag nach dem Ende des Festivals. Dennoch haben wir uns auch um einen allgemeineren Rückblick bemüht.
Im Laufe der nächsten Tage werden wir noch einige Besprechungen und Eindrücke posten. 
Patrick: Welches Bild hast du in deinem Kopf, wenn ich Diagonale 2014 sage?
Rainer: Das rote Festivalplakat. Mehr noch aber zwei Ohrwürmer, die ich aus Graz mitgebracht habe. Die „Habanera“ aus Carmen, die in „MeTube: August sings Carmen ‚Habanera'“ vorkommt und „Die Telefonbuchpolka“ von Georg Kreisler aus dem gleichnamigen Kurzfilm von Benjamin Swiczinsky (der Film ist eine Bebilderung des Liedes).
Patrick: Wenn ich die Augen schließe und ganz fest an das Festival denke, dann habe ich-und deshalb habe ich dir auch diese Frage gestellt-tatsächlich sowas wie einen diagonalen Blick nach hinten. Das mag jetzt erst mal bescheuert klingen, aber die enorme Vielfalt des Gesehenen in dieser enormen Gedrängtheit lässt mich nicht mehr gerade nach hinten schauen. Ich sehe overlapping images sozusagen, aber außerhalb meines natürlichen Blickfelds. Es fühlt sich anstrengend an, aber man blickt trotzdem. Ich muss dabei an meine Oma denken, die schon immer im Nacken etwas Probleme hat und wenn ich im Auto hinter ihr saß als Kind und etwas gezeigt habe, dann hat sie sich immer so gut es ging umgedreht, um mich wenigstens zu erahnen. So geht es mir heute mit der Diagonale.
Rainer: Ich glaub, dass hab ich gerade nicht ganz verstanden… Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass deine overlapping images ganz andere sind als meine. Unsere Programme haben sich ja kaum überschnitten. Was für dich Agnès Godard war, ist für abstrakte Avantgarde – jetzt müssen wir nur noch ausknobeln was „innovativer“ war.
Patrick: Was ich damit sagen will, ist dass ich überfordert wurde. Was gut ist. Und deshalb kann ich kaum einen klaren Blick werfen, sondern eben eher einen diagonalen. Ich denke, dass das Wort „innovativ“ im Kino nichts verloren hat. Aber so heißt nun mal diese Förderanstalt für Avantgarde Kino in Österreich. Die Unterscheidung halte ich für ziemlich daneben.
Rainer: Apropos Förderanstalt: Haben wir uns eigentlich schon über dieses Protestvideo bezüglich der Petition gegen die Abschaffung der Filmförderung unterhalten? Ist ja eigentlich eine ganz nette Idee, nach dem zehnten Mal wird es aber etwas ermüdend (peinlich war es bereits beim ersten Mal). Die Filmcommunity damit so zu bombardieren erscheint mir ebenfalls nicht allzu überzeugend. Das sollten doch viel eher andere sehen.
Patrick: Das ist lustig. Ich habe es nur einmal gesehen. Finde ehrlichgesagt auch nicht, dass man es oft genug zeigen kann. Geht ja darum die Petition zu unterschreiben und daher ist jeder Filmschaffende und Filmfreund der richtige Ansprechpartner. Irgendwie erscheint es mir sehr komisch, dass alles, was du zu dieser geplanten Kürzung der Fördergelder im Film/Fernsehabkommen des ORF zu sagen hast eher gegen die Filmschaffenden gerichtet ist. Es ist eigentlich gar nicht laut genug kommuniziert worden. Man sollte für diese Dinge kämpfen. Es ist überlebenswichtig. Aber du scheinst mir sehr dazu zu neigen, deinen eigenen Komfort über solche Dinge zu stellen.
Rainer: Die Petition finde ich gut. Habe ich auch schon unterschrieben. Andererseits finde ich das Video und auch die Kritikpunkte unglücklich gewählt. 1.500 Jobs sind volkswirtschaftlich gesehen nicht wirklich eine Größe. Die Erfolgsgeschichte des österreichischen Films kann man auch in Frage stellen. Und das Video finde ich, wie gesagt, etwas peinlich. Ich habe es im Übrigen mindestens sieben Mal gesehen – das geht einem dann doch auf die Nerven.
Patrick: Jemand, der sich wie du mit Film auseinandersetzt, sollte in der Lage sein zu erkennen, warum da ein Arbeitsplatzargument genauso dazugehört wie alle anderen vorgetragenen und von Barbara Pichler bei der Eröffnung ergänzten Punkte. Daran ist weder etwas peinlich noch nervend. Finde es eher peinlich diese Frage zu stellen. Aber laut deiner eigenen verallgemeinernden Aussage, dass der österreichische Spielfilm sowieso keine Qualität hat, müsstest du doch kein Problem damit haben, wenn es dafür weniger Geld gibt (auch wenn dann Dokus auch betroffen sind.) Das mit dem Arbeitsplatzargument kannst du auch mal den zahlreichen Filmschaffenden erklären, die kein Geld für ihre Jobs bekommen, die sich Winter für Winter über Wasser halten müssen und ständig gezwungen werden an Projekten zu arbeiten, die sie nicht interessieren können. Es gibt Menschen, die verdienen tatsächlich damit ihr Geld, Rainer. Und es ist nicht peinlich dafür einzustehen, egal wie viele es sind. Gerade, weil der ORF auch an anderer Stelle von diesem Personal profitiert.

Rainer: Du drehst mir die Worte im Mund um. Erstens, hab ich bereits klargestellt, dass das Spielfilmargument scherzhaft gemeint war. Zweitens, ist mir durchaus bewusst, dass es hier um 1.500 Einzelschicksale geht, die Zahlenspielereien, es wird aber als wirtschaftliches Argument ins Feld geführt was ziemlich verblödet ist. Wenn man sich ansieht welche Summen in die Hypo gepumpt werden, können einen die 25 Millionen (die vermutlich auch getuned sind und auf der Annahme beruhen, dass keiner der 1.500 einen neuen Job ergreift) ziemlich kalt lassen. Auch den österreichischen Film als Exportschlager, gleich hinter dem Neujahrskonzert, darzustellen ist ganz einfach unrichtig. Da kann der Haneke Oscars und Palmen gewinnen so viel er will (und dann müsste man noch überlegen wie „österreichisch“ seine Filme überhaupt sind), Österreich wird in der Welt in erster Linie als Land der Musik wahrgenommen – Salzburger Festspiele, Philharmoniker, Mozart, Staatsoper. Dass dem so ist, DAS ist das Versäumnis der österreichischen Kulturpolitik, nicht andersherum, dass diese „Erfolgsposition“ nun verloren geht. Diese Selbstbeweihräucherung ist typisch für Österreich und da ist es einfach die Initiative als eine weitere „Suder-Aktion“ von vielen hinzustellen, da sie inhaltlich so dermaßen aus der Luft gegriffen scheint. Noch dazu finde ich es irritierend, dass kreative Filmschaffende es nicht fertigbringen einen etwas besseren Spot für ihre Petition zu machen. Dieses Video lebt ja eigentlich nur von den paar bekannten Gesichtern, die dann vielleicht noch irgendetwas Witziges von sich geben (Ernie Mangold, Erwin Steinhauer).
Patrick: Du hängst dich halt an einem Argument auf und übersiehst dabei das große Ganze. Ich bin mir bewusst, dass du das wahrnimmst, aber wenn du eine öffentliche Plattform nur dafür verwendest dagegen zu schreiben, dann finde ich das ziemlich daneben. Die Qualität des Spots könnte seiner Dringlichkeit geschuldet sein und ist mir mit Verlaub völlig egal. Das ist ja kein Film, sondern ein Spendenaufruf. Dieses Video ist nicht an die Geldgeber gerichtet, sondern an die Unterzeichner. Da sind Einzelschicksale nicht verkehrt. Und am Ende des Tages geht es um Film und darum, dass es möglich ist diesen weiter als Kunst oder Industrie zu machen, zu leben und zu sehen. Du glaubst doch nicht wirklich, dass sich ein Politiker oder ORF-Mensch diesen Aufruf ansieht und dann sagt, dass er jetzt alles ändert. Das scheint mir sehr naiv. Der öffentliche Druck, die Offensive der österreichischen Filmwelt kann da was verändern und in diesem Hinblick finde ich, dass das Video ein guter Schritt ist. Wenn Film deiner Ansicht nach aufgrund der Versäumnisse irgendeiner Politik keine große Relevanz hat (ein komisches Argument, da Filme aus Ländern Relevanz haben, die überhaupt keine kulturpolitische Unterstützung genießen), dann sag mir doch mal konstruktiv wie du einen solchen Spot gestaltet hättest?
Rainer: Also ich hätte so einen Spot wahrscheinlich genauso gestaltet – aber ich bin auch total unkreativ und habe keinerlei filmische Ausbildung. Dieser Spot kann dann etwas verändern wenn er von Menschen gesehen wird – das geschieht dann, wenn er im ORF läuft, was wahrscheinlich nicht passieren wird. Es war vielleicht zu harsch von mir die Diagonale als die falsche Plattform für die Präsentation hinzustellen – es ist sozusagen das Kernpublikum für den Spot, aber woraus soll denn tatsächlicher Druck erwachsen? Film wird in Österreich nicht in gleichem Maße als Kunst angesehen wie in anderen Ländern mit stärkerer cinephiler Tradition, deshalb wird der Initiative auch die Unterstützung aus der breiten Menge der Bevölkerung fehlen – noch dazu weil es heimische Filme hierzulande unheimlich schwer haben überhaupt wahrgenommen zu werden (egal ob Kunstfilm oder Unterhaltungsfilm) – da zieht das Fernsehargument wahrscheinlich sogar besser. Ich bin glaube ich ganz einfach zu pessimistisch um an einen Erfolg dieses Vorhabens zu glauben, der so konventionell vorgeht. Da glaub ich noch eher dass der Essl seine Sammlung loswird – um 86 Millionen.
Patrick: Das mag alles stimmen, aber es scheint mir trotzdem ein nobles Unterfangen. Damit sind wir wieder bei innovativ, weil kreativ für mich ein genauso bescheuerter Begriff ist. Was fandest du denn kreativ auf der Diagonale?

Rainer: Die Programmierung der Kurzfilmprogramme. Die verschiedenen dokumentarischen Techniken in Stefan Ruzowitzkys „Das radikal Böse“. Fritz Langs Einsatz von Ton in „M“ – auch nach mehr als 80 Jahren. „Les Salauds“ von Claire Denis. Die Ausstellung „Decoding Fear“ von und über James Benning im Kunsthaus. Vieles eigentlich.
Patrick: Decoding Fear fand ich wunderbar. Und auch „Landscape Suicide“, den wir uns ja am letzten Tag und praktisch schlaflos angesehen haben am Vormittag und der mich dennoch (trotz Müdigkeit) durchgehend faszinierte. Hast du etwas völlig Neues entdecken können?
Rainer: Was ist schon völlig neu? Das Festivalfeeling vielleicht.
Patrick: Damit meinte ich eher etwas völlig Neues für dich selbst. Das Festivalfeeling war ja auch für dich selbst etwas Neues. Wie kamst du damit, also mit dem vielen Schauen eigentlich zurecht? Neu gibt es nie, aber es gibt eigenwillig, mutig, mich verändernd. Und das erwarte ich schon von einem Festival, weil es ja am Puls der Zeit sein sollte. Ich bin daher irritiert, dass mich vor allem ältere Werke nachhaltig beeindruckt haben. Vielleicht sollte ich das aber auch nicht sein, schließlich glaube ich nicht, dass es sowas wie Vergangenheit im Kino gibt.
Rainer: Was kann man von der Diagonale erwarten? Das ist halt ein sehr spezielles Festival, das sich dadurch auszeichnet, aber auch einschränkt, dass es die österreichische Filmlandschaft betrachtet – der Überblick über diese Filmlandschaft war auf jeden Fall gegeben – Claire Denis ist nun mal großartiger als das meiste, was österreichische Regisseure zu bieten haben – die Frau ist eine Regisseurin von Weltrang, klar, dass ihre Filme mehr zu beeindrucken wissen. Ich habe mich deshalb absichtlich auf den österreichischen Aspekt konzentriert und die Retrospektiven und Specials eher gemieden, dafür umso mehr österreichische Produktionen angesehen. Insgesamt waren es 82 Filme – das ist schon eine ganze Menge und ich war heilfroh endlich mal wieder vernünftig zu schlafen von gestern auf heute. An und für sich aber mehr Spaß als Tortur, auch wenn es einige Mal recht schwer war wach sich wach zu halten – gerade bei Filmen, deren Qualitäten darin bestehen einen tranceartigen Flow zu erzielen, wie „Those who go Those who stay“ oder „Calle López“. Was ich mich frage ist aber, wie es für dich als Nicht-Österreicher ist, solch ein Festival zu besuchen. Hast du ein überproportionales Nahverhältnis zum österreichischen Film oder erwartest du dir durch die konzentrierte Konfrontation mit der Filmkultur eines Landes neue Perspektiven?
Patrick: Ich denke nicht an Nationalitäten, wenn ich ins Kino gehe. Das Programm war in diesem Zusammenhang ja auch mit genug Weltreisenden bestückt. Eben jene beiden Filme, von denen du gesprochen hast, also „Calle López“ und „Those who go Those who stay“ haben für mich sicher keine Nationalität. Ich hoffe, dass man Filme auch ohne diese Kulturbezüge direkt auf sich wirken lassen kann und erst in einem zweiten Schritt dann darüber nachdenkt. Wenn ich das tue, bemerke ich keine Fremdheitsbarrieren, da zum einen die österreichische Kinolandschaft viele nicht immer gute Parallelen zur deutschen aufweist, es oft genug deutsche Co-Produktionen und deutsche Mitwirkende gab und ich natürlich schon eine Zeit hier lebe. Es geht mir nie darum ein Kinoland kennenzulernen oder einzuordnen, sondern immer um einzelne Filme und das was sie auslösen, wie sie das auslösen. Wer mich kennt, weiß, dass ich immer gerne und viel über Film diskutiere und streite, aber auf Festivals bekomme ich dann auch oft eine Müdigkeit, weil ich das Gefühl habe, dass Filme von diesen ganzen Meinungen und Diskussionen, Einordnungen und Preisen überfahren werden. Zumindest das was mit und in mir durch den Film passiert, kann auf einem Festival gar nicht mehr zur freien Entfaltung kommen. Das Einschlafen im Kino ist mir übrigens ein großes Rätsel. Es wird als selbstverständlich erachtet und auf Festivals ist es ein normaler Gang. Ich finde das mindestens fragwürdig. Sich dann aber dennoch über die Filme zu äußern ist ziemlich lächerlich. Am besten fand ich da meinen Sitznachbarn bei „Landscape Suicide“, der mehrmals einnickte im Film und nach dem Abspann sofort sagte: „Das war sehr spannend.“

Rainer: Bin nicht ich neben dir gesessen in „Landscape Suicide“?
Patrick: Nein, du hast weiter links geschlafen.
Rainer: Ich konnte mich nämlich nicht mehr daran erinnern das gesagt zu haben. „Landscape Suicide“ habe ich im Übrigen, obwohl der schlechten Umstände, NICHT verschlafen. Dazu war der Film zu vielschichtig, zu komplex, zu faszinierend.
Patrick: Ich wollte die dumme Frage stellen, welchen Film du am Besten fandest. Ich tue es hiermit.
Rainer: „Les Salauds“ von Claire Denis  knapp vor „Oktober November“ von Götz Spielmann. Mehr will ich darauf gar nicht mehr eingehen – auch ich bin etwas ausgelaugt in punkto Filmdiskussion. Wie beantwortest du diese dumme Frage?
Patrick: Gar nicht. „Landscape Suicide“ von Jammes Benning, „L’intrus“ von Claire Denis, „Home“ von Ursula Meier, Those who go Those who stay“ von Ruth Beckermann, „Calle López“ von Lisa Tillinger und Gerardo Barroso Alcalá, Les salauds von Claire Denis (war ja schon auf meiner Bestenliste letztes Jahr), „La Vie rêvée des anges“ von Erick Zonka, „Picture Perfect Pyramid“ von Johan Lurf, „Der Verlorene“ von Peter Lorre.

Diagonale 5.Tag: High Performances neben dem Kino und Masturbation mit Peter Lorre


Der vorletzte Tag war geprägt von-man mag es kaum glauben-Filmen auf der Diagonale 2014, von der Rainer und ich morgen noch einen größeren Abschlussdialog veröffneltichen werden.
 
Rainer: Das Festival geht dem Ende zu, und bis jetzt hast du noch kaum einen Film verrissen in unseren Gesprächen, obwohl ich es doch so gern mag wenn du dich aufregst. Also: Bühne frei!
Patrick: Wir können uns über einen Film aus dem Kurzfilmprogramm unterhalten. „REM“ von Manuel Johns. Eine Art Meta-Horrorfilm, der im Stil eines Wanne-Be but never heard of Edgar Allen Poe eine junge Frau von einem Albtraum in den nächsten torkeln lässt und dabei stets mit filmischen, nie aber mit stimmungsvollen oder diegetischen Mitteln versucht , Schocks zu erzeugen. Es ist ein Meta-Horrorfilm, der nicht mal weiß, dass er das ist, sondern der ganz fest daran glaubt wirklich unheimlich zu sein, weil er irgendwelchen Anfänger-Regeln zum Thema „Wie kreiert der gute Regisseur einen Schock“ befolgt. Schlimm ist, dass so etwas staatlich gefördert wird und hier eine Spielfläche bekommt. Genre zu machen ist natürlich spannend, aber dann sollte es nicht ein stupides Abfilmen alter Klischees sein. Aber wenn mir der Regisseur, wie scheinbar viele dort, nach dem Film erzählt, dass er kaum Zeit in der Vorbereitung benötigte, dann muss man sich nicht wundern. Manche anderer rühmt sich sein Drehbuch in einer durchzechten Nacht geschrieben zu haben. Das ist lächerlich. Hast du eine Wut auf verschiedene Filme entwickeln können.?
Rainer: Ich bin in dieser Hinsicht nicht so passioniert. Einige Male war ich aber schon schockiert – aus verschiedenen Gründen. Gestern war ich z.B. in „High Performance“ von Johanna Moder um mir meinen Liebling Manuel Rubey anzusehen. Der Film war „nett“, in den Filmolymp wird er es nicht schaffen, aber er war unterhaltsam und somit zweckerfüllend. Danach kam das Publikumsgespräch und die junge Filmemacherin kommt auf die Bühne. Da habe ich mir noch gedacht: „Good job! Ambitioniertes Projekt für das Alter“ – Dann hat sie gesagt, dass „High Performance“ ihre Abschlussarbeit an der Filmakademie war, und für mich ist die Welt zusammengebrochen. Da studiere ich jahrelang an einer Kunstakademie (und nichts anderes ist die Filmakademie) um dann SO einen Film zu machen? Wie wenn man Malerei studiert und eine Gerichtszeichnung als Abschlussarbeit abgibt. Sonst fand ich die aufdringlich manipulative Art von „Kick Out Your Boss“ und „Everyday Rebellion“ etwas unsympathisch, wobei letzterer wenigstens auf emotionaler Ebene funktioniert und den Revoluzzer in mir herausgekehrt hat. Unreflektierte Polemik braucht aber Komik und wenigstens ein Mindestmaß an Selbstironie (à la Michael Moore) um zu reüssieren.
Patrick: Ich bin mir nicht sicher, ob die Filmakademie wirklich zwangsläufig eine Kunstakademie ist. In Deutschland gibt es ja nicht umsonst immer Diskussionen an den Filmschulen über deren Nähe zu  Markt. Ich glaube, dass das sehr perspektivabhängig ist und ich glaube, dass Filmschulen jedem die Möglichkeiten geben sollten, sich in die Richtung zu entwickeln, die dem einzelnen Filmschaffenden selbst vorschwebt. Es wäre schön, wenn es dort wirklich ein künstlerisches Verständnis gibt. Dazu fehlt mir aber der Einblick. „Sitzfleisch“ von Lisa Weber war ja sehr beliebt, den habe ich leider nicht gesehen. (Sie studiert ja auch dort) Wie erging es dir auf der Abschlussparty?
Rainer: Ich hatte Mühe hinzukommen, da die Grazer Öffis etwas exzentrisch sind (die Nightlines fahren nur stadtauswärts – was soll das bitte?) und für meine Verhältnisse war ich nicht allzu betrunken. Ein voller Erfolg könnte man sagen. Nur den ohnehin spärlichen Schlaf hat mir diese Unternehmung noch verkürzt.
Patrick: Ich weiß, dass ein Festival immer auch ein Branchentreffen ist, aber ich finde auch (ohne, dass man das ändern könnte), dass diese Kontaktbörsen dort und dieses Marktgesülze den Filmen im Weg stehen. Das ist eine sehr naive Ansicht und ich mag, dass ich sie habe. Da beginnt man dann erst Filmemacher zu schätzen, die sich dem scheinbar völlig entziehen. Gestern haben wir uns zusammen unseren einzigen Peter Lorre Film hier angesehen: „Der Verlorene“…was war dein Eindruck?
Rainer: DEIN einziger Peter Lorre Film. Ich war am Dienstag bereits in „M“. „Der Verlorene“ kann da nicht ganz mithalten, ist aber filmisch auf einem sehr hohen Stand. Lorre hat sich augenscheinlich einiges abgeschaut von seinen Regisseuren in Amerika. Schade, dass es nur bei dieser einen Arbeit von ihm als Regisseur blieb – diese psychologische Tiefe und bewusste Auseinandersetzung mit der Vergangenheit findet man im deutschen Kino der 50er ansonsten kaum.
Patrick: Ich fand ihn aus ganz anderen Gründen bemerkenswert. Dieses beiläufige Spiel in den dramatischten Situationen, das interessante und zum Teil sehr spannend inszenierte Wechselspiel zwischen Rahmenhandlung und Flashback. Die Komik des Grauens, wenn man so will und diese Souveränität, die wie du ganz richtig sagst, auf große Einflüsse im Werk von Lorre hinweisen. Es war gut, dass gemacht zu haben, auch wenn wir im Anschluss den vielleicht hektischsten Kinowechsel der Woche hingelegt haben, als wir nur wenige Minuten hatten bis wir in „Les salauds“ waren. Ich hatte den ja bereits in Cannes gesehen und fand ihn gerade beim zweiten Mal außergewöhnlich gut. Allgemein fällt mir auf, dass mein Interesse hier nicht unbedingt an neuen Filmen festzumachen ist. Aber dann ist es ja so, dass Film keine Vergangenheit kennt, sondern nur Gegenwart.
Rainer: Also den hektischsten Kinowechsel habe ich am Vortag gemacht. Sechs Minuten zu Fuß vom Rechbauer-Kino zum Schubertkino (wer nicht weiß wo das ist, bitte googlen) – da habe ich ordentlich geschwitzt. Jetzt habe ich dir deinen schönen pathetischen Abschlusssatz gestohlen.
Patrick: Und zwar für eine Information, die dich selbst lobt. Aber das passt vielleicht zu manchem Beitrag im Festival. Masturbation ist beliebter als Pathos oder ist Pathos auch Masturbation?

Diagonale 4.Tag: Matinee für alte Damen und wie viel Reden über Film verträgt Film?


Auch am vierten Tag leben Rainer und ich noch und finden irgendwo die Energie uns über das Gesehene nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu streiten. Das ist beruhigend.

Patrick: Also zunächst einmal ist mir nochmal etwas aufgestoßen bezüglich unseres gestrigen Gesprächs: Wie kommst du eigentlich zu der Annahme, dass Österreich nur in Avantgarde- und Dokumentarfilmen Qualität hat? Ich finde das sehr falsch. Österreich hat wahnsinnig interessante Filmer meiner Meinung nach, also auch im Spielfilmbereich.
Rainer: Das war grobe Verallgemeinerung. Natürlich gibt es auch tolle Spielfilme in Österreich. Ich denke aber, man kann in den Spielfilmprogrammen ganz schön auf die Nase fallen, wenn man sich mit falschen Erwartungen in einen Film wie z.B. „Die Werkstürmer“ oder „Bad Fucking“ begibt. Das ist der repräsentativen Vielfalt geschuldet, die das Festival aber durchaus haben soll. Im Zweifelsfall habe ich in meiner Programmgestaltung aber Dokus und Avantgardefilme vorgezogen, da in diesem Bereich meines Erachtens Interessanteres geschieht. Hat auch nicht hundertprozentig funktioniert – so viel kann ich dir verraten.
Patrick: Du leidest also an jenem Syndrom, das mir sowohl bei Kritikern als auch allgemein im Filmbereich so weit verbreitet scheint. Man redet leichter als man sieht? Ich finde das schade. Es ist natürlich immer die Frage, inwiefern zwei junge Autoren dann überhaupt ihre Meinung kundtun sollten, aber prinzipiell sollte gerade Polemik immer argumentiert sein. Diesen Überrest hast du aber in jedem Filmland. Das ist normal. Das Vielfaltsargument ist gewissermaßen unfuckable. Du hast „Bad Fucking“ doch gar nicht gesehen, oder?
Rainer: Er steht für eine gewisse Art von Film über die ich mir zu urteilen erlaube, selbst wenn ich den nicht gesehen habe. „Movie 43“ habe ich auch nicht gesehen und bin mir aber sicher, dass er tatsächlich richtiger Schrott ist.
Patrick: Lieber reden als sehen. Was hast du denn gesehen, über das du reden möchtest?
Rainer: Wir müssen uns über „Calle López“ unterhalten. Den hast du sehr gemocht, wenn ich mich recht entsinne. Ich kann mich diesem Urteil leider nicht bedingungslos anschließen. Meiner Meinung nach hätte der Film in Kurzform besser funktioniert. Vierzig Minuten davon wären genau die richtige Länge gewesen. Die doppelte Länge war dann doch etwas ermüdend. Ich hatte danach aber auf jeden Fall Appetit auf Paella und Tacos.
Patrick: Der Film hat diese zyklische Form, die meiner Meinung nach tatsächlich Länge braucht, da man ansonsten ja aufgrund der Poesie im Film gar nicht bemerken würde, wie schmerzhaft das Leben dieser Menschen ist und wie zehrend. Ich hatte das Gefühl, dass der Tag und das Leben immer mehr zur Qual und zum Überleben wurden. Fand die Länge daher sehr richtig.
Rainer: Die Bilder waren auf jeden Fall sehr schön und auch das Schwarzweiß, dem ich anfangs eher skeptisch gegenüberstand, hat sich gut gemacht.
Patrick: Warum stehst du schwarz&weiß skeptisch gegenüber?
Rainer: Nur wenn ich vermute, dass es sich um einen inszenatorischen Trick handelt, der die Coolness des Films pushen soll. Aber das war bei „Calle López“ nicht der Fall.
Patrick: Okay. Ich habe noch einen Zusatz zu unserer Suche nach dem besten Kino zu machen. Die Saalregie im KIZ Royal, scheinbar der Sohn des Produktionschefs ist ein wahres Highlight bei seinen Ansagen und seinen Bitten um das Ausschalten der Handys. Eine Mischung aus Statue und Komiker, aus Tänzer und Karikatur. Und er sagt dabei sehr richtige Sachen.
Rainer: Der ist glaube ich schon jedem hier aufgefallen. Dennoch sagt mir das KIZ Royal nicht zu. Das wirkt zu sehr wie klassisches Matinee-Kino für alte Damen, wenn du verstehst was ich meine.
Patrick: Ja absolut. Gestern habe ich dann auch das erste Programm im Bereich Innovatives Kino gesehen. Konnte nicht so viel mit den Q&As anfangen wie du, vielleicht war es bei dir etwas interessanter. Die Filme fand ich sehr spannend und wie du sagtest aufregend programmiert. Nach so einem langen Tag Optical Sound Rhythmus Orgien zu sehen, hat schon was.
Rainer: Ich habe mittlerweile alle Programme dieser Reihe durch, und das Erste ist in meinen Augen nicht nur das am besten programmierte, sondern hat auch die besten Einzelfilme. Gestern Nacht habe ich noch Programm 3 gesehen, dass auch sehr gut war, auch wenn ich da leider schon etwas ausgelaugt war von dem langen Tag. Im Programm 3 ging es mehr um die Grenzen zwischen Animation und Live-Action und auch um den Film im Youtube-Zeitalter. Wer David OReilly mag, sollte sich Helmut Munz‘ „Construction of ANSTALT 3000“ zu Gemüte führen.
Patrick: Schön jedenfalls wie diese Filme immer noch oder gerade heute auf großes Unverständnis in weiten Teilen des Publikums stoßen. Sehr verhaltener Applaus und viele Walk-Outs. Wieder mal außerordentlich beeindruckend war die Agnès Godard-Retro, diesmal mit „Home“ von Ursula Meier. Ich frage mich wie dieser Film bislang so an mir vorbeigehen konnte. Eine Art naturalistische Parabel über Heimat, erzählt anhand eines wahnsinnig vielschichtigen Drehbuchs über eine Familie, die direkt an einer Autobahn wohnt, welche zunächst nicht geöffnet ist und dann öffnet.
Rainer: Hast du schon alle Filme der Retro durch?
Patrick: Ich habe jetzt alle gesehen außer „Wild Side“. „Beau Travail“ und „Les Salauds“ habe ich bereits außerhalb des Festivals gesehen, wobei ich mir letzteren nochmal ansehen werde. Spannend an Festivals finde ich ja immer, das Festival, das passiert ohne dass man es mitbekommt. Ich komme beispielsweise nicht zu Manfred Neuwirth oder zu Kurzdokumentarfilmen.
Rainer: Man muss halt Entscheidungen treffen. Besonders einfach fällt mir das heute. „Best of Austrian Animation“, mein persönliches Highlight des Festivals wartet.