Notiz zu Sambizanga von Sarah Maldoror

Sambizanga von Sarah Maldoror

Bei der Betrachtung revolutionären Kinos, sogenannten Dritten Kinos heute, stellt sich immer wieder die Frage, was vom Geist der Agitation in die heutige Zeit und in andere Kulturen überschwappt. Im Fall von Sambizanga, dem zweiten Langspielfilm von Sarah Maldoror, deren Arbeiten derzeit an unterschiedlichen Orten in Wien (mumok kino, Österreichisches Filmmuseum und Depot) zu sehen sind, bleibt weniger der mitreißende, von der Moskauer Schule geprägte Montagefluss zwischen Zärtlichkeit und Gewalt, Friede und Ungerechtigkeit kleben, sondern ein beinahe traumartig versetzter Musikrausch gegen Ende des Films. Als Antwort auf die größtmögliche Trauer und Wut nach dem willkürlichen Mord an einem Mann durch die PIDE in einem Gefängnis, zeigt Maldoror ein spontanes Fest. Fröhlichkeit wie aus dem Himmel gefallen. Tanz, Musik, man wippt mit der charmanten Live-Band. Eben noch die körperliche Erfahrung einer rassistischen, kolonialistischen Ungerechtigkeit, dann das entspannte Glück des Zusammenseins.

Maldoror bewegt sich durch die tanzenden Körper, entfernt sich wieder, man vergisst oder nimmt auf, man lässt die Zeit etwas wirken, man braucht sie auch nach der Brutalität, fragt sich, ob das was man sieht eine utopische Vorstellung ist, ein Traum, Bilder aus der Vergangenheit oder gar ein lakonischer Kommentar zur fehlenden Reaktion des eigenen Volkes. Schließlich löst es sich auf, als jemand mitten in den Feierlichkeiten vom schockierenden Tod des Mannes erzählt („sie haben ihn zu Tode verprügelt.“) und einer der Anführer der Bewegung, die das Fest organisiert spricht: Dieser Moment wäre traurig, aber er wäre auch ein Grund zur Freude, da der ungerechte Tod dieses Mannes von nun an in den Herzen Angolas weiterleben würde. Jeder Tote bereichere die mutigen, aufstrebenden Herzen. In diesem Augenblicken lehnt sich der Film wohl aus einem Fenster, das uns bis heute tief berühren kann, weil es noch nie geöffnet wurde.

Darüber hinaus ein sinnliches Bild einer möglichen Geschichtsschreibung im Präsenz. Das Gefühl einer Emanzipation, die nicht auf Äußerlichkeiten aus ist, sondern auf Grundsätzliches. Dazu Klageschreie einer verlorenen Harmonie gestemmt von einem unerschütterlichen Glaube an die Macht des filmisches Bildes. Der Bilderstrang der Sanftheit verkörpert durch das Familienglück und der Bilderstrang der Gewalt verkörpert durch den Einbruch der Kolonialmacht verlaufen parallel, aufeinander zu, voneinander weg und trennen sich schließlich im Horror eines Todes. Aus diesem Unglück führt tatsächlich nur dann ein weg zurück zur Parallelität, wenn die Gewalt sich in Sanftheit auflöst, wenn man vor Trauer feiert.

Kino und Erde: Encontros Cinematográficos 2018

Encontros von Pierre-Marie Goulet

In Fundão, Castelo Branco vom 27. bis zum 30. April zu Füßen der im dunstigen Schnee lauernden Sierra da Estrela: Das Kino als Begegnungen auffassen. Eine Gruppe außergewöhnlicher Kinoliebhaber huldigt diesem Ideal seit Jahren. Sie sind gekleidet wie die Outlaws einer vergangenen Zeit: Trenchcoats, Lederjacken, Cowboyhüte und zerrissene Wolle eines aufrechten Widerstands. Ihre größte Waffe ist Offenheit und Demut gegenüber Mensch und Film. Es gibt hier eine Allianz zwischen dem Kino und den Leuten, deren Augen das Kino erst lebendig werden lassen. Es gibt hier ein Kino, das zu den Menschen will.

Die Landschaft um Fundão ähnelt jener großer amerikanischer Western. Vieles wirkt unberührt, unerschlossen und doch von den verheerenden Feuern der letzten Jahre erschüttert. Verbrannte, unberührte Erde. Die Verbindung der Menschen und auch des Kinos mit der Erde sollte uns in den Tagen in Portugal beschäftigen. Das Gesetz, so sagt man uns, sei weit entfernt von Fundão. Man nimmt einen Zug aus Lissabon. Wie lange es dauert, ist unerheblich. Nachdem man die Industrie und den überschwappenden Tourismus der portugiesischen Hauptstadt hinter sich gelassen hat, beginnen Adler vor dem Fenster zu kreisen. Der Tajo fließt golden zwischen verheißungsvoll glänzenden Hügeln. Man beginnt etwas zu träumen, aber die Nähe von Schönheit und Ödnis, Reichtum und Armut lässt einen nie ganz schwärmen.

Lucky Star von Frank Borzage

Lucky Star von Frank Borzage

In Fundão selbst herrscht ein kalter Wind bei unserer Ankunft. Er sollte sich nicht legen. Die Gipfel am Horizont schienen sogar neuen Schnee zu empfangen, was die Einheimischen nicht an ihren kauernden, kaffeetrinkenden und rauchenden Posen in den Straßen des Ortes hinderte. Ganz im Gegenteil gab es ihrer Präsenz noch etwas mehr Kraft, regte sie sich eben nicht nur gegen die Welt, sondern den spürbaren Wind. Gleich neben dem Bahnhof, das war auch gleich neben dem Kino, dem Kunstzentrum der kleinen Stadt, „A Moagem“ (Das Mahlen), wartete ein scheinbar streunender Hund an einem Kreisverkehr auf. Er blickte zu dieser Gruppe überzeugter Kinoenthusiasten in verlorener Erwartung. Das ganze Szenario hatte etwas Raues an sich, wäre es nicht zugleich so sanft.

Das Sanfte im Rauen erinnert an die hand- und herzensverlesenen Filme des Festivals. Filme wie Frank Borzages brutaler und romantischer Lucky Star oder Pierre-Marie Goulets balladenhafte Polifonias – Paci é saluta, Michel Giacometti und Encontros. Diese Filme über Alentejo, die Poetin Virgínia Dias, Korsika und den Ethnografen Michel Giacometti sind das beste Beispiel für die Verbindung von Kino und Erde, Menschen und Kino, die bei Encontros Cinematográficos betont wurde. In Modi von Gleichklang und Mehrklang untersucht Goulet dabei Verbindungen und Begegnungen zwischen Koriska und Alentejo sowie zwischen Musik und Leben, Poesie und dem Boden, aus dem sie wächst. Seine schwelgerischen und im betörenden Sinn repetitiven Kamerafahrten versetzen in einen Zustand der Vermischung, der dadurch verstärkt wurde, dass seine beiden zusammenhängenden Werke (am Abend wurde noch ein dritter, sein neuester Film, als Überraschungsfilm gezeigt) direkt hintereinander gezeigt wurden. Immer wieder der Blick hinaus in die Landschaft, der Worte und Musik ermöglicht. Die Reichhaltigkeit eines Lebens, das Leiden, der Kampf, die Schönheit und ihr letztendlicher Ausdruck für den Goulet filmische Denkmäler baut. Die Wahrnehmung so sehr nach außen gestülpt, dass man vergisst, woher die Imagination kommt. Nicht das einsame Zimmer von Robert Walser, nicht das am Anfang stehende Wort, sondern die Berührung und Begegnung mit allem, was sich vor diesem Zimmer befindet. Nicht nur aus diesem Grund immer wieder Bilder von Terrassen, die sich an der Schwelle zwischen Zuhause und Natur befinden. Eine Form innerlicher Überwältigung, die sich nach außen trägt. Keine Explosionen oder Dinosaurier, einzig der Blick hin zur Welt.

Encontros von Pierre-Marie Goulet

Encontros von Pierre-Marie Goulet

Encontros ist auch ein Film über das Kino, insbesondere über Paulo Rochas Mudar da Vida. Der Filmemacher und sein Film durchwandern Encontros, es stellt sich die Frage nach der Verbindung eines Filmemachers und seiner Drehorte sowie den Menschen, die er so wundervoll filmte. So also vermag Encontros ein Film darüber zu sein, wie die Liebe zu Kino und Kunst, Menschen näher zusammen bringt. Sowohl in der selben Zeit, als auch über die Zeiten hinweg. Michel Giacometti, Manuel António Pina, António Reis, Paulo Rocha, Virgínia Dias und Pierre-Marrie Goulet. Sie alle wandern auf gleichen Pfaden und treffen sich in diesem Film, der die Zeit zu Gunsten eines Ortes aufhebt.

Dieses Wunder erschien bereits am Morgen in den bewegendsten Augenblicken, die ich jemals in einer Kirche verbracht habe. Ein Bus brachte die Gruppe gleich einem Schulausflug durch für Busse eigentlich zu enge Gassen in einen Nachbarort. Dort stand, umgeben von traumeinladenden Gärten und beobachtet von einem weiteren, diesmal dreifüßigen, stolz hinkenden Hund, die Tür zu einer alten Kirche offen. Vorne war eine Leinwand aufgespannt. Unsere Gruppe schlich trotz herziger Begrüßung etwas schüchtern und bemüht anmutig durch die morgendliche Heiligkeit. Zeigt man es in der Kirche kommt einem das Kino schnell wie eine Sünde vor, schließlich weiß und zeigt es mehr als der Pfarrer. Im linken vorderen Teil, näher am obligatorischen Jesuskreuz versammelte sich eine Gruppe älterer Menschen, die wir bislang nicht gesehen hatten. Wahrscheinlich, so dachte ich naiv, Menschen aus der Kirchengemeinde. Weit gefehlt. Gezeigt wurden Episoden aus der von 1970 bis 1974 laufenden TV-Serie Povo Que Canta von Alfredo Tropa und Michel Giacometti. Die Frage danach, wer dieser Michel Giacometti war, erreichte uns immer wieder während des Festivals. Man erzählte uns, dass er auf einmal aufgetaucht war. Ein Retter der portugiesischen Musiktradition aus Korsika. Mit Tuberkulosediagnose zog er nach Portugal und gründete dort ein Archiv, um Volkslieder und Erzählungen aus dem Hinterland zu sammeln. Er reiste von Ort zu Ort und sammelte ein musikalisches Erbe. Seine Präsenz in den Bildern ist von außerordentlicher Ruhe und Neugier beseelt. Er spricht zu uns vor allem durch die Musik, die er liebt und die Menschen mit denen er diese Liebe teilt. Seine Arbeit ist die des Zuhörens. Er dokumentierte gegen das Vergessen.

Nuvem von Ana Luísa Guimarães

Nuvem von Ana Luísa Guimarães

Was ist es mit diesem Geschreibe von den „Menschen“? Ist es nur die Überwindung mitteleuropäischer Kühle und Distanz, die einem im Besuch dieser anderen Kultur in einen Rausch an Empathie verwandelt? Ist es vielleicht gar die Hilflosigkeit im Angesicht einer fremden Offenherzigkeit, die mich auf einen Allgemeinbegriff wie Menschlichkeit zurückfallen lässt? Ich weiß es nicht, aber die Szenen, die sich in der Kirche abspielten, haben, wenn nicht mit Menschen, doch zumindest mit ihren Erinnerungen und ihrer Sterblichkeit zu tun. Denn die uns unbekannte Gruppe im vorderen linken Teil der Kirche bestand aus einer Vielzahl an älteren Damen, die sich selbst und ihre Stimmen auf der Leinwand wiederfanden. Beinahe 50 Jahre später, im Angesicht der eigenen Jugend. Ihre Unruhe und ihr Lachen, ihr Erkennen und Verblassen erzeugten eine ungeahnte Spannung zwischen Leinwand und Zusehern. Die Kirche wurde eine Zeitkapsel, nicht mehr das Sehen und Hören stand an erster Stelle, sondern das Sein an diesem Ort zu dieser Zeit. Tränen sammelten sich in den Augen als eine Stimme in der Kirche gar in spontaner Emotion die Musik auf der Leinwand begleitete. Der Gesang hallte echohaft unter der Decke der Kirche und aus den Lautsprechern. Beim Verlassen des Gemäuers waren wir endgültig aus der Zeit gefallen.

Regen kündigte sich an. Im milchigen Dunst über dem steppengleichen, trockenen Boden fragt niemand nach den falschen Fragen des Kinos. Niemand will wissen, wer diese Filme programmiert hat, niemand will wissen, wer sie besitzt. Es kann keine Rolle spielen. Die Probleme bei mancher Projektion erinnern höchstens an Rechtschreibfehler in Liebesbriefen. Sie sind nicht relevant, der Gestus ist nicht Perfektion, sondern Zuneigung. An einem Abend jagen wir mit einer kleinen Gruppe einen Regenbogen, der in besonders kräftigen Farben aus dem Boden zu sprießen scheint. Straßen im Irgendwo. Alles durchdrungen von unserem im Kino geschärften Blick für Schönheit und Vergänglichkeit. Wir stoppen in einer verlassenen Gegend an einer im Sonnenlicht badenden Steinhütte. Es ist ein zugleich lebensfremder und lebensbejahender Ort. Ob man hier leben könne, fragt jemand. Wenn man sich erinnern würde, wie man lebe, entgegnet eine andere. Es ist erstaunlich, was mit der Wahrnehmung passiert. Schließlich sehen wir in dieser Gegend und auch im Kino auch viel von der sozialen Ungerechtigkeit, politischen und natürlichen Problemen. Wir erleben einen Widerstand auf der Leinwand. Wir hören auch viele schlimme Geschichten über die portugiesische Filmlandschaft. Von Bestechungen, ausbleibenden Fördergeldern und kaum zu fassenden Mechanismen.

Espelho Mágico von Manoel de Oliveira

Espelho Mágico von Manoel de Oliveira

Ein Beispiel dafür findet sich in Ana Luísa Guimarães, die zu Gast ist auf dem Festival und ihren Film Nuvem zeigt. Der Film, der bis heute ihr einziger Langfilm ist, ein zerbrechlicher Traum verlorener Jugend, die genrehafte Erprobung von Gesten und Verhaltensweisen als Akt des Ausbruchs mit unheimlicher Sicherheit in die Nacht hinein inszeniert, sodass man sich plötzlich im pulsierenden Mond von Nicholas Ray wiederfindet, obwohl man jederzeit fest in Portugal verankert bleibt. Nuvem ist ein Film, der vieles falsch machen könnte, weil er von einer klischeehaften Welt notgedrungen mit Klischees erzählt. Aber Guimarães findet aus den Fallstricken heraus, weil sie das Kino und die Illusion mit der Sensibilität ihrer Figuren verbindet. Erzählt wird eine klassische Liebesgeschichte im Kleingangstermilieu. Der Eindruck eines Freiheitsbegehrens entsteht, eines, das sich zwischen Tag und Nacht abspielt, aber nie wirklich ankommt. So wie bei Nicholas Ray immer die Gangster am zärtlichsten sind, so ist bei Guimarães die Nähe zwischen Kuss und Todesschuss, die verführt. Das Spiel und die Körper in diesem Film könnte jederzeit zerbrechen. Doch wie schon über dem Film ein Hauch von schicksalshafter Ungerechtigkeit hängt, so ist es auch der Filmemacherin widerfahren. Nicht zuletzt aufgrund ihrer Nähe zu Ray oder auch John Boultings Brighton Rock, die in Wahrheit nur eine Liebe zum Kino ausdrückt, und – um es zu sagen, wie es ist – weil sie eine Frau ist, konnte sie diesem ersten Funkeln in der Gangsternacht keinen weiteren Langfilm folgen lassen. Es bleibt das Rot und eine Fahrt aus der Dämmerung der Stadt zurück, die uns klar macht, dass meist irgendwo irgendwer steht und träumt. Ergeht es uns nicht so an dieser Steinhütte? Sollten wir nicht wütend Kampagnen für die Filmemacherin starten statt melancholisch zu bedauern, dass sie keinen weiteren Film machen konnte? Würde uns das zustehen?

Von der Steinhütte zum aristokratischen Anwesen in Manoel de Oliveiras Espelho Mágico. Musik: La danse macabre von Camille Saint-Saëns. De Oliveira, dem am letzten Tag eine musikalische Hommage durch Bruno Belthoise gewidmet wird (die einzige Vorführung, die pünktlich beginnen sollte), ist nicht gestorben. Er hält seine Hand über das portugiesische Kino. Bei unserer Abreise am Flughafen sehen wir die nach ihm benannte Maschine. In Lissabon passieren wir Orte, an denen er gedreht hat. Auch Ana Luísa Guimarães hat mit ihm gearbeitet, seinen Visita ou Memórias e Confissões geschnitten.

Espelho Mágico ist eine Lektion in Ambivalenz. Der Film zeigt Adel und Reichtum mit boshafter Ironie und berührender Zärtlichkeit zugleich. Erzählt wird eine katholisch pervertierte Geschichte rund um die Suche nach ewiger Jugend. Ein makaberer Tanz, ein in sich verlorenes Gelüst. Auch De Oliveira interessiert sich für die Terrasse. Doch im Gegensatz zu Goulet ist sie nicht der Kontakt mit der Natur, sondern die Abgrenzung. Beinahe erinnert der Umgang mit Terrassen an diesen Tagen an Jean-Luc Nancys Gedanken zur Haut. Der Tastsinn gehört nicht zu dem, was wir zuerst mit dem Kino in Verbindung bringen. Höchstens aufgrund der Dunkelheit und Nähe von Liebenden, deren Hände sich umschlingen und die sich im Licht der Leinwand nur erfühlen können. In Fundão jedoch hatte man – und sei es nur verzaubert vom Bann eines geliebten Kinos – das Gefühl, dass das Kino die Erde berühren kann.

 

Hier noch das Gespräch, das ich vor Ort mit Sílvia das Fadas und Marta Mateus führen durfte:

Vom Aufbrechen der Rituale: Lady Bird von Greta Gerwig

Lady Bird Autoszene

Greta Gerwig, die Schauspielerin: Gefeiert als Mumblecore Queen für Frances Ha und Mistress America. Sie spielt meist junge Frauen in Problemsituationen: Ihre Beziehung scheitert, Freundschaften stehen auf dem Prüfstand, der Beruf verspricht nicht zur Karriere zu werden. Für die manische Suche nach Traumverwirklichung bietet Greta die passende Klaviatur, eine tollpatschige Fee, die von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen schwebt. Ich mochte ihre Frauenfiguren nie wirklich. Sie haben für mich immer etwas hölzernes. Zu sicher scheint sie sich in ihrem Status als Identifikationsikone für junge Frauen, die zwischen „quirkyness“ und Angepasstheit schwanken. Vielleicht tue ich ihr unrecht, aber ich habe noch keinen Film mit Greta Gerwig als Darstellerin gesehen, in der sie mich berührt hätte. Ganz anders verhält es sich mit ihrem Regiedebüt Lady Bird. Greta Gerwig, die Regisseurin, versteht es, in meine Gefühlswelt vorzudringen. Natürlich spielen Identifikation und Erinnerung an das eigene Teenager-Ich und die eigene Mutter eine zentrale Rolle, denn Lady Bird ist ein Film über eine Mutter-Tochter-Beziehung. Gerahmt wird dies von einer Geschichte vom Aufbrechen einstudierter Rituale.

Lady Bird beginnt mit der Autofahrt zum ersten Schultag des letzten Jahres mit dem höchstwahrscheinlich schon zum tausendsten Mal gehörten Hörbuch auf Kassette. Darauf folgt eine Montagesequenz, die die Zeremonien des Schuljahresbeginn innerhalb der katholischen Privatschule zeigt: Der „Pledge of Allegiance“, der Messebesuch, der Hostienempfang, das gemeinsame Singen. Christine, die sich lieber „Lady Bird‟ nennt, und ihre Mitschüler*innen fügen sich in diese Prozesse mit schlafwandlerischer Sicherheit ein, sie scheinen die Messe sogar zu genießen. Die Sequenz schwankt zwischen interessierter Beobachtung und liebevoller Kritik und es wird anhand des Auftauchens eines selbstgebastelten „In our nation we trust“-Plakats nur nebenbei erzählt, dass 9/11 nicht lange zurückliegt und dass der Nationalismus ebenso wie der Katholizismus innerhalb der Schultore zum Alltag gehört. Während ersteres der US-Spielfilmbrache nicht fremd ist, so wird letzteres nicht oft als selbstverständlicher Teil des Schulalltags gezeigt. Ganz im Gegenteil: Katholizismus ist oft Distinktionsmerkmal einer Gemeinde, meist irischer oder italienischer Herkunft, oder einer gut betuchten Familie (The Kennedys) vor dem Hintergrund eines in sich weit verzweigten protestantischen Einheitsglaubens. Das prunkvolle Zeremoniell ist im Katholizismus weitaus stärker verankert, was Lady Bird wunderbar inszeniert (wenngleich ihm der Charme europäischer Gotteshäuser abgeht). Diesem religiös-ritualisierten Schulalltag versucht „Lady Bird“ jedoch zu entkommen, indem sie darauf beharrt, dass ein katholisches College für sie in Zukunft nicht infrage kommt.

Beim Verlassen des Kino schnappt man manchmal Satzfetzen auf, die in den träumerischen Dämmerzustand eindringen möchten, den man hat, nachdem man IN einen Film abtauchen konnte. Zum Beispiel: „… so viele Highschool-Film-Klischees…“. Ja, man sieht die erste Liebe, den ersten Kuss, den ersten Sex, den Abschlussball. Doch muss man das holzschnittartig als Klischee lesen? Ist diese Bezeichnung nicht vor allem anderen eine reine, sprachliche Trägheit, die eine Distanz zwischen sich und dem Film schafft und nicht anerkennt, dass das Erzählen des Allgemeinen und Altbekannten über solche Beschlagwortungen hinaus verweisen kann? In Lady Bird wird die Plattheit eines Klischees ebenso beständig befragt wie die Erhabenheit des Rituals, da sie beständig ineinandergreifen. Etwa wenn beim Anprobieren des perfekten Kleides für die „Prom Night“ ein kurzer Moment des Innehaltens vor dem Spiegel, des völligen Einverstandenseins mit sich in diesem Kleid aufblitzt, der dann sofort durch einen Kommentar der Mutter vernichtet wird: „This dress is too pink.“ Und wenn sich dann daraus eine existentielle Frage ableitet, die sich alle einmal stellen: Werde ich von meiner Mutter eigentlich, abseits der sogenannten bedingungslosen Mutterliebe, überhaupt gemocht? Auch wenn mein 17-jähriges Ich vielleicht schon „the best version of myself“ ist und danach möglicherweise nichts mehr kommt?

Umkleideszene, Mutter Umkleideszene Lady Bird

Doch das Wahrnehmen der Eltern (und wohl auch der Kinder) als Menschen abseits ihrer Rollen wird meist erst durch die Distanz möglich. Mutter und Tochter in Lady Bird sind sich anfangs noch zu nah, um sich wirklich kennenzulernen. In einem Moment weinen sie gemeinsam zum Hörbuch von „The Grapes of Wrath“, im nächsten wird die Äußerung der einen, zum Auslöser für einen rebellischen Akt der anderen. Die Aufhänger für die ständigen „Kabbeleien“ (wie es meine Mutter immer nannte) sind eigentlich weniger verletzenden Kommentare, sondern eher die adoleszente Überempfindlichkeit der Tochter gegenüber festgesetzten Sprach- und Verhaltensmustern ihrer Mutter, derer sich diese nicht bewusst ist, die aber nun durch ihre Teenagertochter unentwegt „bekrittelt“ werden. In ihrer Suche nach einem neuen Ich verunsichert „Lady Bird“ beständig die Mutter in deren bisherigen Rolle. Sie war die Pragmatikerin, der „bad cop“, der Familie, die die Probleme offen anspricht, wohingegen der Vater einfach nur ein sanfter Teddybär zu sein scheint, welcher allerdings schon seit Jahren mit Depressionen zu kämpfen hat und die unwissentlichen Demütigen durch die Tochter, die sich von ihm nie bis zum Schultor bringen lässt, herunterschluckt anstatt sie anzusprechen.

Bei einer solch nachdenklichen wie explosiven und humorgesegneten Mischung fragt man sich, warum das Genre Mother-Daughter-Screwball-Comedy bisher noch nicht existiert. Und falls doch, warum ich davon nichts weiß. Gerade die Spannung zwischen charakter- und erziehungsbedingter Ähnlichkeit und lebensabschnittsabhängiger Unterschiedlichkeit bietet eine herrliche Ausgangsbasis für unterhaltsam stichelnde Schlagabtäusche. Es gibt Filme wie Mildred Peirce, Carrie, oder Die Klavierspielerin, doch diese tendieren zu einer gegenseitigen psychischen Zerstörung, wohingegen Lady Bird die Spirale von unabsichtlicher Kränkung und Gekränktsein spielerisch inszeniert. Das Kräftespielchen um das „Flügge-Werden“ wird immer wieder unterbrochen, was die Kabbelei als Kabbelei entlarvt und nicht als Streit, wobei jedoch existentielle Fragen des Zusammenlebens nicht ungestellt bleiben.

In New York angekommen wird deutlich, dass die Rituale und Klischees, Orte und Menschen, die man in der Ferne gelassen glaubte, neue Gestalt annehmen. Nach einer durchsoffenen Nacht inklusive Alkoholvergiftung passiert „Lady Bird‟, die sich mittlerweile wieder Christine nennt, eine Kirche, lauscht dem Chor, betrachtet das goldig durch die Fenster scheinende Licht und ruft anschließend zum ersten Mal mit dem Handy ihre Mutter an.

(Abschließend möchte ich in Klammern ein Bild von mir und meiner Mutter setzen: Wir waren damals in New York, 2003 oder 2004. Das Bild ist leicht verschwommen. Sie in Rock und Bluse und Absatzsandalen, aber ganz ,casual‘, ich mit meinen viel zu großen Vintage Adidas Sneakern, Beatles Shirt, Holzkettchen und strohblonden Wuschel-Dread-Kopf. Sie lächelt in die Kamera, ich blicke teenagerhaft-beschämt zur Seite).