Stendhal ver­gleicht den Roman mit einem Spie­gel, von einem Mann im Korb auf dem Rücken getra­gen, der sich eine beleb­te Stras­se ent­lang bewegt. Manch­mal reflek­tiert er in die Augen des Betrach­ters das Blau des Him­mels, manch­mal den Schlamm der Strassenpfützen.

Was er nicht sagt: der Spie­gel zeigt auch den Betrach­ter selbst.

Mögen wir Fil­me nur dann, wenn wir uns selbst dar­in wie­der­erken­nen? Gibt es über­haupt Fil­me, in denen wir uns nicht wie­der­erken­nen? Sol­che, die uns weg­füh­ren von uns selbst, in die Welt hin­ein. Zwangs­läu­fig sind Fil­me unser Spie­gel, aber wir sehen auch, was um uns, vor uns, und vor allem hin­ter uns liegt. Und was ist mit Fil­men, die der sog. Expe­ri­men­tal­film­tra­di­ti­on ange­hö­ren, sprich: deren Augen­merk oft nicht der Reprä­sen­ta­ti­on gilt und die zum Abs­trak­ten oder Kon­zep­tu­el­len ten­die­ren, etwa Rutt­mans oder Fischin­gers Auf­fas­sun­gen von Film als «Musik»? Fil­me wie Licht­spiel Opus I‑IV (1921−24), An Opti­cal Poem (1938), und dem­entspre­chend auch Brak­ha­ges Night Music (1986). Ich den­ke auch an Chris­ti­an Leb­rat, der in Tra­ma und Holon (1978 – 1982) mit Far­ben expe­ri­men­tiert, ver­sucht, neue Far­ben, oder neue Emp­fin­dun­gen von Far­ben zu fin­den, und zwar so, dass wie­der­hol­tes Schau­en jeweils ande­re Far­ben oder Emp­fin­dun­gen an die Ober­flä­che spült. Kön­nen wir uns auch dar­in erken­nen? Zumin­dest sind uns ja die Far­ben und Rhyth­men bekannt. Im Vor­wort zu An Opti­cal Poem heißt es: To most of us, music sug­gests defi­ni­ti­ve men­tal images of form and color. The pic­tu­re you are about to see is a novel sci­en­ti­fic expe­ri­ment – its object is to con­vey the­se men­tal images in visu­al form.

Selbst die­ser abs­trak­te Film möch­te nur etwas zei­gen, das in uns liegt, ist ein Vehi­kel, um uns selbst zu bestä­ti­gen. Was wir sonst nur sehen kön­nen, wenn wir qua­si die Augen schlies­sen – also in einer zwei­ten, ima­gi­nä­ren Welt – trans­fe­riert der Film ins Rea­le. Hier ste­hen Lebrats Fil­me viel­leicht als Gegen­satz dazu, als epi­lep­ti­sche, vibrie­ren­de Visio­nen (eine DVD-Kom­pla­ti­on eini­ger sei­ner Wer­ke wur­de mit dem Titel vibra­ti­ons ver­se­hen), die sich uns ent­zie­hen. Leb­rat selbst sagt, er habe den Effekt die­ser Fil­me über­haupt nicht vor­her­se­hen kön­nen, wäre davon über­rascht wor­den – ist es viel­leicht nötig, dass ein Fil­me­ma­cher bis zu einem gewis­sen Grad kei­ne Kon­trol­le über sein Mate­ri­al hat, dass sei­ne Fil­me abhe­ben, um uns den Kon­takt mit etwas Ande­rem zu ermög­li­chen, uns mit einer Per­spek­ti­ve aus­zu­stat­ten, die weit von uns ent­fernt liegt? Viel­leicht kön­nen wir uns selbst so ein Stück weit aus der Film-Erfah­rung wegdenken.

Bigger Than Life von Nicholas Ray

Zwei­fel­los freut es uns, wenn wir in einem Film unse­re eige­nen Erfah­run­gen erken­nen kön­nen, wenn wir auf­schrei­en möch­ten – „genau so!“; einer­lei, ob sich die­se am Hand­lungs­ver­lauf, einer evo­zier­ten Atmo­sphä­re, einer Cha­rak­te­ri­sie­rung, oder an Details, einer Ges­te, mani­fes­tie­ren. Es spen­det Trost – wir sind nicht allei­ne –, schafft eine Ban­de mit Cha­rak­te­ren oder Regis­seu­ren. Extrem vie­len Cine­phi­len scheint etwa Roh­mers Le ray­on vert beson­ders am Her­zen zu lie­gen, oder auch Nicho­las Rays On Dan­ge­rous Ground, und kein Wun­der: es sind Fil­me über Ein­sam­keit, eine Grund­vor­aus­set­zung, um das Kino lie­ben zu kön­nen. Oder wenn ich an das ers­te Drit­tel von Aker­mans Je, tu, il, elle den­ke, ein Film, in dem ich mich sofort selbst sehe. Das hängt viel­leicht damit zusam­men, dass er den Ein­druck erweckt, er ent­ste­he aus dem Nichts, denn: es ist einer der sel­ten anzu­tref­fen­den Fil­me, dei denen kei­ne «Vor­kennt­nis­se» nötig sind, um sie zu ver­ste­hen, es gibt kei­ne Mythen, die in der Fer­ne her­um­geis­tern; ein «geschichts­lo­ser» Film. Er wächst nur, wie wir in unse­rer Wahr­neh­mung, aus sich selbst her­aus – „genau so“!, ich füh­le mich erkannt. Doch ist es des­we­gen ein guter Film?

Klar ist auch die Gefahr, die in sol­cher Selbst­er­kennt­nis liegt; sta­tus quo, wir sehen und bemit­lei­den uns, aber es gibt kein Fort­schrei­ten, kei­ne Bewe­gung. Ist es nicht Auf­ga­be des Films, uns von uns selbst zu ent­frem­den, Distanz und somit Refle­xi­on zu inji­zie­ren, die ihrer­seits Wan­del und Taten ermög­li­chen? Aber ist das über­haupt mög­lich, wo wir doch dazu ten­die­ren, alles so zu sehen, dass es uns ent­spricht? Sich selbst in einem Film sehen, das heisst, ihn schon zu ken­nen; und was wir noch nicht ken­nen, das macht der Akt des Sehens zum Erkann­ten, um es ein­ord­nen, oder: um es mögen zu kön­nen. Wenn wir uns hin­ein­pro­ji­zie­ren in eine Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur, und wei­nen, weil es ihr schlecht geht: das hat Pedro Cos­ta in einem Vor­trag als „Fast­food“ bezeich­net: «It’s abso­lut­e­ly neces­sa­ry that you must be out­side, not on the screen. Never cry or suf­fer with the cha­rac­ter who suf­fers on the screen, never. When we do that, it’s exact­ly what we do when we go to McDo­nalds». Michel Mour­let in „sur un art igno­ré“ hat gesagt: „Le ciné­ma est un regard qui se sub­sti­tue au nôt­re pour nous don­ner un mon­de accor­dé à nos désirs», mit ande­ren Wor­ten: Das Kino ist noch ange­pass­ter an unse­re Begeh­ren als unser eige­ner Blick.

Liberté et Patrie von Jean-Luc Godard

Fil­me, die uns von uns selbst weg­reis­sen: da wäre etwa Godard, der so etwas viel­leicht ver­sucht (an die­ser Stel­le könn­te man natür­lich auch all die „Brecht­schen“ Fil­me anfüh­ren, sei es Ford, Sirk, Straub-Huil­let, usf.). All sei­ne Fil­me ent­hal­ten die Welt als Gesam­tes, len­ken die Auf­merk­sam­keit weg von sich selbst, durch stän­di­ge Refe­ren­zen an Alles, Kunst, Per­so­nen, Begeb­nis­se, Geschich­ten, Ideen. Letzt­hin habe ich Liber­té et Patrie (2002) gese­hen. Wie Micha­el Alt­hen schreibt, bringt Godard die Form selbst zum Den­ken (une for­me qui pen­se); der Blick scheint zuerst vom Film selbst zu kom­men, auch wenn wir dann den Unse­ren noch dar­über­le­gen. Wir erken­nen dar­in nicht uns, son­dern wir sehen den Film, wie er uns erkennt.

P.S: Soll­ten Fil­me, die uns unser Selbst spü­ren las­sen, dies nur in einem nega­ti­ven Licht tun? Nega­ti­ves Licht – ciné­ma mili­tant, posi­ti­ves Licht – huma­nis­ti­sches Kino.