Les Pyramides (Vue Générale) von Alexandre Promio

Il Cinema Ritrovato 2017: Alexandre Promio in Ägypten

Die ers­ten Geh­ver­su­che des Kinos wür­de ich als „acqui­red tas­te“ ein­ord­nen. Als ich zum ers­ten Mal Fil­me der Gebrü­der Lumiè­re und ihrer Ope­ra­teu­re sah, maß ich ihnen eher his­to­ri­sche als künst­le­ri­sche Bedeu­tung bei. Die kur­zen, aus­schnitt­haf­ten Ansich­ten von öffent­li­chen Plät­zen, Gebäu­den und Sehens­wür­dig­kei­ten erschei­nen recht will­kür­lich, außer dem einen oder ande­ren Blick eines Pas­san­ten in die Kame­ra fehlt das Spek­ta­kel. Dem Auge fehlt der rote Faden, dem es fol­gen kann, wie es das gewohnt ist.

Ein „acquired taste“

Kurz: Lan­ge Zeit fand ich es eher müh­sam und etwas lang­wei­lig mir eine hal­be Stun­de am Stück die­se Fil­me anzu­se­hen (und ich ver­mu­te, es ging nicht nur mir so). Es war hier in Bolo­gna, wo ich in den letz­ten Jah­ren eine neue Wert­schät­zung für die vues Lumiè­re ent­wi­ckeln konn­te. Das hat vie­ler­lei Grün­de: Zunächst bekommt man hier eine brei­te Aus­wahl an unter­schied­li­chem Mate­ri­al vor­ge­setzt, das über die paar dut­zend aner­kann­ten, und immer wie­der gezeig­ten Lumiè­re-Klas­si­ker der ers­ten Stun­de (von L’arrivée d’un train über La sor­tie de l’u­si­ne bis zu Repas de bébé), hin­aus­geht. Zudem sind die Pro­gram­me exzel­lent zusam­men­ge­stellt, ob nach aus­füh­ren­den Ope­ra­teu­ren, geo­gra­phi­schen Bege­ben­hei­ten oder wie­der­keh­ren­den Moti­ven. Und außer­dem, und das ist viel­leicht der gewich­tigs­te Grund, wird die Prä­sen­ta­ti­on den Fil­men gerecht: ein dunk­ler Kino­saal, eine gro­ße Lein­wand, Live-Beglei­tung am Kla­vier, ein leben­di­ges Publikum.

Die Seh­erfah­rung in die­ser Kon­stel­la­ti­on ist eine ande­re, als bei einem pixeli­gen You­tube-Video zuhau­se oder in einem zu hel­len und tech­nisch schlecht aus­ge­stat­te­ten Hör­saal. Die­se Fil­me kön­nen sich am bes­ten ent­fal­ten, wenn sie sich ent­fal­ten kön­nen, wenn das Auge ein­ge­la­den wird über die Lein­wand zu schwei­fen, sich in Details zu ver­lie­ren, die gemäl­de­ar­ti­gen Ansich­ten zu betrach­ten wie ein Gemäl­de – der feh­len­de rote Faden, die unge­wohn­te Bild­struk­tur wer­den dann zum her­aus­ste­chen­den Merk­mal. Ich erken­nen mei­nen Blick wie­der, mit dem ich Lumiè­re-Fil­me sehe, er ist ver­wandt mit der Art, wie ich Loz­nit­sa sehe, wie ich Aker­man sehe, wie ich Tsai Ming-liang sehe, man könn­te die­se Lis­te wei­ter fortsetzen.

Rue Sayeda-Zeinab von Alexandre Promio (Vue N° 374)
Rue Say­eda-Zeinab von Alex­and­re Pro­mio (Vue N° 374)

Kino des Vermessens

Die vues Lumiè­re laden zum Ver­mes­sen des Bild­raums ein. Das unter­schei­det sie vom Kino des Ein­tau­chens, des Akzen­tu­ie­rens, des Vor­be­tens. Die Ansich­ten – und nicht nur jene, die mit der Exo­tik fer­ner Plät­ze koket­tie­ren – fas­zi­nie­ren zunächst als Seh- und dann als Zeit­kap­seln. Es ist, den­ke ich, nötig hin­zu­wei­sen, dass sich die­se Fil­me nicht in ihrer Funk­ti­on als his­to­ri­sche Auf­zeich­nun­gen erschöp­fen. Selbst­ver­ständ­lich hat die Fas­zi­na­ti­on mit den Fil­men auch damit zu tun, dass sie einen Blick auf die Ver­gan­gen­heit frei­ge­ben, die Mög­lich­keit bie­ten mit den Augen eines Men­schen von vor ein­hun­dert­zwan­zig Jah­ren zu sehen, den Ver­gleich zwi­schen Damals und Heu­te nahe­le­gen. Zu glei­chen Tei­len sind sie aber Bei­spie­le für eine film­ge­schicht­lich ver­nach­läs­sig­te Form des Sehens, und für das Öff­nen des Bilds für den Zufall, wenn Pas­san­ten die Kame­ra blo­ckie­ren oder wenn Pfer­de scheu­en (ich habe bereits letz­tes Jahr kurz dar­über geschrie­ben, wie die Unrein­hei­ten die­se Fil­me berei­chern).

Stumm­fil­me sind selbst in den meis­ten Pro­gramm­ki­nos und Cine­ma­the­ken nur sel­ten zu sehen, auch ihre Restau­rie­rung hat kei­nen hohen Stel­len­wert. Was his­to­ri­schen Wert hat wird ger­ne (wie auch Wochen­schau­en) als Mate­ri­al­samm­lung ver­öf­fent­licht, auf DVD oder gar in einer Online-Media­thek. Die Ver­mitt­lung die­ser Fil­me wird aus dem Kino­saal aus­ge­la­gert auf die eige­nen vier Wän­de des Publi­kums. Obwohl gera­de die­se Fil­me von einer leben­di­gen Aus­ein­an­der­set­zung pro­fi­tie­ren. Hier in Bolo­gna sprach Abou­bak­ar Sano­go über die Ägyp­ten-Fil­me des pro­duk­tivs­ten Lumiè­re-Ope­ra­teurs Alex­and­re Promio.

Für mehr Lumière in den Kinos!

Sano­gos Kom­men­ta­re waren augen­öff­nend. Da ging es weni­ger um die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Fil­me oder um ihre genaue Ver­or­tung und Ver­zeit­li­chung, son­dern um all­ge­mei­ne Fra­gen des Fil­mi­schen. Er pro­ble­ma­ti­sier­te die Beson­der­heit der Seh­erfah­rung, den doku­men­ta­ri­schen Gehalt die­ser Bil­der und wie sie sich von ande­ren unter­schei­den – von ande­ren Bil­dern aus der glei­chen Zeit, die an ande­ren Orten auf­ge­nom­men wur­den, und von nach­fol­gen­den Bil­dern, die ande­re Poli­ti­sie­run­gen der Orte und Men­schen zum Ziel haben (die Fil­me der Lumiè­res waren Pro­duk­te des Kolonialismus).

Es scheint, kaum eine Film­in­sti­tu­ti­on fühlt sich heu­te mehr ver­pflich­tet die­se Fil­me zu zei­gen, die wun­der­bar kata­lo­gi­siert, in pas­sa­blem Zustand und recht gut ver­füg­bar sind. Das ist ein Ver­säum­nis, denn nicht nur wer nach Bolo­gna reist, soll­te Gele­gen­heit dazu bekom­men sich die­sen „acqui­red tas­te“ anzueignen.