Filmfest Hamburg Diary: Wie man ein Pferd mit den Händen befriedigt

Was ich heu­te gese­hen habe:Wie man ein Pferd mit den Hän­den befriedigt/​Wie das Sur­face einer digi­ta­len Wün­schel­ru­te aussieht/​Wie man ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger in ein arro­gan­tes Sen­so­ri­um verwandelt

Bei mei­ner Ankunft in Ham­burg lich­te­te sich der Nebel und ich muss­te end­gül­tig fest­stel­len, womit ich schon gerech­net hat­te: Ich bin in Deutsch­land. Was das bedeu­tet, zeig­te sich bei der Aus­ga­be der Tickets. Dort sag­te man mir mit betont freund­li­chem, freund­lich antrai­nier­ten, freund­lich durch­ge­hen­den Ton, dass man, wenn man ein­mal Tickets für einen Tag reser­viert habe, kei­ne Mög­lich­kei­ten mehr habe, die­se Reser­vie­run­gen zu ändern oder gar neue zu machen. Von wei­ter hin­ten ertön­te eine Stim­me aus dem gewohnt hei­me­li­gen, an ein Gewächs­haus (Fil­me sol­len wach­sen? Wir wach­sen an und mit Fil­men?) erin­nern­des Fes­ti­val­zelt: „Man muss eben pla­nen.“, ich sage nichts, da ich Deut­scher bin und genau geplant habe, aber der Mann neben mir hackt noch­mal nach. Er fragt: „Aber war­um geht das nicht?“, die Ant­wort: „Weil Sie dann schon ein Loch für die­sen Tag auf ihrer Kar­te haben.“.

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Wenn man von Löchern spricht, dann ist auch Cor­ne­liu Por­um­boiu nicht fern, des­sen Com­o­ara mein zwei­ter Film auf dem Fes­ti­val war. Por­um­boiu wird wie­der etwas nar­ra­ti­ver. Es geht – wie so oft, aber meist unbe­merkt bei ihm – um eine Vater­fi­gur. Es geht um die Kraft der Illu­si­on (die Lie­be als Illu­si­on, das Lie­ben von Illu­sio­nen und die dar­aus fol­gen­de Des­il­lu­sio­nie­rung, very cle­ver, aber das ist Por­um­boiu, come on. In sei­ner letz­ten Ein­stel­lung dreht er alles und man könn­te allei­ne dar­über Stun­den dis­ku­tie­ren) und natür­lich die Absur­di­tät an sich. Por­um­boiu geht hier weit­aus weni­ger for­ma­le Wag­nis­se ein wie in sei­nen bei­den vor­he­ri­gen Fil­men Când se lasă seara peste Bucu­reș­ti sau meta­bo­lism und Al doi­lea joc, aber sein Wag­nis ist nar­ra­ti­ver Natur, weil er sich im Bereich der Mär­chen auf­hält, der Fiktionen…

Puh, das bringt mich irgend­wie zum ers­ten Film des Film­fests Ham­burg für mich: Saul fia von László Nemes. Ein pola­ri­sie­ren­der Film, aus­ge­zeich­net von einer blin­den Jury in Can­nes mit dem Grand Prix der­sel­bi­gen. Dar­in folgt man in einer auf­ge­setz­ten, extre­men Nähe Saul Aus­län­der, einem jüdi­schen Mit­glied eines Son­der­kom­man­dos in einem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Man ist immer in Bewe­gung und bekommt kaum Luft. Es geht Nemes schein­bar dar­um, ein sol­ches Lager fühl­bar zu machen. Oft erle­ben wir die Mas­sen­tö­tun­gen in einem unbe­que­men Off, wir hören bestän­dig den Ter­ror des Lagers, der sich solan­ge als Rea­lis­mus aus­gibt, bis wir erfah­ren, dass er Effekt war, als er ver­schwin­det, um ande­re Emo­tio­nen zu ermög­li­chen. Nein! Ich erin­ne­re mich an Carl Theo­dor Drey­er, der gesagt hat, dass man ver­ste­hen muss, dass ein guter Fil­me­ma­cher hört, was es in der Welt gibt, nicht was er gera­de braucht. Und auch im Bild unter­lau­fen dem selbst­si­che­ren Nemes eini­ge Unsi­cher­hei­ten in die­sem arro­gan­ten Poser­film. Das Pro­blem ist, dass Unsi­cher­hei­ten bei einer sol­chen The­ma­tik schnell zum ethi­schen Ver­bre­chen wer­den. Wie­der­holt ver­harrt die Kame­ra in mög­lichst spek­ta­ku­lä­ren Ein­stel­lun­gen, bei denen Lei­chen im Bild­hin­ter­grund durchs Bild gefah­ren wer­den und das Off jetzt gar nicht mehr so Off ist, son­dern nur so tut…und noch offen­sicht­li­cher sind die plötz­li­chen Point-of-Views, die Nemes hier ein­baut, Gegen­schüs­se auf das Elend. Der ers­te Blick ist dabei natür­lich bewusst gesetzt, er geht auf den Sohn, Sauls Sohn, ein Titel mit mehr Bedeu­tungs­be­nen als es visu­el­le Ein­fäl­le in die­sem Film gibt, der für sei­ne visu­el­le Inno­va­ti­on gelobt wird. Es ist ein Kon­zept­film, der nicht an sei­nem Kon­zept inter­es­siert ist, son­dern am Effekt die­ses Kon­zepts. Nar­ra­tiv geht es dabei um eine Wür­de, die grö­ßer ist als das Über­le­ben und die sich in einem untrag­ba­ren Lächeln am Ende des Films offen­bart. Es ist ein untrag­ba­res Lächeln, weil es eine Ver­klä­rung ist. Genau wie vie­les ande­re im Film sich nach fünf Minu­ten der visu­el­len Über­rum­pel­lung in ein erschre­cken­des Nichts auf­löst. Es ist ein ganz ähn­li­cher Film wie der Kurz­film With a litt­le Pati­ence von Nemes. Hier ist ein Fil­me­ma­cher, der einer coo­len Idee bis zur Schmerz­gren­ze folgt, statt sich um sei­nen Film zu küm­mern. Was bleibt ist ein Film, in dem fast gar nichts pas­siert, kein Ton, kein Bild, kein Blick spielt eine Rol­le. Alles schreit mich an, alles for­dert mich auf, über die Idee nach­zu­den­ken, nichts for­dert mich auf hinzusehen.

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Wei­te­res:

  • Im Pro­gramm­heft geblättert…amüsiert: Fred Wisem­ans In Jack­son Heights wird uns von fritz-kola prä­sen­tiert und natür­lich – wie fast alle Fil­me – nur the­ma­tisch beschrie­ben. Dan­ke fritz-kola dafür.
  • Beim Früh­stück begeg­ne ich Korea­nern, die in kom­plet­ten HSV-Trai­nings­an­zü­gen auf­tre­ten. Ich ver­su­che ihnen zu kom­mu­ni­zie­ren, dass sie nach Lon­don fah­ren müs­sen. Sie ver­ste­hen mich nicht.
  • Man sagt mir, dass ich am bes­ten in jede der drei Vor­stel­lun­gen von Hou Hsiao-hsi­ens The Ass­as­sin gehe. Heu­te ist die erste.
  • Am Vor­abend gab es auch noch Boi Neon von Gabri­el Mas­ca­ro, der mir letz­tes Jahr mit August Winds sehr gut gefal­len hat. Auch er ist in die­sem Film etwas nar­ra­ti­ver unter­wegs und lan­ge Zeit macht sein Film rich­tig Freu­de. Beson­ders sein Gefühl für Far­ben, Framing und Bewe­gun­gen ist auf einem hohen Niveau. Aller­dings for­ciert er ein Gen­de­ris­sue anhand unter­schied­li­cher Per­so­nen der­art deut­lich, dass es selbst die Jury in Can­nes gese­hen hät­te, wäre er dort gelau­fen. Was wir bekom­men ist ein Film, zu dem eigent­lich nur der Titel The Lus­ty Men pas­sen würde…Rodeo und Sex, Tie­re und Men­schen, Mann und Frau, alles ver­wischt hier zu einem sur­rea­lis­ti­schen Sog, der aus einer doku­men­ta­ri­schen Beob­ach­tung ent­steht. Mas­ca­ro ist nach dem Film auch da und erzählt so eini­ges über sei­nen – auch sei­ner Mei­nung nach gelun­ge­nen, ein­zig­ar­ti­gen – Film. Heu­te war mit Sicher­heit nicht der Tag, der an sich zwei­feln­den Filmemacher…jedenfalls muss­te er auch Hand an einem Pferd anla­gen, damit es der Schau­spie­ler auch tut. Frag­wür­dig jedoch dann sein Schwenk in sel­bi­ger Sze­ne, der den Orgas­mus des Pfer­des ins Off ver­legt. Dar­über muss man aber nicht wirk­lich diskutieren…