In der aktu­el­len Aus­ga­be der cine­ma scope führt Mark Per­an­son ein Inter­view mit sei­nem Freund und dem Locar­no-Gewin­ner Albert Ser­ra. Er stellt sei­nem Gespräch ein Zitat von Sal­va­dor Dalí vor­aus: „It is not neces­sa­ry for the public to know whe­ther I am joking or whe­ther I am serious, just as it is not neces­sa­ry for me to know it mys­elf.” Eigent­lich geht das Inter­view dann aber gar nicht wei­ter auf die Fra­ge ein, die sich mir bei mei­nem Inter­view mit Ser­ra vor eini­gen Wochen gestellt hat (Inter­view): Meint er es ernst oder nicht? Albert Ser­ra ist einer der weni­gen Fil­me­ma­cher, die sich ganz bewusst als Genie dar­stel­len. Ein Genie, das sich an die aus­de­fi­nier­tes­te Form des Autoren­ki­nos stellt, die man sich vor­stel­len kann. Er sei der Bes­te, er sei der Ein­zi­ge, er wür­de am Wei­tes­ten gehen; gewis­ser­ma­ßen ein ein­ge­lös­tes Ver­spre­chen des­sen, was Autoren­schaft in den Köp­fen vie­ler jun­ger Film­be­geis­ter­ter heißt. 
Kri­tisch steht man einer sol­chen Hal­tung vie­ler­orts gegen­über. Zum einen wird Autoren­schaft im Film als Gan­ze hin­ter­fragt. Wis­sen­schaft­ler, Jour­na­lis­ten und vor allem Film­schaf­fen­de brin­gen zwei Ansät­ze der Autoren­theo­rie durch­ein­an­der und ver­mi­schen die ame­ri­ka­ni­sche und die fran­zö­si­sche Sicht auf den Begriff, indem sie belei­digt und stän­dig dar­auf ver­wei­sen, dass ein Film nicht nur von einer Per­son her­ge­stellt wird. Damit haben sie natür­lich Recht und dann kön­nen sie sich in ihre war­men Häu­ser zurück­zie­hen und sich den nächs­ten Indus­trie­film zufüh­ren, aber lie­ber eine TV-Serie, denn dort merkt man umso weni­ger von irgend­wel­chen Autoren. Film sei eben auch Unter­hal­tung, man müs­se eben auch an das Publi­kum den­ken, bei Film gin­ge es um viel Geld und sowie­so. Von dif­fe­ren­zier­te­ren Den­kern wird der Autoren­be­griff ger­ne als ver­ein­fa­chend abge­tan. Man kann nicht ein­fach nur das indi­vi­du­el­le Werk eines Machers betrach­ten, man müs­se auch immer sehen unter wel­chen Umstän­den es ent­stan­den ist, unter wel­chen tech­ni­schen und sozia­len Vor­aus­set­zun­gen. In eine sol­che Welt platzt Ser­ra. Er sagt, dass alles was er tue mit sei­nen eige­nen Inter­es­sen zu tun habe. Wenn er etwas nicht machen wür­de, dann nur weil es ihm lang­wei­lig vor­kä­me. Er dreht nicht nach gewöhn­li­chen Regeln, er schreibt kein wirk­li­ches Dreh­buch, er schnei­det Ewig­kei­ten mit unend­lich viel Mate­ri­al und hat mit „His­tòria de la meva mort“ mit gro­ßer Sicher­heit einen der bes­ten Fil­me des bis­he­ri­gen Jahr­zehnts gedreht. Drei Kame­ras neh­men gleich­zei­tig sei­ne Impro­vi­sa­tio­nen auf, für sei­ne Art zu arbei­ten liebt er das digi­ta­le Mate­ri­al, anders wür­de er gar nicht arbei­ten kön­nen. Sein Ver­hal­ten ist ein­fach als arro­gant abzu­tun. Er setzt sich über alles und jeden hin­weg, greift gleich­zei­tig den Kunst­film und den Indus­trie­film an, zeigt kei­nen wirk­li­chen Respekt vor ande­ren Regis­seu­ren. Man könn­te Albert Ser­ra als einen Post-Auteur bezeich­nen, der gar nicht mehr ver­sucht sei­ne Autoren­schaft zu recht­fer­ti­gen, indem er sie bei­spiels­wei­se mit Wis­sen, Erfah­rung oder eine beson­de­re Welt­sicht stüt­zen wür­de. Fast ein abso­lu­tis­ti­scher Fil­me­ma­cher. Einer der Aspek­te, die zu einem sol­chen Kino gehö­ren, ist sicher­lich Kon­se­quenz. Damit kann man sich im deut­schen Sprach­raum noch sehr gut anfreun­den. Fil­me­ma­cher wie Micha­el Han­eke oder Chris­ti­an Pet­zold bau­en sich kon­se­quen­te Fil­me, in kon­se­quen­ten Oeu­vres, die bis­wei­len furcht­los an Gren­zen gehen und einen in ihrer Kohä­renz mit wun­der­vol­len Momen­ten zu erdrü­cken wissen. 


Davor zieht man den Hut, aber was ist mit Frei­heit? Frei­heit in der Insze­nie­rung, die so oft im Kino ver­bannt wird in ein tra­shi­ges Kino, aber dort herrscht ein Zwang zur Frei­heit, der das Kino eben erst als Trash qua­li­fi­ziert. Bei Fil­me­ma­chern wie Albert Ser­ra oder auch Car­los Rey­ga­das und Andrzej Żuław­ski fin­den Extra­va­gan­zen aber jen­seits des Hau­Drauf-Kinos statt. Nein, wo gibt es ein deutsch­spra­chi­ges Kino, das sich den Lau­nen und Stim­mun­gen einer ein­zel­nen Per­son beugt?  Die­ses Kino kann es nicht geben in einer Welt, die schon den Begriff „Visi­on“ als lächer­lich und ver­al­tet abtut. Der Autor wur­de säu­ber­lich in eine Maschi­ne inte­griert. In sei­nem „Cen­tu­ry of Birt­hing“ lässt Lav Diaz einen Cha­rak­ter sagen, dass er kein „Dead­line-Fil­me­ma­cher“ sei. Das impli­ziert schon die Abhän­gig­keit der Fes­ti­val­ma­schi­ne und im Main­stream­be­reich der Fern­seh­ma­schi­ne, die Frei­heit im Film zu einer Uto­pie ver­kom­men lässt. Je grö­ßer eine Visi­on ist, des­to weni­ger darf sie mit einer Visi­on zu tun haben, um ver­wirk­licht wer­den zu kön­nen. Sie muss in Pake­te ver­packt wer­den und sie muss schme­cken. Wie also kann Albert Ser­ra die­ses Spiel spie­len? Zunächst noch eine ande­re Beob­ach­tung: Heu­te hört man vie­le Men­schen über die wun­der­ba­ren Vor­tei­le von sozia­len Platt­for­men und der unend­li­chen digi­ta­len Revo­lu­ti­on schwär­men. Der Gedan­ke, dass jeder Fil­me­ma­cher sein kann, hat sich als ein völ­lig posi­ti­ver Wert in den Köp­fen der Men­schen fest­ge­stellt. Es ist nicht nur einer Éli­te vor­be­hal­ten Fil­me zu machen und es ist auch lan­ge nicht mehr so viel Geld nötig. Ist das wirk­lich so? Und ist nicht ein Neben­aspekt, dass auch lan­ge nicht mehr so viel Schmerz, so viel Lie­be und so viel Enthu­si­as­mus nötig ist, um einen Film zu rea­li­sie­ren. Manch­mal wünsch­te ich mir, man müss­te noch ganz wie Wer­ner Her­zog sei­ne Kame­ras klau­en, um Fil­me machen zu kön­nen. Dann wür­de man sehr schnell wis­sen, ob man es wirk­lich will. Eine Fol­ge der Über­schwem­mung an unbe­hol­fe­nen Nach­wuchs­fil­men, ist zum einen, dass vie­le Men­schen ihren Weg in den Film­be­reich fin­den, die dort kei­ne Kunst sehen. Film­schu­len wer­den über­be­völ­kert von Video­fil­mern, die sich gut klei­den kön­nen und tren­di­ge Spots dre­hen, damit sie auf Par­tys erzäh­len kön­nen, dass sie Film machen. Ich sage nicht, dass es die­se Art Fil­me­ma­cher nicht schon immer gege­ben hat und ich sage auch nicht, dass ihre Pro­duk­te zwangs­läu­fig eine nied­ri­ge Qua­li­tät haben. Aber mit ihrem Her­zen haben sie noch nie einen Film gemacht und das ver­wirft natür­lich per se jede Idee von Genie bezie­hungs­wei­se längt sie in die fal­sche Bahn einer Will­kür ohne jeden Boden. Albert Ser­ra hat Boden. Die Art und Wei­se wie er sei­ne Fil­me dreht, wie er über sie spricht, die Zeit und das Blut, das er inves­tiert ragen weit über vie­le gro­ße Pro­duk­tio­nen hin­aus. Sein Ergeb­nis auch. Das hat auch mit einer Refle­xi­on von Film, von Kunst zu tun, die eben jenen Video­fil­mern mit den Polo­hem­den gänz­lich fehlt. Zum ande­ren för­dert das digi­ta­le Zeit­al­ter eine Ver­ro­hung der fil­mi­schen Mit­tel, ja der fil­mi­schen Wahr­neh­mung. Kurz: Der Respekt vor dem Medi­um geht ver­lo­ren. Das liegt natür­lich dar­an, dass ja gar nicht mehr auf dem Medi­um Film gedreht wird, aber vie­les an der Krea­ti­on eines Films bleibt doch in ganz ähn­li­chen Bah­nen wie im ana­lo­gen Zeit­al­ter und da man mit simp­len Knopf­drü­cken alles ver­än­dern oder gar ver­nich­ten kann, geht die Ehr­furcht vor Bild und Ton völ­lig ver­lo­ren. Wozu soll­te man sie auch haben? Aber mit Albert Ser­ra fragt man sich schon, wann sei­ne Aus­sa­gen und sei­ne Selbst­in­sze­nie­rung zum blo­ßen Aus­fül­len einer Markt­ni­sche wer­den, auf die ein refle­xiv sub­ver­si­ves Maga­zin wie cine­ma scope natür­lich ger­ne auf­springt (und ich auch) und ab wann er hier ein tat­säch­lich frei­er Künst­ler ist. Natür­lich tickt jeder anders. Vie­len Fil­me­ma­chern macht es ein­fach Spaß sich von den ver­schie­de­nen Team­mit­glie­dern beein­flus­sen zu las­sen, für vie­le ist die enge Zusam­men­ar­beit mit Kame­ra, Pro­duk­ti­on, Dreh­buch oder Musik ein wich­ti­ger Bestand­teil ihrer Metho­de. Den­noch sage ich, dass Film wie­der mehr Genies braucht, das heißt Fil­me­ma­cher, die sich im Sin­ne einer mög­li­chen Aus­le­gung der Autoren­theo­rie als Künst­ler eta­blie­ren, die sich über alles und jeden hinwegsetzen. 
Ja, wir sind intel­li­gent genug, um zu wis­sen, dass es mehr Leu­te braucht um einen guten Film zu machen. Nein, wir müs­sen das nicht an jeder Stel­le beto­nen. Und war­um? In Lite­ra­tur, Male­rei oder bei Skulp­tu­ren gibt es in den meis­ten Fäl­len einen Künst­ler (ein Genie), der mit dem Werk asso­zi­iert wird. Inwie­fern bei­spiels­wei­se Ideen in einem Roman von einer ande­ren Per­son stam­men, ist völ­lig irrele­vant in den all­täg­li­chen Bespre­chun­gen, um die es hier ja geht. Beim Film gestal­tet sich die­ses Kon­zept an sich schon schwie­ri­ger, weil er sich aus ver­schie­de­nen Küns­ten zusam­men­setzt. Die Schau­spiel­kunst, die Kame­ra­kunst, die Dreh­buch­kunst, die Ton­kunst, die Musik­kunst, die Mas­ken­kunst, die Kos­tüm­kunst, die Sze­nen­bild­kunst, die Licht­kunst und so wei­ter. Das sind gleich­zei­tig die schöns­te Sache am Film und sein Ver­häng­nis. Schön, weil es einen Film aus den unter­schied­lichs­ten Grün­den zu einem rei­chen Werk machen kann und weil das Zusam­men­spiel der Küns­te einen tie­fen Sog zu hin­ter­las­sen ver­mag und ein Ver­häng­nis, weil man auf­grund des Auf­wan­des, der geleis­tet wer­den muss, um alle Küns­te zusam­men erklin­gen zu las­sen, immer schon auto­ma­tisch in indus­tri­el­le­re Kate­go­rien wan­dert (ich den­ke, dass auch die ande­ren genann­ten Küns­te in indus­tri­el­len Kate­go­rien funk­tio­nie­ren, aber nicht im Aus­maß von Film). Aber natür­lich erfor­dert das rich­ti­ge Zusam­men­klin­gen die­ser Küns­te eine beson­de­re Kunst. Und die­se liegt beim Regis­seur. Damit offen­bart er sich schon von sei­ner Auf­ga­be her als mög­li­ches Genie. Denn es scheint mir unmög­lich all die­se Sachen zu erler­nen, sie wirk­lich völ­lig zu beherr­schen und zu kon­trol­lie­ren. Intui­ti­on und Gefühl spie­len eine gro­ße Rol­le. Ich spre­che dabei nicht davon, dass der Regis­seur ein Genie ist, son­dern dass der Regis­seur als Genie aner­kannt wer­den soll­te. Er ist kein bes­se­rer oder intel­li­gen­te­rer Mensch als die Zuse­her oder alle ande­ren Team­mit­glie­der, aber in der Rezep­ti­on und damit ulti­ma­tiv in der Frei­heit, die man ihm in sei­ner Arbeit lässt, liegt für mich ein Schlüs­sel, damit Film wei­ter als Kunst funk­tio­nie­ren kann. Viel­leicht ist Albert Ser­ra ein sehr zurück­hal­ten­der Regis­seur der sich vie­le Vor­schlä­ge anhört und dann ent­schei­det. Das ist nicht wich­tig. Es ist eben nicht wich­tig, ob er einen Spaß macht oder ob er es ernst meint. Es geht aus­schließ­lich dar­um, dass er sich als Schöp­fer eines Wer­kes instal­liert und mit sei­nen Aus­sa­gen Gedan­ken und Gefüh­le in Gang setzt. Das Kino braucht wil­de Ent­schei­dun­gen, die nicht logisch begründ­bar sind. Das Kino braucht einen roman­ti­schen Touch. Das Kino braucht etwas, das man nicht ver­ste­hen kann und wes­halb man es wei­ter durch­su­chen will. Das Kino braucht die Unschuld von Genies, es braucht Extra­va­gan­zen, sub­ver­si­ve Angrif­fe, es braucht radi­ka­le Ansät­ze. Albert Ser­ra ist der Schre­cken aller Ver­nunft im Kino. Er ist, wie er selbst sagt „unfuckable“. Das Kino könn­te auch „unfuckable“ sein. Aber dazu ist es wohl zu spät. Bezeich­nend, dass die­ser Mann einen Film mit dem Titel „Sto­ry of my Death“ gedreht hat.