Mit etwas Abstand zum Gesche­hen und in unge­wohn­ter Kon­stel­la­ti­on wird ein letz­tes Mal über die dies­jäh­ri­ge Dia­go­na­le dia­lo­gi­siert. Andrey und Rai­ner bli­cken eine Woche zurück und las­sen die wich­ti­gen Din­ge im Leben Revue passieren.

Rai­ner: In mei­ner Kind­heit wur­de ich womög­lich mit zu vie­len Äpfeln kon­fron­tiert, denn ich mag sie mitt­ler­wei­le nicht mehr beson­ders. Bei den Gra­tis­s­tei­rer­äp­feln an den Fes­ti­vallo­ca­ti­ons habe ich den­noch zuge­grif­fen und sie haben ver­mut­lich dazu bei­getra­gen, dass ich mei­ne Erkäl­tung wäh­rend die­ser vier Tage gut aus­ku­riert habe. Magst du Äpfel?

Andrey: [lacht] Ein Apfel a day usw. Klar, ich habe dies­be­züg­lich kein Trau­ma und habe mich auch immer wie­der im Schu­bert­ki­no bedient. Über­haupt macht Graz auf mich immer, wenn ich wäh­rend der Dia­go­na­le dort bin, einen äußerst „gesun­den“ Ein­druck: Bio­lä­den an jeder Ecke, Rad­haupt­stadt Öster­reichs – aber zugleich wer­de ich weder in Wien, noch in Linz so oft mit Armut konfrontiert.

Rai­ner: Tat­säch­lich? Dass in Graz die Armut gras­siert, wäre mir noch nicht auf­ge­fal­len (vor allem nicht im Ver­gleich zu Wien), ein­zig so man­che Fil­me die dort gezeigt wer­den tau­gen als künst­le­ri­sches Armutszeugnis.

Andrey: Ich mei­ne ganz kon­kret, dass der Kon­trast zwi­schen Wohl­stand und dem Gegen­teil von Wohl­stand mir dort im Stadt­bild viel prä­sen­ter scheint als anders­wo in Öster­reich, dass man beim Streif­zug durch die fein her­aus­ge­putz­te Stadt doch unent­wegt Men­schen begeg­net und auch von die­sen ange­spro­chen wird, die einen dar­an erin­nern, dass es sich um ein Trug­bild han­delt – aber auf wel­che Fil­me beziehst du dich?

Rai­ner: Naja, in der Natur der Sache der Dia­go­na­le – die­ser frei­wil­li­gen Beschrän­kung auf öster­rei­chi­sche Fil­me – liegt es, dass da auch zahl­rei­che Fil­me lau­fen, die auf einem ernst­zu­neh­men­den Fes­ti­val eigent­lich nichts zu suchen haben. Zwar ver­su­che ich die immer zu umschif­fen, aber all­zu oft, fin­det man sich dann doch in einem Scree­ning und beginnt sich zu fra­gen, ob es nicht ver­nünf­ti­ger wäre, in der Son­ne einen Cap­puc­ci­no zu genie­ßen, als den Film zu Ende anzu­se­hen. Prin­zi­pi­ell ist die­ses Phä­no­men natür­lich nicht auf die Dia­go­na­le beschränkt, aber gera­de hier habe ich bei mei­ner per­sön­li­chen Pro­gramm­ge­stal­tung oft­mals das Gefühl, dass es aus Man­gel an Alter­na­ti­ven eigent­lich zu leicht ist, sich für oder gegen einen Film zu entscheiden.

Dreams Rewired von Manu Luksch/Martin Reinhart/Thomas Tode
Dreams Rewired von Manu Luksch/​Martin Reinhart/​Thomas Tode

Andrey: Ein Fes­ti­val des Öster­rei­chi­schen Films hat aber doch die Auf­ga­be, mög­lichst das gan­ze Spek­trum des hei­mi­schen Film­schaf­fens abzu­bil­den, und nicht nur die ein­ge­bil­de­te Crè­me de la Crè­me, oder? Es ist klar, dass dann auch vie­les dabei ist, was man zurecht als mit­tel­mä­ßig bezeich­nen kann, aber auch die­ses Mit­tel­maß ist womög­lich reprä­sen­ta­tiv für kei­men­de Ten­den­zen und Strö­mun­gen. Im Grun­de müss­test du ver­su­chen, die Fil­me, die dich weni­ger begeis­tern, im Kon­text eines grö­ße­ren Gan­zen zu sehen, um etwas dar­aus zu schöp­fen – schließ­lich ver­su­chen auch die­se Fil­me etwas, und die Fra­ge ist: Was ver­su­chen sie, und warum?

Rai­ner: Ja, schon klar. Ich wer­fe dem Fes­ti­val die­ses Mit­tel­maß gar nicht vor, son­dern kon­sta­tie­re nur, dass es das gibt. Wenn wir schon dabei sind, könn­ten wir etwas kon­kre­ter wer­den: Wel­chen der Fil­me, die du gese­hen hast, fandst du am mittelmäßigsten?

Andrey: Die, die ich wie­der ver­ges­sen habe. Und du?

Rai­ner: [lacht] Du ver­gisst sehr schnell. Hät­ten wir die­sen Dia­log bes­ser vor drei Tagen gemacht?

Andrey: Nein, Mit­tel­maß zeich­net sich ja zumeist dadurch aus, dass man nicht wei­ter dar­über nach­denkt, inso­fern mei­ne ich das durch­aus ernst. Aber ich glau­be nicht, dass da die­ses Jahr soviel dabei war, auch, weil ich ins­ge­samt nicht soviel gese­hen habe und bei mei­ner Aus­wahl eher streng war, mich an Erwar­tun­gen und Emp­feh­lun­gen gehal­ten habe. Inter­es­san­ter­wei­se war aber kein ein­zi­ger kon­ven­tio­nel­ler Spiel­film dar­un­ter. Viel­leicht war das auch eine unbe­wuss­te Vorsichtsmaßnahme.

Rai­ner: Ich ver­su­che auf der Dia­go­na­le eben­falls Spiel­fil­me ten­den­zi­ell zu ver­mei­den, aber so haben mich nach eini­ger Zeit vor allem jene Doku­men­tar­fil­me genervt, die zu wenig in einen frucht­ba­ren Kon­trast zwi­schen Bild- und Ton­ebe­ne inves­tiert haben. Da hört man eine Geschich­te und sieht Bild­ma­te­ri­al, das bloß die­se Erzäh­lung bebil­dert und irgend­wann will man einschlafen.

Andrey: Wobei ich mir teil­wei­se – etwa bei Dreams Rewired – nicht so sicher war, was da am Anfang stand, der Text oder die Film­aus­schnit­te. Was du meinst, ist wohl schlicht eine Tau­to­lo­gie der Bedeu­tungs­ebe­nen, wenn Bild und Ton das­sel­be erzäh­len. Hast du wirk­lich so vie­le Arbei­ten gese­hen, die so vorgingen?

Rai­ner: Ja, du fin­dest wie immer die ele­gan­te­ren Wor­te für mei­ne Gedan­ken. Dreams Rewired wäre eines die­ser Bei­spie­le, das trotz impo­san­tem Bild­ma­te­ri­al wenig zu mir spricht. Die bei­den Fil­me von Alfred Kai­ser, die ich im Rah­men der klei­nen Werk­schau gese­hen habe, die ihm gewid­met war, emp­fand ich als ähn­lich läh­mend. Jola Wiec­zo­reks O que res­ta und auch Ann­ja Kraut­gas­sers Wald­sze­nen darf man getrost auch die­ser Kate­go­rie beifügen.

Lampedusa von Peter Schreiner
Lam­pe­du­sa von Peter Schreiner

Andrey: Hm. Ich habe bis auf den Erst­ge­nann­ten kei­nen die­ser Fil­me gese­hen, begeg­ne­te aber selbst immer wie­der span­nen­den Ver­su­chen, mit klas­si­schen Bild-Ton-Ver­hält­nis­sen zu bre­chen, etwa Hans Scheu­gls Dear John, auf den du ja schon in einem älte­ren Gespräch mit Patrick näher ein­ge­gan­gen bist, oder den Fes­ti­val­trai­ler von Lukas Marxt. Ich fin­de, dass die Dia­go­na­le all­ge­mein – und das ist für ein der­art klei­nes, natio­na­les Fes­ti­val schon beein­dru­ckend – ein unfass­bar brei­tes Spek­trum an fil­mi­schen Zugän­gen auf­fä­chert, auch wenn bei wei­tem nicht alles gelun­gen ist. Nur beim Gen­re­ki­no könn­te man even­tu­ell kla­gen, aber selbst das wur­de die­ses Jahr mit der Ver­lei­hung des Gro­ßen Prei­ses an Ich seh, ich seh zumin­dest nomi­nell geehrt.

Rai­ner: Das es genü­gend gelun­ge­ne Gegen­bei­spie­le gibt steht außer Fra­ge! Nur wenn du mich nach dem fragst, was ich bei die­sem Fes­ti­val am ehes­ten als Mit­tel­maß emp­fun­den habe, dann sind es ohne Zwei­fel die Doku­men­tar­fil­me der ange­spro­che­nen Schlag­art. Ich dis­ku­tie­re ohne­hin lie­ber über die Fil­me, von denen ich begeis­tert bin. Über die Ehrung von Ich seh, ich seh, bin ich eben­falls sehr froh, zwar ist mir ziem­lich egal, was das für die Ent­wick­lung des öster­rei­chi­schen Gen­re­ki­nos bedeu­tet, aber der Film an sich hat mich sehr begeis­tert und ist in vie­ler­lei Hin­sicht ein ver­dien­ter Sieger.

Andrey: Wenn du einen Dia­go­na­le-Film aus­zeich­nen könn­test, wel­chen wür­dest du wählen?

Rai­ner: Die Ant­wort ist all­zu offen­sicht­lich: Wie die ande­ren von Con­stan­tin Wulff, ein for­mi­da­bles Por­trät einer Insti­tu­ti­on, ein for­mi­da­bles Por­trät unter­schied­li­cher Men­schen, ein Film, der die rich­ti­ge Distanz zu sei­ner Mate­rie fin­det. Wie sieht’s bei dir aus?

Andrey: Schwie­rig, aber ich den­ke, ich wür­de Lam­pe­du­sa von Peter Schrei­ner den Vor­zug geben, obwohl mei­ne per­sön­li­che Sich­tungs­er­fah­rung des Films nicht gera­de die bes­te war. Ich bin davon beein­druckt, wie Schrei­ner im Lau­fe sei­ner letz­ten vier Arbei­ten eine völ­lig eigen­stän­di­ge Ästhe­tik und Arbeits­wei­se aus­ge­feilt hat. Sei­ne Fil­me gewin­nen zuse­hends an exis­ten­ti­el­lem Gewicht und poli­ti­scher Bri­sanz, und ich weiß, dass mir Patrick bestimmt auf die Fin­ger klop­fen wür­de, aber in gewis­ser Hin­sicht kann man in ihm fast schon einen öster­rei­chi­schen Pedro Cos­ta sehen – Giu­lia­na Pach­ner ist sei­ne Ven­tura-Figur, in deren Gesicht und Wor­ten die gan­ze Welt steckt.