Der zweite Film

Wie nach dem Ende eines Films oder Buchs nicht vergessen, was man fühlt? Wie erst einmal erfühlen, erdenken, ertasten, was genau sich in einem regt? Wie eine Position zu dem finden, was man da gerade gesehen, gehört, gelesen hat? Es gibt jene, die auf das sofortige Gespräch schwören, die den Film nacherzählen, ihre Meinung im Sprechen bilden. Sie müssen teilen, um zu glauben, loswerden, um zu behalten. Auch jene, die über ganz anderes sprechen wollen, die beinahe, so scheint mir, am Vergessen arbeiten, damit sie das Werk in sich vergraben, verstecken wie ein Eichhörnchen seine Nuss. Es gibt jene, die schweigen, vielleicht eine Zigarette, vielleicht spazieren sie durch die Stadt, leben noch ein wenig im Film, im Buch, lassen die Existenz des eben Erfahrenen wie ein Echo durch ihre Schritte und Gedanken gleiten. Man sieht sie oft. Sie sehen einen nicht. Manchmal beginnen sie sogar so zu sprechen wie Figuren in Buch oder Film, sie beginnen die Manieren des Werks anzunehmen, imitieren mit dem Leben die Kunst. Wie anders lässt sich erklären, dass Maria immer nach dem Kino an die Liebe glaubte und wir sie in unserer Jugend immer völlig kalt in den Saal haben huschen sehen und mit großen Augen, einen nach dem anderen von uns verführend wieder aus ihm schwebend?

Wie aber nicht vergessen? Schreibt man sich auf, was man fühlt, klammert sich an Worte, studiert Texte und Hintergründe zu den Werken, versucht die Erfahrung zu verlängern, man sagt vielleicht, hofft auch, dass man den Film nochmal sehen kann, das Buch nochmal lesen kann? Verlängert man, wiederholt man die Erfahrung, um nicht zu vergessen? Bilder entfallen wie Worte. Man vertraut darauf, dass sie irgendwo in uns fortbestehen, im Unterbewusstsein abgespeichert, vielleicht träumt man ja davon, vielleicht tauchen sie plötzlich wieder auf, wenn man durch ein anderes Bild, eine Gegebenheit in der Welt daran erinnert wird. Niemand erinnert uns an diese Bilder und Worte, keine App, kein Newsletter, nur wir selbst. Wenn gesagt wird, dass das Kino ein sozialer Ort ist, dann gilt das nicht für die Intimität dieses Vergessens. Das Gewicht der Filme und Bücher verliert mit jedem Vergessen, gewinnt mit jedem Erinnern. Jemand hat einmal gesagt, dass man einen Film am Morgen nachdem man ihn gesehen hat, am besten bewerten kann. Wie er dann in einem lebt. Denn so oft sieht man Filme, liest man Bücher, die man für besonders gut gemacht hält, die einem Freude machen, verführen, scheinbar berühren, um sich am nächsten Tag kaum daran zu erinnern.

Manche sehen auch gleich den nächsten Film, lesen gleich das nächste Buch, es passt ein wenig zu der fragmentierten Wahrnehmung, mit der man auch sonst so konfrontiert wird. Sie hören nicht den Wind, der entsteht, wenn man ein Buch zuklappt. Die Stimmen dringen aus den geschlossenen Seiten, so wie aus den Lichtern des Kinos in die Nacht hinein. Vielleicht wollen sie die Emotionen auch im Rausch ertränken. Immer mehr davon, die nächste Dosis, bis man sich in einem Labyrinth der Fiktionen und Weltansichten so weit verlaufen hat, dass man nicht mehr sehen muss, was das alles mit einem selbst oder der Welt zu tun hat. Es wäre womöglich auch zu schmerzhaft. Also gibt es, wie Jean-Pierre Léaud in seinem jüngsten Film Le Lion est mort ce soir sagt, jene, die das Kino sehr ernst nehmen würden und jene, die schlicht Freude daran haben. Es ist auch eine Freude, dieses Vergessen, diese Bilder, die realer scheinen, als jene, die wir heute aus der Realität vermittelt bekommen und die dennoch so viel weniger grausam sind. Vielleicht sollte man sie gerade deshalb nicht vergessen.

Eine Schwester meiner Großmutter hat im Alter nach und nach ihr Gedächtnis verloren. Ihr Mann hat mir, als ich noch jung genug war nicht die Grausamkeit, sondern das Wunder in allem zu sehen, erzählt, dass sie einmal an einem Sonntagnachmittag den gleichen Film zweimal hintereinander im Fernsehen gesehen hatte. Er beobachtete, wie sie beide Male exakt die gleichen Reaktionen auf den Film hatte, die selben Gesten, das selbe Lächeln, die selben Kommentare. Er war sich sicher, dass sie den Film beim zweiten Mal genau wie beim ersten Mal sah. Diese Anekdote übt bis heute eine ungemeine Faszination auf mich aus. Ich habe dennoch vergessen, um welchen Film es sich handelt. Man träumt so oft davon, etwas wie beim ersten Mal zu sehen und gleichzeitig will man nicht vergessen, was man gesehen hat. Vielleicht sollte man sich einen riesigen Schlüsselbund kaufen und für jedes Buch, jeden Film und auch jede andere Erinnerung einen Schlüssel haben, sodass man bald mit tausenden Schlüsseln in der Tasche beim Gehen klimpert, beinahe unter der Last zusammenbricht, aber immer wenn einem danach ist, die unsichtbaren Türen öffnet, die einen irgendwann berührt haben.

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