Notizen zu Christine Ott

Von einer einmal gehörten Musik zu schreiben, erscheint mir zunächst wenig zielführend. Im Gegensatz zu Bildern und deren Bewegung, die ich schon des Öfteren beschrieben habe, gibt es keine konkrete Erinnerungen an die Musik. Vielleicht aber bilde ich mir das bei Bildern auch nur ein (einbildern); oft genug nutze ich schließlich – wenn vorhanden – die Möglichkeit Bilder wiederzusehen, um darüber zu schreiben, während ich darüber schreibe. Ich kann wahrscheinlich nicht beweisen, dass ich die Musik, von der ich hier etwas arg zögerlich beginnen möchte zu schreiben, nicht höre, während ich von ihr schreibe. Einzig kann ich versuchen zu schildern, wie wichtig mir die Stille nach dem Hören ist; dann erscheint mir das Vakuum der Luft wie ein Echo von all dem, was die Musik beim Hören in mir auslöste. Es ist mir nicht klar, ob die Musikerin, von der ich schreiben möchte, Christine Ott, mit ihrem Albumtitel Only Silence Remains genau auf dieses Echo Bezug nimmt; ich möchte es aber annehmen, alleine schon deshalb, weil sich ein Text leichter schreibt, wenn man sich mit seinen Ideen verbunden fühlt zu jener Kunst, die man beschreibt. Dabei habe ich gar nichts zu beschreiben.

Mir ist aufgefallen, dass ich einen bestimmten Bewegungsablauf habe, wenn ich zum ersten Mal eine Musik höre, die mich berührt. Ich lehne mich dann zurück, mein Kopf fällt ungewöhnlich in den Nacken (zumindest fühlt es sich ungewöhnlich für mich an, wenn ich darüber nachdenke) und nach einer Zeit blicke ich zur Seite, starre zur Seite, sodass meine Augen nichts mehr scharfstellen müssen. In mir schließt sich etwas. Eine warme Hand umgreift die Melodien als wären sie aus mir selbst, als würden sie mir allein gehören. Das erste, was mir klar wurde bezüglich der Musik von Christine Ott, vor allem der Musik ihrer Alben Solitude Nomade, Only Silence Remains und ihrem Soundtrack zu Friedrich Wilhelm Murnaus Tabu, ist dass sie mich dazu bringt, das Schweigen in mir zu suchen, es scheint mir ganz natürlich Nichts zu dieser Musik zu sagen. Ich höre, dass es nicht nur auf den Ton ankommt, den man als nächstes spielt, sondern darauf wie man die Tasten des Klaviers berührt, mit ein wenig Widerstand, ein bisschen Zärtlichkeit, sodass der daraus resultierende Klang die Spielende selbst überrascht; wie wenn man sich lange Zeit vorgestellt hat wie sich die Hand eines geliebten Menschen wohl anfühlen würde – Ott beschreibt beständig den Moment dieser ersten, vielleicht eingebildeten Berührung. Allerdings habe ich das Gefühl, oder ich bin mir zumindest nicht sicher, ob es wirklich die Berührung hin zu etwas ist oder ganz im Gegenteil jene Sekunden, in denen wir zum letzten Mal etwas berühren, eine Hand, bevor sie uns für immer entgleitet.

Zu meinen Schulzeiten trennte sich eine solche Hand von mir, eine Hand, die mir sehr wichtig geworden war, an einem Wintertag. Viel heftiger als die Trennung empfand ich dabei, dass ein Handschuh über sie gestülpt war und ich so in dieser letzten Berührung nur Stoff empfand, der alles was dort geschah, unecht wirken ließ. Es tröstet mich, dass die Rhythmen von Ott immer weiter gehen. Es gibt einen reißenden Strom, der die Erinnerungen mit sich zieht. Jede Anmutung ist nur ein Ton, der nächste folgt zugleich, zusammen ergeben sie etwas, dass man nicht kontrollieren kann, man muss sich dieser Musik aussetzen.

Einmal habe ich Otts Musik gehört…nein, ich finde nicht, dass man einen Satz so beginnen kann; was ich schreiben will, hat damit zu tun, dass ihre Musik mir Angst machst, etwas kippt in den Tönen wie ein Zug, der ohne Gleise weiterfährt, weiterschwebt. Unberechenbar und unheimlich. Es sind nicht nur die Geistertöne, die Ott mit ihren Ondes Martenot erzeugt, sondern auch ein Wirbel aus Zerbrechlichkeiten; fühle mich wie ein tanzendes Paar in der Mitte und auf dem Eis eines gefrorenen Bergsees, dessen Eis nach und nach aufbricht.

Christine Otts Musik ist anderswo in mir, ich kann sie nicht verorten. Vielleicht daher dieser etwas bemühte Versuch, sie durch Schreiben zu lokalisieren. Zuletzt möchte ich noch auf eine Begebenheit hinweisen, die sich so während eines aufkommenden Sturms im Herbst des vergangenen Jahres zugetragen hat. Ich war alleine mit dem Rad auf einem Feldweg unterwegs, freies Feld, keine Bäume; ich höre Ott immer alleine; es gab keinen Grund für meine Ausfahrt, etwas in mir verspürte plötzlich den Drang nach Wind auf offenem Feld, dieses Gefühl, schreien zu können, ohne dass man sich selbst hören muss. Ich fuhr dort mit und gegen den Wind, als ich mit einem Mal die Klaviertöne von Ott vernahm. Durch den Sturm hindurch, aus dem Wind, ganz sanft und doch tobend, tobend in mir.

Crédits photographiques :
Jean-Pierre Rosenkranz, Grégoire Orio, Mathieu Gabry,
Emmanuel Viverge, Dominique Leroux, Nicu Cherciu

Das Kino verlassen

Was ihm am Kino gefiel: sich zu verwandeln, mit jedem neuen Film zu verlieren und neu zu finden, nie derselbe bleiben zu müssen, sich von einer Welt in die nächste zu hangeln, zu fliehen. Es war so einfach sich zu transportieren, ganz ohne Risiko, immer weiter, immer weiter bis er nicht mehr wusste, wer er selbst war. Es gefiel ihm, dass das Kino so viele Versprechen vor sich her trug. Nicht wie Bücher, die geheimnisvoll erscheinen, sondern ganz verführerisch, prahlend beinahe, überdeutlich in den Zeiten, Orten, Stimmungen, in denen sie in ihm existieren konnten. Egal wohin er blickte, sah er mehr. Es kam ihm vor, als würde ihm das Kino eine Welt zeigen, die andere nie sehen würden; Welten sogar. Es brachte ihn näher an das, was er als Realität wahrnehmen wollte, verriet ihm die Tragödien und Komödien, die erst später in seinem Leben kommen würden, warnte ihn, machte ihm Angst, ermutigte ihn und erhob sich wie eine Wolke in ihm, die sich von sich selbst löst und abregnet. Mit jedem neuen Film eröffneten sich hunderte weitere Filme, die man sehen konnte, mehr und mehr wurde das Sehen von Filmen zur Suche nach dem Ungewöhnlichen, Außerordentlichen, dem nächsten Fix. Er wehrte sich gegen die innere Abstumpfung, euphorisch klammerte er sich an das, was ihm wichtig war. Gleichzeitig aber konnte er nie lernen zu vergessen; Bilder krabbelten durch seine Augen wie Bakterien. Inzwischen hatte er längst verdrängt, warum er ins Kino ging. Er ging nur mehr. Wollte alles mit dem Kino machen, es durchdringen, damit ihm keine dort versteckte Emotion entging. Jede Emotion könnte die seine sein. Er redete sich um Kopf und Kragen, wenn es um das Kino ging, immer wollte er alle überzeugen vom Kino, von der Schönheit und vor allem davon, dass er das alles gesehen und somit erlebt hatte. Mit einer riesengroßen Brille betrachtete er jeden Grashalm des Kinos, er beobachtete auch die sogenannte echte Welt durch diese Brille. Zunächst schien ihm alles größer zu sein, stärker und wundervoller, aber nach und nach störte ihn die Brille, sie war ihm eine Last. Er wollte lieber blind mit seinen Augen im Gras verschwinden als jeden Zentimeter zu sehen; er wollte die Augen schließen, vielleicht war es das. Schon seit geraumer Zeit hatte er aufgehört vom Kino zu träumen, er träumte nur mehr von seiner Rolle im Kino. Er schrieb Listen auf, um sich zu merken, was ihm wichtig war. Jetzt würde er alles vergessen, ein Feuer legen über seine Erinnerung und einen Film so sehen wie beim ersten Mal: groß und undurchdringbar, seltsam und bewirkend, dass man sich selbst vergisst. Doch heute konnte er sich nicht mehr vergessen im Kino. Er sah sich selbst beim Sehen zu, die Gedanken kreisten schon beim ersten Bild. Was man wohl dazu schreiben könnte? Was das wohl mit irgendeinem anderen Film zu tun habe? Wie man so einen ganz ähnlichen Film machen könnte? Die Filme existierten nicht mehr für ihn. Er schmeckte nur noch das Schauen, nicht mehr die Filme. Er beobachtete die anderen, die ins Kino gingen. Er beschwerte sich, dass ihnen alles daran egal wäre, er sah ihre Ignoranz, er hatte längst die Kraft verloren, die er brauchte, um sie zu überzeugen, eine Kraft, die er nie hatte. Sie waren glücklich, dachte er. Jeder Film ein neuer Selbstzweck. Alle mit denen er einmal berauscht über das Kino sprechen konnte, schwiegen nur mehr, jeder schien in seiner eigenen Endlosschleife gefangen, die einen in jener, die keine Zeit mehr findet für Filme, die anderen in jener, die zu individuell, zu willkürlich, zu zynisch, zu allwissend geworden war. Das Kino ist eine Illusion, sie gibt den Eindruck, dass man darin leben kann, dass man alles sehen kann. In was hatte er sich verwandelt? Er wusste weder das, noch wer er selbst war unter all den Traumfabriksfäden, gespannt um seinen Körper wie eine Fliege im Spinnennetz, kurz vor ihrem zuckenden Tod. Also begann er zu fliehen, das Kino zu verlassen. Er stürzte sich ins Meer, in die Wellen, hörte Musik so laut, dass die Filme in seinem Kopf wie Gehörzellen starben, er wanderte auf einem einsamen Berg aus Eis, spürte die Erde unter sich, ein Kuss, der nicht nach restaurierten Filmen roch, er weinte bitterlich und würgte die verblassenden Versprechen des Kinos aus sich heraus; er wollte allein sein, nicht mehr sprechen, etwas über Steine lernen oder die Kochkunst, am besten keine Kunst, nur mehr durch die Nacht wandern wie der schlaflose Charles Dickens, auf den Treppen schlafen, wieder aufwachen in einem Schloss, er wollte schreien und weinen, aber all diese Dinge, zumal in dieser Abfolge, hatte er nur im Kino gelernt und sie waren auch nur dort möglich. Er hatte verlernt, einfach nur zu sein.

Also ging er aus dem Kino eines Tages. Er warf seine Brille in den Mülleimer, torkelte beinahe blind durch die Stadt, die ihm so laut und gefährlich nahe erschien. Fand sich wieder in einem Wald, der nach Feuchtigkeit roch und nach Stille. Er legte sich auf den Boden, sah nur schemenhaft die teilnahmslosen Wipfel der Bäume und dann sah er nichts mehr, so war das nämlich, er hörte auf zu sehen, zu hören, zu reden, zu schreiben; er verschwand und versuchte mit aller Kraft in sich selbst zu ruhen, einen Abwesenheit zu finden, die ihm erlauben würde, wieder von Neuem die Augen zu öffnen, ohne dieses vom Kino provozierte Gefühl, dass man alles schon gesehen hat; ganz junge Augen, ganz kalte Luft, die zum ersten Mal entlang der Lider streicht.

Sie suchten ihn tagelang. Dann gaben sie auf. Man sagt, dass er jetzt in den Bäumen lebt oder sich gar in einen Baum verwandelt hat.

Protect Yourself: Damouré parle du SIDA von Jean Rouch

Damouré parle du SIDA von Jean Rouch

Ein bemerkenswerter, als unfertig geltender Kurzfilm: Jean Rouch filmt eine Demonstration seines Freundes Damouré Zika (den man als praktizierenden Arzt auch in Médecines et médecins sehen kann; darüber hinaus auch als langjährigen Kollaborateur von Rouch zum Beispiel in Cocorico! Monsieur Poulet oder Madame L’Eau) zum Thema Aids. Das Credo des auch durch die Hilfe von Rouch ausgebildeten Sanitäters lautet: AIDS ist eine Krankheit der Liebe, die nur durch Liebe geheilt werden kann.

Er sitzt an einem Tisch in seiner Praxis in Niamey, der Ventilator läuft im Hintergrund, er spricht über die Krankheit. Mit ihm sitzen zwei Männer, die man nicht mehr als jung beschreiben kann, es sind Freunde von Damouré (auch wenn sie keine Freunde spielen, sondern Patienten) denen er mit Klarheit und doch nicht einer gewissen Komik entbehrend den Gebrauch von Kondomen erläutert. Auch am Tisch sitzt seine Frau, Lobo, eine Krankenschwester, seine Arzthelferin. Einmal erhebt sie die Stimme und fragt wie sich Frauen vor der Krankheit schützen können. Die Antwort fällt zunächst deutlich aus. Frauen sollten nicht mit fremden Männern schlafen. Wenn aber doch, so Damouré, dann sollten sie ein Kondom haben und es dem Mann anbieten. Am Ende bewegt sich die Kamera auf einen an der Wand hängenden Flyer zu, auf dem steht: Die Frauen und AIDS. Der Film beginnt bereits vorher. Die beiden Männer betreten die Praxis und bitten um eine Aufklärung in Sachen AIDS. Lobo empfängt sie, notiert ihre Namen und holt dann ihren Gatten. Wie so oft bei Rouch ist die Szene derart offensichtlich gestellt, dass sich eine neue Ebene auftut. Eine, die letztlich in jedem Film enthalten ist, aber bei Rouch betont wird: Die Fiktion als Dokumentation des Schauspiels.

Damouré parle du SIDA von Jean Rouch

Ein Doktor spricht über AIDS, mehr passiert nicht, der Titel verspricht genau das, was der Film hält. Man kann wahrlich nicht von einem Film sprechen. Was wäre dann aber ein Film? Oder eine andere Frage, die immer wieder in Verbindung mit Rouch gestellt wird: Ist das ethnographisches Kino? Oder eine weitere Frage, die man sich womöglich dringlicher stellen müsste: Was bringt dieses Vorgehen des Filmemachers? Das Nachspielen des eigenen Lebens, das Sich-Vorspielen, zum Teil auch ein Er-Spielen, ein miteinander Spielen, dafür schafft Rouch einen Raum. Die Frage ist immer wie sehr er selbst diesen Raum bespielt und wie sehr er ihn nur zur Verfügung stellt, damit Damouré und seine Freunde ihn mit Spiel füllen. Ist es also eine kollaborative Arbeit oder nicht? Daran hängen ethische Fragen. Rouch wurde von afrikanischen Filmemacher immer wieder angeklagt, eine Art filmischen Kolonialismus zu vollführen; benutzt Rouch vielleicht gar einen Raum, der ihm gar nicht gehört?

Ein Schüler von Marcel Mauss war es immer das Anliegen von Rouch, dass man nicht von der Differenz zwischen sich selbst und denen, die man betrachtete, ausgeht, sondern von den Fragen, die man stellt, um Schritte zu tun, diese Differenz zu überbrücken. Damouré parle du SIDA stellt eine solche Frage: Wie sieht es aus, wenn Menschen in Nigeria sich über AIDS aufklären? Entstanden 1992 war das eine mehr als logische, eine wichtige und richtige Frage. Rouch Film ist dann aber eine Fiktion. Er sagt nicht: So sieht das aus. Sondern: So könnte das aussehen. Auf diese Fiktion, die auch vorgibt etwas zu sein, was sie nicht ist, stößt man immer wieder. Stellt man zum Beispiel die politischen Agenden von Filmemachern wie Želimir Žilnik und Pedro Costa gegenüber bemerkt man zwei auseinanderdriftende Haltungen. Beim serbischen Filmemacher ist es eine direkte Haltung, die darauf pocht, dass es einen Unterschied zwischen Filmenden und Gefilmten gibt, die registriert, aufzeigt und sich einer dokumentarischen Wahrheit verpflichtet. Bei Costa dagegen ist es die Betonung eines Spiels, markiert durch die Form der Filme, die nur auf poetischer Ebene behaupten kann, dass sie die Wahrheit zeigt und vielmehr eine mögliche Wahrheit zeigt, in der Unterschiede aufgehoben werden, in der es die Utopie einer Stimme für die Unterdrückten gibt. Um diese divergierenden Ansätze noch zu verkomplizieren, ist es jedoch Costa, der beständig einen Unterschied zwischen sich und den Anderen spürbar macht und Žilnik, der bewundernswert darüber hinweggeht.

Rouch liegt irgendwo dazwischen, ist sowieso kaum zu fassen. In seinen Filmen liegt der surrealistisch angehauchte Geist eines romantischen Abenteurers. Mal widmet er sich mit größter wissenschaftlicher Sorgfalt der Bedeutung seiner Reisen, mal bewegt er sich flanierend einzig seiner Neugier folgend. Er macht gefährliches Kino und stellt die Frage, wieviel man tatsächlich darüber nachdenken muss, wenn man die Kamera auf „die Anderen“ richtet und wie sehr man sich von Gefühl leiten lassen kann.

Anderswo 2018

Ein Sammelpost zum Ende des Jahres. Darin werde ich jene Texte mit Filmbezug sammeln, die ich 2018 an anderer Stelle geschrieben habe. Außerdem einige Bilder aus Filmen, die ich 2018 gesehen habe.

 

Filmdienst

leider sind die letzten Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums entstanden sind nur für Abonnenten verfügbar. Deshalb hier nur jene Texte, die für alle einsehbar sind.

Raymond Depardon

Lucrecia Martel

Zum italienischen Kino

Bruno Dumont

Das Underdox Festival

Matteo Garrone

Bernardo Bertolucci

The Last Movie

 

Mubi Notebook

Collecting Memories Together: A Conversation with Yervant Gianikian

https://mubi.com/noWaves Are What They Are: A Dialogue about Margaret Tait’s „Blue Black Permanent“

Realism Is No Humanism: Joseph L. Anderson’s „Spring Night, Summer Night“

On Finding Lost Time: Angela Schanelec’s „The Dreamed Path“

Schanelec: Beginnings

A Log from the Sea of Cinema: Close-Up on „Fish Tail“

 

Perlentaucher

I Diari di Angela – Noi Due Cineasti

Under the Silver Lake

Seestück

Zama

12 jours

 

Always Somewhere Else – Angela Schanelec in Dialogue

Programmheft

 

Österreichisches Filmmuseum

Notes on Forever Film

Astrologen, Träumer & Verliebte – Einige (Gegen-)Gedanken zu Johann Lurfs ★

Not Only Shadows: A Conversation on Maurice & Jacques Tourneur

 

Cargo

Weit gebracht From the Notebooks of: Die Nachlässe von Kurt Kren und Ernst Schmidt jr. im Mumok Wien

 

Texte in Buchpublikationen

„Die große Ekstase des Fragenstellers“ in Echos. Zum dokumentarischen Werk Werner Herzogs

„Von toten Stellen in Wien“ in AXEL CORTI

 

Viennale 2018: Unsere hohen Lichter

Patrick Holzapfel

 

8 films (non American)
Ni De Lian by Tsai Ming-liang
Gang-byun Hotel by Hong Sang-soo
Îmi este indiferent daca în istorie vom intra ca barbari by Radu Jude
Beoning by Lee Chang-dong
I Diari di Angela – Noi Due Cineasti by Yervant Gianikian & Angela Ricci Lucchi
Den‘ Pobedy by Sergei Loznitsa
Lazzaro felice by Alice Rohrwacher
Mues by Daniel Nehm

weitere Hinweise aus dem Programm: Gewächshäuser anzünden, die Kamera ausschalten, vor der Kamera einschlafen, Agamben lesen, mehr über Pflanzen lernen, ein Feuer im Wald löschen, ins Eis einbrechen, über das Lesen sprechen, Hunde ins Weltall schießen, einen Hubschrauber beobachten, Sand ins Meer schütten, die Kamera einschalten, Bruno Dumont vermissen, im Schnee spazieren, Stalin-Hunde nicht ins All schießen, sich über zu laute Kameras aufregen, mehr lesen, mehr schauen, nackt tanzen, sich nicht berühren und Rollen spielen.

Patricks Texte

Îmi este indiferent daca în istorie vom intra ca barbari
Ni De Lian
Aquarela
High Life
Le Livre d’Image
The Other Side
I Diari di Angela – Noi Due Cineasti
Drift
Minervini & Rohrwacher

Le livre d'image von Jean-Luc Godard

 

Andrey Arnold

I watched Burning a second time.

Andreys Texte

The B-Film
Aquarela
Angelo
Lazzaro felice
Suspiria
The House that Jack Built
Leto
Allgemeines

 

Ivana Miloš

Two by Two.

I Diari di Angela – Noi Due Cineasti by Yervant Gianikian, Angela Ricci Lucchi

A film as much testimony as it is watercolor drawings, mapping two lives and their paths across the world and its archives. Always in the midst of reinterpretation, led by curiosity and a desire for work. An infinite diary bringing Yervant back from the flames and Angela back to life. A work and act of love.

O termómetro de Galileu by Teresa Villaverde

Togetherness caught in the green garden belonging to filmmaker Tonino De Bernardi and Mariella, his wife. Stories told over eggs and cheese bought from the neighbour, forgotten backpacks, grandchildren studying and, even more so, learning. Intimate storytelling from the back seat of the car on the way home: a zephyr of recognition.

 

Îmi este indiferent daca în istorie vom intra ca barbari by Radu Jude

How smart and unassuming, daring and stunning, side-splittingly funny and deeply unsettling can a single film be? This is cinema doing, in the act of doing, undoing and redoing. When did we leave off history? Who remembers what we are doing today? And, most importantly, what does all this go to say?

What You Gonna Do When the World’s on Fire? by Roberto Minervini

White feathers surrounding black faces at the Mardi Gras dance and the New Black Panthers, fists held up high in protest, demanding justice for all, once and for all. Filming a world that is not his own, Minervini follows Ronaldo and Titus, fourteen and nine years old, as its future. Their games inhabit and enliven the streets, but when they have to head home before dark, a childhood dream collapses into reality.

Lazzaro felice by Alice Rohrwacher

Lazzaro between worlds, Lazzaro as a magical word, Lazzaro joining and showing us the in(di)visible, Rohrwacher opening up the immense space of culture and history as easily as if it were her backyard. We draw our humanity from these waters. Let us plumb them kindly.

Ahlat Ağacı by Nuri Bilge Ceylan

Like a long book read before going to bed, a cushion and a house at once, the film wraps itself around the pear trees, the landscape and the apartment a family hides and reveals itself in. Its protagonist, aspiring writer Sinan, petulant and aggravating to no end, tries his hand at moving us and sometimes succeeds.

Jiang hu er nv by Jia Zhangke

China evolving over years and genres, as jianghu meets melodrama and transformations wait around every corner – it’s just that those corners may be very far apart and time is another powerful force to be reckoned with.

A Land Imagined by Yeo Siew Hua

Land reclamation contributes to the imaginary of a world brought up on itself, feeding on itself and the darkness of multiple planes of existence. Nightmares and dreams confide in each other in this unique stream of a film noir.

More on: Lazzaro felice

 

Rainer Kienböck

Der erste Film, den ich auf der Viennale 2018 gesehen habe war Lazzaro Felice von Alice Rohrwacher. Als ich das Gartenbaukino nach der Vorstellung am Donnerstagnachmittag verlassen habe, schoss mir ein Gedanken durch den Kopf: „Besser wird es nicht mehr“. Für einen kurzen Moment dachte ich mir, es wäre jetzt vielleicht angebracht, die Viennale Viennale sein zu lassen und einfach aufzuhören. Denn Rohrwacher hat hier abermals einen unglaublich dichten, betont aber nicht aufdringlich politischen, und visuell herausragenden Film gemacht. Lazzaro Felice ist poetisch und magisch, aber zugleich in einer harschen Lebenswelt verankert: präzise Sozialstudie trifft surrealistische Phantastik. Und doch fühlt sich diese Welt, in der so unwirkliche Dinge passieren, nie fremd an – eine Eigenschaft, die schon Rohrwachers Le Meraviglie ausgezeichnet hat. Als Eröffnungsfilm für die erste Ausgabe des Festivals unter der neuen Festivalleiterin Eva Sangiorgi auf jeden Fall eine ausgezeichnete Wahl.

Ich habe dann nach Lazzaro Felice natürlich doch weitergeschaut. Im Nachhinein gesehen auch die bessere Wahl, denn es gab – wie nicht anders zu erwarten – noch eine Menge weiterer herausragender Filme zu sehen. Bereits am Folgetag war meine These, dass es nicht besser werden könne, bereits widerlegt. Da wurde abends nämlich Ang panahon ng halimaw von Lav Diaz gezeigt. Es geht, wie so oft bei Diaz, um die philippinische Militärdiktatur in den 70er Jahren. Man sieht monochrome Aufnahmen ländlicher Gebiete, in denen die Schergen des Regimes ihr Unwesen treiben und die Zivilbevölkerung drangsalieren. Lange statische Szenen zeigen den Niedergang einer Gruppe lose miteinander verbundener Menschen, die Widerstand ausüben. Wo Diaz von seinen bisherigen Filmen deutlich abweicht, ist die Inszenierung der Dialoge – diese werden nämlich vollständig als Gesang vorgetragen. Damit ist Ang panahon ng halimaw rein technisch wohl ein Musical. Allerdings keines der Sorte Rodgers und Hammerstein. Sondern eine düstere Elegie auf die dunklen Seiten des menschlichen Zusammenlebens. Was auf den ersten Blick betrachtet eigentlich zu einer größeren Distanzierung zum Geschehen führen sollte, hatte bei mir den gegenteiligen Effekt – Ang panahon ng halimaw hat mich emotional stärker gepackt, als Diaz‘ bisherigen Filme. Neben der wie üblich phänomenalen Bildgestaltung, hat Lav Diaz nun also bewiesen, dass er ein äußerst fähiger Komponist und Songwriter ist.

Apropos Emotionalität: Ich halte Histoire(s) du cinéma von Jean-Luc Godard für ein zentrales Werk der Kunst des 20. Jahrhunderts (eine Meinung, mit der ich nicht allein dastehe), aber seine monumentale Serie funktioniert in erster Linie auf intellektueller Ebene. Man erfreut sich an der totalen Überforderung des Verstandes, wenn einen Godard mit Bildern, Tönen, Worten der Kunst-, Film-, Politgeschichte überhäuft. Le Livre d’image ist dem stellenweise nicht unähnlich. Auch hier verliert sich der Intellekt in der Schichtung der Referenzen, Fakten, Sinneseindrücke. Doch in zumindest zwei Punkten unterscheidet sich der neue Film Godards von seiner Serie. Einerseits zielen sie nicht so sehr auf Zeitlosigkeit ab – die Bilder und Worte in Livre d’image haben weitaus mehr mit der (medialen) Gegenwart zu tun als in Histoire(s) du cinéma und andererseits greifen einen die dazwischengeschobenen Schockbilder aus dieser medialen Gegenwart immer wieder auf emotionaler Ebene an, was dem Intellekt eine kurze Atempause gibt. Die verstandesmäßige Überforderung wird unterbrochen durch emotionale Überforderung – eine inszenatorische Strategie, der ich eine Menge abgewinnen konnte.

Während Eva Sangiorgi in bester Hurch-Manier ein Best-of des Festivaljahres zusammengestellt hat, durfte sich Haden Guest um die filmische Verköstigung der Retrospektiven-Besucher kümmern, die traditionell in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Filmmuseum stattfand. Obwohl ich den Großteil des Festivals damit verbracht habe, aktuelle Filme anzusehen, die es wahrscheinlich nicht ins reguläre Kino schaffen werden, blieb dennoch die Zeit für ein paar Besuche bei der Retrospektive, die sich dieses Jahr um Hollywood B-Filme drehte. Während man mit diesem Begriff gemeinhin ästhetische Zuschreibungen verbindet (niedrige production values, sichtbare Improvisation, Imperfektion), orientierte sich Guest eher an einer anderen Definition des B-Films. Nämlich jener der produktionsgeschichtlichen Verhältnisse, in denen die jeweiligen Filme entstanden. Zu sehen waren folglich weniger die durch Camp und zelebrierte Schlampigkeit geprägten Filme vieler Poverty Row-Studios, sondern in erster Linie die sauber, aber bescheidener produzierten Filme der großen Studios, die damals als Vorfilm für die Prestigeproduktionen gemacht wurden. So ist zu erklären, dass es ein Double Feature bestehend aus Armored Car Robbery und The Narrow Margin (beide von Richard Fleischer Anfang der 50er für RKO) ins Programm geschafft haben. Beides sind bis zum Anschlag verdichtete Film Noirs, die man auch mit dem Terminus Thriller versehen könnte. Kurz zusammengefasst: Einer der besten Heist-Filme und einer der besten Zug-Filme, die ich je gesehen habe, in einem Double Feature. Nicht alle Filme der Retrospektive konnten da mithalten, aber glücklicherweise läuft die Wiederholung der Schau ja noch bis Anfang Dezember weiter, sodass man noch ein paar mehr Entdeckungen machen kann.

Rainers Texte

Diamantino
Her Smell
Roi Soleil
Alice T.

 

Weitere Texte über Viennale-Filme auf Jugend ohne Film

11×14

In My Room

The Limits of Representation: An Interview with Radu Jude

BALKANROUTEN
14. November 2018 im Filmhaus am Spittelberg

RADU JUDE

2018 Cele doua executii ale Maresalului (Kurzfilm)
2018 Îmi este indiferent daca în istorie vom intra ca barbari
2017 Tara moarta
2016 Inimi cicatrizate
2015 Aferim!
2014 Scurt/4: Istorii de inimã neagrã (Omnibusfilm)
2014 Trece si prin perete (Kurzfilm)
2013 O umbra de nor (Kurzfilm)
2012 Toata lumea din familia noastra
2011 Film pentru prieteni
2009 Cea mai fericitã fatã din lume
2007 Dimineata (Kurzfilm)
2006 Alexandra (Kurzfilm)
2006 Lampa cu caciula (Kurzfilm)
2002 In familie (TV Serie)

Radu Jude on the set of Scarred Hearts

Interview by Andrey Arnold & Patrick Holzapfel

You made quite a few short films and you still make them. Can you tell us a bit about how you treat the short form in comparison to a feature film? Is there any difference between the two for you? Did you make some films as part of a film education program or was it never like that for you?

Radu Jude: I am not making many short films now, I recently made one using some archive footage, it is called The Marshal’s Two Executions and it is just a simple comparison of images – images from the documentary of the execution of wartime fascist leader Ion Antonescu juxtaposed with the images of the same event as it was staged in a feature film which glorifies the Marshal. One can find a lot to think about after seeing this comparison, I hope. Otherwise, I don’t plan on making short films for the moment, not because I don’t consider them a serious form of filmmaking, but because my subjects (or how I think of them) need a little bit more screen time. Otherwise, for me, there’s no difference between the two forms and I consider a film like, let’s say, Un chien andalou as good as Out 1.

How was the creative process behind the scripts you co-wrote with Florin Lăzărescu different from when you wrote alone – and what did you learn from him as a collaborator?

Florin is not only a gifted writer (and speaking about short forms, I must say I consider his short stories to be the best in contemporary Romanian literature), but a good friend as well, despite the fact that he lives far, far away from me. As to what I learned from him, I am not sure I can put that into words, but it has to do with a special way of looking at things – he can notice a small event and see something much deeper in it. And he is a humanist, for sure, while I am a bit colder than he is. For the moment I write alone, I need to explore cinema in directions that don’t say much to him or I use other texts as a starting point (as was the case with Scarred Hearts, based on M. Blecher, or the way it is now with a film I am preparing, which is based on the play Tipografic majuscul by Gianina Cărbunariu).

Are there any “rules“ or principles that you believe one should take into account when filming history or putting history on film?

No, of course not, everyone can do this in his or her own way. The beauty of films is that there are no rules, apart from the ones imposed by others or self-imposed. As for me, I believe that this illusionist reconstruction of the past is not only impossible, but also questionable (after all, why would you want to give the viewers the illusion that “this is exactly how things were 200 years ago”), so I tried to at least find ways of representing the past in a manner that also shows the limits of this representation.

Do you feel that Romania’s treatment of its problematic past(s) has changed in recent times, and if so, in what way?

I think some progress has been made, but it is very fragile. For instance, when I was in high school at the beginning of the 90’s, nobody mentioned the Romanian participation in the mass murders of WW2, but there is some information on this now. On the other hand, in the last few years one can notice a revival of nationalism, put to use in many different ways. For instance, we just had a shameful referendum organized by the state hand in hand with the Romanian Orthodox Church. The referendum was about “the definition of the family,” but in fact it was just a hate referendum to prevent the possibility of equal rights for LGBTQ people. But not only that, the whole campaign in favour of that stupid referendum was filled with nationalism and conservatism in its most dubious forms (“let’s get back to our old Christian traditions,” “let’s not accept the fake values of Europe,” etc.) and all that in a frightening quantity. The fact that many people boycotted the referendum, which in the end was not successful, shows there’s some hope left.

When did you first become strongly aware of the extent of Romania’s historical antisemitism?

It was also while I was in high school, but not because of the school, but because of some books that appeared at that time. There was also a short documentary film, which now seems to be lost, so at least I can mention its name: The Last Jew by Florin Iepan. I still remember how impressed I was when I saw this film on TV.

You have noted in an interview that you don’t believe in the saying that history repeats itself. What do you mean by that?

I was referring to an idea that became some kind of a thinking cliché, the idea that “history repeats itself.” Because I think there are forms of thinking and behaviour that create similar events, but they also have different forms. I don’t think the Holocaust will happen again, but there are other horrible things, it is enough to see one image from Yemen to understand it is happening all the time.

Your films in some way escape typical “auteurist“ attributes. Here you employ intertitles, there you make a documentary with photographs, then you have male and female leads, filming in black and white as well as in colour, different aspect ratios, films about movement, films about being unable to move and so on. Maybe this is a silly question to ask, but how do you find the form for your films? How do you keep free from what already worked before?

Oh, this is (actually, was) one of my big frustrations, that I am not an auteur. I mean, I got over it, but I am still nostalgic for a personal style, a personal vision. I know I will never have it, I got used to this idea. I just make the films in a manner which I discover for each project at a time. That’s all.

Is it hard to get money for your films?

Well, my films are not very expensive and it was a little bit easier for my last project, but it is still very complicated. It helps that today one can make films without so much money. As Godard used to say, if I have only one dollar, I will make a one-dollar film.