Vom Mond fallen – Jacques Tati

„ (…) Ja, Jacques de la lune ist Poet, wie man es zur Zeit von Tristan L’Hermite war. Er sucht Äpfel am Birnbaum und findet sie auch. Er bringt es fertig, eine Einstellung am Strand zu machen, nur um zu zeigen, dass Kinder, die ein Sandschloss bauen, mehr Lärm machen als die Wellen. Genauso filmt er eine Landschaft, nur weil genau in dem Augenblick das Fenster eines Häuschens am äußersten Ende des Bildfeldes aufgeht, und ein Fenster das aufgeht, ist eben komisch. Genau das interessiert Tati. Gleichzeitig alles und nichts. Gräser, Drachen, Schlingel, ein kleiner Alter, egal was, alles, was gleichzeitig real, bizarr und charmant ist. Jacques Tati hat den Sinn fürs Komische, weil er einen Sinn fürs Seltsame hat.(…)“ (Jean-Luc Godard; Cahiers du Cinéma, Nr. 71, Mai 1957)

Interview with Jacques Tati (1977) from nanashi no gombe on Vimeo.

„Wenn sich Menschen nicht kennen, folgen sie geraden Linien. Wenn sie sich nahe sind, gehen sie in Kurven.“ (Jacques Tati in Jacques Tati (The Entertainers), Penelope Gilliat, 1976)

Auszüge aus einem Gespräch mit Elfriede Jelinek aus dem Jahr 1972:

Wie ist zum Beispiel Playtime entstanden?

TATI: Da bin auf der Straße gegangen und habe die Gebäude gesehen und die Leute, die darin eingesperrt waren, gefangen in ihren Möbeln, und da habe ich mir gesagt, du mußt etwas machen, du mußt versuchen, das aufzubrechen und ein bißchen Musik hineinbringen, damit die Leute was zu pfeifen haben.

Hatten Sie nach diesem Mißerfolg Schwierigkeiten, Geld für einen neuen Film aufzutreiben?

TATI: Ich lebe in einem kapitalistischen Land. Die Leute, die hier das Geld geben, tun das nur, wenn sie wissen, daß sie es bestimmt wieder zurückbekommen. Also geben sie es nicht Herrn Tati, sondern Monsieur Hulot, denn der hat in einigen Ländern ganz schön Kasse gemacht. Das ist das einzige, was diese Leute interessiert. Für mich bleibt Playtime der wichtigste Film, den ich je gemacht habe. Aber ich werde so etwas kein zweitesmal machen können. Ich werde nie wieder auch nur einen Penny für so einen Film bekommen. Doch immerhin: Einmal durfte ich, und in fünf oder zehn Jahren wird man sehen, daß das der Anfang einer neuen Art von Filmkomödie war, und dann werden auch junge Regisseure das machen dürfen, und es wird endlich wieder neue lustige Filme geben, Filme, in denen reale Situationen vorgeführt werden, die jedem passieren können und die auf jedes moderne Leben, ob in Singapur, Berlin, Paris oder Sidney, anwendbar sind.

Im Augenblick geschieht das Gegenteil: Überall werden die alten Chaplin-Filme gezeigt.

TATI: Herr Chaplin ist ein sehr geschäftstüchtiger Mann. Aber das wird die Entwicklung nicht aufhalten können. Die Zeit der Komiker, die ihre Wirkung fast nur durch Slapstick erreichen, ist vorbei. Der Slapstick ist ja nichts anderes als ein sehr starker visueller Effekt. In der Stummfilmzeit, als man zwangsläufig alle Möglichkeiten visueller Komik probierte, war das auch durchaus berechtigt. Doch als dann der Tonfilm kam und die Produzenten ihr Geld dafür hergaben, daß die Autoren den Witz in die Worte legten, hat die Slapstick-Komödie ihre Grundlage verloren. Irgendwie ist das schade. Denn ein komisches Gesicht merkt man sich, einen lustigen Satz vergißt man sofort. Aber die Entwicklung ist nicht rückgängig zu machen. Es ist einfach nicht komisch, wenn man heute im Film jemandem weiße Farbe ins Gesicht schmiert, obwohl die Leute da immer lachen und obwohl man da sehr viel Farbe verwendet. Nur ist das, selbst wenn man frische Farbe benutzt, nicht der richtige Weg, die Atmosphäre des heutigen Lebens wiederzugeben und das Publikum für die kleinen Scherze des Alltags zu öffnen. Ich möchte erreichen, daß die Menschen auf unterhaltsame Weise ein bißchen sensibler und gescheiter und intelligenter werden. Ich möchte sie nicht für so dumm verkaufen.

 

„Monsieur Hulot ist der Beweis dafür, dass das Unerwartete oder Unzusammenpassende jederzeit auftauchen kann, um die Ordnung der Schwachsinnigen zu durchbrechen.“ (André Bazin)

„Tatis Film ist der erste Film in der Geschichte des Kinos, der nicht nur mehrfach angeschaut werden sollte, sondern auch aus verschiedenen Distanzen. Wahrscheinlich ist es der erste wahrhaft offene Film. Wird es der einzige bleiben?“ (Noël Burch, Praxis du cinéma, 1969)

Interview mit Jonathan Rosenbaum

„Was mich persönlich zum Lachen bringt, ist alles, was offiziell ist. Ich meine, ein Clown auf der Bühne bringt mich weniger zum Lachen als ein Premierminister, der im Bewusstsein seiner starken Persönlichkeit auftritt. Ich warte darauf, dass ihm ein Missgeschick passiert.“ (Jacques Tati)

Die Verführung: Zu Casanovagen von Luise Donschen

Casanovagen von Luise Donschen

Wenn man dazu ausholt, einen Film über das Begehren zu drehen, dann kommt man nicht am Blicken vorbei. Wenn man einen Film über das Blicken dreht, dann blickt man doppelt. Man blickt auf etwas und zwischen etwas hindurch, auf die Blickenden und Angeblickten, man setzt sich aus und heftet sich an. Luise Donschen hat mit ihrem Casanovagen eine Form gefunden, – vielleicht hat die Form auch sie gefunden – in der die spielerischen, biologischen, rituellen Modi der Verführung nicht nur zwischen Frau und Mann/Mann und Frau ablaufen, sondern auch zwischen den Bildern, Licht und Schatten, der Öffnung und Schließung des Projektors.

Gedreht auf 16mm, jenem Format, in dem alles verführerischer aussieht, folgt man verschiedenen Bewegungen, die wiederkehren, sich nie ganz berühren und doch einander bedingen. Flamingokostüme bei einem wolkendurchtränkten Karneval in Venedig, zärtliche Hände in einem merkwürdig stillen Club, Auszüge aus den Memoiren von Casanova, das Paarungsverhalten von Finken in einem Labor, Kinder beim Spielen im Wald, eine Prostituierte mit flüsternder Behutsamkeit in der Stimme, später unter Hypnose auf dem Weg zum Orgasmus und John Malkovich mit Augenringen, in der Umkleidekabine über seine Rolle als Casanova nachdenkend, sich selbst und die Rolle verkörpernd mitsamt der Präsenz der Filmemacherin im Raum, die verführt und verführt wird. Die Verbindungen zwischen den Szenen folgen keiner kausalen oder dramaturgischen Logik; der Film hintergeht sowohl das absolute Sehen, das sich in einer einzelnen Einstellung verlieren kann wie etwa in den Filmen eines Lisandro Alonso oder Helena Wittmanns (die als Kamerafrau mitgewirkt hat) Drift als auch das relative Sehen, in dem jede Szene ihren Wert nur aus der jeweils vorhergehenden oder folgenden zieht wie das im klassischen Erzählkino der Fall ist.

Casanovagen hängt am seidenen Faden einer illusorischen Zerbrechlichkeit. Wie in einem Sich-Näherkommen könnte ein falsches Lächeln, eine falschgesetzte Geste oder ein unglücklich formulierter Satz das Ende dieses Spiels bedeuten. Folglich erscheinen die Bilder beschützt. Das gilt für die Protagonisten, die nicht ausgeliefert werden, so wie man in einer Verführung niemals nackt dasteht, sondern immer mit dem Geheimnis einer größeren Persönlichkeit hinter den Fassaden und das gilt auch für die Bilder selbst: Bilder, die sich nichts gönnen, die vorsichtig vorgehen, die nicht zu nahe und nicht zu fern sind, perfekt aufgetragen im wahrheitssuchenden Niemandsland zwischen Fiktion und Dokumentation, sodass man sich nicht sicher ist, ob man gerade getäuscht oder geliebt wird.

Casanovagen von Luise Donschen

Zur Liebe gibt es zu bemerken, dass man normal davon ausgeht, dass es etwas Gutes ist, wenn ein Film sich für die Menschen interessiert, die er zeigt. Bei Casanovagen ist das etwas anders, weil sich Donschen für das interessiert, was zwischen den Menschen passiert. Natürlich kann man das nicht filmen. Wie könnte man? Sie interessiert sich dafür so, als wäre das die Menschlichkeit selbst. Und die Tatsache, dass sie filmt, gibt ihr Recht. Denn jeder Blick auf einen Menschen im Kino ist immer ein Dazwischen. Kamera und Gesicht, Leinwand und Projektor, etwas ist zwischengeschaltet. Donschen filmt also immer dann in diesem Film, wenn wir gar nichts sehen. Zwischen den Bildern, wenn wir Brücken schlagen von A zu B zu C und in diesen Überbrückungen vergessen, dass wir es sind, die sehen, die gesehen werden vom Film.

Verführung ist entscheidend im Kino. Beginnend bei den kapitalistischen Bestrebungen von Produktionsfirmen, die Zuseher verführen wollen, ins Kino zu gehen, über erwünschte Wirkungen der Filmemacherinnen in ihren Filmen bis zum allgegenwärtigen, zum Teil vergifteten Prinzip der Identifikation, die nichts anderes ist, als eine Verführung in die Annahme jemand zu sein, der man nicht ist. Die Bilder verführen, ihr immer lauteres, immer grelleres Atmen zwischen dem Jetzt und dem Vergangenen; sie verführen in ihrem Angebot mit ihnen zu verschwinden. Casanovagen arbeitet weniger an einem solchen Verschwinden als daran, dass man in den Schritt eintaucht, den man fast jeden Tag wagt, wenn man sich verführen lässt. In dieser Hinsicht, auch wenn das durchaus komisch klingen mag, hat der Film einiges mit They Live von John Carpenter gemeinsam. Er funktioniert ein wenig wie der Blick durch eine Sonnenbrille, die einem etwas sichtbar macht, was immerzu arbeitet, sich aber zu gut anfühlt, um es zu dekonstruieren.

Dann aber gibt es ganz dezidiert Frauen und Männer in diesem Filmen. Es gibt Körper, die an dieser Verführung arbeiten, egal ob sterblich oder unsterblich, egal ob gekauft oder geborgt, unbeweglich oder tanzend; dokumentarische und fiktionale Körper, Körper, bei denen es keine Unterscheidung zwischen Frau und Mann mehr gibt. Was beginnt als Studie genetisch erklärter, männlicher Verführungsmechanismen, verpufft vor einer Kamera, die von einer Frau geführt wird, in einem Film von einer Frau in die Wolke eines Schauspielers vor einem Spiegel in einer Umkleidekabine und zeigt beständig auch die weibliche Verführung in Stimmen und Bildern von Annette von Droste-Hülshoff bis Rachel Ruysch, in den Verkleidungen, die alle Unterschiede aufheben bis zum Blick der Filmemacherin selbst, die uns verführt in ihrem Film, in dem sie die Dinge so zeigt wie sie sie zeigt, in dem sie immer filmt, wenn wir gar nichts sehen. Die in der Weltsicht von Casanova symbolisch angelegte Austauschbarkeit von Frauen und Wahrheit, die Art und Weise, in der man beides „erobern“ kann, erübrigt sich in Casanovagen hin zu einer Differenz in Bezug zur Identität, etwas Verschiedenes, dessen Ungleichheit sich von Ovids Narziss und Echo bis zu den genetischen Untersuchungen von Finken immer wieder annähert und abstößt und in keiner Weise festen Kriterien gehorchen kann. Donschen balanciert derart geschickt zwischen dem Konservativen und Modernen, den Rollenbildern und Erwartungshaltungen, dass man gar nicht merkt, was eigentlich passiert sein könnte.

Etwas entwischt in der Verführung. Zwei Bilder im Film tun das auch. Da gibt es die Aufnahme eines keinen Sees. Für einen Moment kommt das Sonnenlicht, dann verglüht es wieder hinter nicht-sichtbaren Wolken und lässt alles im Schatten zurück. Ein anderes Bild zeigt kurz einen Mann, der sich an einem Baumstamm festhält und in die Ferne blickt. Manche Bilder stehen einsam. Keine Verführung, kein Blick außer jene Flüchtigkeit, die uns manchmal in der Nacht aufschrecken lässt, ob wir nicht doch etwas entscheidendes übersehen haben während des Tages. Die Verführung wird körperlich, nicht symbolisch, nicht codiert. Sie wird unberechenbar, sie wird – wie Malkovich als Casanova erklärt – variiert. Was der Film nicht beantwortet, ist warum am einen Tag ein Blick die Welt bedeuten oder verändern kann und er am anderen Tag einfach an uns vorbei weht, als hätte es ihn nie gegeben. Vielleicht kann man das nur spüren, wenn man den Film zweimal sieht und sich einmal von ihm verführen lässt und einmal nicht.

Wir zeigen den Film gemeinsam mit Helena Wittmanns Drift am Mittwoch, den 13. März um 20:15 Uhr im Filmhaus am Spittelberg im Rahmen unserer Reihe Balkanrouten.

 

Das Wegkadrieren des Himmels: Höhenfeuer von Fredi M. Murer

Die Steilheit eines Abhangs zu filmen, ist beinahe unmöglich. Jene, die eine Kamera bei Ski- oder Radrennen bedient haben, kennen diese Schwierigkeit. Das Kamerabild relativiert die Extreme. Man blendet Zahlen ein, um Steilheit greifbar zu machen. Manchmal reicht auch eine Nahaufnahme des Gesichts derjenigen, die sich mit Steigung oder Abfahrt auseinandersetzen müssen, um ein Bild zu machen, von dem, was man nicht wirklich filmen kann. Nahaufnahmen gibt es auch in Fredi M. Murers erfolgreichsten und bekanntesten Film Höhenfeuer. Sie zeigen eine Familie, die isoliert oben auf dem Berg lebt. Der Vater, der Mutter, die Tochter Belli und der gehörlose Sohn. Noch etwas weiter oben hausen die Großeltern. Aus all ihren Blicken spricht in der einen oder anderen Form die Steilheit des Weges, der sie vom Tal trennt. Murer und sein Kameramann Pio Corradi verzichten größtenteils auf epische Landschaftsaufnahmen. Stattdessen erzeugen sie das Bild einer Enge mit wolkendurchfluteten Felsformationen, dichtem, alles unter sich begrabenem Schnee, Gräsern, die sich im Wind in sich selbst drehen. Kaum einmal kann man den Himmel sehen von dort oben. Die Kadrierung spart ihn aus und dadurch wird die Steilheit spürbar. Wiederholt lässt Murer seine Protagonisten ins Bild springen an einem Abhang, sie rutschen fast hinein, haben keinen Halt.

Steilheit kann man nicht filmen. Der Junge entwickelt eine Faszination für alles, was seinen Blick verändert: Lupen, Spiegel, Ferngläser und Rohre, durch die hindurch er die Landschaft zerschneiden kann. Er wird zum Filmemacher, zum Fotografen seiner eigenen Isolation, in der sich nach und nach ein sexuelles Erwachen regt. Immer wenn er mit diesen Apparaten den Blick verändert, setzt die subtile Musik von Mario Baretta ein. Murer zeigt an, dass hier etwas lodert; wie es wohl sein muss, immerzu in ein Tal zu blicken, das man nicht kennt? Aber das Tal sieht man nicht. Einige Male wird davon gesprochen, Vater und Sohn wagen einmal eine Reise auf den Markt, sie verkaufen dort, sie kaufen dort. Von Zeit zu Zeit holt man die Post hinauf auf den Berg, dann drücken sich die wachsenden Armmuskeln des Jungen gegen die Steilheit und er bringt die Post bergan.

Die Schwester bemerkt diese Armmuskeln. Welche sollte sie auch sonst bemerken? Wiederholt sieht man sie aus dem Fenster blicken; sie alle blicken aus dem Fenster, aber wohin? Der Junge wird immer fordernder, er zerstört Dinge oder fällt in Apathie, weil er nicht teilnehmen kann. Er hört nichts, aber beginnt mehr und mehr die Steilheit zu sehen. Als er den Rasenmäher zerstört, verbannt ihn sein Vater auf die Hochalpe. Dort baut der Junge Steinskulpturen bis ihn seine Schwester besuchen kommt. Dann sieht man kurz den Himmel, aber keine Steilheit. Nur den Moment eines fatalen Friedens. Keine Moral, nur die Natur. In der Eröffnungssequenz zu Aguirre, der Zorn Gottes wählte Werner Herzog mit seinem Blick auf die wandernde Karavane am Huayna Picchu eine ganz ähnliche, die Landschaft zersetzende, auf Postkartenromantik verzichtende Einstellung, um die Steilheit greifbar zu machen. In ihr erzählt sich immer auch ein Leiden, ein Hunger, eine Askese. Dünne Menschen scheinen vielleicht deshalb steiler zu sein als dicke Menschen.

Steilheit ist die Enge des Blicks, das Abschneiden eines Horizonts, die Körperlichkeit des Weges, das Verschwinden eines Auswegs. Die Kamera fährt gelegentlich parallel zu den Abhängen, sie macht die Kanten sichtbar und vermisst die äußeren Ränder des Sichtbaren. Die Kamera eröffnet ein Steilfeuer, dicht und schwer treffen die Blicke auf eine Beständigkeit, in der die Menschen mit dem Abhang verwachsen sind. Wenn die Eltern die Tochter vor dem Lesen warnen, dann trotzen sie damit auch den Träumen. Stoische Genügsamkeit, bis einem das ewige Steilsein aus dem Herzen wächst und dann ist die Tochter schwanger und es kann nur der Bruder gewesen sein. Dem Vater entweicht der tief verbuddelte Wahnsinn, er dringt durch seine seit Jahrzehnten verschlossenen Poren, er packt sich sein Gewehr und will den Fluch des Berges, den verfluchten Berg aus seinem Leben schießen. Er stirbt und mit ihm seine Frau, denn dort oben scheint alles miteinander verbunden. Murer verknüpft Ursache und Konsequenz ein wenig wie Tarkowski. Aber er ist mehr mit der Erde verbunden und weniger mit seinen eigenen Ideen. Der Schnee ist hier Schnee und nicht ein Symbol für Schnee.

Steilheit kann man nicht hören. Sie setzt Dinge in Bewegung, zieht sie förmlich hinab, verweigert den Aufstieg. Eine Kuh kann nur von einem Hubschrauber gerettet werden, sie schwebt über dem Abgrund. Eine Lawine lässt alles erzittern. Durch sie hindurch hört man die Stimmen der Toten. Nicht nur jene der Eltern, sondern alle jener, die im Stillen hoch oben gestorben sind, die bewiesen haben, dass man auch über den Wolken unter der Erde sein kann. Den Himmel sieht man dabei nicht. Man hört ihn nur. Der Junge aber, der hört gar nichts.

Notizen zu Christine Ott

Von einer einmal gehörten Musik zu schreiben, erscheint mir zunächst wenig zielführend. Im Gegensatz zu Bildern und deren Bewegung, die ich schon des Öfteren beschrieben habe, gibt es keine konkrete Erinnerungen an die Musik. Vielleicht aber bilde ich mir das bei Bildern auch nur ein (einbildern); oft genug nutze ich schließlich – wenn vorhanden – die Möglichkeit Bilder wiederzusehen, um darüber zu schreiben, während ich darüber schreibe. Ich kann wahrscheinlich nicht beweisen, dass ich die Musik, von der ich hier etwas arg zögerlich beginnen möchte zu schreiben, nicht höre, während ich von ihr schreibe. Einzig kann ich versuchen zu schildern, wie wichtig mir die Stille nach dem Hören ist; dann erscheint mir das Vakuum der Luft wie ein Echo von all dem, was die Musik beim Hören in mir auslöste. Es ist mir nicht klar, ob die Musikerin, von der ich schreiben möchte, Christine Ott, mit ihrem Albumtitel Only Silence Remains genau auf dieses Echo Bezug nimmt; ich möchte es aber annehmen, alleine schon deshalb, weil sich ein Text leichter schreibt, wenn man sich mit seinen Ideen verbunden fühlt zu jener Kunst, die man beschreibt. Dabei habe ich gar nichts zu beschreiben.

Mir ist aufgefallen, dass ich einen bestimmten Bewegungsablauf habe, wenn ich zum ersten Mal eine Musik höre, die mich berührt. Ich lehne mich dann zurück, mein Kopf fällt ungewöhnlich in den Nacken (zumindest fühlt es sich ungewöhnlich für mich an, wenn ich darüber nachdenke) und nach einer Zeit blicke ich zur Seite, starre zur Seite, sodass meine Augen nichts mehr scharfstellen müssen. In mir schließt sich etwas. Eine warme Hand umgreift die Melodien als wären sie aus mir selbst, als würden sie mir allein gehören. Das erste, was mir klar wurde bezüglich der Musik von Christine Ott, vor allem der Musik ihrer Alben Solitude Nomade, Only Silence Remains und ihrem Soundtrack zu Friedrich Wilhelm Murnaus Tabu, ist dass sie mich dazu bringt, das Schweigen in mir zu suchen, es scheint mir ganz natürlich Nichts zu dieser Musik zu sagen. Ich höre, dass es nicht nur auf den Ton ankommt, den man als nächstes spielt, sondern darauf wie man die Tasten des Klaviers berührt, mit ein wenig Widerstand, ein bisschen Zärtlichkeit, sodass der daraus resultierende Klang die Spielende selbst überrascht; wie wenn man sich lange Zeit vorgestellt hat wie sich die Hand eines geliebten Menschen wohl anfühlen würde – Ott beschreibt beständig den Moment dieser ersten, vielleicht eingebildeten Berührung. Allerdings habe ich das Gefühl, oder ich bin mir zumindest nicht sicher, ob es wirklich die Berührung hin zu etwas ist oder ganz im Gegenteil jene Sekunden, in denen wir zum letzten Mal etwas berühren, eine Hand, bevor sie uns für immer entgleitet.

Zu meinen Schulzeiten trennte sich eine solche Hand von mir, eine Hand, die mir sehr wichtig geworden war, an einem Wintertag. Viel heftiger als die Trennung empfand ich dabei, dass ein Handschuh über sie gestülpt war und ich so in dieser letzten Berührung nur Stoff empfand, der alles was dort geschah, unecht wirken ließ. Es tröstet mich, dass die Rhythmen von Ott immer weiter gehen. Es gibt einen reißenden Strom, der die Erinnerungen mit sich zieht. Jede Anmutung ist nur ein Ton, der nächste folgt zugleich, zusammen ergeben sie etwas, dass man nicht kontrollieren kann, man muss sich dieser Musik aussetzen.

Einmal habe ich Otts Musik gehört…nein, ich finde nicht, dass man einen Satz so beginnen kann; was ich schreiben will, hat damit zu tun, dass ihre Musik mir Angst machst, etwas kippt in den Tönen wie ein Zug, der ohne Gleise weiterfährt, weiterschwebt. Unberechenbar und unheimlich. Es sind nicht nur die Geistertöne, die Ott mit ihren Ondes Martenot erzeugt, sondern auch ein Wirbel aus Zerbrechlichkeiten; fühle mich wie ein tanzendes Paar in der Mitte und auf dem Eis eines gefrorenen Bergsees, dessen Eis nach und nach aufbricht.

Christine Otts Musik ist anderswo in mir, ich kann sie nicht verorten. Vielleicht daher dieser etwas bemühte Versuch, sie durch Schreiben zu lokalisieren. Zuletzt möchte ich noch auf eine Begebenheit hinweisen, die sich so während eines aufkommenden Sturms im Herbst des vergangenen Jahres zugetragen hat. Ich war alleine mit dem Rad auf einem Feldweg unterwegs, freies Feld, keine Bäume; ich höre Ott immer alleine; es gab keinen Grund für meine Ausfahrt, etwas in mir verspürte plötzlich den Drang nach Wind auf offenem Feld, dieses Gefühl, schreien zu können, ohne dass man sich selbst hören muss. Ich fuhr dort mit und gegen den Wind, als ich mit einem Mal die Klaviertöne von Ott vernahm. Durch den Sturm hindurch, aus dem Wind, ganz sanft und doch tobend, tobend in mir.

Crédits photographiques :
Jean-Pierre Rosenkranz, Grégoire Orio, Mathieu Gabry,
Emmanuel Viverge, Dominique Leroux, Nicu Cherciu

Das Kino verlassen

Was ihm am Kino gefiel: sich zu verwandeln, mit jedem neuen Film zu verlieren und neu zu finden, nie derselbe bleiben zu müssen, sich von einer Welt in die nächste zu hangeln, zu fliehen. Es war so einfach sich zu transportieren, ganz ohne Risiko, immer weiter, immer weiter bis er nicht mehr wusste, wer er selbst war. Es gefiel ihm, dass das Kino so viele Versprechen vor sich her trug. Nicht wie Bücher, die geheimnisvoll erscheinen, sondern ganz verführerisch, prahlend beinahe, überdeutlich in den Zeiten, Orten, Stimmungen, in denen sie in ihm existieren konnten. Egal wohin er blickte, sah er mehr. Es kam ihm vor, als würde ihm das Kino eine Welt zeigen, die andere nie sehen würden; Welten sogar. Es brachte ihn näher an das, was er als Realität wahrnehmen wollte, verriet ihm die Tragödien und Komödien, die erst später in seinem Leben kommen würden, warnte ihn, machte ihm Angst, ermutigte ihn und erhob sich wie eine Wolke in ihm, die sich von sich selbst löst und abregnet. Mit jedem neuen Film eröffneten sich hunderte weitere Filme, die man sehen konnte, mehr und mehr wurde das Sehen von Filmen zur Suche nach dem Ungewöhnlichen, Außerordentlichen, dem nächsten Fix. Er wehrte sich gegen die innere Abstumpfung, euphorisch klammerte er sich an das, was ihm wichtig war. Gleichzeitig aber konnte er nie lernen zu vergessen; Bilder krabbelten durch seine Augen wie Bakterien. Inzwischen hatte er längst verdrängt, warum er ins Kino ging. Er ging nur mehr. Wollte alles mit dem Kino machen, es durchdringen, damit ihm keine dort versteckte Emotion entging. Jede Emotion könnte die seine sein. Er redete sich um Kopf und Kragen, wenn es um das Kino ging, immer wollte er alle überzeugen vom Kino, von der Schönheit und vor allem davon, dass er das alles gesehen und somit erlebt hatte. Mit einer riesengroßen Brille betrachtete er jeden Grashalm des Kinos, er beobachtete auch die sogenannte echte Welt durch diese Brille. Zunächst schien ihm alles größer zu sein, stärker und wundervoller, aber nach und nach störte ihn die Brille, sie war ihm eine Last. Er wollte lieber blind mit seinen Augen im Gras verschwinden als jeden Zentimeter zu sehen; er wollte die Augen schließen, vielleicht war es das. Schon seit geraumer Zeit hatte er aufgehört vom Kino zu träumen, er träumte nur mehr von seiner Rolle im Kino. Er schrieb Listen auf, um sich zu merken, was ihm wichtig war. Jetzt würde er alles vergessen, ein Feuer legen über seine Erinnerung und einen Film so sehen wie beim ersten Mal: groß und undurchdringbar, seltsam und bewirkend, dass man sich selbst vergisst. Doch heute konnte er sich nicht mehr vergessen im Kino. Er sah sich selbst beim Sehen zu, die Gedanken kreisten schon beim ersten Bild. Was man wohl dazu schreiben könnte? Was das wohl mit irgendeinem anderen Film zu tun habe? Wie man so einen ganz ähnlichen Film machen könnte? Die Filme existierten nicht mehr für ihn. Er schmeckte nur noch das Schauen, nicht mehr die Filme. Er beobachtete die anderen, die ins Kino gingen. Er beschwerte sich, dass ihnen alles daran egal wäre, er sah ihre Ignoranz, er hatte längst die Kraft verloren, die er brauchte, um sie zu überzeugen, eine Kraft, die er nie hatte. Sie waren glücklich, dachte er. Jeder Film ein neuer Selbstzweck. Alle mit denen er einmal berauscht über das Kino sprechen konnte, schwiegen nur mehr, jeder schien in seiner eigenen Endlosschleife gefangen, die einen in jener, die keine Zeit mehr findet für Filme, die anderen in jener, die zu individuell, zu willkürlich, zu zynisch, zu allwissend geworden war. Das Kino ist eine Illusion, sie gibt den Eindruck, dass man darin leben kann, dass man alles sehen kann. In was hatte er sich verwandelt? Er wusste weder das, noch wer er selbst war unter all den Traumfabriksfäden, gespannt um seinen Körper wie eine Fliege im Spinnennetz, kurz vor ihrem zuckenden Tod. Also begann er zu fliehen, das Kino zu verlassen. Er stürzte sich ins Meer, in die Wellen, hörte Musik so laut, dass die Filme in seinem Kopf wie Gehörzellen starben, er wanderte auf einem einsamen Berg aus Eis, spürte die Erde unter sich, ein Kuss, der nicht nach restaurierten Filmen roch, er weinte bitterlich und würgte die verblassenden Versprechen des Kinos aus sich heraus; er wollte allein sein, nicht mehr sprechen, etwas über Steine lernen oder die Kochkunst, am besten keine Kunst, nur mehr durch die Nacht wandern wie der schlaflose Charles Dickens, auf den Treppen schlafen, wieder aufwachen in einem Schloss, er wollte schreien und weinen, aber all diese Dinge, zumal in dieser Abfolge, hatte er nur im Kino gelernt und sie waren auch nur dort möglich. Er hatte verlernt, einfach nur zu sein.

Also ging er aus dem Kino eines Tages. Er warf seine Brille in den Mülleimer, torkelte beinahe blind durch die Stadt, die ihm so laut und gefährlich nahe erschien. Fand sich wieder in einem Wald, der nach Feuchtigkeit roch und nach Stille. Er legte sich auf den Boden, sah nur schemenhaft die teilnahmslosen Wipfel der Bäume und dann sah er nichts mehr, so war das nämlich, er hörte auf zu sehen, zu hören, zu reden, zu schreiben; er verschwand und versuchte mit aller Kraft in sich selbst zu ruhen, einen Abwesenheit zu finden, die ihm erlauben würde, wieder von Neuem die Augen zu öffnen, ohne dieses vom Kino provozierte Gefühl, dass man alles schon gesehen hat; ganz junge Augen, ganz kalte Luft, die zum ersten Mal entlang der Lider streicht.

Sie suchten ihn tagelang. Dann gaben sie auf. Man sagt, dass er jetzt in den Bäumen lebt oder sich gar in einen Baum verwandelt hat.