Notiz zu Bring Me the Head of Alfredo Garcia von Sam Peckinpah

Du mochtest immer den Staub und die Fliegen, die aus dem goldenen Schnitt fallenden Körper, den unerträglichen Speichel, der sich zwischen deinen Lippen gesammelt hat bis du ihn mit einem Schluck Brandy in den Rachen befördert hast. Zumindest dachtest du das. Du hast dich gefragt, welche moralischen Vorstellungen sich am abgetrennten Kopf einer Leiche entzünden, eingepackt in ein weißes Tuch auf dem Beifahrersitz zwischen eiskalten cervezas und den gewehrtragenden Stoppelbartträgern auf der Hacienda.

Deine Antwort war nicht einfach, sie hatte mit Geld zu tun und mit Ehre, ein bisschen auch mit Religion, Zufall und einer Liebe, die in dir arbeitete als hättest du lebende Moskitos verschluckt. Du hast dich gefragt, warum du tötest, um einen Toten zu retten und als du die Antwort kanntest, bist du getötet worden. Dann war es aber auch schon egal.

Denn bevor das Blut aus den klaffenden Wunden strömte, bevor du lebendig begraben wurdest, bevor du schießen musstest, um zu überleben, gab es ein friedliches Idyll mit Enten und Licht an einem kleinen See; eine Gerechtigkeit, die in Wahrheit nur ein Warten auf den Horror war. Du warst noch nicht geboren und heute weißt du, dass du dann am glücklichsten warst.

Der beinahe ruhige Abend des Hernández Hernández in Madrid

Alejandro José Hernández Hernández, geboren 1982 auf Lanzarote, zu einer Zeit, in der dort 61000 Seelen lebten (heute gibt es 71000 Touristenbetten) verbrachte, wie man so sagt unter Fußballkommentatoren, einen ruhigen, beinahe quälenden Abend im Estadio Alfredo Di Stéfano im Viertel Valdebebas im Nordosten der spanischen Hauptstadt Madrid in der durchaus dystopisch benannten „Ciudad Real Madrid“. Dabei hätte es durchaus einen Anlass zum Feiern gegeben, wenn auch nicht für Hernández Hernández, denn das gewohnt in Weiß auflaufende Real Madrid sicherte sich mit dem Sieg über den als gelbes U-Boot bezeichneten Fußballclub aus Villareal zum 34. Mal die Meisterschaft in der Spanischen Liga. Zumindest ein wenig mehr Pulsschlag, ein bisschen mehr vom üblichen Lärm der professionellen Fußballfelder, auf denen Hernández Hernández seit 2004 in eine Pfeife gepfiffen hat, um damit sein Geld zu verdienen, hätte er bestimmt erwartet.

Hernández Hernández gilt in Madrid eigentlich als Unglücksbringer, von den zehn Partien zuvor, die der eigentlich unscheinbare, so gar nicht iberisch daherkommende, recht eckige, blondhaarige Herr mit den an manch Polizisten erinnernden Frisurphänomen schnittiger Geheimratsecken pfiff, hat der arrogante und doch bewundernswerteste Fußballverein, zu dessen berühmtesten Anhängern Javier Marías und Rafael Nadal gehören, nur zwei gewonnen. Vor dem Spiel wurde Hernández Hernández deshalb gar als größte Bedrohung für die beinahe sichere Meisterschaft bezeichnet. Wahrscheinlich zurecht, wenn man die restlichen Gegner des königlichen Vereins mit der faschistischen Vergangenheit oder die fehlende Form des ewig Konkurrenten aus Barcelona betrachtete.

Zumindest dem Gebaren nach wollte der Schiedsrichter, der sich in den Sozialen Netzwerken verstärkt für den Tourismus in seiner kanarischen Heimat einsetzt (Bilder des Ozeans, der Vulkanlandschaften geteilt von Tourismusagenturen) diesem Image gerecht werden: er trug ein feuerrotes Trikot gesponsert vom spanischen Verband und der Würth-Gruppe aus dem ostfränkischen Künzelsau, klopfte umgeben von nervösen, maskentragenden Offiziellen seinem glatzköpfigen Assistenten im Spielertunnel derart wild auf die Brust, dass man meinen konnte, er verwechsle den guten Mann mit einer Trommel. Dann stand er da und wartete…Hände in den Hüften, am Hosenbund die Spraydose, mit der er im Fall der Fälle weiße Linien auf den grünen Rasen malen sollte, als plötzlich der ganzkörpertätowierte Hipster-Kapitän des weißen Balletts (so nennt man den Verein unter anderem, wenn man müde wird, von den Königlichen oder Galaktischen zu sprechen) auf ihn zutrat, um ihn mit herzlichem Bart und festem Händedruck zu begrüßen.

Ein Bild aus schlimmeren Zeiten zwischen Hernández Hernández & Kapitän Ramos

Da standen also U-Boote und Ballerinas im Tunnel, der rote Würth-Mann fuchtelte wild herum, die lebende Trommel wartete auf den Gong, der das Spiel eröffnete. Draußen warteten einige Pixel in den Tribünen, denn in Spanien hat man sich dafür entschieden, die fehlenden Fans mit eingespielten Gesängen und an frühe Videospiele erinnernde Grafiken von Zusehern zu ersetzen. Der Anblick könnte trostloser und billiger nicht sein. Trotzdem war es bemerkenswert, dass dieser sogenannte Kapitän den bedauernswerten Hernández Hernández begrüßte, schließlich hatte der in Fußballkreisen gefürchtete, gehasste oder vergötterte Ramos vor nicht allzu langer Zeit recht beleidigt in ein Mikrofon gesprochen: „Ich verstehe Hernández Hernández nicht.“ (es sei bemerkt, dass die schiere Präsenz von Ramos deutlich interessanter zu beobachten war, als große Teile des Spiels, was eigentlich für die gesamte Saison von Real Madrid gilt).

Kurz darauf begegneten sich die beiden wieder als Hernández Hernández eine Münze in die Luft warf und wieder auffing, um zu bestimmen, wer zuerst mit dem Ball spielen darf und vor allem, in welche Richtung. Dabei dudelte die Vereinshymne von Madrid und erinnerte irgendwo in der „Ciudad Real Madrid“ an die Lautsprecherdurchsagen und Trauermärsche bei Stalins Beerdigung in einem wie leergefegten Dorf, in dem alle auf den Feldern schufteten, weil der Gestorbene das so verlangte. Die Sonne, die sich wie jeder vernünftige Mensch nach und nach vom Spiel abwandte, hätte blenden können, deshalb galt es die Spielrichtung sorgfältig zu wählen (es gibt zwei Möglichkeiten, man spielt entweder in die eine oder in die andere Richtung), was den zigtausenden virtuellen Fans nichts ausmachte, weil sie Sonnenbrillen mitbrachten. Bei genauerer Betrachtung war die Haut von Hernández Hernández etwas rötlich, die vielen Stunden in der Sonne waren dem Mann in den letzten Wochen offenbar nicht besonders gut bekommen und das obwohl ihn der spanische Verband auch gerne als sogenannten Video-Assistent-Referee einsetzt, also vor einigen Bildschirmen in irgendeinem Container sitzend. Was er von dieser, für Schiedsrichter doch recht neuen Aufgabe hält, zeigte Hernández Hernández später.

Der Ball wurde bewegt, man lief recht gelangweilt auf und ab, ab und an durfte Hernández Hernández in seine Pfeife pfeifen und so ging der Abend langsam in die Nacht über. Madrid bog, wie man im Jargon des Sports und der Politik so gern sagt, auf die Siegerstraße ein, der Verkehr dort war äußerst ruhig, keine U-Boote kamen entgegen, selbst Hernández Hernández, der streckenweise von den Stränden Lanzarotes träumte und sich in der aufregenden Architektur César Manriques wähnte, verlor jegliche Lust auf Bedrohlichkeit, ja Fußball an sich. 1982, als er geboren wurde, gab es gerade mal neun Hotels auf Lanzarote, seine Eltern hätten in diese Branche einsteigen können, sie hätte ihm helfen können, etwas aus sich zu machen, aber nein, Hernández Hernández juckte es am Arm, weil er seit Wochen durch Spanien tingelte, um in eine Pfeife zu pfeifen oder mit weißem Schaum auf die Wiese zu sprühen. Immerhin, mögen manche sagen, es hätte schlimmer kommen können, er hätte weißen Schaum vor dem Mund oder seine Pfeife verschluckt haben können.

Für einen Sport, der davon lebt, dass er als größer wahrgenommen wird, als das eigentliche Leben, ist diese durch das Fehlen des Publikums entlarvte Belanglosigkeit, dieser robotergleiche Modus einiger austrainierter Athleten untragbar. Die mechanische Zufallslosigkeit, in der Bayern München in Deutschland den Titel gewann, wurde von Real Madrid noch einmal übertroffen. Die Spieler von Trainer Zinedine Zidane, der als Spieler zu den elegantesten Kickern aller Zeiten zählte, extrahierten jegliche Ästhetik aus ihrem Spiel. Alles was sie taten, war gewinnen. Für wen, konnte man nicht sehen, wie, war egal. Nach dem Spiel sprangen sie etwas durcheinander, man schoß Fotos und freute sich. Jeder durfte den Pokal einmal halten und lächeln. Für die Familie und Instagram: ein Bild wie ich einen Pokal halte vor leeren Rängen. Gäbe es in Spanien Hauspoeten bei den Fußballvereinen, wie dies bei manchen englischen Clubs der Fall ist, wäre ihnen in den letzten Wochen in der „Ciudad Real Madrid“ die Sprache verloren gegangen.

Aber es gab zwei Menschen auf dem Platz, die gegen diese unerreichte Trockenheit und Banalität der folgenden Meisterschaft etwas einzuwenden hatten: Hernández Hernández und sein alter Freund Kapitän Ramos. Nach etwas mehr als 72 Minuten, als alle Kinder, die es mit Madrid halten und daher extra länger aufbleiben durften, um beim großen Spiel dabei zu sein, friedlich eingeschlafen waren und wahrscheinlich für immer ihre Lust am Fußball verloren hatten, stürmte der bärtige Königliche, der eigentlich aus Andalusien kommt, quer über den Platz, um sich mit einem beherzten Hecht auf den Boden fallen zu lassen. Hernández Hernández, der nicht mit einer derartigen Tempoverschärfung rechnete, befand sich ungefähr dreißig Meter hinter dem Geschehen, sein Kreislauf muss sich so angefühlt haben, als wäre er zu schnell aufgestanden. Aber als er denn erwachsenen Mann im Gras rollen sah, konnte er seine Freude kaum verbergen: Endlich, ja endlich würde er pfeifen dürfen. Er pfiff so laut es ging und deutete mit seinem rötlichen Arm auf einen weißen Punkt, der sich 11 Meter vor dem Tor des nach wie vor nicht am Spiel beteiligten gelben U-Boots befand.

Ramos wurde von seinen Mitspielern geküsst, Hernández Hernández sprach in sein Headset, von dem man nicht weiß, ob er es aus Hygienegründen selbst zu den Spielen bringt oder ob er jedesmal ein Neues bekommt oder ob es einfach desinfiziert wird und immer an den jeweiligen Spielorten bleibt. Als die Wiederholungen über die Bildschirme flackerten, hörte man bei einem Herrn, der schon die ganze Zeit zu nahe an einem der Außenmikrofone im totenstillen Stadion saß, schallendes Gelächter. Man spricht von einer Schwalbe, was sowohl dem Vogel als auch dem nach ihm benannten Fahrradreifen unrecht tut, denn nichts fliegt so unecht wie ein Fußballer, der einfach fällt. Während alle im Stadion und jene vor den Fernsehgeräten, die aufgrund des plötzlichen, in Spanien üblichen Geschreis des Kommentators erwachten, sicher waren, dass der Elfmeter mit Hilfe des Video-Assistent-Referees zurückgenommen werden würde, instruierte Hernández Hernández mit militärischen Gesten dem Torhüter von Villareal wie er sich zu verhalten habe. Hernández Hernández malte eine Linie in die Luft, genau so wie er es hunderte Male vor dem Spiegel übte. Dann griff er sich ans Ohr: Funkkontakt! Während er zuhörte, was ihm seine Kollegen vor den Bildschirmen erzählten, juckte es ihn wieder am Unterarm, diesmal unter seiner Uhr, wo sich trotz der Langeweile doch erheblicher Schweiß gesammelt hat. Hernández Hernández ging auf und ab, er sah den heute so herzlichen Kapitän Ramos und mit einem mal erklärte er mit einem weiteren, in seinen Ohren wundervoll tönenden Pfiff, dass es tatsächlich Elfmeter gäbe.

Man hatte gar keine Zeit, sich darüber zu wundern, denn Kapitän Ramos hatte noch ein besonderes Geschenk für Hernández Hernández parat. Als er den Pfiff hörte, nahm er einen gewohnt stotternden Anlauf in Richtung Ball (ganz so als würde die Grafik hängen, was sich bei einem prüfenden Blick auf die Zuschauerränge aber als unwahrscheinlich herausstellte) holperte er mehr Richtung Ball, vielleicht auch wie ein Hund, der den Ball überraschen will, obwohl sowieso jeder sieht, dass er kommt, nun ja, was passierte: er schoß nicht selbst, sondern stupste den Ball nur an, sodass sein ganz aufgeregt von hinten anrennender Spielerkollege Benzema einschießen konnte. Diese Art einen Elfmeter zu schießen, ist äußerst selten und etwas demütigend für den Gegner. Oftmals wird sie auf Johan Cruyff zurückgeführt, der 1982 bei einem Spiel mit Ajax Amsterdam auf seinen Spielerkollegen Jesper Olden ablegte, der dann sogar noch einmal zurückspielte, ehe Cruyff den Ball ins leere Tor beförderte. Allerdings hatten Rik Coppens und Andre Pitters beim 8:3 der belgischen Nationalmannschaft gegen Island bereits 1957 auf diese Methode zurückgegriffen.

Sieht man sich Beispiele dieser Elfmetertechnik an, fällt auf, dass fast alle gegen die Regeln verstoßen, weil der von hinten heranstürmende Mitspieler oft bereits im Strafraum steht, wenn der Ball berührt wird, was verboten ist. So auch Benzema, der sich im Urlaub gern mit einer goldenen AK-47 auf dem Schießstand präsentiert und aufgrund einer Erpressungsgeschichte rund um ein angebliches Sexvideo eines Mitspielers für Lebzeiten aus der französischen Nationalmannschaft ausgeschlossen wurde. Hernández Hernández, der jeden Abend vor dem Schlafengehen das Regelbuch studiert, wusste genau wie zu handeln war. Mit nach vorne gelehntem, bis ins kleinste Äderchen angespanntem Körper hatte er der Ausführung des Elfmeters beigewohnt und hatte gesehen wie Benzema zu schnell einlief. Ein klarer Fall: Wiederholung. Hernández Hernández war so aufgepumpt mit Adrenalin, dass er den imposanten Ramos gar wegschubste, ja wie seinem glatzköpfigen Assistenten auf die Brust trommelte, um allen alles zu erklären: 1. Lanzarote ist schön und alle sollten dort Urlaub machen. 2. Wenn ich pfeife, dann pfeife ich. 3. Gegen Hautreizung hilft Ringelblumensalbe.

Hernández Hernández hatte alle Mühe den aufgeregten, sich ungerecht behandelt fühlenden Männern aus Villareal zu erklären, dass sie nun aus dem Strafraum treten mussten, damit der Strafstoß wiederholt werden würde. Der Elfmeter wurde diesmal regelkonform verwandelt, Benzema schoß gleich selbst und er brauchte dafür keine Waffe, sondern nur seinen Fuß. Kapitän Ramos grinste und Hernández Hernández, der später im Spiel tatsächlich noch einen Treffer von Madrid zurücknahm, als er von seinem Video-Assistant-Referee auf einen Fehler aufmerksam gemacht wurde, ging am Ende zufrieden vom Platz. Er hatte gepfiffen, er war gelaufen, die frische Luft, die herrliche Ruhe in Valdebebas und am allerbesten: am Abend erfuhr er, dass er am kommenden Sonntag, dem letzten Spieltag als Video-Assistant-Referee eingesetzt wird, also nicht mehr der Sonne ausgesetzt sein muss.

Notiz zu A proposal to project in scope von Viktoria Schmid

(Vorausgestellt sei, dass ich die Filmemacherin persönlich kenne und den Film paradoxerweise an einem Bildschirm gesehen habe. Letzteres provoziert doch manch grundlegende Frage wie zum Beispiel: Was macht man, wenn man Leinwände auf Bildschirmen sieht?)

All die Leinwände, die irgendwo stehen und verrotten, auf die Schatten fallen von Ästen und Wolken. All die Leinwände, deren klares Weiß für Viktoria Schmid leuchtet, während der Wind, die Sonnenstrahlen und das nahe Meer an einer Abschaffung des Kinos arbeiten oder an dessen Geburt. Schmid stellt bereits zum zweiten Mal eine Leinwand auf, filmt eine scheinbar leere Leinwand (wie in einem Spiegel, auf dem man sein Gesicht nicht findet). Dieses Mal an der Kurischen Nehrung in Litauen. Aber das, was zu projizieren wäre, ist das, was gefilmt wird: eine Meereslandschaft, ein Rauschen. Der Blick zwischen zwei Bäumen hindurch entspricht dem filmischen Rahmen; der Film selbst ist eine Rahmensprengung, eine Kinowerdung und doch auch ein Abgesang. A proposal to project in scope nennt sich einen Vorschlag, eine Möglichkeit, aber all die Leinwände, die lichtlos stehen, die warten auf einen Film, einen Zuseher, die vom Wind umgeblasen werden, auf denen die Insekten leben und auf die Graureiher kacken, all die Leinwände sind womöglich kein Vorschlag, sind eine Leere.

In Fragen zwischen dem Ende und dem Anfang des Kinos gibt es keine Klarheit zu finden, außer jener, die in der Existenz des Films selbst liegt: Braucht der Film eine Leinwand oder braucht die Leinwand einen Film? Ist das Kino jenseits der Leinwand oder ist es immer auf der Leinwand, selbst wenn da gar nichts ist? Ist die Sonne ein Projektor, die Schatten der Film? Und dazwischen muss es Menschen geben…sie schlagen vor, etwas zu zeigen, sie sehen oder sehen nicht, wir sehen sie nicht. Aber wir sind sie, wenn wir sehen.

Da steht eine Leinwand in den Dünen. Sie steht da am Morgen, am Mittag, am Abend und in der Nacht. Angeblich hat die Riesin Neringa diesen Landstrich geformt, man sieht sie nicht im Film, aber womöglich auf der Leinwand, ja auf der Leinwand könnte man alles sehen. Wie kommen nun die Bilder dieser Landschaft auf die Leinwand? Wahrscheinlich einfach durch das Am-Ort-Sein, durch das Sehen, durch das Warten, die Technik und das Glück. Irgendein Bild fällt immer auf die Leinwand, aber wenn es die Leinwand nicht gibt, können Bilder nicht erscheinen, dann werden sie verschluckt. Sie landen dann in unsichtbaren Röhren, Kabeln, irgendwo flackert ein Bildschirm (keine Leinwand!); auf einem Bildschirm gibt es keinen Vorschlag, kein Weiß, keine Schatten, nein, auf einem Bildschirm gibt es nur die Spiegelung des eigenen Gesichts.

Wenn es dunkel wird, sind die Leinwände einsam. Schmid zeigt wie das letzte Licht auf einer Leinwand verschwindet (oder wird es nur verschluckt und die Leinwand behält es in sich wie eine Erinnerung?). Leinwände sind wahrscheinlich an Orte gebunden. Man denkt an Temenos, jenen cinephilen Pilgerort nahe Lyssarea, an dem im Vierjahres-Takt Eniaios von Gregory Markopoulos gezeigt wird; all die Reisenden zu den Leinwänden. Man stelle sich eine Welt vor, auf der es keine Kinos gäbe, sondern nur freistehende Leinwände, Orte der Gemeinschaft, die wer auch immer Filme zeigen wollte, aufrichten würde, vor denen man sitzen könnte, denen man begegnete wie Don Quixote den verstreuten Romantikern des spanischen Hinterlands.

Einen solchen Vorschlag macht der Film, der vielleicht einer Werbung für das Kino gleichkommt oder einer politischen Einforderung eines anderen Kinos (denn so ist das Kino ja gar nicht!) oder einer Elegie auf das Kino. Wie bezeichnend, dass A proposal to project in scope aufgrund der ausgefallenen Festivals bislang kaum gezeigt wurde auf Leinwänden. Vielleicht ist das aber auch gut, denn irgendwie wäre es schön, wenn es gar nicht so sehr um den Film ginge, sondern um das Errichten von Leinwänden (jedenfalls treibt mich die oftmals anstrengende Frage in Publikumsgesprächen nach dem Verbleib der Protagonisten selten so sehr um wie hier).

Notiz zu den Trinkern im Kino

Die Geschichte des Kinos ist auch eine Geschichte der Trinker (vor und hinter der Kamera). Alkoholisierte, durch die Welt torkelnde Trunkenbolde sehen in Filmen oft zu gut aus. Sie lallen, aber man versteht sie trotzdem. Sie stinken nicht. Sie schlagen Frauen, aber die Kamera interessiert sich für ihre Zerbrechlichkeit, kaum für jene der Frau (zitternde Hände, die unerträgliche Schuld und dergleichen). Es sieht gut aus, wenn sie auf der Straße stehen und Flaschen leeren. Die Pulle in der Jackentasche ist geheimnisvoll. Meist haben sie einen Grund, um zu trinken. Sie saufen wegen der Narben, der Ungerechtigkeit, der Verlorenheit. Haben sie keinen einfachen Grund, ist der Film besser.

Die meisten wollen keinen Schmerz mehr spüren. Die Schauspieler spielen so, dass man den Schmerz sieht. Manchmal muss man lachen, wenn man einen Trinker im Kino sieht. Das Beschwipste ist humoristisch, das Loch dahinter ist riesig, ein Abgrund. Das Kino hat oft bewiesen, dass es die Menschen hinter dem Dauerrausch erkennen kann. Es erzählt eine Geschichte der Armut und Überwindung; es zeigt Mitgefühl dort, wo sich ganze Gesellschaften abwenden. Eine Nahaufnahme der ängstlichen Augen überkommt das Vorurteil und jegliche Irrationalität der Handlungen, eine Nahaufnahme der Augenringe ist der Triumph der Maskenbildner in Fragen der Psychologie.

Ein Film über einen Trinker ist oft auch ein Film über das Verzeihen. Seltener hat das Kino nüchtern auf die Trinker geschaut. Vielleicht weil das Kino eine gewisse Nähe zum Saufen spürt. Erst ist es nur ein Schluck und dann betäubt man sich in Bildern. Heute trägt man auch Filme in der Jackentasche. Man trinkt allerdings eher eine ganze Flasche, als dass man einen ganzen Film sieht. Es gibt auch eine Musik, die den Trinker begleitet. Meist ist es versumpfender Jazz, der so klingt als würde der Morgen bereits anbrechen. Man macht trotzdem weiter, irgendwer zupft im Hintergrund auf dem Bass herum und die Kamera starrt bitter in ein Glas.

Die Getränke der Trinker im Kino sind eine letzte Bastion des Kinobildes gegen das Diktat der Werbung. Denn nur selten sieht man die prickelnde, goldene, spritzende Gesöffspoesie der Werbung, nein, der Trinker im Kino verkauft nichts (außer sein Leid). Man sieht, dass er trinkt, es ist aber egal, was er trinkt. Sieht man einen Trinker im Kino, weiß man sofort, dass der Schauspieler nicht wirklich trinkt. Es geht nur um eine Masse an Flüssigkeit, die er in sich schütten muss und diese Geste, in der sich das Gesicht in der Hand vergräbt, sobald ein helles Licht auf die Schauspieler fällt.

Manchmal trinken auch Frauen. Komischerweise liegen sie dann oft im Bett und trinken. Männer sitzen eher in einer Bar oder stolpern über die Straße. Frauen trinken liegend, sagt das Kino. Trinker kümmern sich nicht um ihre Kleidung, aber sie haben selten einen Bierbauch im Kino. Wenn Trinker einen Film über Trinker sehen, schlafen sie meist ein. Das liegt vermutlich nicht am Film.

Please don’t keeks me anymore: That Uncertain Feeling von Ernst Lubitsch

Das Genre der Ehekomödie ist längst ausgestorben, weil die Welt zu absurd ist, um nur über das zu lachen, was man kennt. In That Uncertain Feeling, einem gemeinhin als minder angesehenen, aber so gar nicht minderen Film von Lubitsch dreht sich alles um eine Ehefrau, die an chronischem Schluckauf leidet, wahrscheinlich oder ziemlich sicher, weil sie unglücklich ist in ihrer Beziehung mit einem Versicherungsvertreter, der gerade Hals über Kopf in Verhandlungen mit Matratzenvertretern aus Ungarn steckt. Er führt die immergleichen Dialoge mit ihr, sieht sie nicht an, interessiert sich nur für seine Arbeit und zu allem Überfluss steckt er ihr immer seinen Finger in den Bauchnabel und sagt laut „Keeks“. Irgendwann hält sie es nicht mehr aus, als Möbelstück zu leben. Diese Versicherungsvertreter gibt es natürlich zuhauf und immer noch, meist haben sie weniger Humor als dieser hier.

Lubitsch zeigt hier die erschreckende, aber grausam gewöhnliche Parallelität zwischen Verkaufsgesprächen und einer Ehe. Er müsse sich selbst verkaufen, rät ein Arzt oder Anwalt (sie alle verkörpern dasselbe hier, nennen wir es „Berater des Lebens“) dem verzweifelten Ehemann, dann würde es wieder klappen. Erste Vorboten einer neuen Selbstständigkeit, die Ehe als Testgebiet des neoliberalen Prinzips, in dem man sich selbst zur Ware erklärt. Der Erfolg, so er sich denn äußert, findet hinter verschlossenen Türen statt, der Mann hat erobert, zurückgewonnen, er erlaubt sich kurze Zuckungen, ehe er ganz bescheiden nach Außen hin die Contenance bewahrt, sachlich und tollpatschig, Hauptsache niemand merkt wie wichtig dieser Deal für ihn war. Wer auch immer die Tür hinter sich schließen darf, ist bei Lubitsch auf der Seite des Erfolgs. Das Subversive am Film ist, dass die Ehe als weiterer Schritt in der Karriere entlarvt wird, ein Meilenstein, den es zu meistern gilt. Die vom Film nie genannten Gefühle zeigen sich dann, wenn die Handlungen nicht mehr der selbst auferlegten Logik folgen, wenn sie aussetzen und ins Irrationale driften.

Die Frau jedenfalls lernt im Wartezimmer ihres Schluckauf-Psychiaters einen exzentrischen, weltverneinenden Pianisten kennen und brennt durch, zumindest versucht sie das. Nun ist es so, dass sich viele Paare in den Wartezimmern von Psychiatern kennenlernen, wahrscheinlich, weil es dort mit der Contenance besonders schwierig ist. Es gibt wahrscheinlich wenige Orte, an denen man sich so nackt fühlt. Der Film beweist, dass die verdorbensten Filme Hollywoods innerhalb des Production Codes entstanden. Lubitsch scheint in beinahe jeder Szene damit beschäftigt, die Grenzen dessen auszuloten, was er zeigen darf; let’s not mix musicians and mattresses, sagt jemand während genau das passiert. Der musician ist ein grimmiger Geselle, seine Gefühle äußert er in seiner Kunst, die natürlich nichts anderes ist als Versicherungen oder Matratzen. Scheitert die eine Beziehung am Verkaufsgehabe, zerbricht die andere auch am Dauergeklimper; insgesamt wohl daran, dass die Egos der Männer sich um ihre Berufe drehen und die Liebe für sie eine Vereinigung von Beruf und Bewunderung bedeuten. Als die Frau ihren ursprünglichen, im Sinne des Films eigentlichen Mann als mittelmäßigen Verkäufer bezeichnet, trifft ihn das am Schwersten.

Einmal gibt es ein Abendessen, das der Gatte für die wichtigen Kunden aus Ungarn gibt. Er bittet seine Frau an der entsprechenden Stelle ein lautes „Egészségedre!“ zum Besten zu geben, was eine Nostalgietirade zur Folge hat, in der sich sämtliche anwesende Ungarn ihren Heimatgefühlen hingeben. Mit den Matratzen hat es ohnedies so eine Bewandnis, stehen sie doch zugleich für die Essenz und die Abnutzung einer Ehe zugleich, das Abenteuer und den Alltag, das Liebemachen und die Rückenschmerzen, die Geborgenheit und die Schlaflosigkeit. Hinter den Bildern grinst irgendwo Lubitsch, der so leicht erscheinen lässt, was so schwer ist. Er baut eine Szene auf wie einen großen, runden Kuchen. Sobald geklärt ist, was die Zutaten des Kuchens sind, beginnt er damit, genüsslich kleine Stücke herauszuschneiden, immer genau so groß, dass sie auf das Ganze schließen lassen und ganz gründlich, bis nichts mehr übrig bleibt. Im Gegensatz dazu scheinen Komödien heute nur noch zu wissen, wie man den Kuchen in Gesichter wirft. Womöglich war die Ehekomödie auch prädestiniert für das Studiosystem, als das Filmemachen einem gewissen Alltag folgte, indem bestimmte Regelmäßigkeiten, so albern sie auch scheinen mögen, den Ablauf regelten. Wahrscheinlicher ist aber, dass wir die Ehe heute einfach nicht mehr Ernst genug nehmen, um darüber zu lachen.

Notiz zu Da 5 Bloods von Spike Lee

Spike Lee interessiert sich für Überfrachtung als System, seine Bilder oszillieren zwischen Unsauberkeit und tonalen Verfremdungseffekten; sein Anliegen: das Neu-Schreiben oder Anders-Schreiben einer Geschichte, die auch eine Filmgeschichte ist und zwar mit den Mitteln des Populärdiskurses, schrill und unzusammenhängend, Ambivalenz nur als Gegenüber unterschiedlicher Emotionen verstehend, kaum als Gleichzeitigkeit dieser Emotionen.

Alles ist eindeutig im Chaos. Der Subplot wird nach Außen gestülpt, sodass nur mehr das zählt, was gemeint ist, nicht mehr das, was gezeigt wird. Lee bearbeitet den Stoff eines konventionellen Vietnam-Abenteuerfilms mit den Methoden eines postmodernen Theaterregisseurs. Er schreibt um, fügt ein, wirft mit Indikatoren seiner eigenen Wut um sich. Es geht hier nicht mehr, um ein Durchdringen der aufrichtigen Themen (die Rolle der Schwarzen Menschen in Vietnam, der Rassismus generell, die Bilder, die wir vom Krieg behalten, Traumata von Kriegsveteranen, Vater-Sohn-Beziehungen etc.), sondern um die möglichst rasche Kombination möglichst vieler Aspekte dieser Felder.

Wenn man so will, ist das agitatorisches Montagekino (wenn auch befreit von jeglichem Rhythmus, außer jenem von Marvin Gaye). Was auffällt: der Film ist der Welt völlig entfallen, er ist abstrakt, man erfährt weniger über Menschen, als über geschichtlich-gesellschaftliche Zusammenhänge; eine theoretische Abhandlung also, nicht zu Ende gedacht, sich hinter einer plumpen Idee von Wahnsinn versteckend, aber mitreißend genug, um manche Gedanken, manche Ignoranz greifbar zu machen.

Notiz zu Alec Soth

Eine große, blecherne Leere bevölkert von Menschen, die nach Freiheit oder Liebe suchen. Derart blickt Alec Soth auf die USA, die er mit seinen Fotos abmisst; seine Vermessung folgt Sammel- und Reiseimpulsen: verlorene Gestalten, Sexarbeiterinnen, der Mississippi, Aussteiger, abgelegene Schlafplätze, Möchtegern-Cowboys, bärtige Männer im Schilf. Er bewegt sich am Wegesrand, im Hinterland der Nicht-Orte, wo in jeder Begegnung das Seelenbild einer Nation entstehen könnte.

Viele Bilder sind streng komponiert, so streng, dass sie von jenen Elementen leben, die aus der Komposition ausbrechen: vor allem betrifft das die Blicke der Fotografierten, die oft in Richtung Kamera gehen, die etwas erzählen, was einem entgehen könnte, Unsicherheit und Zärtlichkeit. In den meisten der in Wien ausgestellten Reihen hat Soth mit einer Großbildkamera gearbeitet, immer so, dass die Auflösung gerade reicht, um ein Detail aus dem Ganzen springen zu lassen.

Häufig agiert us-amerikanische Kunst zwischen zwei Polen, jenem des Traums und jenem des zerstörten Traums. Sloth balanciert dazwischen, behält innerhalb des Realismus einen Sinn für Romantik (oder andersherum). Er zeigt vielleicht, dass es keinen amerikanischen Traum gibt, aber amerikanische Träumer. In seiner Reihe „Niagara“ sammelt er neben Bildern auch tatsächliche Liebesbriefe. Sie liegen neben, zwischen den Fotos. So offenbarend manche Fotografien sind, so viel sie sowieso preisgeben, es stellt sich ein ungutes Gefühl ein mit diesen intimen Briefen in einem Raum. Was sagt das über eine Kunst, wenn sie Liebesbriefe anderer für sich beansprucht?

Von berühmten Politikern oder Romanciers werden manchmal Liebesbriefe veröffentlicht. Es herrscht die Illusion, dass man über die Leidenschaften näher an die Wahrheit kommt. Nur die Poeten verstehen, dass man über die Wahrheit näher an die Leidenschaften kommt. Alec Soth schreibt Prosa. Er dokumentiert die Regungen, die auf einer Müllhalde nach Geborgenheit suchen. Wahrscheinlich sind diese Briefe die letzte Wahrheit (oder Lüge, je nach emotionalem Befinden), die von den Menschen bleibt, sie zu bewahren, ist ein Rettungsakt (verzweifelt wie die Briefe selbst). Sie könnten auch Grabinschriften sein, man denkt an die Spoon River Anthology von Edgar Lee Masters: All, all are sleeping, sleeping, sleeping on the hill. Die Ebene, die sich zwischen Trost und Trostlosigkeit auftut, bewirtschaftet Soth und zugleich wachsen dort die Überreste einer zu Ende erzählten Nation, deren Geschichte zu sein scheint, dass sie dennoch immer weiter erzählt, von ihrer Leere, ihrer Größe, ihrer Grausamkeit, ihren Träumen.

Alec Soth, Bil. Sandusky, Ohio, 2012, aus der Serie: Songbook
© Alec Soth / Magnum Photos

Wie ich ein Werbe-Maskottchen für Aloe-Vera-Gesichtsmasken wurde

Vor einem Monat muss es gewesen sein, da habe ich das mit meiner Maske vermasselt. Ich vermisse schon seit längerem Massen, also besuchte ich eine Verkleidungs-Messe in Maskat und maskierte mich als Maskenloser, ging also nur mit meinem Gesicht voran in maßloser oder zumindest anmaßender Attitüde durch die Stadt ehe ein Maskarill auf mich zustürmte, um mein Fieber zu messen. Ich habe dem maskulinen Geruch des Herrn keine Bedeutung beigemessen, sondern gleich nach Überwindung der Eingabemasken einige Selfies im Messenger verschickt, zum Beispiel vor den in Maskat typischen, gemaserten Holzmosaiken stehend, vor einem grotesk aus den Mauern hervorlugenden Maskaron oder ganz vermessen, wie der Messiah strahlend, neben der in Mascara ertrinkenden Miss Maskat 2009. Es war ein schöner Tag, man massierte meine Seele und mästete mich förmlich mit ausgezeichnetem, von massigen Herren auf Maisbrot gestrichenen Mascarpone.

Dennoch bereute ich die Maskerade sehr bald. Denn als sich die Reaktionen auf meine Fotos molto mosso amassierten, meldeten sich Justizdoktoren aus Mississippi, Maastricht und Massachusetts mit beinahe amüsierten Nachrichten, die mich maßregelten, weil ich vergessen hatte, ja mich vermessen hatte, eine Maske zu tragen. Obwohl ich als Unmaskierter maßgeblich maskiert war, demaskierten mich die missgestimmten Beamten. Sie ergriffen brutale Maßnahmen und wendeten einen in meinen Augen ungerechten Maßstab an, der mich zu einem Werbe-Maskottchen für Aloe-Vera-Gesichtsmasken degradierte. Dabei habe ich ganz schlechte Haut!