Kunst und Propaganda: Ein Gespräch mit Sergei Loznitsa

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Sergei Loznitsa

Sergei Loznitsa – geboren in Weißrussland, aufgewachsen in der Ukraine, wohnhaft in Deutschland – ist einer der intelligentesten lebenden Filmemacher. Seine Intelligenz äußert sich in einem ausgeprägten Bewusstsein für Form, historische Zusammenhänge, und wie das eine dem anderen Ausdruck verleihen kann. Sein aktuellster Film Sobytie (The Event, 2015) fertigt aus faszinierendem Archivmaterial ein komplexes Traktat über den Moskauer Augustputsch 1991. Das folgende Interview wurde noch vor dessen Veröffentlichung geführt – am 25. April 2015 im Zuge eines Loznitsa-Tributes des Crossing-Europe-Filmfestivals in Linz.

Sergei Loznitsa: Woher kommen Sie?

Andrey Arnold: Ursprünglich aus Russland, aber meine Eltern sind ausgewandert, als ich vier Jahre alt war – um Arbeit zu finden, zuerst nach Amerika, kurz darauf nach Österreich.

Das war die richtige Entscheidung, soviel kann ich Ihnen gleich sagen (lacht).

Damals gab es kaum Alternativen für jemanden, der wie mein Vater ausgebildeter Physiker war.

Daran hat sich nicht viel geändert. Es gibt zwar Arbeit, aber kaum Möglichkeiten sich zu verwirklichen. Maximal als Theoretiker, wie Grigori Perelman – ihm ist es egal, wo er lebt, ob in der Schweiz oder in Russland.

Das bringt mich zu meiner ersten Frage: Sie haben als Wissenschaftler angefangen. Wann haben Sie sich entschieden, Filmemacher zu werden, hatten Sie schon immer Interesse am Kino? Wie hat sich diese Leidenschaft entwickelt?

Mein ursprüngliches Kinointeresse entsprach wohl dem der meisten Menschen. Als Kind und als Schüler ging ich oft ins Kino, damals war es mir aber nicht besonders ernst damit. Weil meine Eltern beide Mathematiker sind, habe ich dieselbe Richtung eingeschlagen. Das Lernen fiel mir immer leicht, ich musste nie viel Zeit dafür aufwenden. Mein Interesse galt eher den Kinderspielen draußen im Hof (lacht).

Haben sie Fußball gespielt?

Nein, ich habe lieber gezündelt, Feuer gemacht (lacht). Ich war fasziniert vom Verwandlungsprozess, wie etwas zu etwas anderem wird – das physikalische Phänomen der Transformation von Materie in Energie (lacht). Etwas daran hat mich angezogen, der Abglanz des Feuers.

Auf eine gewisse Weise ist das ja bereits Kino.

Jedenfalls gibt es darin schon das rudimentäre Moment einer Illusion, die sich auf der Netzhaut abzeichnet. Den ersten starken Kinoeindruck hinterließ bei mir Ettore Scolas Film Le bal, der als Echo des Moskauer Filmfestivals in Kiew landete. Ein geniales Werk – komplett ohne Dialog, drei Stunden lang, nur Musik. Die Zeit vergeht in einem Tanzsaal. Man erkennt die jeweilige Ära an den wechselnden Kostümen und Tänzen. Es kommen immer die gleichen Leute, wir sehen den Lauf des Lebens, der Geschichte, Krieg und Frieden, der Saal wird zur Metapher. Die Konzeption, Inszenierung und Wirkung haben mich überwältigt. Davor hielt ich es eher mit Filmen wie Robinson jr., Zorro und dergleichen (lacht). Der zweite Markstein meiner filmischen Sozialisation war 8 ½. Danach habe ich begriffen, dass Kino eine seriöse Angelegenheit sein kann – nicht nur als Kunst, sondern als Nachforschung, als philosophischer und existentieller Text. Später kam es, dass ich in Kiew am Institut für Kybernetik beschäftigt war, in der Abteilung für künstliche Intelligenz. Dort ging es um Expertensysteme, logische und deklarative Programmiersprachen…

Sehr abstrakte Problemstellungen.

Mathematik ist prinzipiell abstrakt. In der ersten Mathematikstunde wird einem erklärt, das es 0, 1, 2, 3 und 4 gibt. Absurd! Dass diese Dinge eigentlich nonexistent sind, verrät keiner. Denn dann würde man fragen: Wenn es das nicht gibt, warum brauche ich es dann? Wie soll man auch einem Kind erläutern, dass es sich hier nur um ein Modell handelt. Dabei ist das das Wichtigste – wozu ist das gut, wie sieht die praktische Anwendung aus? Wissen sie, wer die Null erfunden hat? Indische Philosophen, irgendwann im 3. Jahrhundert vor Christus. Einsiedler, die sich mit Fünfzig in ihre Klause im Wald verzogen haben (lacht)! Diese Erfindung der Null ist eine kolossale Idee, eine Sternstunde des menschlichen Denkens, der menschlichen Weltanschauung. Aber wie soll man das Kindern erklären? Am Institut war ich jedenfalls mit ähnlich seltsamen Sachen beschäftigt, allerlei Formalisierungen diverser alltäglicher Vorgänge. In diese Zeit fiel eine beträchtliche Zunahme an verfügbarem Lesematerial. Philosophie gab es schon früher, Platon hat zum Glück niemand verboten – eigentlich kein Wunder, das ist auch eine lange Geschichte (lacht)… In diesem Moment gab es also ein Art Publikationsboom, die sowjetischen Machthaber entschieden sich mir nichts dir nichts – aber eigentlich durchaus bewusst und mit konkreten Absichten – die kulturellen Pforten zu öffnen. Und irgendwann schien es gar nicht mehr so abwegig, sich einer Weltbeschreibung zu widmen, die für andere so zugänglich ist wie das Kino. Scheinbar zugänglich: Man kann in einen Film ja auch Komplexitäten einbetten, aber dem Zuschauer eine Legende zur Entzifferung an die Hand geben. Mein filmisches Interesse hatte sich parallel weiterentwickelt, es gab ein persönliches Bedürfnis nach einer anderen Ausbildung, und die Umstände im Zuge der kurzzeitigen Freiheitseuphorie schienen günstig. Also bewarb ich mich am VGIK [Gerassimow-Institut für Kinematographie, Moskaus legendäre Filmhochschule, Anm. d. Red.], das erste Mal 1990, ohne Erfolg. 1991 wieder ohne Erfolg – diesmal blieb ich allerdings als außerordentlicher Hörer, ich war schon 27 und wollte nicht mehr warten. Zwei Jahre später wurde ich offiziell aufgenommen. Wirklich sicher, dass ich den richtigen Weg eingeschlagen hatte, war ich mir aber erst nach meinem dritten Film – 10 Jahre nachdem mir der Gedanke, Regisseur zu werden, zum ersten Mal gekommen war.

Life, Autumn von Sergei Loznitsa

Ich habe gelesen, dass sie die Spielfilmklasse belegt haben, aber ihre ersten Filme waren dokumentarisch – wenngleich nicht im klassischen Sinne. Warum haben sie damit begonnen?

Man kann sagen, dass es sich so ergeben hat. Ich war mir nicht wirklich sicher, was ein Spielfilm von mir fordern würde. Mir schien, bevor man sich daran macht, eine eigene Welt zu kreieren, sollte man auf Tuchfühlung gehen mit der Technik, dem Handwerk, dem Phänomen Kino. Sich eine Vorstellung verschaffen von dem, womit man es zu tun hat, von den Mitteln, derer man sich bedienen wird. Wenn man z.B. mit geringen Mengen radioaktiven Materials hantiert, verwendet man spezielle Instrumente und Schutzhandschuhe. Kino ist auch so ein Instrument – man muss erstmal die Hände reinstecken und ein Gefühl dafür bekommen (lacht). Meines Erachtens ist eine der besten Methoden, die Sprache des Kinos zu erlernen, nicht die Konstruktion einer eigenen Welt – dazu kommt man früh genug – sondern die Beschäftigung mit seiner unmittelbaren Umgebung, indem man eine Kamera nimmt, dreht, ausprobiert. Das war mein Eintritt. Wir haben unsere Kamera ans Fenster gestellt und eine Baustelle aufgezeichnet [Segodnya my postroim dom (Today We Are Going to Build a House), 1996, Anm. d. Red.].

Danach haben sie viel am Land gedreht, in der Provinz, in der großen Einöde Russlands. Was hat sie dorthin verschlagen?

Wiederum hat es sich so ergeben. Unser erster Film gewann auf einem Filmfestival in Leipzig den Hauptpreis, wir lernten einen deutschen Produzenten kennen, der mit uns zusammenarbeiten wollte, und bekamen eine Förderung. Ich bin in der Stadt aufgewachsen, und die städtische Umgebung – Häuser, Autos, Asphalt – hat mich weniger interessiert als alles, was jenseits liegt. Es war also Intuition: Mich reizt das, was ich nicht kenne.

Nur mit unschuldigem Blick kann man die Dinge wirklich erschließen.

Genau. Man sieht klar. In der Stadt steht der Text schon, bevor man die Augen aufmacht, man müsste ihn erst streichen. Wir fuhren also in die Smolensk-Region, und der Eindruck – um nicht zu sagen Schock – war enorm. Man hatte das Gefühl, der Krieg sei eben erst zu Ende gegangen. Das Territorium wirkte wie zerbombt, mit etwas Gras drüber. Das gilt nicht zwangsläufig für das gesamte Land, aber die Orte zwischen St. Petersburg und Moskau, die ich inzwischen gut kenne, befinden sich in diesem Zustand. Natürlich gibt es dort auch intakte Häuser, aber wenn man einen Film macht, dann macht man ihn über das, was einem dominant vorkommt, was heraussticht und wesentlich scheint. Die Dominante dieser Orte schien mir genau diese Verwahrlosung zu sein. Weiters hat mich überrascht, dass dort hauptsächlich alte Menschen leben. In unserem zweiten Film Zhizn, osin (Life, Autumn, 1999) ging es in Folge um sterbende Folklore. Diese Generation kennt Lieder, die mit ihnen verschwinden werden. Es geht um das Verschwindende, den Kern dieser Kultur. Kultur trägt alles in sich. Sie war diese ganze Zeit Objekt der Vernichtung, das fing beim Genossen Lenin an und geht heute weiter. Was jetzt in Russland passiert, ist die mehr oder weniger planmäßige Vernichtung der Kinokultur. Die Einführung von Zensur, das Verbot bestimmter Themen, die Verfolgung bestimmter Autoren, die Einschränkung von Freiheiten. Natürlich brechen trotzdem interessante Filme durch, die der Situation entsprechen, die ihre Klagen herausschreien. Doch was Stalin früher sagte: „Andere Autoren habe ich nicht!“, das gilt vielleicht auch heute: Noch gibt es keine anderen Regisseure, aber langsam erscheinen sie am Horizont, die „fröhlichen Burschen“ (lacht)! In den Neunzigern und Anfang der Nullerjahre, war der ideologische Druck noch nicht so groß. Ich achte gerade darauf, wie es um die Verteilung von Fördergeldern bestellt ist – Kino ist schließlich von Geld nicht ganz unabhängig – und die Lage sieht ziemlich trist aus.

Dass ein Film wie Leviafan gefördert wurde, ist kein Hoffnungsschimmer?

Wir befinden uns in einem stetigen Prozess, und eine allgemeine Tendenz zeichnet sich ab: Wenn Sie jetzt einen Film über Stalins Lager drehen wollen – im Gegensatz zur Literatur ist das im russischen Kino beinahe Terra incognita – bin ich mir sicher, dass Sie keinerlei Unterstützung finden werden. Trotzdem konnte ein Film wie Trudno byt bogom (Hard to Be a God, Aleksey German, 2013), verhältnismäßig explizit in seiner kritischen Textur, mit teilweiser Beihilfe staatlicher Instanzen entstehen und erscheinen. Die restriktiven Strukturen sind also nicht einheitlich. Dennoch ist die Freiheit, sich seinen Interessen und Talenten gemäß zu betätigen, gegenwärtig stärker eingeschränkt als früher.

Eine Formfrage: Schon in Ihren frühen Dokumentarfilmen ist die außerordentlich sorgfältige Konstruktion der Tonebene auffällig. Können sie etwas über ihren diesbezüglichen Zugang erzählen?

Mir scheint, dass die meisten Regisseure dem Ton keine besondere Aufmerksamkeit zollen. Der Ton enthält die Rede, deren Klarheit entscheidend ist. Es gibt diverse Geräusche, die der Anordnung der Dinge entsprechen müssen. Üblicherweise werden für die Toninszenierung zwei Wochen oder ein Monat aufgewendet. Man hat den O-Ton, fügt vielleicht noch das eine oder andere hinzu, und das war’s. Spielfilmregisseure konzentrieren sich auf die schauspielerischen Leistungen, die Dramaturgie, die Klarheit des Texts, die Montage und andere Aspekte der Darstellung. In Michael Hanekes wunderbarem Film Das weiße Band gibt es etwa einen Moment, in dem die weibliche Hauptfigur durch einen ruhigen Raum geht, und man hört im Hintergrund das Stapfen der Crew. Kaum merklich, aber wenn man genau aufpasst, merkt man sogar auf der DVD, dass das nicht entfernt wurde (lacht). Warum? Was sind das für fremde Schritte? Gespenster (lacht)? Das ist weder gut noch schlecht, es ist einfach so. Jedenfalls eröffnet der Ton ungeahnte Möglichkeiten. Man kann die dramaturgische Funktion in den Ton verlagern. Man kann mit einem einzigen Ton die Bedeutung eines ganzen Films ändern. Ich bin ein Formalist und interessiere mich für verschiedene Spielarten der Formgebung. In meinem Film V tumane (In the Fog, 2012) ist der Protagonist am Ende auf sich selbst zurückgeworfen. Im Wald, mit einer Waffe in der Hand, seine Lage ist aussichtslos. Der Nebel zieht ein und verdeckt die Szenerie, und dann ertönt ein Schuss. Gibt es diesen Schuss nicht, entlässt uns der Film mit einer bestimmten Geschichte, gibt es ihn, mit einer anderen. Solche Effekte sind für mich von besonderem Interesse, ganz abgesehen davon, dass es außerordentlich spannend ist, den Ton eines Films wie ein Musikstück zu gestalten. Ich arbeite seit 2003 mit dem hervorragenden Tondesigner Vladimir Golovnitskiy zusammen, der in diesen Angelegenheiten genauso ein Fanatiker ist wie ich. Ich bin sehr glücklich, ihn getroffen zu haben. Ich konnte mich nicht mehr alleine um den Ton kümmern und war auf der Suche nach jemandem, der fähig und bereit war, sich auf demselben Niveau damit zu beschäftigen – zu verstehen, zu erfinden und zu verwirklichen. Ich lasse ihm jede Freiheit und sage ihm immer, dass ich meine Aufnahmen nur mache, damit wir anschließend die Arbeit am Ton genießen können (lacht).

Maidan von Sergei Loznitsa

Wie gehen Sie konkret an die Aufnahme des Tons heran? Ich denke an Maidan (2014) und O Milagre de Santo Antonio (2012).

Bei O Milagre de Santo Antonio hat Vladimir die Tonspuren geliefert. Bei Maidan haben wir die Tonspur aus Kameraton und O-Ton zusammengebaut, weiters kam eine Audioarchiv zum Einsatz, dass ich per Annonce gefunden habe. Ein unabhängiger Toningenieur hatte ca. 100 GB qualitativ hochwertiges, vor Ort aufgezeichnetes Material. Kämpfe wie die in Maidan klingen natürlich ganz anders, wenn man dabei ist. Für Schritte, aufprallende Steine und ähnliches haben wir Foley-Effekte verwendet. O-Ton reicht einfach nicht aus für eine adäquate künstlerische Gestaltung: Ein spezifischer Schrittklang ist imstande, einem Menschen auf der Leinwand einen bestimmen Charakter zu verleihen.

In Interviews sagen Sie oft, dass sie Propaganda unterlaufen und dem Zuschauer die Möglichkeit geben wollen, von seinem Denken Gebrauch zu machen und sich seine eigene Meinung zu bilden. Ist diese Art subtiler Tonmanipulation, die einem ungeschulten Ohr fraglos nicht immer auffallen wird, nicht auch eine Form von Propaganda?

Man muss erstmal den Begriff „Manipulation“ definieren. Ein Zauberkünstler manipuliert das Publikum, indem er einen Trick vollführt. Buchstäblich: Er macht geschickt von seinen Händen Gebrauch.

Aber wir wissen von Anfang an, dass er ein Zauberkünstler ist.

Wir wissen auch von Anfang an, dass wir einen Film sehen.

Ist die Sache im Dokumentarfilm nicht prekärer?

Das hängt von der Beziehung zum Gesehenen ab, von unserer Beziehung zum Dokumentarfilm. Ich bestehe darauf, dass jeder Dokumentarfilm ein Kunstwerk ist, mit künstlerischen Mitteln konstruiert nach den Regeln der Kunst, und insofern eine absolute Fiktion darstellt, wenngleich unter Verwendung dokumentarischen Materials. Dokumentarfilme bilden keine Bestätigung dessen, was wirklich geschehen ist, obwohl sie Elemente dieser Wirklichkeit in sich tragen. Das gilt im Übrigen für jeden Film. Es beginnt bei der Auswahl des Materials, die einen fiktionalen Akt konstituiert. In diesem Sinne ist das dokumentarische Kino sehr listig. Es prätendiert darauf, ein Abbild der Wirklichkeit zu sein, ist es aber nie.

Vielleicht erhebt es selber gar keinen Anspruch darauf, sondern die Zuschauer?

Das wiederum hängt ab von Bildung und Erziehung sowie dem Verständnis des Wesens der Bilder. Früher hatten die Menschen ein ähnliches Verhältnis zu Texten, Gemälden oder Theatervorstellungen. Inzwischen empfinden wir Ikonen nicht mehr als buchstäbliches Abbild göttlicher Entitäten. Dafür als künstlerische Geste, als Hologramm und Abstraktion, die als Metapher multiple Bedeutungen birgt. Künstlerische Gestaltungsmittel sind stets manipulativ. Mal angenommen, ich würde gerne der Manipulation entsagen: Also mache ich einen Film, der nur aus einer Einstellung besteht, die Ankunft eines Zuges. Ich entäußere mich der Montage, die manipulativ Zusammenhänge herstellt und Bedeutungen generiert. Aber die Optik bleibt bestehen, ebenso die Komposition – beides entscheidende ästhetische Determinanten. Ich kann ein Weitwinkelobjektiv verwenden, mich ganz weit weg aufstellen, und der Zug wird auf Ameisengröße zusammenschrumpfen (lacht).

Und wie steht es mit der Ideologie des Blicks, ist die etwa auch nicht zu beseitigen?

Doch. Ist Poesie ideologisch?

Ich würde sagen, dass sie es in diffuser Form durchaus sein kann.

Ich sage Ihnen, wie sich Propaganda vom Kunstwerk unterscheidet. Ein Kunstwerk regt zum Denken an. Indem man an der Seite des Kunstwerks bestimmte Etappen durchläuft, die den Verstand in Erregung versetzen, beginnt man mit der eigenständigen Erfassung eines gegebenen Themas. Das Kunstwerk evoziert einen Kontemplationsprozess, zu dem einen niemand gezwungen hat, der von einem selbst ausgeht. Was macht Propaganda? Sie ist nicht daran interessiert, dass man denkt. Sie will, dass ein bereits gefälltes Urteil übernommen wird. Etwa, um es mit Orwell zu sagen: Krieg ist Frieden. Wenn der propagandistische Mechanismus gut funktioniert, meint man im Anschluss, diese Idee, die gar keine ist, stamme von einem selbst. Das ist das erklärte Ziel von Propaganda. Ich habe nicht die Absicht, Ihnen mit meinen Filmen Schlussfolgerungen aufzudrängen. Mein Ziel ist es, Sie dazu anzuregen, darüber nachzudenken, was passiert ist, und wie man damit umgehen soll. Wie eine Figur in einem Film handelt, ist ihre Entscheidung – meine muss ich selbst treffen können.

Warum haben sie den Schuss an den Schluss von V tumane gesetzt?

So steht es in der Bykow-Vorlage (lacht)! Es ist aber auch meine Haltung. Meiner Ansicht nach ist dies der einzige würdige Ausweg unter diesen Umständen. Wie in Hamlet: Warum haben sich da alle abgestochen? Weil es ihrer Haltung entsprach. Die Hauptfigur wird durch diesen Akt erst ein Mensch. Natürlich hat er eine Wahl. Die Paradoxie liegt darin, dass erst die Bereitschaft, das eigene Leben zu opfern, einen zum Menschen macht. Das ist der Preis der Menschlichkeit. Niemand kommt auf einen zu und sagt: Würden Sie gerne ein Mensch sein? Bitteschön (lacht)! Als die Sowjetunion sich aufgelöst hat und alle Sattelitenstaaten des Ostblocks ihre Freiheit erlangten, konnte man auch nur mit offenem Mund dasitzen und staunen: Wie großmütig, so viel Land einfach herzuschenken! Aber dann meldeten sie sich wieder und es war vorbei mit dem Großmut.

In the Fog von Sergei Loznitsa

Eine sehr spezifische Frage: Am Ende des Films Blokada (Blockade, 2006) werden Menschen gehängt. Wer und warum?

Man sollte zuerst fragen: Wer waren die Zuschauer? Die Bewohner Leningrads. Also sind es entweder deutsche Soldaten oder Kollaborateure, die gehängt werden. Macht das einen Unterschied? Prinzipiell handelt es sich in beiden Fällen um „Feinde“.

Aber die einen könnten Nachbarn sein, die anderen nicht.

Es sind deutsche Soldaten, aber ich glaube, dass es genauso gut Kollaborateure hätten sein können. Diese Exekution gehört zu einer Reihe öffentlicher Hinrichtungen, die nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs in allen großen russischen Städten stattfanden. Eine Stichprobe von Autoritätsfiguren der Gegenseite wurde öffentlich angeklagt und gehängt. Die Todesstrafe gibt es schließlich nicht für den, der stirbt, sondern für die anderen, als Abschreckung. Es ist ein Spektakel, wie im 17. Jahrhundert in Amsterdam, als man den Leichnam des Gehenkten öffentlich zur Schau stellte – Rembrandt hat das gezeichnet.

Aber gerade in dieser Beziehung macht es doch einen Unterschied, ob es sich um deutsche Soldaten handelt oder um Kollaborateure. Letzteres impliziert ja, dass da jeder hängen könnte.

Das sind unerhebliche Nuancen, finde ich. Der Schock des mittelalterlichen Aktes ist in beiden Fällen derselbe. Die Fragen, die ich stelle, lauten: Darf man sich über den Tod eines anderen freuen, wie es mache im Publikum taten? Ist dieser Vergeltungsakt gerechtfertigt? Der Staatsterror hat nie aufgehört. Erst jetzt beginnt die Forschung langsam damit, die Belagerungszeit aufzuarbeiten. Ich hoffe sehr, dass wir nun erfahren werden, warum damals zu einer bestimmten Zeit leere Autos hinein- und mit Leuten beladen herausfuhren, warum die Stadt nicht mit Lebensmittel versorgt werden konnte, etwa über den Ladogasee, warum die Parteigranden Törtchen aßen, während die Bevölkerung Hunger litt. Auch das ist Terror, vergleichbar mit der Aktion in Kiew 1941, als die Rote Armee das Zentrum der Stadt komplett verminte, bevor sie abzog. Niemand hat den Bewohnern mitgeteilt, dass ihre Häuser explodieren würden. 948 an der Zahl. Das Ziel dieses Terrors war dezidiert, das Stadtzentrum und die Kultur, die es beherbergte, zusammen mit 300 oder 400 deutschen Soldaten dem Erdboden gleich zu machen.

War das wirklich die erklärte Absicht?

Glauben Sie, dass die Franzosen imstande wären, im Ausnahmezustand das Zentrum von Paris zu zerbomben? Ich zweifle daran. In Kiew hat man es sich erlaubt, weil es mit einem Schlag eine ganze Reihe von Problemen beseitigte. Es hat die Bevölkerung von den Besatzern abgespalten, weil kurz darauf Repressionen folgten – etwa das Massaker in Babyn Jar. Aber natürlich weckte es auch den Hass gegen die russische Staatsmacht, die bereit war, Verbündete auf diese Weise zu opfern, als wären sie durch die Okkupation automatisch zu Feinden geworden, und damit demonstrierte, welch geringen Wert sie Menschenleben beimaß. In diesem Sinne ist es egal, wer in Leningrad gehängt wurde. Kürzlich ist ein Buch über die Besatzung von Odessa erschienen, in dem beschrieben wird, wie die abziehenden russischen Truppen ihre verbleibende Munition in Richtung der Stadt verschossen. Das ist kein Einzelfall. So war das Verhältnis zu denen, die weder gestorben sind noch die Städte verlassen haben. Sie wurden automatisch zu Verrätern und Feinden. Auch das ist Teil der russischen Kultur.

Es gibt also keinen Graubereich.

Nein. Und das ist bis heute so. Es gab vor nicht allzu langer Zeit einen Fall, wo ein Soldat nach Georgien geflohen ist. Der Aufschrei war groß, die Kommentare ätzten, er wäre zum „Feind“ übergelaufen. Dabei hatte er andere Gründe: Vorschriftswidriges Verhalten seiner Vorgesetzten, Schikanen durch andere Soldaten, Urlaubsverweigerung usw. Es gibt also eine spezifische Fixation. Diese Grabenkriegsmentalität, die überall Feinde wittert, und sogar neue erfindet, wenn es keine gibt – dieses Bewusstsein ist typisch für den historischen Komplex Russland.

Kann man sagen, dass ihre Filme versuchen, ebendiese historischen Zusammenhänge ins Zuschauerbewusstsein zu heben?

Es gibt einfach sehr wichtige Momente, die einen verpflichten, darüber zu sprechen, weil sie die Wurzel dessen darstellen, was heute in Russland passiert. Weil nach der Auflösung der Sowjetunion von Ent-Kommunisierung keine Rede war. Weil die wenigsten wissen, dass es von 1921 bis 1923 furchtbare Hungersnöte gegeben hat, von denen 35 Millionen Menschen betroffen waren und die über 6 Millionen das Leben kosteten. Diese Toten gehen auf das Kerbholz der Bolschewisten, die mit einem einzigen Handstreich die gesamte Getreidewirtschaft zum Stillstand brachten. Während des ersten Weltkriegs starben eineinhalb Millionen Russen, in diesen zwei Jahren verhungerten dreimal so viele, und dieser Hunger war ein Machtinstrument. Wenn man weiß, was Lenin und andere Architekten der Sowjetunion in dieser Zeit geschrieben haben, wie gleichgültig sie diesem Massenmord als Mittel zum Zweck gegenüberstanden, möchte man ohne zu Zögern sämtliche Monumente zu ihren Ehren niederreißen, alle nach ihnen benannten Straßen umbenennen. Denn Straßen und Monumente sind Texte, die sich im Unbewussten festsetzen und diesem ganzen verdrängten Alptraum ihren Segen erteilen. Es gibt ein großartiges polnisches Buch, eine Sammlung von Fotografien der Orte zwischen Sibirien und der Ukraine, an denen Erschießungen vorgenommen wurden. Die meisten dieser Orte sind heute Wälder, Deponien, Müllkippen. Es gibt Ausnahmen, aber die Mehrheit lässt jede Spur eines Gedenkens vermissen. Und das erzählt uns nicht nur einiges über unsere Beziehung zu den Toten der Vergangenheit, sondern auch über jene zu den Toten der Gegenwart und Zukunft. Deswegen ist es unabdinglich, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Zum Glück gibt es auch eine Handvoll Historiker, die das tun, auch wenn ihre Bücher nur in kleinen Auflagen erscheinen. Es gibt etwa ein tolles Buch von Viktor Topoljanski, Durchzug aus der Vergangenheit [das Buch ist derzeit nur in russischer Sprache erhältlich, Anm. d. Red.], das ich jedem empfehlen kann. Dort können Sie nachlesen, wie und unter welchen Umständen die Sowjetmacht geboren wurde. Die heutige Macht bedient sich ähnlicher Methoden, nur ist ihr Menschenmaterial williger. Daher muss man sich damit beschäftigen, weil es den Alltag eines jeden betrifft.

The Last Syllable Of Recorded Time: La fin du monde von Abel Gance

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„Und so nähern wir uns jetzt der heiligen Zone, dem Gebiet des großen Wunders. Hier ist die Materie geformt, ins Relief einer Persönlichkeit gegossen; alle Dinge erscheinen, wie ein Mensch sie träumt; die Welt ist so geschaffen, wie du sie dir vorstellst; sanft, wenn du sie sanft denkst; hart, wenn du glaubst, sie sei hart. Die Zeit eilt voran oder zieht sich zurück oder hält inne oder wartet auf dich. Eine neue Realität ist eröffnet, eine festliche Realität, die nicht derjenigen der Arbeitstage entspricht, so wie diese ihrerseits mit den höheren Gewissheiten der Poesie nichts zu tun hat. Das Gesicht der Welt mag uns verändert erscheinen, da wir, die wir die Weltbevölkerung der fünfzehnhundert Millionen ausmachen, nunmehr durch Augen sehen können, die gleichermaßen von Alkohol, Liebe, Freude und Leid berauscht sind; durch die Linsen jeder Art von Verrücktheit, Hass und Zärtlichkeit; da wir den klaren Fluss der Träume und Gedanken sehen können; das, was hätte gewesen sein können oder sollen; das, was war sowie das, was niemals gewesen ist, noch je kommen wird; die geheime Form der Gefühle, das beängstigende Gesicht der Liebe und der Schönheit; mit einem Wort, die Seele. Die Poesie ist also wahr, und sie existiert, wahrhaftig wie das Auge.“ (Jean Epstein aus Le Cinématographe vu de l‘Étna)

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In La fin du monde ist das drohende Ende der Beginn eines Krieges und der rettende Anfang das Ende der Welt. Es ist ein Film der Gleichzeitigkeiten, der gleichermaßen nach Gleichheit schielt und in diesem Schielen den Beginn des französischen Tons im Film und das Ende des seinerzeit größten Filmemachers des Landes einläutete. Der Film beginnt schon mit dem heiligen Blick zurück, mit Bach und dem virtuosen Rhythmus der Montage der Gefühle während einer Kreuzigung, die keinen Ton braucht, weil die Gesichter stumm derart laut sprechen, dass man sich die Ohren zuhalten möchte, um den Schmerz und die Freude zu ertragen. Die Tränen in den Augen sind das ewig erklingende Echo des Stummfilms, weil sie mehr sprechen als Sprache. Gance, der mit diesem Film nicht fertig wurde, weil die Produzenten ihn nach zwei Jahren und Unsummen an ausgegebene Geld stoppten (es war nicht das einzige Mal), zeigt uns die pure Kraft der Illusion und ihre zunächst überwältigte, dann gelangweilte Realität im Zuschauerraum. Dabei unterscheidet er bereits zwischen einem Oben und Unten, das er später wie alles andere auch zusammenführen will. Eine Gesellschaft der Lust und eine Gesellschaft der Notwendigkeit. Und wer würde sich mit Spiritualität beschäftigen, wenn es Lust und Unterhaltung gibt, scheint Gance zu fragen. Hier die Tränen eines blinden Glaubens, dort der Zynismus über das Aussehen der Darstellerin der Maria Magdalena. Später, wenn die einen in der Kirche das Ende der Welt begehen, feiern die anderen eine Orgie sondersgleichen, deren Produktionsgeschichte fast an Erich von Stroheims Eskapaden erinnert mit hunderten Darstellern aus Paris und viel Alkohol.

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Kurz bevor die Zyniker in diesem Theaterprolog den Glauben vernichten, fährt die Kamera langsam zurück und offenbart, dass die Kreuzigungsszene nur eine Szene ist. In der Rolle des Jesus in dieser Passion: Abel Gance selbst, ein Poet, ein Prophet, ein Glaubender. Aber auch ein Schauspieler. Dennoch ist alles an dieser Szene und an Gance real. In der Folge wagt der unfertige Film den Versuch, diese Illusion mit der Realität gleichzustellen. Gance tut dies in einer Bewegung, die derart fest an die universale Kraft von Poesie glaubt, dass er dabei gleich einer Welle alles überfahren wird, sodass bestenfalls nur das Licht bleibt, das aus den Körpern geflohen ist und sich nun in den Zuschauerraum erstreckt. Es ist ein gefährliches Spiel, das in der Zerstörung auch eine Reinigung sieht. Diese Reinigung ist die Sache eines Kometen, der sich auf Kollisionskurs mit der Erde befindet (Lars was watching). Der Wissenschaftler Martial Novalic versucht die Angst der Weltbevölkerung zu nutzen, um neue humanistische Maßstäbe zu etablieren, die zum einen den drohenden Weltkrieg stoppen und zum anderen in Zukunft ein anderes Zusammenleben ermöglichen. Dagegen kämpfen die Regierungen mit allen Mitteln und versuchen lange Zeit den Wissenschaftler als Lügner zu entblößen. Wie ein Gewissen schwebt Martials Bruder Jean durch den Film, gespielt von Gance selbst gibt er sich einem Spirtualismus der Ewigkeit hin, der jenseits dieser Panik eine neue Unendlichkeit entdeckt, die nicht an sein Fleisch gebunden ist, sondern an seine Seele. Diese kierkegaardsche Gleichzeitigkeit von Endlichkeit und Unendlichkeit, Fleisch und Seele kennt hier eine Polyphonie von Ausdrücken, die sich letztlich im Rausch überwältigender Töne manifestiert, die trotz des unfertigen Zustandes im Film fortleben.

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Dabei ist diese technische Gleichzeitigkeit eine, die kaum jemand je vernehmen durfte. Gance entwickelte für La fin du monde ein stereophones Tonsystem (perspecta sonore) und sprach davon, dass der Ton im Film eine ähnliche Erweiterung der Möglichkeiten des Kinos darstellen sollte, wie die drei Leinwände, die es für eine richtige Projektion seines Napoléon bedarf. Es gab wohl keine oder nur sehr rare Screenings mit diesem System. Doch auch darüber hinaus platzt der Film mit räumlichen und zeitlichen Gleichzeitigkeiten, die mal als Gegensätze, mal als Parallelen arbeiten, aber immerzu auf eine Synthese gehen, eine hysterische Synthese des Friedens, der irgendwie gleichermaßen faschistisch und kommunistisch scheint, ein Frieden der Poesie, die keine Grenzen kennen will. Der Film trägt den Enthusiasmus der Texte des Gance-Bewunderers Jean Epstein (der vor allem die Stummfilme von Gance liebte) wie eine Flamme vor sich, an der man sich verbrennen muss, weil dieses Verbrennen so wundervoll ist. Hier glaubt jemand an das Kino wie man seit Jahrzehnten nicht mehr an das Kino glauben kann. Immer wieder führt Gance die Welt in ein enges Kuddelmuddel. Zunächst gelingt ihm dies über seine superschnellen Montagetechniken, die den Raum derart dynamisieren, dass nichts von ihm übrig blaubt außer dem Fluss seiner Formen, die sich ineinander schlingen wie zwei Liebende im Rausch der Gefühle. Aber diese Montage vermag auch die Liebe zu brechen, weil sie uns im Augenblick einer verlockenden Zärtlichkeit den eifersüchtigen, leidenden Blick eines Dritten zeigen kann oder im Moment des Triumphs den Schmerz der Verlierer. Eine andere Methode, die es hier wie für einen frühen Tonfilm typisch eher selten gibt, ist jene der Bewegung. Die Kamera entblößt dennoch immer wieder mit Schwenks oder Fahrten, was sich im gleichen Atemzug abspielt. Gance arbeitet weit weniger mit POV-Shots, als mit einer gottesähnlichen, allumfassenden Perspektive der Wahrheitssuche. Es half sicher, dass einer seiner vier Kameramänner Roger Hubert war, der nicht nur an seinem Napoléon arbeitete, sondern sich später auch für die bemerkenswerten Fahrten in Jean Renoirs La chienne verantwortlich zeigte. (und das ist nur ein Hauch dessen, was dieser Mann vollbrachte).Außerdem macht Gance (oder das, was man von seinem Film übrig ließ) heftigen Gebrauch von sprühenden Doppelbelichtungen, sei es im Feuerwerk, in wissenschaftlichen Prozessen oder in der Sehnsucht zweier überlagerter Gesichter. Fast beiläufig gelingt Gance dabei auch ein Film über die Globalisierung, die Globalisierung von Angst, die wir heute nur zu gut kennen. Sie überträgt sich über Schnitte, Blenden und Kamerabewegungen.

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Passend zur globalen Angst spielt ganz wie in René Clairs Paris qui dort auch der Eiffelturm eine zentrale Rolle. Es ist seine Funktion als Medium der Gleischaltung, das somit auch das essentielle Medium der Macht in diesem Werk ist. Außerdem ist er Symbol für jene Modernität, die im Film in Konflikt mit der Spiritualität steht bis Gance auch diesen Gegensatz aufhebt. Und so erklingen spirituelle Töne aus den Apparaten der Moderne. In ähnlichen Bahnen bewegt sich der hier nur scheinbare Gegensatz von Wissenschaft und Poesie, der alleine schon deshalb obsolet scheint, weil der Autor der Vorlage, Camille Flammarion im Feuer dieses Widerspruchs zwischen positivistischer Forschung und Mystizismus existierte. La fin du monde ist dies jederzeit anzumerken, was auch daran liegt, dass nicht nur Gance dem Kino genau diese Gleichzeitigkeit von Illusion und Dokumentation als große Qualität zuschreibt. Er verwendet hierzu das Bild zweier Brüder (der Poet und der Wissenschaftler) mit den gleichen Augen.Geneviève, die ganz den Gesetzen eines kaum vorhandenen Melodrams folgend zwischen den beiden Parteien (den Spirituellen, nach Frieden suchenden und den Zynikern, nach Freude suchenden) steht, soll in den Augen des einen den anderen sehen. Es ist absolut logisch, dass Gance zunächst Antonin Artaud in der Rolle des Wissenschaftlers Martial Novalic besetzte. Ein fanatischer Poet, der an die Reinigung der Welt glaubt in der Rolle eines dokumentarischen Wissenschaftlers: hier wäre Artaud das Kino gewesen, aber er hasste den Tonfilm zu sehr, um mitzumachen. Der helle Komet am Himmel erscheint dennoch in einer perfekten Illusion, ganz ähnlich wie in August Bloms grandiosem Verdens Undergang. Es sind dies Spezialeffekte, die im Fall von Blom ein Jahrhundert nach ihrer Herstellung nichts von ihrer Wirkung verloren haben. Vielleicht weil die Poesie bleibt, auch wenn die Technik stirbt?

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Was Gance dann macht am Ende dessen, was von seinem Film geblieben ist, ist die schiere Explosion seiner zuvor angedeuteten Poesie. Doch ist das Kino hier ein Medium der Zerstörung, der Reinigung, der Gleichschaltung? In unfassbar real wirkenden Bildern von durch den Kometen ausgelösten Ereignissen auf aller Welt zeigt Gance vor allem, dass er an das Kino glaubt, obwohl oder gerade weil es gefährlich ist. Lichter sprühen durch Körper, die ihr Funkeln verlieren, es ist ein Tanz der Seelen. Man sieht Palmen in einem Sturm, Rehe rasen durch das Bild, ein Baum fällt, dann wieder dieser Komet und die schallende Drohung auf Endlosschleife: Es bleiben 32 Stunden!  Es gibt eine Hysterie der Lust, des Lichts und des Glaubens, die sich vereinigen in einer Zukunfstgerichtetheit, in der eine universelle Weltordnung greifen soll. Dabei entsteht ein filmischer Körper gegossen ins Relief von Abel Gance, ein filmisches Wunder. Kritisch könnte man bemerken, dass in dieser Synthese aus zeitgenössischer Sicht ein politisches Tabu berührt wird, aber die Weltordnung von Gance ist eines des Kinos, in der sich das Notwendige mit dem Überdrüssigen vereint, eine in der aus der Poesie des Filmischen ein neues Bewusstsein geöffnet wird, spirituell und groß. Es ist nicht die Schuld von Gance, dass man ihm heute nicht mehr ganz folgen kann in diesen Enthusiasmus, aber ihm verdanken wir, dass man im ewigen Echo der Tränen vor diesen Bildern und Tönen verharrt und so stark spürt wie kaum sonst, was möglich gewesen wäre, was möglich gewesen wäre, was möglich gewesen wäre.

“A laugh is nothing to be sneezed at” – Finding confusing analogies in To Be or Not to Be

To Be or Not To Be

As I realised that Carole Lombard had died before the release of To Be or Not to Be, my mind – which had been trying for several days to find a way in which to deal with the intricate layers of the film – went blank.

Apart from the normal, yet perhaps naive -when it comes to cinema and to accidents – shock of seeing someone so lively and then realising he/she is dead, becoming aware of the fact that Lombard died while the film was still in post-production, of the fact that she had been and then stopped being, shed a new light – or perhaps new darkness – on the film.

Her death seemed to be the natural addition to To Be or Not to Be, which screened at the Austrian Film Museum last Tuesday. Even the inappropriateness of this impression, if there is indeed any trace of it, seems to be suited in discussing a film that has been repeatedly criticised over the years for its allegedly inappropriate manner of dealing with the delicate topic of National Socialism. On the one hand, Lombard’s death seems to be an addition because, seeing as the film explores the boundaries of truth and illusion, seriousness and play, repeatedly unmasking its own illusionary nature, her death seems yet another breaking of the illusion, only this time no longer within the illusion itself. It also seems to complete the film by putting an end to its on-the-edge mode. On the other hand, a closure in that sense is exactly what does not seem to fit to the film, as Lubitsch’ endings are often, as someone once described, the beginning all over again. And still, even this double implication of an aspect , the simultaneousness of on the one hand and on the other hand, somehow appears to fit into the greater scheme of this film, for it is a film loaded with twofold meanings and I am not referring to its wondrous dialogues alone.

To Be or Not To Be

It seems to me that in To Be or Not to Be Lubitsch finds and explores some profound similarities between the nature of film and National Socialism, creating a common vocabulary for the then-current political situation and the illusionary nature of film (and of acting in general), thus creating a scheme or a system of equivalences which in speech can actually not be better summed up than in the words of the film’s Colonel Ehrhardt: “What he did to Shakespeare we are doing now to Poland”. Political aspects are not only thematised, but also reflected in the film’s more formal(ish) aspects – its structure, its choice of genre and so on. Of course, the mere distinction of these inseparable aspects is to some extent a joke.

To Be or Not to Be appears to create an analogy between film as illusion and ideology as illusion. That the film’s self-reflexivity becomes apparent early on in the film, the viewer realising that he has been conned by the director, has often been discussed, and also, as someone brightly put it, “the illusion was acknowledged to be an illusion by the characters themselves, and that acknowledgment made it real”. And as it unmasks its own illusionary nature, To Be or Not to Be also unmasks the possible illusionary character of ideology – and here I doubt if the ideology I refer to is only National Socialism. Because the film does perhaps more than “unmask” and that “more” would be, I suppose, that it sleekly prompts the viewer to adopt a critical attitude. So the inability to distinguish between what is real and what is not comes up as a common element of art (film and theatre) and of the political circumstances. Does To Be or Not to Be by questioning its own means before proceeding to questioning the situation of the world not increase its critical (political) potential?

To Be or Not To Be

The film also reflects on its own choice of genre (though calling it a “choice” feels peculiar, seeing as Lubitsch made countless comedies) and its comedy functions at the same time as a means of reflecting the absurdity and confusion of unreflectively accepting an ideology or of war altogether, as well as a strong means of resistance and one of the finest means of attacking. A laugh is indeed nothing to be sneezed at and referring to the Führer as a will-be-piece-of-cheese does show balls.

I see in To Be or Not to Be countless other analogies between film and the effects of war and wonder if I am not stretching it too far. But the comedy of errors, with its instances of mistaken identity and its repeated switching of parts does seem to be the nearest equivalent in film language to the de-individualization one might assume war causes. Furthermore, the countless tangled situations the troupe of actors ends up in while trying to sabotage the plans of the Gestapo make it difficult to keep track of who is doing what and why and it is in allowing the viewer to wonder about that, as well as in the humour, that the critical-political quality or potential of To Be or Not To Be lays.

The uncertainty about how coherent the analogies in To Be or Not to Be actually are lingers on in my mind together with disparate bits of scenes – the joke about Hitler ending up as a piece of cheese,  the fake beards, the “And if we should ever have a baby, I’m not so sure I’d be the mother” dialogue. One scene stands out from the messy melange of impressions and memories. The shock of it makes my mind freeze again because it cannot deal with this scene’s multitude of implications – Carole Lombard appearing at the rehearsals for the play in a stunning silky gown that she intends to wear in the concentration camp scenes.

Mehr als Kirschblüten und rote Bohnen: An von Naomi Kawase

An von Naomi Kawase

Die ersten Momente in Naomi Kawases An sind der nüchternen Beschreibung der Lebenswelt Sentaros gewidmet. Er ist Geschäftsführer einer Imbissbude, wo er dorayaki verkauft, das sind eine Art Pfannkuchen, die mit an, einer süßen Paste aus roten Bohnen gefüllt sind. Morgens raucht er eine Zigarette, macht sich auf den Weg zu seinem kleinen Laden, schließt dort auf und bereitet den Teig für die dorayaki zu. Wortkarg verrichtet er seine Arbeit und scheint nicht wirklich für gastronomische Dienstleistungen geschaffen zu sein. Sein Leben wirkt streng umgrenzt, er wirkt isoliert und seine Augen vermitteln den Eindruck einer Ziellosigkeit, die aber zunächst nicht weiter thematisiert wird. Dann betritt die Rentnerin Tokue die Bühne, sprich die kleine Imbissbude, und bewirbt sich als Aushilfe in Sentaros Laden. Als „Bewerbungsschreiben“ bringt sie eine umwerfend gute Bohnenpaste mit. Sentaro stellt die recht gebrechliche Seniorin tatsächlich ein und der Verkaufserfolg gibt ihm zunächst Recht. Es soll im weiteren Verlauf aber nicht die namensgebende Bohnenpaste sein, die für die Entwicklung des Films sorgt, sondern Tokues verkrüppelte Hände.

An von Naomi Kawase

Dazu ein Exkurs: Lepra (oder auch Morbus Hansen) ist eine Infektionskrankheit, die durch Bakterien übertragen wird. Unbehandelt führt die Krankheit zu einem Absterben der Nerven (vor allem in den Extremitäten und im Gesicht) und zur Verstopfung der Gefäße durch Verdickung des Bluts. Die Betroffenen verlieren ihr Schmerzempfinden und verletzen sich in weiterer Folge häufig unbemerkt. Wenn diese Wunden sich infizieren, kann es zu durch Entzündungen zu einem Absterben der Gliedmaßen oder einzelner Gesichtsteile kommen. Aufgrund dieser Komplikationen nahm man lange Zeit an, dass die Krankheit selbst das Abfallen von Extremitäten zur Folge hat. Bei glimpflichem Krankheitsverlauf beginnen sich Geschwüre zu bilden, die Knochen, Sehnen und Muskeln zersetzen können und zur Verformung der Gliedmaßen führen. Leprakranke waren in der Geschichte wiederholt starker Verfolgung und Isolierung ausgesetzt und mussten meist in Quarantäne, in sogenannten Leprakolonien dahinsiechen. Mit der Weiterentwicklung medizinischer Behandlungsmethoden verbesserte sich im 20. Jahrhundert zumindest in der westlichen Welt ihre Lage und die Krankheit gilt heute als heilbar. Trotz dieses Fortschritts wurden Leprakranke in Japan noch bis 1996 in geschlossenen Heilanstalten untergebracht und von der restlichen Gesellschaft isoliert. Sie durften keine Kinder bekommen und nicht mit der Außenwelt verkehren. Tokue war eine von ihnen und hat rund vierzig Jahre ihres Lebens in vollkommener Isolation verbracht. Trotz der Abschaffung der diskriminierenden Gesetze vor gut zwanzig Jahren steht es um die verbliebenen Leprakranken und deren Rolle in der japanischen Gesellschaft nicht zum Besten. Die Aufhebung der juridischen Ausschlussmechanismen hat nicht zu einem Ende sozialer Ausgrenzung geführt. Die Erkrankten leben auch heute noch in halbversteckten Pflegeanstalten und bleiben weitestgehend unter sich. Wie sich im Laufe des Films herausstellen soll ist Tokue nicht die einzige, die unter Ausschlussmechanismen zu leiden hat. Auch Sentaro und die junge Wakana, Stammgast in Sentaros dorayaki-Laden und seine einzige Bezugsperson, die als dritte im Bunde das Ensemble komplett macht, sind auf ihre Weise isoliert und unfrei. Es sind drei Generationen, die allesamt von einer gewissen Tendenz der japanischen Gesellschaft betroffen sind, höchst komplexe, historisch gewachsene und kulturell determinierte Ausgrenzungspraktiken hervorzubringen. Am Beispiel Tokues wird das am deutlichsten, ihr Leidensweg wird am explizitesten dargestellt, bei Sentaro und vor allem bei Wakana bleibt jedoch vieles unausgesprochen. Wissen wir von Sentaro wenigstens, dass er in der Vergangenheit einen Mann zum Invaliden geschlagen hat und die finanziellen Folgen ihn in eine Art Lohnknechtschaft geführt haben, indem er den Besitzern der dorayaki-Bude seine Schulden abstottern muss, sind es im Fall Wakanas nur Andeutungen, Gesten, Wortfetzen, Blicke. Sie scheint von ihrer Mutter vernachlässigt zu werden, in bescheidenen Verhältnissen zu leben und nur wenig soziale Kontakte zu pflegen. Es ist die Kombination aus sozialer Kälte und finanzieller Verhältnisse, die ihr Leben fremdbestimmen und sie isolieren.

An von Naomi Kawase

In den Händen minderer Filmemacher wäre An wohl zu einem Themenfilm verkommen, der diese Missstände anprangert und diese drei Außenseiter als große Opfer gesellschaftlicher Fehlentwicklungen darstellt. Kawase hingegen ist weder daran interessiert „Freaks“ auszustellen, noch eine explizite politische Botschaft auszusprechen. Ihr Film ist purer Humanismus. Sie nähert sich diesen drei Menschen nicht über den Weg ihres Außenseitertums, sondern lässt sie für die erste Hälfte des Films in einer Art Kammerspiel und ohne große dramaturgische oder narrative Kniffe interagieren. Ihr Tagesablauf, ihre Bewegungen, ihre Gespräche unterscheiden sich nicht von denen der breiten Masse. Eingestreut, pastorale Naturaufnahmen im Stile eines Terrence Malick, die die Analogie verstärken, dass der Mensch ganz einfach, und in erster Linie, ein Naturgeschöpf ist – und als solche Naturgeschöpfe treten auch die drei Hauptfiguren in An auf. Kawase nähert sich ihnen ohne Vorurteile und ohne ihre Vergangenheit zu sehr in den Mittelpunkt zu rücken. Das geschieht nicht zum Zweck am Ende einen großen Twist einzubauen, sondern aus Respekt vor dem Menschen – aus humanistischer Überzeugung – eine Seltenheit in einer Zeit, in der die Unterhaltungsindustrie ohne mit der Wimper zu zucken tausende Unbeteiligte als Kollateralschäden in explosiven Schlachten zwischen „gut“ und „böse“ dahinmetzelt. Das ist keine unreife, melodramatische Naivität, die sich in Kirschblüten-Kitsch auflöst (auch wenn der Film so beworben wird), sondern eine geradlinige Weltsicht, ohne Zynismus und Politisierung (diese Haltung selbst ist natürlich bereits politisch, aber es findet keine Politisierung im Sinne propagandistischer Agitation statt), dafür mit einer gesunden Dosis Optimismus, die man in der heutigen Welt oft vermisst. Wenn Sentaro am Ende des Films eine Art Katharsis durchmacht, dann ist das nicht ein aufgesetztes Happy-End, sondern logische Folge von Kawases Menschenbild und künstlerischem Ausdruck.

Touching, How Touching The Nothing Touches – My Lost Film

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While having a mail correspondence with my good friend Éric Volmeer about the few films I have made so far, he kept insisting to see a film which was somehow mentioned to him by my dear Ioana Florescu. But the film in question is a delicate case for me as it doesn‘t exist anymore. It makes me kind of angry and sad. Here is what I have written to Éric about it:

Dear Éric,

I am very happy that you keep asking for my so-called „avantgarde-film“ which I have shot two years ago mainly with my mobile phone in Graz, Vienna and Augsburg. She, the woman I don‘t need to tell you more about, keeps referring to it as my best work. I don‘t think she is right but she always is. Of course, I would love to send the film to you. But I have to tell you that the film has vanished. It just disappeared. I can‘t tell you more about it and yet, there is so much more to say. I wanted to write to you about my feelings relating to the loss of a film. But then, there is also an irony as well as this constant desire in cinema which is its infinite possibility. Cinema has always been in the making until it died. It was never completed and I always felt it was right when Godard said that we have never seen its greatest works or the greatest work are those that were never really finished. My film is nothing like that, it is more like a missing memory.

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Don’t drive and shoot

The film is or was called: Touching, How Touching The Nothing Touches. It has been a work about the memories in the present. Where are we when we remember? It tried to build bridges between places we are and places we were, but not in the style of Proust, no, the movement was from the past to the present. As if we would eat that madeleine and suddenly think about how we will remember that moment in the future. It was a work that maybe continued in its disappearence. But how should I have known that? To be honest, I didn‘t know what it was until I have watched it. This makes it somehow almost tragic that I cannot watch it again. It was produced as part of a seminar on Peter Kubelka I took part in. One evening we were at the Austrian Film Museum and Mr. Kubelka talked about film. His views on digital filmmaking were as always quite simple: Digital Filmmaking has nothing to do with film.

What is lacking when Mr. Kubelka talks about cinema is time. It is not as though he does not talk about it at all, but when he talks about rhythm and time, he always goes for montage, manipulation and craft, instead of just accepting what for example André Bazin or Andrei Tarkovsky have been stating rightfully a long time ago: Time and movement are part of the very image, even if it is just one film-image. It is there because film in its core, in its very core that Mr. Kubelka sees in its material, has the ability to observe life, to react and interact with real happenings outside and capture the movement of this real world in time and thus transform it into a cinematographic reality like Godard has called and most possibly still calls it while shooting digital. I know that Mr. Kubelka respects this documentary quality of the image but still there is a question of focus. It is very easy to see that Kubelka is right in his own terms because if you tell him that time is the essence of film, than he would answer that it is also in other media like video and therefore it is not the essence. But to use an old philosophical trick one could ask the question the other way round: When time is the essence of film, maybe video and digital are still film?

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In my digital film I tried to show that every image has a temporal structure in its own. One that is not destroyed by the lack of material or even the lack of viewing what is really going on. By zooming in and reducing the information there is still something going on. Mathematically there might be a point of nothing but in terms of feeling and experience there is always a sense of what is going on and this sense is part of film.

Furthermore Mr. Kubelka talked a great deal about rhythm destroyed and enhanced by music. I think film gives the opportunity for sight and sound (sound should be treated equally because there is no other medium that is able to capture both image and sound on the very same layer, and yes, that INCLUDES digital) to get into a relation. They can be harmonic, they can talk with each other, they can argue, they can fuck each other or just play. Mr. Kubelka is a master in this but he is wrong when he says that it only works on film. Yes, again, I understand his point from a materialistic perspective and I see that questions of asynchrony are inscribed into the way film as a medium works but in a digital film there are sound and images, too. It is only that they are digital.

In my film I tried to show how rhythm is neither due to the images alone, nor to the sounds, nor to the editing, but due to all aspects playing together on different digital layers.

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Of course, there are differences between film and digital. But the mistakes and traces of the medium are not so different between film and digital. A digital filmmaker in my opinion can and should therefore search for the individual aspects of his format and try to find beauty, life and inspiration in them just like a true FILMmaker can use scratches and so on. Pixels are considered to be a weak point of digital cinema but I think one can find some beauty in looking at them. Another point would be for example the ability to be flexible or to shoot very long takes.

In my film I tried to mix the ability of digital cinema to film whenever I discovered something with what I called the beauty of the pixels. It was a film that zoomed until you could only see an ocean of pixels.

So, now as it has disappeared and Mr. Kubelka has won again…this couldn‘t have happened on film. Maybe I should tell you how it disappeared. One might say that it has never really existed. When does a film that was never shown exist anyway? This film exists only in the memory of its maker and the one person who has seen it beside him. Well, it is one of those easy fears that became true in this case. There is even a great film called 36 by Nawapol Thamrongrattanarit which deals with those fears and emotions. Maybe in our age the absence of a film creates more emotions than its existence. I don‘t know. So, I had it on my laptop as file, as more files actually. It just was a click on a list called „Touching“ (how seducing to touch with a click something called like that). It was also on Ioana‘s laptop and supposedly on my hard drive. Then my laptop broke down, Ioana‘s laptop broke down and it wasn‘t really on my hard disc. The film had vanished. It is still vanished. It is strange because I don‘t really believe it. Every second day I search my hard disc for it. It was the same when my bike was stolen on a cold evening in Vienna. For a couple of days I returned to the place where I had lost it and was expecting to find it there as if its absence was only an illusion. (I wonder here how the few people who have seen Greed by Von Stroheim feel/felt about the fact that it doesn‘t exist anymore…) Mr. Kubelka would say that my film only diappeared because it was never there. But we can talk about it, can‘t we? So it is a film about memories that has become a memory.

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All of this might seem very uninteresting for you as I am not a well known filmmaker and there is no tragedy in a lost film of someone like me. But I think in the case of an unknown young filmmaker it‘s even more tragic. I lost a film before I even started. But when can we speak of a start? Certainly not while losing a film. Naturally, I doubt myself after such an incident. How could something like that happen to me? Do I really care enough? Isn‘t that a huge problem? I know that this film was born out of necessity but as always with me this necessity disappeared as soon as the film was finished. Of course, I feel a certain need to have such a work shown in public but I don‘t feel it like a question of life and death whereas I feel this life&death vibe when I am doing it, especially in editing. But maybe there is a little hope as another version of it exists. I gave it on a DVD to the professor who is avantgarde-filmmaker Randy Sterling-Hunter. The thing is, when I asked him about my film many months after handing it over to him, he replied that he hasn‘t seen it yet as he has no disk drive (!). Honestly, I don‘t expect him to find this DVD but I have contacted him. The other possibility lies in the fact that I have at least 90% of the rough material and I am going to make the film again. But will it then be the same?

So, I am sorry, I cannot send you the film. I can only describe it. There are some turning signs of capitalism in Graz and Vienna. They move exactly in the same rhythm. There are some cigarettes near a window, the smoke of a hotel room where I made love. There are fireworks. Then you can hear David Bowie and his sun machine (isn‘t it fitting that this film disappeared?) and you can see the sun, the snow.  There is maybe a sadness, a drive between places and images that connect the past and the present or just spaces. Finally we see a horse in Vienna and it has a nervous tick. It tries to touch its its belly with its eyes. We zoom in and the closer we get the more beautiful this sickness feels.

If it re-appears I will let you know. Until then I will be in a state of constant mourning, I will be a paranoid hunter of those lost images and sounds, digital images and sounds and I will carry them with me in everything I do.

Best,
Patrick

Die unnahbaren Bilder in D’Est von Chantal Akerman

D'Est von Chantal Akerman

Chantal Akermans D’Est beginnt mit deutschsprachigen Straßenschildern. Eine kurze Recherche verrät, dass es sich dabei um Ostdeutschland handelt, das zur Zeit des Filmdrehs erst seit kurzem mit dem westlichen Teil des Landes wiedervereint war. Akermans Reise geht weiter, immer weiter nach Osten, wo das lateinische Alphabet durch kyrillische Schriftzeichen abgelöst wird. Die Bilder des Films widersetzen sich einfachen Vergleichen. Es gibt keinen Kommentar, keine Texttafeln, keine talking heads, noch orientieren sich die Bilder an der Tradition des Direct Cinema oder ähnlichen Strömungen. Es geht um Straßen, um Menschenmassen, um Individuen, um Tumult und um Ruhe. D’Est ist ein Film der Gegensätze, die eigentlich nicht zu beschreiben sind und die an Orten stattfinden, die zwar sehr konkrete sind, aber die nicht ihre Konkretheit auszeichnet. Legitim auch die Frage, was das für eine Reise ist, wenn es denn überhaupt eine ist. Das Programmheft des Arsenals schlägt diese Einordnung vor, dort wird der Film in einer Reihe mit dem Titel „Weltreisen“ an der Seite von Ulrike Ottingers China. Die Künste – der Alltag und Exile Shanghai und Nikolaus Geyrhalters Elsewhere gezeigt. D’Est ist aber weder Reisebeschreibung, noch anthropologische Studie, noch formalistisches Stilexperiment, noch Slow-Cinema-Blaupause. Vielleicht kommt man dem Film am nächsten, wenn man ihn als Erfahrung beschreibt. Eine zweistündige Erfahrung, ein Bewegbildmonument, das sich ins Gedächtnis brennt und einen nicht mehr loslässt, sodass man immer wieder darauf zurückkommen will. D’Est ist ein Film, der Raum und Zeit gleichzeitig extrem verdichtet und extrem ausdehnt, sodass Zeit- und Raumgefühl sich in den unendlich langsamen, elegischen travelling shots verlieren. Die Kamera zieht vorbei, an langen Reihen menschlicher Gesichter am Straßenrand, an rastenden Körpern in Wartesälen, durchstreift die Stadt an Bord eines PKWs und unternimmt Besuche in private Wohnungen. Trotzdem ist der Film nicht vergleichbar mit jenen Filmen, die gemeinhin unter der Kategorie Dokumentarfilm geführt werden. D’Est dokumentiert scheinbar zufällig eine Welt, die einfach erscheint (es ist eine konkrete und äußerst spezifische Welt aber gleichzeitig ist es nicht diese Spezifizität, die im Erkenntnisinteresse des filmischen Blicks liegt) – freilich steckt dahinter eine sehr bewusste Haltung zur Welt. Akermans Kamera scheint in-die-Welt-geworfen und dazu verdammt aufzuzeichnen. Da ist kein suchender Blick, der darauf zielt etwas zu finden, sondern es ist ein verirrter, vergessener Blick. Es fehlt ihm das Interesse an Orten und Menschen, weil es ihm in seiner Geworfenheit am Potenzial zum Interesse fehlt. Es ist ein einzigartiger Film, der sich jeder Kategorisierung entzieht, weil er immer schon woanders ist, wenn man ihm mit vorhandenen Begrifflichkeiten nahekommen will. D’Est ist die verdichtete und ausgedehnte Konsequenz der letzten Einstellung von Akermans Spätwerk La folie Almayer. Dort wird ein letztes tänzelndes Herumirren der Kamera zum Ausdruck eines Strebens nach Selbstfindung, das aus einem allgemeinen Gefühl der Zerrüttetheit erwachsen ist – aber auch das wäre eine Zuschreibung und Kategorisierung.