Faces pt1 (in thought)

In between is hell

A Casa2

A Casa-Šarūnas Bartas-1997

Seven5

Se7en-David Fincher-1995

Nenette et Boni3

Nénette et Boni-Claire Denis-1996

climates2

İklimler-Nuri Bilge Ceylan-2006

Mirror

Зеркало-Андре́й Арсе́ньевич Тарко́вский-1975

Ivan the Terrible

Иван Грозный-Сергей Михайлович Эйзенштейн-1944

Three Days5

Trys dienos-Šarūnas Bartas-1992

La vie nouvelle5

La Vie Nouvelle- Philippe Grandrieux-2002

The Godfather Part 21

The Godfather-Francis Ford Coppola-1972

Anatolia

Bir Zamanlar Anadolu’da-Nuri Bilge Ceylan-2011

Earth

Земля-Олександр Петрович Довженко-1930

Stalker7

Сталкер-Андре́й Арсе́ньевич Тарко́вский-1979

 

Diagonale 2015: Wie die anderen von Constantin Wulff

Wie die anderen von Constantin Wulff

Tulln ist eine unscheinbare Kleinstadt an der Donau, rund dreißig Minuten von Wien entfernt. Diese geographische Lage macht Tulln zu einer klassischen Pendlerstadt, aber auch zu einem regionalen Knotenpunkt für die landwirtschaftlich geprägten Gebiete des Tullnerfelds und des Wagrams. Die relativ dezentralisierte Aufteilung der Verwaltungsinstitutionen Niederösterreichs hat zur Folge, dass dieses unscheinbare Städtchen mehrere interessante Institutionen beherbergt: die niederösterreichische Landesfeuerwehrschule, die Landesstelle des Roten Kreuzes und ein vergleichsweise großes Krankenhaus. Neben jenem in der Landeshauptstadt Sankt Pölten, das im Moment zum zweitgrößten Krankenhaus Österreichs ausgebaut wird, sind die Landeskliniken in Niederösterreich auf verschiedene Fachabteilungen spezialisiert. Der Schwerpunkt des Landesklinikums Tulln ist die Psychiatrie.

Diesem Krankenhaust stattet Constantin Wulff in seinem neuesten Film Wie die anderen einen Besuch ab. Doch eine Besprechung dieses Films wäre unvollständig ohne einige autobiographische Notizen, denn Tulln ist zugleich meine Geburtsstadt, in der ich zwanzig Jahre gelebt habe. Als einer der ersten Jahrgänge wurde ich in diesem Krankenhaus zur Welt gebracht, das erst kurz zuvor aus Platzgründen übersiedelt worden war (meine um drei Jahre ältere Schwester wurde noch im Alten Krankenhaus geboren, wo sich heute eine Wohnungsanlage samt Kindergarten und römischen Ausgrabungen befindet). Der konkrete Flügel, in dem heute die Psychiatrie untergebracht ist, entstand jedoch erst im Zuge der Umsiedelung der Nervenheilanstalt Maria Gugging, Ende der 2000er. Diese Erweiterung kam einer Entmystifizierung gleich, denn „Gugging“ war für die Tullner Jugend eine Chimäre, ein geheimnisumwobener Ort, im hügeligen Wienerwald, in dem ein Haufen Halbverrückter von der Zivilisation ferngehalten wurde. In der kindlichen Vorstellung war diese Anstalt gleichbedeutend mit jenen Orten, in denen gruselige Horrorfilme spielen und sabbernde, lobotomisierte Zombies herumlaufen. Die Auflassung der Nervenheilanstalt, an deren Stelle sich heute ein Forschungsinstitut befindet (eine zugegeben ironische Entwicklung), hatte also zur Folge, dass das Gedankenkonstrukt „Gugging“ zu einem realen Ort in der Nachbarschaft wurde, an dem natürlich keine lobotomisierten Zombies ein- und ausgingen. Eine nähere Auseinandersetzung mit den Aufgaben der Institution blieb von meiner Seite aus, ein letzter Hauch von mysteriöser Romantik angesichts dieses unbekannten Ortes hinter der eintönigen Krankenhausfassade blieb bestehen.

Wie die anderen vollendete nun den Vorgang der Entmystifizierung, denn erstmals wagte ich mich hinein in diese Abteilung des Krankenhauses, von Angesicht zu Angesicht mit den Patienten und zuständigen Ärzten. Ganz im Stile eines Frederick Wiseman nähert sich Constantin Wulff der Kinder- und Jugendpsychiatrie und den Protagonisten, die er dort vorfindet stumm und sachlich, seine Kamera stellt nicht aus, respektiert die Privatsphäre der Menschen. Wie die großen Meister des dokumentarischen Fachs, findet auch Wulff die richtige emotionale Distanz zum Geschehen, so ist sein Blick weder aufdringlich oder aufgezwungen intim, noch zu kühl und distanziert. Was Wulff interessiert, und da wird die Ähnlichkeit mit Wiseman besonders deutlich, sind weniger Einzelschicksale, sondern Arbeitsabläufe. Wie funktioniert diese Abteilung? Was gehört neben der Betreuung der Patienten noch zum Krankenhausalltag? Welche bürokratischen Hürden muss das Personal jeden Tag bewältigen, wie sind die Arbeitsumstände, wieviel muss improvisiert werden um ein reibungsloses Funktionieren zu gewährleisten? Die richtige Balance zu finden war dementsprechend eine heroische Aufgabe, die Wulff eindrucksvoll meistert. Immer wieder widmet er sich den Krankheitsbildern der jungen Patienten und ihrem Behandlungsvorgang, lässt jedoch auch nie die Ärzte außer Acht, auf denen ungemeine Verantwortung lastet, die sich in den Bildern materialisiert. Dieser psychische Druck, der beide Seiten betrifft wird in den intimen Gesprächssituationen spürbar, in denen der Blick der Kamera schonungslos die teils unschönen Lebensumstände der Protagonisten festhält und kein Abwenden zulässt. Diese intensiven Momente werden durch Perspektivenwechsel aufgelockert. Dieser Blick von außen auf die Therapiesituation wechselt sich mit einem Blick von innen ab, der die Vorgänge hinter den Kulissen beleuchtet, wenn im Kreise der Kollegen über Fortschritte und Rückschläge der Patienten diskutiert wird und immer auch die Entwicklungen in der Außenwelt thematisiert werden, die deutlich machen, dass man sich hier nicht in einem hermetisch abgeriegelten Paralleluniversum befindet.

Diese Erkenntnis wiegt schwer, denn bis zu diesem Zeitpunkt habe ich diese psychiatrische Abteilung, dieses „Gugging“, als ein Paralleluniversum wahrgenommen. Der Einblick in den Krankenhausmoloch zeigt eine ganz andere Realität. Eine Realität, die erschreckend viel mit meinem eigenen Leben gemein hat. Diese Kinder und Jugendlichen sind keine Verrückten; noch mehr, für die meiste Zeit, wirken sie vollkommen normal, erst wenn sie zu sprechen beginnen und erzählen, wie ihr Leben von der Normalität abweicht, entpuppen sie sich als krank. Die meisten von ihnen, wollen bloß „wie die anderen“ sein und diese Feststellung zeigt, dass sie sich anders fühlen als „die anderen“. Wer sind diese „anderen“? Sind wir das, die wir den Film sehen und uns dabei unwohl fühlen? Es fällt mir schwer diese Trennung vorzunehmen, denn in zu vielen Momenten fühle ich mich an meine eigene Kindheit zurückerinnert. Ich stelle mir also die Frage wer ich eigentlich bin. Bin ich einer von „denen“ oder einer von den „anderen“? Bin ich nur knapp vorbeigeschrammt an einer solchen Therapie, was hat mich davor bewahrt? Überinterpretiere ich diese Gemeinsamkeiten oder hatte ich Glück, dass sich meine Ticks in weniger selbstzerstörerische Bahnen gelenkt haben?

In dieser Hinsicht ist Wie die anderen ein harter und unangenehmer Film für mich, denn verborgen hinter dem forschenden Blick im Direct-Cinema-Gestus steckt die Frage nach Identität; Identität im Verhältnis zu anderen, Identität durch Ausschluss. Nach nur fünfundneunzig Minuten ist der Film zu Ende, in der Laufzeit des Films enden die Gemeinsamkeiten mit Frederick Wiseman, das Publikumsgespräch mache ich nicht mehr mit, obwohl ich noch sehr viele Fragen habe, denn ich fühle mich erstickt und brauche Luft. Um ehrlich zu sein habe ich auch etwas Angst vor den Antworten.

Diagonale-Abschlussdialog

Lampedusa von Peter Schreiner

Mit etwas Abstand zum Geschehen und in ungewohnter Konstellation wird ein letztes Mal über die diesjährige Diagonale dialogisiert. Andrey und Rainer blicken eine Woche zurück und lassen die wichtigen Dinge im Leben Revue passieren.

Rainer: In meiner Kindheit wurde ich womöglich mit zu vielen Äpfeln konfrontiert, denn ich mag sie mittlerweile nicht mehr besonders. Bei den Gratissteireräpfeln an den Festivallocations habe ich dennoch zugegriffen und sie haben vermutlich dazu beigetragen, dass ich meine Erkältung während dieser vier Tage gut auskuriert habe. Magst du Äpfel?

Andrey: [lacht] Ein Apfel a day usw. Klar, ich habe diesbezüglich kein Trauma und habe mich auch immer wieder im Schubertkino bedient. Überhaupt macht Graz auf mich immer, wenn ich während der Diagonale dort bin, einen äußerst „gesunden“ Eindruck: Bioläden an jeder Ecke, Radhauptstadt Österreichs – aber zugleich werde ich weder in Wien, noch in Linz so oft mit Armut konfrontiert.

Rainer: Tatsächlich? Dass in Graz die Armut grassiert, wäre mir noch nicht aufgefallen (vor allem nicht im Vergleich zu Wien), einzig so manche Filme die dort gezeigt werden taugen als künstlerisches Armutszeugnis.

Andrey: Ich meine ganz konkret, dass der Kontrast zwischen Wohlstand und dem Gegenteil von Wohlstand mir dort im Stadtbild viel präsenter scheint als anderswo in Österreich, dass man beim Streifzug durch die fein herausgeputzte Stadt doch unentwegt Menschen begegnet und auch von diesen angesprochen wird, die einen daran erinnern, dass es sich um ein Trugbild handelt – aber auf welche Filme beziehst du dich?

Rainer: Naja, in der Natur der Sache der Diagonale – dieser freiwilligen Beschränkung auf österreichische Filme – liegt es, dass da auch zahlreiche Filme laufen, die auf einem ernstzunehmenden Festival eigentlich nichts zu suchen haben. Zwar versuche ich die immer zu umschiffen, aber allzu oft, findet man sich dann doch in einem Screening und beginnt sich zu fragen, ob es nicht vernünftiger wäre, in der Sonne einen Cappuccino zu genießen, als den Film zu Ende anzusehen. Prinzipiell ist dieses Phänomen natürlich nicht auf die Diagonale beschränkt, aber gerade hier habe ich bei meiner persönlichen Programmgestaltung oftmals das Gefühl, dass es aus Mangel an Alternativen eigentlich zu leicht ist, sich für oder gegen einen Film zu entscheiden.

Dreams Rewired von Manu Luksch/Martin Reinhart/Thomas Tode

Dreams Rewired von Manu Luksch/Martin Reinhart/Thomas Tode

Andrey: Ein Festival des Österreichischen Films hat aber doch die Aufgabe, möglichst das ganze Spektrum des heimischen Filmschaffens abzubilden, und nicht nur die eingebildete Crème de la Crème, oder? Es ist klar, dass dann auch vieles dabei ist, was man zurecht als mittelmäßig bezeichnen kann, aber auch dieses Mittelmaß ist womöglich repräsentativ für keimende Tendenzen und Strömungen. Im Grunde müsstest du versuchen, die Filme, die dich weniger begeistern, im Kontext eines größeren Ganzen zu sehen, um etwas daraus zu schöpfen – schließlich versuchen auch diese Filme etwas, und die Frage ist: Was versuchen sie, und warum?

Rainer: Ja, schon klar. Ich werfe dem Festival dieses Mittelmaß gar nicht vor, sondern konstatiere nur, dass es das gibt. Wenn wir schon dabei sind, könnten wir etwas konkreter werden: Welchen der Filme, die du gesehen hast, fandst du am mittelmäßigsten?

Andrey: Die, die ich wieder vergessen habe. Und du?

Rainer: [lacht] Du vergisst sehr schnell. Hätten wir diesen Dialog besser vor drei Tagen gemacht?

Andrey: Nein, Mittelmaß zeichnet sich ja zumeist dadurch aus, dass man nicht weiter darüber nachdenkt, insofern meine ich das durchaus ernst. Aber ich glaube nicht, dass da dieses Jahr soviel dabei war, auch, weil ich insgesamt nicht soviel gesehen habe und bei meiner Auswahl eher streng war, mich an Erwartungen und Empfehlungen gehalten habe. Interessanterweise war aber kein einziger konventioneller Spielfilm darunter. Vielleicht war das auch eine unbewusste Vorsichtsmaßnahme.

Rainer: Ich versuche auf der Diagonale ebenfalls Spielfilme tendenziell zu vermeiden, aber so haben mich nach einiger Zeit vor allem jene Dokumentarfilme genervt, die zu wenig in einen fruchtbaren Kontrast zwischen Bild- und Tonebene investiert haben. Da hört man eine Geschichte und sieht Bildmaterial, das bloß diese Erzählung bebildert und irgendwann will man einschlafen.

Andrey: Wobei ich mir teilweise – etwa bei Dreams Rewired – nicht so sicher war, was da am Anfang stand, der Text oder die Filmausschnitte. Was du meinst, ist wohl schlicht eine Tautologie der Bedeutungsebenen, wenn Bild und Ton dasselbe erzählen. Hast du wirklich so viele Arbeiten gesehen, die so vorgingen?

Rainer: Ja, du findest wie immer die eleganteren Worte für meine Gedanken. Dreams Rewired wäre eines dieser Beispiele, das trotz imposantem Bildmaterial wenig zu mir spricht. Die beiden Filme von Alfred Kaiser, die ich im Rahmen der kleinen Werkschau gesehen habe, die ihm gewidmet war, empfand ich als ähnlich lähmend. Jola Wieczoreks O que resta und auch Annja Krautgassers Waldszenen darf man getrost auch dieser Kategorie beifügen.

Lampedusa von Peter Schreiner

Lampedusa von Peter Schreiner

Andrey: Hm. Ich habe bis auf den Erstgenannten keinen dieser Filme gesehen, begegnete aber selbst immer wieder spannenden Versuchen, mit klassischen Bild-Ton-Verhältnissen zu brechen, etwa Hans Scheugls Dear John, auf den du ja schon in einem älteren Gespräch mit Patrick näher eingegangen bist, oder den Festivaltrailer von Lukas Marxt. Ich finde, dass die Diagonale allgemein – und das ist für ein derart kleines, nationales Festival schon beeindruckend – ein unfassbar breites Spektrum an filmischen Zugängen auffächert, auch wenn bei weitem nicht alles gelungen ist. Nur beim Genrekino könnte man eventuell klagen, aber selbst das wurde dieses Jahr mit der Verleihung des Großen Preises an Ich seh, ich seh zumindest nominell geehrt.

Rainer: Das es genügend gelungene Gegenbeispiele gibt steht außer Frage! Nur wenn du mich nach dem fragst, was ich bei diesem Festival am ehesten als Mittelmaß empfunden habe, dann sind es ohne Zweifel die Dokumentarfilme der angesprochenen Schlagart. Ich diskutiere ohnehin lieber über die Filme, von denen ich begeistert bin. Über die Ehrung von Ich seh, ich seh, bin ich ebenfalls sehr froh, zwar ist mir ziemlich egal, was das für die Entwicklung des österreichischen Genrekinos bedeutet, aber der Film an sich hat mich sehr begeistert und ist in vielerlei Hinsicht ein verdienter Sieger.

Andrey: Wenn du einen Diagonale-Film auszeichnen könntest, welchen würdest du wählen?

Rainer: Die Antwort ist allzu offensichtlich: Wie die anderen von Constantin Wulff, ein formidables Porträt einer Institution, ein formidables Porträt unterschiedlicher Menschen, ein Film, der die richtige Distanz zu seiner Materie findet. Wie sieht’s bei dir aus?

Andrey: Schwierig, aber ich denke, ich würde Lampedusa von Peter Schreiner den Vorzug geben, obwohl meine persönliche Sichtungserfahrung des Films nicht gerade die beste war. Ich bin davon beeindruckt, wie Schreiner im Laufe seiner letzten vier Arbeiten eine völlig eigenständige Ästhetik und Arbeitsweise ausgefeilt hat. Seine Filme gewinnen zusehends an existentiellem Gewicht und politischer Brisanz, und ich weiß, dass mir Patrick bestimmt auf die Finger klopfen würde, aber in gewisser Hinsicht kann man in ihm fast schon einen österreichischen Pedro Costa sehen – Giuliana Pachner ist seine Ventura-Figur, in deren Gesicht und Worten die ganze Welt steckt.