Filmfest Hamburg: Die Verweigerung

Winterschlaf

Gestern nach der Deutschlandpremiere von Nuri Bilge Ceylans Winter Sleep bin ich in einer anderen Welt erwacht.

Man weiß immer, wann man auf der letzten Seite eines Buches ist und man ahnt es manchmal bei Filmen, wenn die letzte Szene beginnt oder endet.

Wenn ich hier sitze, im Dunklen, selbstverliebt auf meine Tastatur blute, dann habe ich manchmal einen Sinn, manchmal eine Idee, eine Beobachtung, die mich wahnsinnig macht und die ich loswerden will oder mir bewusstmachen will, indem ich darüber schreibe. Ich zweifle gleichzeitig. Ich war mir bisher bewusst, dass man diesen Zweifel in der Ambivalenz des filmischen Bildes finden kann. Nicht aber war ich mir bewusst, dass man den Zweifel, alleine in der Ausformulierung einer philosophischen Gedankenwelt im Dialog festzuhalten vermag. Ceylan, ein Mann in dessen Filmen normalerweise das Schweigen regiert und das Gesicht alleine diesen Zweifel auslöst, lässt seine Figuren nun sprechen und sprechen und sprechen. Aber er macht damit nicht nur einen Film mit Dialogen sondern auch einen Film über Dialoge. Es geht dabei um die Schönheit und die Widerlichkeit des Wissens und es ist unmöglich, über diesen Film zu schreiben. Es wäre nicht gerecht. Ich frage mich zum Beispiel wie sich Kritiker nach der Lektüre eines Dostojewski-Buchs trauen können, einen Gedanken zu formulieren. Es geht mir bei Ceylan genauso.

Wann hat der Film aufgehört?

Winterschlaf

Timbuktu von Abderrahmane Sissako hat drei wundervolle Szenen, die das Poetische mit dem Politischen verzahnen. Ein Fußballmatch ohne Ball und mit Musik, eine Flucht vor dem Tatort quer durch den Fluss im Sonnenuntergang in einer Supertotale (L’inconnu du lac-esque, aber ohne die POV-Gefahr) und eine Steinigung.

Die Menschen in Hamburg sind ungewöhnlich höflich, wenn sie nach Plätzen im Kino fragen. Ihr Lächeln ist viel offener in diesen Momenten.

Ich habe noch nicht über Kim Ki-duks neuesten Folterspleen, One on One geschrieben. Ich schreibe etwas:

Bei Kim Ki-duk sehen Menschen, die durch Städte laufen immer ganz eigenwillig aus. Oft folgt er ihnen mit einer Handkamera, häufig fokussiert er ihre Füße. Dabei ist es entweder eng oder es geht hoch (selten runter). Beschwerlich ist der Weg durch die Stadt.

Ein Film sollte nach einer Seele suchen und eine Seele haben.

Winter Sleep5

Die Frauen am Ticketschalter, den man hier jeden Morgen aufsucht, sind sehr freundlich. Sie scheinen sogar selbst die Filme zu sehen und beginnen darüber zu diskutieren. Man steht also auf in der Früh und nach dem Frühstück bewegt man sich an den Ticketschalter. Dort stehen meistens schon ein paar Frauen mit Akkreditierungen, sie tratschen über ihre Meinungen und dann auch über die Filme dazu. Dieses saubere Deutsch, das in Hamburg gesprochen wird, macht mir manchmal Angst. Ich komme mir sehr barbarisch vor. Ich spreche nicht. Wenn man mich fragt, dann sage ich: Ceylan und Turist. Ein Techniker sitzt an einem Mischpult. Kommt von ihm diese Musik?

Im Cinemaxx-Kino riecht es nicht gut. Im Abaton-Kino riecht es besser. Es scheint mir fast so als würde ich nur zwischen diesen beiden Kinos pendeln. Heute habe ich gar drei Vorstellungen hintereinander im selben Saal im Cinemaxx. Das ist ein wenig schade, da ich im letzten Jahr das Studio-Kino sehr mochte.

Ich will ruhig werden. Einen Tee trinken und mich in das zärtliche Weiß eines letzten Lichts setzen. Dumpf. Ich möchte nichts mehr hören. Ich will am Abend durch die Landschaft spazieren. Man denkt dann. Ich denke ans Ertrinken, ein Mädchen auf dem Eis wie in Vonarstræti von Baldvin Zophoníasson, es drückt mich unter Wasser.

Bei Kim Ki-duk gibt es eine bemerkenswerte Sexszene. Ein Mann (ein Diktator der Beziehung) vertraut seiner Frau (eine Unterdrückte der Beziehung) nicht, er nimmt ihr Handy und überprüft ihre Textnachrichten. Er beginnt die Frau zu schlagen. Sie droht ihn zu verlassen. Er schlägt sie heftiger. Er schläft mit ihr. Sie lässt es über sich ergehen. Er kommt. Er schlägt sie wieder. Kim Ki-duk filmt diese Szene mit einer schmerzenden Geduld. Das ist vielleicht dieser Sinn: Schmerzende Geduld.

Denn sowohl in Winter Sleep, als auch in Turist, One on One oder Timbuktu kommt das schmerzvolle immer dann, wenn man glaubt, dass die sowieso schon schmerzvollen Szenen jetzt vorbei sind. Die letzte Meinung, die Dominanz, das Erdrücken, die Dauer der Dinge. Ja, Film kann das zeigen. Muss das zeigen.

Winterschlaf

SMS nach dem Film: „White God ist schlimm.“ Steven Spielberg würde mir widersprechen. Andere auch. Ein Pathos-Meer mit allerlei Hunden. Ich erinnere mich an Amores Perros. Nicht wegen der Hunde sondern wegen Vonarstræti. Diesen Film hätte ich vor acht Jahren geliebt. Ein Episodendrama mit emotionalen Charakteren, einer interessanten Zusammenführung der Charaktere und Schicksal, Liebe, Vergangenheitsaufarbeitung und so weiter.

In White God gibt es eine verstörende Szene. Ein Hund (was sage ich? DER HUND: Hagen, der beste Filmhund aller Zeiten) versucht eine befahrene Schnellstraße zu überqueren. Immer wieder macht er einen Schritt vor und einen Schritt zurück. Wie hat Regisseur Kornél Mundruczó diese Szene nur in den Kasten gebracht? Das fragt man sich bei mehreren Szenen. Massen-Actionszenen mit echten Hunden…Aber Hunde, so der Regisseur, seien ein Symbol für alle Unterdrückten. Endlich jemand, der auf diesen Gedanken kommt.

Ich will nicht mehr zynisch sein.

Filmfest Hamburg: Turist von Ruben Östlund

Turist Ruben Östlund

Manchmal spielen Menschen Liebe, Schmerz oder Familie, um diese zu bewahren, um sich nicht einzugestehen, dass es eigentlich ganz anders wäre. Dann lächeln sie, auch wenn es sie innerlich zerreißt und sie sind zärtlich, auch wenn sie schreien müssen. Und manchmal handeln sie dann doch so wie sie fühlen. Sie schreien, schlagen und laufen davon. Meist folgt die Scham oder die Verdrängung. Beides ist unglücklich und absurd. Es gibt dieses Versprechen am Anfang einer Liebe: Wir sind anders. Und es gibt dieses Versprechen in jedem von uns: Ich bin richtig. Erst, wenn man bemerkt, dass dies Lügen sind, kommt die Krise. Im Fall von Turist von Ruben Östlund, der bislang der bei weitem beste Film ist, den ich auf dem Filmfest in Hamburg und im Kinojahr 2014 gesehen habe, kommt sie durch ein traumatisches Erlebnis, wie eine Explosion aus den Gefühlen und Instinkten seiner Figuren. Ein Schlag in die Mägen all jener, die an die Wahrheit der Liebe glauben, ein Film, bei dem mir kalt wurde, den ich körperlich spürte.

Es geht um eine schwedische Familie, die in den französischen Alpen Skiurlaub macht. Gleich in der ersten Einstellung lassen sie sich von einem Profifotografen im verlorenen Weiß der Berge fotografieren und halten so einen Moment fest, weil ein Moment hier alles verändern kann, weil er zählt und Dinge definiert. Später wird diese Familie auf der wunderschönen Terrasse des Hotelrestaurants sitzen und einen dieser zahlreichen knallenden Schüsse hören, die kontrollierte Lawinen auslösen. Dann sehen sie eine Lawine auf sich zu kommen. Aber kein Grund zur Panik, denn es handelt sich ja um eine kontrollierte Schneemasse…oder? Oder nicht. Instinktiv greift Tomas nach seinem Handy statt nach seinen Kindern und seiner Frau Ebba und rennt davon. Ebba hält sich schützend über ihre Kinder und verschwindet in einem weißen Dunst. Die Lawine ist vorher zum stehen gekommen. Das war nur der aufgewirbelte Schnee. Aber eine andere Lawine wurde losgetreten. Jene, die eine ganze Familie, eine ganze Liebe, ein ganzes Leben mit einer Sekunde in Frage stellt.

Turist von Ruben Östlund

Damit bewegt sich Östlund auf ähnlichem Terrain wie zuletzt Julia Loktev in ihrem The Loneliest Planet. Verrät hier das Unterbewusstsein etwas über die Wahrheit einer Person? Hatte Loktev ihre Handlung in der georgischen Steppe beobachtet und damit eine Isolierung und Leere zum Teil ihrer Sprache gemacht, findet Östlund sein Pendant in der Künstlichkeit und fehlenden Anonymität eines bizarren Skihotels. Bizarr ist weniger das Hotel sondern die Art, in der Östlund es filmt. Es wirkt durch sein Framing und durch die Musikuntermalung mit Vivaldi so als wäre das ganze eine Kunstwelt, vielleicht ein Freizeitpark, jedenfalls nichts echtes. Selbiges gilt für die Skipisten, die immerzu im Nebel verschwinden oder in geometrischen Formen aufgelöst werden. Dort scheinen Maschinen ihr eigenes Leben zu führen ganz so wie ein merkwürdiger Mann vom Hotelpersonal, der als ständiger Beobachter (und vor allem als einziger Beobachter) die nächtlichen Konflikte im Hotel beobachtet und sich dabei eine Zigarette anzündet. Damit erinnert Turist unter anderem an Jia Zhang-kes The World, indem das Setting auch ein deformierter Star war.

Darin liegt – und das ist wirklich bemerkenswert – Komik. Mancher bezeichnet Turist gar als Komödie. Das geht, weil Östlund mit einem derartigen Zynismus und einer brutalen Schärfe auf die Lügen einer Liebe und familiären Beziehung blickt und das immer wieder mit schockierenden Momenten (ein Ufo-Angriff in einem kontemplativen Moment oder ein OneLiner am Ende eines existentialistischen Gesprächs) aufbricht. Aber der Humor hat hier immer eine Kehrseite der wahrhaftigen Offenbarung, genauso eben wie die Realität immer etwas Absurdes hat. So werden Tränen vorgetäuscht und Launen wechseln ständig, Versprechen werden nicht gehalten und immer wieder wird versucht, ein Bild zu bewahren. Ein Bild von einem Ideal, das scheitern muss. Für Tomas führt das in einen Selbsthass. Bei Ebba in paranoiden Eskapismus. Mir ist immer noch kalt, ob der tatsächlichen Show, die die Eltern dann vor ihren Kindern abspielen, um die Rolle des Vaters wiederherzustellen. Diese Familie macht den ganzen Film nichts anderes als ein Familienfoto. Nur, dass man deutlich sehen kann, dass es nicht echt ist.

Der einzige Moment wahrer Liebe findet sich kurz vorher als die Kinder das geben, was ihr Vater ihnen nicht gab: Schutz. Als er heulend zusammenbricht werfen sie sich auf ihn und versuchen ihm zu helfen. Der einzige Moment von Wahrheit, der einem von Östlund brutal entrissen wird. Brutalität ist allgemein ein gutes Stichwort. Östlund denkt sich – und hier würde ein Kritikpunkt ansetzen, wenn er es nicht so perfekt machen würde – viele kleine Gemeinheiten aus, die seine Figuren weiter entzweien, gegeneinander und untereinander. So werden zwei Freunde der Familie am Abend zum Essen eingeladen und vor ihnen wird das ganze psychologische Theater zwischen Verdrängung und Hass durchgespielt. Wie auf einer Buñuel-Bühne des sarkastischen Selbstmitleids. Aus einer fast voyeuristischen Lust wird die Kamera dem befreundeten Paar in ihr Bett folgen und beobachten welche Krisen durch dieses Erlebnis in ihrer Beziehung entstehen. Als würde es die Zuseher in der Nacht nach dem Film filmen. Später sitzt Tomas mit jenem Freund bei einem Bier auf der Terrasse. Eine junge Frau kommt zu ihnen, sie scheint sie anzubaggern. Sie sagt, dass ihre Freundin gesagt hat, dass Tomas der schönste Mann auf der Terrasse sei. Es läuft Club-Musik, sie tragen Sonnenbrillen und trinken Bier. Sie lächeln und sind lächerlich cool. Dann kommt die Frau zurück und entschuldigt sich. Es wäre gar nicht um Tomas gegangen, sie hätte sich getäuscht.

Turist2

Östlund lässt einen Geschlechterkampf entstehen. Dieser folgt aber weniger einer großen biblischen Idee sondern einer ungeheuren Beobachtungsgabe und den Figuren selbst. Damit steht er trotz oder gerade wegen der humoristischen Einflüsse in Verbindung mit Ingmar Bergman und Bruno Dumont (vor allem dessen Twentynine Palms). Es geht darum ein Gesicht zu haben und es zu verlieren, es zu wahren, es zu vergessen, es zu akzeptieren, es zu hassen, es zu lieben. In Filmen wie Climates von Nuri Bilge Ceylan oder den genannten Twentynine Palms und The Loneliest Planet suchen Regisseure nach der verbitterten Seele der Liebe, dem Abgrund von Beziehungen. Sie werden dafür oft kritisch beäugt, denn meist entstehen Filme, die einem Schmerzen zufügen oder mit denen man nicht einverstanden ist. Zyniker stehen prinzipiell über dieser Art von Film. Es wird ignoriert, dass das ihre Größe ist, weil sie eine Ehrlichkeit besitzen, die ihren Subjekten oft fehlt. Bei Turist ist das Außergewöhnliche, dass er es schafft zynisch von Gefühlen zu erzählen und gefühlvoll von Sarkasmus. Er hat einen Film aus und mit einer Angst gemacht. Das Ungewisse in einem selbst, die Schutzlosigkeit, das Schauspiel, der Egoismus. Einer der besten Filme über die Heuchelei in menschlichen Beziehungen. Und doch ein Liebesfilm.

Filmfest Hamburg: I Can Dance, I Can Drink, In The Dark It’s All A Trick

August Winds

Nun bin ich also wieder auf dem Filmfest in Hamburg. Ich bemerke die Lächerlichkeit der Filmkritik: Schreibe etwas zu Filmen, die du übermüdet und hintereinander anschaust. Nehme dich wichtig. Nehme dich nicht zu wichtig. Deine Meinung zählt. Deine Meinung ist den Filmen egal. Und: Welche Filme siehst du dir heute noch an? Ah ja, den, ja den fand ich ganz toll. Ich schau mir das an. Man sieht sich sicher noch…

Rot/Gelb sind dieses Jahr die Farben in Hamburg. Also auf den Fahnen und dem Katalog und so. Man kommt an und innerhalb von wenigen Sekunden hat man alles was man so braucht. Eine Akkreditierung. Sie baumelt um den Hals, wenn ich mit meinem Klapprad durch die Stadt rase. Schönes Gefühl. Es gab einen Kritikerpanel mit allerhand Krisen: Eine mediale Krise, eine Krise der Filmkritik, eine Krise des Filmschaffens, eine Krise des Publikums, eine Krise der Filmwelt allgemein, historische Krisen, keine Krisen. Das will man hören, wenn man auf ein Festival kommt, um Filme zu sehen. Aber Filmkritik ist natürlich wichtig. Ist sie das? Ich habe eine Krise. Bin ich eigentlich ein Amateurkritiker? Wer unterscheidet eigentlich zwischen Amateurkritikern und Profis? Wie ist das eigentlich bei Filmemachern? Ist Kritik eine Kunst? Ist Kunst eine Kritik? Dann war da noch ein Publikum. Das Publikum, so Rüdiger Suchsland, liegt auch mal falsch. Der Kritiker auch? Der Filmemacher sowieso? Der Mensch an sich? Mein Hotelzimmer ist größer als meine Wohnung in Wien. Ich bleibe noch.

Filmfest Hamburg 2014

Dann gibt es immer so Momente auf Festivals, da wünscht man sich eigentlich woanders zu sein. Manchmal, weil man sich nicht wohl fühlt oder weil man sich besonders wohl fühlt und sich bestimmte Menschen an seiner Seite wünschen würde, die in diesen Augenblicken mit denselben Augen einen Film sehen, die im gleichen Rhythmus schauen. So erging es mir letztes Jahr in Raya Martins How to disappear completely (den ich nicht oft genug erwähnen kann, weil ich-und jetzt kommt ein Wortspiel-nicht weiß, wohin der verschwunden ist…) und dieses Jahr bereits am ersten Tag in Ventos de Agosto von Gabriel Mascaro. Ein Film, der so sehr mit einer Sinnlichkeit und ethnographischen Geduld arbeitet, dass mancher übersehen mag, welcher Konflikt zwischen Leben und Sterben, zwischen der Sehnsucht nach Veränderung und der Sehnsucht nach dem eigenen Vergehen sich da in Panaroma-Pleasure entfaltet. Es ist dies eine Reflektion über ein Liebesspiel zwischen dem Tod und der Lebenslust. Dabei geht es um Erinnerung, Fleisch und Jugend genauso wie um das alltägliche Leben an einem unbekannten Ort. Die Geschichte entfaltet sich subtil zwischen den Bildern. Man kann sie suchen, aber man kann sich auch einfach auf eine Bilderreise begeben. Hier wird von zwei Polen in einer Beziehung erzählt, die beide aus ihren jeweiligen Umständen hervorgehen. Die weibliche Protagonistin sieht das Leben in allem. Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit ihrer Großmutter. Sie lebt im Moment, in der Lust des Moments, im Drang etwas zu spüren. So cremt sie sich mit Cola ein und flirtet ohne Unterlass mit dem Gedanken an Tatoos. Der männliche Protagonist dagegen ist fasziniert vom Tod, er will das Leben gar nicht verändern oder retten, er sucht nach den Mysterien, wie den atmenden Lungen von Felsen oder dem Goldzahn einer Leiche. Eine Verwandtschaft zu Lisandro Alonsos Meditationen auf die Seele einsamer Südamerikaner ist nicht von der Hand zu weisen. Sprache wird nur sehr geringfügig eingesetzt, oft verschwinden die Figuren fast im Dickicht des Urwalds und der Bilder. Dabei vergisst Mascaro hier und da, auch im Banalen etwas Schönes zu suchen. So ist jede Einstellung ein Beauty-Shot und das kann einem irgendwann zu viel werden. Auf der anderen Seite aber entwickelt sich dadurch eine ganz eigene Verfremdung, die vom eigenwilligen Humor und der Fähigkeit des Films „zu hören“ unterstützt wird. Denn wie in einer anderen portugiesisch-sprachigen Großtat mit dem Monat August im Titel, nämlich Miguel Gomes‘ Aquele Querido Mês de Agosto wird auch bei Mascaro der Prozess der Tonaufnahme in Bilder gesetzt und damit hörbar. Das Meer wird dadurch auch zu einem eigenen Charakter. Ein Arbeitgeber, ein Mörder, ein Geheimnis. Voller Geheimnisse steckt auch der Film selbst, denn er funktioniert tatsächlich ein wenig wie ein Wind im Sommer. Man glaubt ihn zu kennen, aber er fühlt sich dann doch immer etwas anders ein, ein Schnitt und plötzlich könnte ein Gewitter kommen, das himmlische Kind. Das Ende erinnerte mich sehr stark an jenes von Primero estaba el mar von Tomás González. Als würde die Vergangenheit von der Gegenwart geküsst werden und Zeit zeugen.

August Winds

Schön früher am Tag habe ich Party Girl von Marie Amachoukeli, Claire Burger und Samuel Theis gesehen. Ich höre Dialoge im Kino: „Komm, lass uns am Rand sitzen, dann können wir im Notfall gehen.“ Anderer Dialog im Kino: „Heute Abend bin ich in Dolan.-Ja?-Ja, ich habe extra bis heute gewartet, weil ich wollte ihn mit Dolan sehen.-Ok-Ja, er hat ja Flugangst und da ist es was ganz besonderes, dass er heute hier ist.-Ja, ich mochte seine Filme ja nicht so. Also die drei (*mmh*) vor dem jetzigen-Ja, nicht?- Ja also den I killed my mother, sein erster Film, der war so schrecklich. Da habe ich ganz gegen die Intention des Regisseurs mit der Mutter gefiebert. Der ist ja immer so selbstverliebt.-Ja.“ (Film beginnt)

Schöne Musik am Ende von Party Girl:

In Kokosnüssen schlafen, davon träumen miteinander zu schlafen, den Wind hören, mit den Felsen atmen, zusehen, Arbeit, Musik, die Toten leben, ein Traum, eine Beerdigung, ein Grab im Meer, das Meer nimmt sich, was es sucht, es ist ein Geist, der Wind auch, ein Kuss, eine Ablehnung, Begehren, Sehnsucht, Sterben und dann leben. Wie in der Krise des Kinos.