Hou Hsiao-Hsien-Retro: A Time to Live and a Time to Die

Bereits zum dritten Mal widmet sich das Österreichische Filmmuseum dem Schaffen von Hou Hsiao-Hsien. Zuletzt waren seine Filme im Dezember 1997 geballt im Unsichtbaren Kino des Hauses zu sehen und damals wie heute öffnete man die Schau mit „A Time to Live and a Time to Die“ aus dem Jahr 1985, der sich wohl aufgrund seiner persönlichen Färbung besonders als erste Annäherung an die Person und das Schaffen von Hou Hsiao-Hsien eignet. Damals wie heute wurde der Film im Programmheft des Filmmuseums mit der vollmundigen Ankündigung versehen, dass es sich um einen der schönsten Filme der Filmgeschichte handele.

Im bis zum letzten Platz gefüllten Kino beginnen dann die sentimentalen und doch grausamen Bilder von Hou Hsiao-Hsien, lebendig zu werden. Der Film ist eine Erinnerung an die Kindheit, das Portrait einer Familie im ländlichen Taiwan. Ursprünglich aus dem Hauptland kommend, lebt diese Familie in einfachen Verhältnissen getrennt von ihren Ahnen. Protagonist ist der junge Ah-ha, dessen Heranwachsen „A Time to Live and a Time to Die“ von Mitte der 40er Jahre bis Mitte der 60er Jahre beleuchtet. Die Schlichtheit des Lebens und die Schonungslosigkeit des Sterbens werden in elliptischen Montagen beobachtet, die sich wie ein Puzzle, ja eine Erinnerung vor dem Zuseher zusammensetzen. Inhaltlich erinnert der Film an die Apu-Trilogie von Satyajit Ray. Die stillen Momente des Ich-Werdens, die Einsamkeit und Schönheit einer Kindheit wurde dort mit derselben Leidenschaft und Geduld betrachtet. In beiden Filmwerken geht es immer um eine individuelle Haltung zur Welt, die Entwicklung einer Wahrnehmung, einer Selbstständigkeit im Angesicht der Existenz. Immer wieder wird Ah-ha durch diese Welt gespült, von ihrer Wut übermannt, aber manchmal bekommt er auch die Chance zu Sein, es sind dies die Momente des Werdens genau wie bei Apu. Auch bei Ray wurde der Großmutter eine besonders herzliche Rolle zugedacht. Neben ihr gibt es bei Hou Hsiao-Hsien drei Brüder, eine Schwester, Vater und Mutter.

A time to live and a time to die

Dabei vollzieht sich die Handlung rund um das Leben, Überleben und Sterben der Familie in Tableaus und Ransprüngen. Die Tableaus, das sind zurückhaltende Bilder voller Anmut, die immer etwas von der Umgebung mit erzählen. Es handelt sich oft um totale Einstellung an Orten, die man im Lauf des Films kennenlernt, weil sie immer wieder aus demselben Blickwinkel gezeigt werden. Der Baum an der Straße, das Laternenlicht über dem Haus, der Fahrradhof an der Schule. So vermag Hou Hsiao-Hsien ein Gefühl von Heimat zu vermitteln. In dieser Heimat des Films bewegen sich die Figuren so natürlich als wäre es kein Film sondern ein klarer Moment der Erinnerung, der nur von den elliptischen Schnitten gebrochen wird, als könne man der Welt nicht mehr folgen, als könne man sich nur an Momente erinnern. „A Time to Live and a Time to Die“ ist ein Film des Moments. Häufig wurde ein Vergleich mit Yasujirō Ozu bemüht, der auch unmöglich von der Hand zu weisen ist. Die Nüchternheit und formalistische Strenge und die Betonung der kleinen Regungen, die den Blicken der Kamera nie entgehen, ohne dass sie betont werden würden, erinnern an den japanischen Meister. Aber für Hou Hsiao-Hsien ist eine Auseinandersetzung mit der Kindheit auch ein sentimentales Unterfangen. Immer wieder schneidet er in Nahaufnahmen, immer wieder springt er aus den Tableaus in die Gesichter, die sich der Realität ausgeliefert, verloren und doch liebend durch die Welt bewegen.

Der Film ist vom Gestus eines Verzeihens aller Taten geprägt, er vollzieht sich in der Vergangenheitsform wie eine Altersweisheit, ein Blick zurück voll nostalgischem Lächeln und Bedauern. Passend dazu ertönt ein eingängiges Gefühlsthema, das die oft wortlosen Montagesequenzen trägt. „A Time to Live and a Time to Die“ droht zu transzendieren in eine Sphäre, in der die Persönlichkeit nur mehr ein Symbol für etwas Größeres ist. Ein universeller Ton des Heranwachsens ist nicht von der Hand zu weisen, man wird sich selbst auf der Leinwand erkennen hier und dort. Schon der internationale Titel erzählt nicht von Individuen sondern vom Leben an sich. Der Blick des Regisseurs ist daher niemals ein Blick aus der ersten Person. Er nähert sich der Familie wie ein entfernter Verwandter. Nur die Nahaufnahmen verraten seine Zuneigung und seinen Schrecken über das Leben und Sterben.

A Time to live and a time to die

Die Figuren werden durch ihre Bewegung und Positionierung im Raum charakterisiert. So sitzt der Vater zumeist im selben Stuhl am Rand des Bildes. Die Großmutter liegt in ihren letzten Tagen immer auf derselben Matte. Ein Bruder kriecht in der ersten Hälfte des Films fast durchgehend über den Boden. Der jungen Frau, für die sich Ah-ha interessiert begegnet er immer an derselben Stelle im Ort. Es wird bewusst, dass diese Menschen leben, weil man sie im gleichen Atemzug wie ihre Umgebung und ihre Zeit kennenlernt. Die Bilder sammeln sich nicht nur in der eigenen Wahrnehmung, sondern im Gedächtnis, sodass man von einer geteilten Erinnerung sprechen kann. Man hat das Gefühl, dass die grausamsten Momente in dieser Erinnerung warmgehalten werden, eine Wärme, die sich durch den Schrecken zieht, sodass man ihn nicht mehr berühren kann und dennoch tief in sich trägt.

Tsai Ming-liang Retro: Visage

Zum Abschluss meiner Tsai Ming-liang Besprechungen, die im Rahmen der Retrospektive im Wiener Stadtkino entstanden sind, möchte ich mich mit „Visage“ auseinandersetzen, der vor 5 Jahren in Cannes uraufgeführt wurde. Das vom Louvre mitfinanzierte Projekt hat den Neorealismus, der sonst in den Arbeiten des Regisseurs anklingt endgültig in ein L’art pour L’art verwandelt, ein selbstreflexives Kreislaufen, eine Ode an das französische Kino (vor allem an eine romantische Vorstellung von François Truffaut) mit völlig absurden Szenen. Dabei wird trotzdem auch die Geschichte von Hsiao-kang weitererzählt, dessen Mutter stirbt während er einen Film mit Antoine Doinel/Jean-Pierre Léaud in Paris dreht.

Visage

Im Film sind viele Größen des französischen Kinos zu sehen. Fanny Ardant gibt die Produzentin, dabei spielt sie immer Fanny Ardant, die in jungen Jahren für den späten Truffaut spielte. Es gibt Szenen hier, die bestätigen jeden, der das französische Kino hasst. Szenen voller Selbstverliebtheit und kinofremden Klassizismus, die dann von Léaud, für alle, die das Kino lieben, gerettet werden, mit Lebendigkeit, Strangeness, Schönheit und einem guten Schuss Durchgeknalltheit. Unerreicht eine Szene, in der Léaud mit Lee Kang-sheng vor einem Monitor am Filmset sitzt und mit ihm über die großen Regisseure der Filmgeschichte spricht, indem beide Namen sagen. Ansonsten ist die Kommunikation schwer und man erinnert sich an „Domicile Conjugal“, in dem Léaud ähnliche Kommunikationsschwierigkeiten mit einer japanischen Frau hat, wegen der er seine Frau verlässt. In einer Szene treffen sich Fanny Ardant, Nathalie Baye und Jeanne Moreau an einem Tisch, weil das schon genügen muss. Mathieu Amalric schaut für einen Blowjob am Filmset vorbei, zusammen mit Lee Kang-sheng in einem Gebüsch, warum nicht? Laetitia Casta spielt so etwas wie die Hauptrolle im Film von Hsiao-kang. Sie klebt alle Fenster mit schwarzem Klebeband zu, schleppt sich mit ihrem Kostüm durch die Unterwelt, raucht in einem Framing à la Raoul Coutard. Künstlichkeit und Kunst werden hier zum Thema. Da gibt es einen Schneefall im Sonnenschein, den Traum einer transparenten Haut im Ästhezismus der Gefühle.

Visage2

Es ist ein Traumzustand, der die Motivik des Regisseurs zu einem Museumsobjekt macht. Am Ende kriecht Léaud dann auch aus einem Lüftungsschacht im Louvre. Das Set befindet sich dahinter, die Kunst ist woanders. Ansonsten laufen Hirsche an einem Filmset voller Spiegel von einem dumpfen Ton begleitet gegen die Spiegel, es wird gesungen und getanzt, man reist nach Taipeh zur Beerdigung, man sucht den entlaufenen Hirsch. Dahinter verbergen sich dieselbe Isolation, dasselbe Begehren und dieselbe Zärtlichkeit wie in allen Filmen von Tsai Ming-liang. Aus der toten Zeit gewinnt der Regisseur hier ein manchmal absurdes, manchmal transzendentales Gefühl. Als würde seine eigene Filmographie den epischen Sinn in die Bilder des klaren Nichts hauchen. Am Ende kehrt er zum Brunnen aus „What time is it there?“ zurück, dort ist der Hirsch, dort war der Vater, dort war die Liebe, dort bleibt die Einsamkeit. So könnte ein Selbstportrait nicht der eigenen Person, aber des eigenen Schaffen aussehen. Zum Abschluss der Retrospektive war dieser Film genau richtig für mich. Als Einstieg wäre er fatal.

Tsai Ming-liang Retro: Walker-Reihe

Wenn es so etwas wie ein High-Pitch-Installationsarbeit gibt, dann sind es die Walker-Filme von Tsai Ming-liang. Ein Mönch geht in kaum wahrnehmbarer Langsamkeit durch die Welt und wird von dieser ignoriert, betrachtet, belächelt, bewundert und vor allem überholt. In seinen Arbeiten, die aus einer Performance von Lee Kang-sheng am chinesischen Nationaltheater entstanden sind, erforscht Tsai Ming-liang die Langsamkeit, die Poesie der einzelnen Einstellung, Körper und die Zeit. Irgendwo hallt die ursprüngliche Idee einer Adaption nach literarischem Vorbild der Reise eines buddhistischen Mönches in den Westen im 6.Jahrhundert durch die Bilder, aber wie meist bei Tsai Ming-liang bleibt davon nur die Essenz, das Gefühl.

Auf der vergangenen Berlinale hat „Journey to the West“ eine große Begeisterung ausgelöst. Für den Walker-Film in Marseille (sein erster in Europa) konnte Tsai Ming-liang Denis Lavant gewinnen, mit dem der Film auch beginnt. Ein atmendes Wesen, ein Kratergesicht in der Höhle voller Leere und Traurigkeit; Schönheit. „Er sieht aus wie ein Drache“, bemerkt der Regisseur im Publikumsgespräch. Einmal wollte er Lavant gar als Drache in einem Film casten. Diesmal ginge es allerdings um die rohe Präsenz. Dann kommt der Mönch in rot-orangenem Gewand, elegant, langsam hebt er seinen Fuß oder senkt er ihn, einmal weiß ich es. Immer dringt Licht wie ein Schatten durch die dunklen Korridore, die Kamera sie ist so zärtlich wie der Protagonist. Lavant am Meer, sein Gesicht gleicht dem, der in das Wasser ragenden Felsen. In einer der polemischten und gleichzeitig poetischsten Einstellungen, die ich kenne, bewegt sich der Mönch hinab in den Abgrund. Oben ist das Tageslicht. Hell. Er geht Schritt für Schritt eine lange Treppe hinunter. Eine lange Zeit. Auf der linken Seite der Treppe passiert ihn ein ganzes Volk, eine ganze moderne Menschheit. Die Faszination dieser Einstellung beläuft sich auf ihr Wechselspiel zwischen formalistischer Brillanz (Zweiteilung des Bildes in der Vertikale und Horizontale, Bewegung auf uns zu), Gesellschaftskritik, Versteckte Kamera, Humor, Traurigkeit und einem fast schwebend-religiösen Touch wie es ihn seit Carl-Theodor Dreyer im Kino nicht mehr gegeben hat.

Walker von Tsai Ming-liang

Walker von Tsai Ming-liang

Am Ende von „No Form“ blickt Lee Kang-sheng durch die Kamera und macht die Traurigkeit, die Godard im Blick von Harriet Anderson bei Bergman spürte, zu einer völligen Hingabe, einer andersweltlichen Existenz, einer Macht. Dazu Nina Simone: It’s a new dawn, it’s a new day, it’s a new life for me. Selten wurde der tiefere Sinn einer Pilgerreise so offenbar wie in diesen letzten Sekunden von “No Form”. In „Walker“ ist es ein Biss in ein Sandwich, für die Ewigkeit gestreckt, aber nicht im Sinn eines Eindringens in die Zeit, sondern lediglich als ihr nacktes und absurdes Abbild, das sich dem Bewusstsein in der Modernität mehr und mehr entzieht. Das Standbild des eigenen Sinns, festgefroren und doch immer auf einem Weg; nur um einen selbst ist alles in Bewegung, was entsteht ist kaum aushaltbarer Druck, wie im Topf des sehr reduzierten „Diamond Sutra“, der aus dem Off dampft, ja aus dem Off dampft. Langsam. Er könnte der Mutter von Hsiao-kang gehören. Sie kocht mit einem solchen Topf. In „Visage“ haben wir sie verloren.

Irgendwann beginnt Lavant dann den Mönch zu verfolgen. Auf einer Straße in der Altstadt vor einem Café. Was sind denn eigentlich Körper auf der Leinwand? Was ist eine Bewegung? Ich bekomme Lust auf einen Walker-Flashmob. Cineasten aller Welt treffen sich an Plätzen und beginnen, in der Geschwindigkeit des Walkers zu gehen. Die Welt kann dann dem Kino zusehen, wie es die Aufmerksamkeit schärft; Slow-Cinema als Politik der Wahrnehmung. Man sollte darüber sprechen, denn wenn alles von Flüchtigkeit und Kürze geprägt ist in der Virilio-Welt, eine Beschleunigung bis nichts mehr überbleibt, dann ist es das Kino, das uns noch an den Blick erinnern kann, an die Zeit, den Ablauf, die Realität, die es vielleicht nicht mehr geben wird. Die spirituelle Aufladung erscheint da genauso unnötig wie die selbstironische Abstraktion eines „Sleepwalk“. Wenn sich der Mönch in abstrakten Räumen bewegt, dann verliert er seine Bedeutung. Dann scheint das Walker-System, zur reinen Provokation zu verkommen; zumindest im Kinorahmen. Anderes gilt für „Walking on Water“, den Tsai Ming-liang in Malaysia gedreht hat, an dem Ort, an dem er aufgewachsen ist. Er erforscht die Begegnung des Mönchs mit seiner eigenen Erinnerung. Hier wird der Mönch dann doch zu einem Geist, als würde der Regisseur diesen Ort segnen. Vielleicht ist es nicht allzu sinnvoll, sich die Walker-Reihe in einem gemeinsamen Programm anzusehen, aber es verändert die Wahrnehmung. Und wenn Kino die Wahrnehmung verändert, könnte es ganz bei sich sein.

Journey to the West von Tsai Ming-liang

Journey to the West von Tsai Ming-liang

Vienna Independent Shorts: Zwischenbericht

"Boogodobiegodongo" von Peter Millard

Vorweg: Ich werde diesem Festival nicht ganz gerecht. Champions League Finale und Unistress verhindern, dass ich mich täglich von früh bis spät im Kino vor der frühsommerlichen Sonne verstecke. Diesen bedauerlichen Zustand werde ich jedoch versuchen als Chance zu nutzen: Weniger Programme heißt mehr Konzentration auf die einzelnen Filme (gerade bei Kurzfilmprogrammen kann es teilweise eine Herausforderung darstellen, den Überblick zu behalten).

Aus der Not eine Tugend gemacht, habe ich mich dazu entschlossen Schwerpunkte zu setzen. Dazu zählt u.a. der „Animation Avantgarde“-Wettbewerb. Das erste Programm dieser Reihe lief bereits gestern am späten Nachmittag, und durch den sintflutartigen Regen kämpfte ich mich ins gutbesuchte Stadtkino im Künstlerhaus.

"Boogodobiegodongo" von Peter Millard

Boogodobiegodongo von Peter Millard

Diesem Programm nähere ich mich hinterrücks an, beginnend mit dem (nominell) letzten Film im Programm Boogodobiegodongo von Peter Millard. Hierbei handelt es sich um eine wilde Mischung aus OReillyscher Komik, Formenspiel in der Tradition früher europäischer Avantgarde à la Richter und Eggeling und naiv-primitiver Malstiftästhetik. Ein wilder Ritt voller Energie am Ende eines Programms, das zwischen Rasanz und bewusster Langsamkeit zu zerreißen droht. Ebenfalls auf der flotteren Seite: Daniel van Westens Recently in the Woods, ein Film, kaum eine Minute lang, der Slapstickelemente mit Schadenfreude vereint. Ähnlich kurz aber weitaus enigmatischer Richard Negres Atelier 1.0 – eine kurze Studie zum Widerspruch von analog und digital mit einem Schuss weirdness.

Ebenfalls kurz, aber abstrakter wurde es mit Steven Woloshens 1000 Plateaus, der laut Angaben des Filmemachers über den Zeitraum von zehn Jahren in seinem Auto entstanden ist. Der Film erinnert an eine upgedatete Version eines Len Lye Films – „Scratching im 21. Jahrhundert“. Noch abstrakter: die 3D Modelle Bonnie Mitchells in Sweeping Memories, die tranceartig aus sich selbst erwachsen zu scheinen und schließlich wieder verschwinden. Die Klangebene korrespondiert dabei kongenial mit der visuellen Darbietung – kaleidoskopartiges, algorithmisches Monstrum.

Ähnlich konstruiert kommt Michel Klöfkorns X-X-XX–XX–Gewobenes Papier daher Allerdings handelt es sich dabei um eine analoge Arbeit bei der Klöfkorn einen Webvorgang abfilmt. Außergewöhnlich ist dabei das verwendete Material– in Streifen zerlegte Illustrierte. Frauenkörper aus Modezeitschriften werden zerstückelt und neu verwoben – darin liegt aber wohl weniger ein feministisches Interesse (auch wenn sich diese Lesart durchaus anbietet), als die Faszination für das systematische Ergründen textueller Oberflächen.

"Apariciones" von Maria Luz Olivares Capelle

Apariciones von Maria Luz Olivares Capelle

Auf der anderen Seite beinhaltete das Programm auch schwerere, geradezu barocke Werke. Im Herzen des Programms, Maria Luz Olivares Capelles Apariciones, der wohl als eigenständiger Film (also nicht in einem Programm eingebettet) besser zur Entfaltung kommt. Auch als Installation würde der Film wohl besser funktionieren als inmitten von deutlich kürzeren und dynamischeren Kurzfilmen. Erschwerend kam noch hinzu, dass der Film aus technischen Gründen doch am Ende und nicht in der Mitte des Programms gezeigt wurde – damit wirkte er noch langatmiger und schwerfälliger. So ist der Eindruck des Films stark verzerrt – eine bedrückende Collage aus multimedialen Spielereien – technisch recht imposant aber eben im Zusammenhang mit den anderen Filmen tot und staubig.

Unter das Stichwort „Barock“ fällt auch Magda Matwiejews Morphette. Die Künstlerin verschmilzt 3D Computeranimationen mit Frauenfiguren in klassischen Gemälden, erweckt diese zum Leben und präsentiert so mit beschwingter Leichtigkeit den Wandel, oder besser Nicht-Wandel, der Frauendarstellung im Lauf der Zeit.

Ebenfalls in die Reihe der eher schwermütigen Filme ist Mount Song von Shambhavi Kaul einzuordnen. Kaul orientiert sich an indisch-asiatischen Geisterwelten und schafft mit exzessivem Trockeneiseinsatz ein atmosphärisch aufgeladenes Paradebeispiel eines Films, von dem man nicht so richtig weiß, ob er selbst Teil des Genres ist, das er zitiert oder ein avantgardistisches Kunstprodukt.

"Morphette" von Magda Matwiejew

Morphette von Magda Matwiejew

Etwas lebendiger, aber mindestens ebenso existenzialistisch wie die eben genannten Beiträge präsentiert sich North Sea Riviera des britischen Künstlers Josh Wedlake. Grobe 3D-Computeranimation meets US-Coming-of-Age-Indie-Sundance-Melancholie, garniert mit einem Strauß Surrealismus. Der Sprung ins Unbekannte? Der Sprung in den sicheren Tod? Springen und Schwimmen als Lebenszweck?

Für Freunde technischer Schmankerl (also Menschen wie mich) fanden sich auch ein paar Leckerbissen. Allen voran, Los Andes des Duos Cristobal León und Joaquín Cociña, ein ökologisches Manifest (?) mit Kampfrhetorik vorgetragen und mit viel Pappmaché und flinken Bastelfingern realisiert – ein echtes Festivalhighlight.

Ähnlich imposant, jedoch in anderer Hinsicht – Yann Chapotels Tentative d’Épuisement d’un Lieu Parisien. Bei der Beschreibung dieses Films stößt man schnell an die Grenzen der Sprache – dieser Film will gesehen werden. Der sperrige Titel gibt schon den ersten Hinweis: Es geht um einen bestimmten Ort in Paris, den Chapotel im Laufe eines Jahres dokumentierte und dann mit Hilfe von 3D-Animation ineinanderschachtelte. Ein furioses, humorvolles urbanes Porträt.

"1000 Plateaus" von Steven Woloshen

1000 Plateaus von Steven Woloshen

Ich schließe den Bogen mit einem Film, der sich kaum in eine der oben angeführten Gruppen ein- bzw. einem der Stile zuordnen lässt. Es handelt sich um Anomalies von Atsushi Wada. Was beginnt wie ein vergleichbar konventioneller Zeichentrickfilm wird schon bald zu einem surrealistischen Musterstück in bestem Sinne. Unwirkliche Tiergestalten, Essen und absurde menschliche Karikaturen agieren dabei als Protagonisten – unendlich interessanter und farbenfroher als gewöhnliches narratives Animationskino – ganz wie Boogodobiegodongo.

Vienna Independent Shorts: Eröffnung oder „Über den Lauf der Dinge und den Sinn des Lebens“

"Unstill Life" von Zeitguised

Über Ostern war ich als Jugend ohne Film-Außenkorrespondent in Kopenhagen unterwegs, nun wechsle ich die Seiten und berichte die nächsten Tage quasi als Innenkorrespondent vom Vienna Independent Shorts Festival aus Wien.

Der Kurzfilm wird oft bloß als „Ausbildungsmedium“ für den „echten Film“ wahrgenommen, aber wenn schon Alain Resnais diese Auffassung nicht teilte, brauche ich das auch nicht zu tun. Kurzfilme sind großartig: Sie korrespondieren mit meiner Aufmerksamkeitsspanne. Sind sie schlecht, so dauert die Qual wenigstens nicht allzu lange, und sind sie gut führen sie zu Momente luzider Klarheit, die durch ihre Kürze nie an Frische und Elan verlieren. Ein weiterer entscheidender Aspekt: die filmische Avantgarde, die mir immer mehr ans Herz wächst, greift zumeist auf die Kurzform zurück – auf Festivals wie dem VIS erwarte ich mir also eine geballte Ladung experimenteller, visueller Geschmacksexplosionen.

Nicht zuletzt möchte ich die Umstände betonen, in denen Kurzfilme gezeigt werden: Ist beim Langfilm das Double Feature das höchste der Gefühle, so kann ein Kurator eines Kurzfilmprogramms aus dem Vollen schöpfen und die einzelnen Filme zu einem größeren Ganzen emporheben.

"Unstill Life" von Zeitguised

Unstill Life von Zeitguised

Nach dieser kurzen Vorrede nun ein konkreter erster Einblick in das bunte Treiben: Freitagabend lud das Festival zur feierlichen Eröffnung im Gartenbaukino. Wobei feierlich vielleicht das falsche Wort dafür ist. Das VIS gibt sich betont studentisch-hip-alternativ. Zum einen weil es dem persönlichen Charakter des jungen Teams entspricht, zum anderen wohl auch aus budgetären Gründen. Die Präsentation des Festivals und der Partner gestaltet sich dementsprechend schlank, reduziert, humorvoll, selbstironisch. Gesprochen wurde erfreulicherweise nur vergleichbar kurz – dafür auf Englisch – den Hauptteil des Abends bilden die Filme selbst. Neun Werke wurden gezeigt, die die volle Bandbreite des Kurzfilms repräsentieren. Von abstrakter Digitalkunst bis Ultrakurzdokumentarfilm war alles dabei, der älteste Beitrag (Bert Haanstras Zoo) stammte aus dem Jahr 1962, der jüngste (Momoko Setos Planet Σ) wurde erst vor zwei Wochen fertiggestellt.

Trotz dieser Programmierung wirken die Filme nie zusammengewürfelt und zerfahren. Diesen Effekt ruft allerdings das unmögliche Publikum hervor, das sich nach dem ersten Block in Massen aus dem Saal begibt um sich mit Getränken zu versorgen. Solch ein Verhalten stößt bei mir auf Unverständnis – zumal die Reden, wie bereits erwähnt, kurzgehalten waren. Von dem Titel „Manifest für ein geschlossenes Kino“ für diesen Artikel habe ich dann doch abgesehen. Aber gerade ein Filme Boring Angel, Clonal Colonies oder Unstill Life verlieren enorm an Effekt, wenn die Aufmerksamkeit durch öffnende Kinotüren gestört wird.

"Zoo" von Bert Haanstra

Zoo von Bert Haanstra

 

Nach dem Festivaltrailer (großartig: ein explodierender Goldfisch) durfte John Michael Bolings Boring Angel das Festival filmisch eröffnen. Der Film ist eine Abfolge von gängigen und weniger gängigen Emoticons in wechselnder Geschwindigkeit vor weißem Hintergrund. Das mag abstrakt klingen, lässt sich aber narrativ als die Geschichte des Lebens deuten (der Film endet mit einem Totenkopf). Neue Dimensionen eröffnen sich aber durch einen ästhetischen Blick. Die rasche Abfolge einiger dieser Emoticons führt zu einem überlappenden Eindruck – ein Festmahl für Gestalttheoretiker – der Film zeigt mehr als seine Einzelbilder.

Auf diesen rasanten Einstieg folgte der imposanteste der neun Beiträge an diesem Abend. Momoko Setos Planet Σ, der im Rahmen von Setos Aufenthalt als Artist in Residence im Museumsquartier entstanden ist. Der Film ist zugleich Genesis wie Apokalypse. In beeindruckenden Bildern (aber laut Filmemacherin ohne Computerunterstützung) betätigt sich Seto als Weltenschöpferin in einem fremden Universum. Lässt Insekten aus ihrem ewigen Schlaf erwachen um ihnen schlussendlich den Gar aus zu machen. Eine große Parabel über die Entstehung und den Niedergang der Welt? Bestimmt aber ein atemberaubendes visuelles Spektakel.

La Lampe du Beurre de Yak von Hu Wei und Colonal Colonies von Brett Battey mit Live-Soundbegleitung durch Richard Eigner rundeten den ersten Filmblock ab. Wei zeigt einen Fotografen, der in (Tibet?) China verschiedene Familien porträtiert. Der Film wurde begeistert beklatscht – die Redundanz und das brachiale „Save Tibet!“-Gehabe scheinen angesichts der politischen Dimension des Films in den Hintergrund zu treten. Colonal Colonies hingegen ist ein unpolitischer Film und mit Abstand das abstrakteste was an diesem Abend gezeigt wurde – eine Abfolge von digitalen Mustern und Grafikelementen – beinahe halluzinatorisch.

"La lampe au beurre de yak" von Hu Wei

La lampe au beurre de yak von Hu Wei

 

Nach einer kurzen Zwischenrede durch die Moderatorin folgte das zweite Filmprogramm. Der erste Film des Programms Michael S., Versammelt ist eine famose, aber leider sehr kurzen Dokumentation über einen deutschen Sammler von 8mm-Filmen bzw. dem Einfluss seines Hobbys auf sein soziales Leben. In eine ähnliche Kerbe schlug Person to Person von Dustin Guy Defa – ein 16mm-Film über den Besitzer eines nerdigen Plattenladenbesitzers, der nach einer WG-Party mit einer schlafenden Frau auf seinem Flur konfrontiert ist. „Person to Person“ war, darf man dem Publikumszuspruch und meinem persönlichen Gefühl trauen, der unterhaltsamste Film des Abends.

Zwischen diesen beiden Filmen kam mit Harmony Korines Snowballs der Star des Abends im Programm (mit Korines Namen wurde aktiv für das Festival geworben und tatsächlich ist er wohl der prominenteste Regisseur im Aufgebot). Snowballs eignet sich sehr gut als absurdes Zwischenspiel inmitten liebevoller und persönlicher Filmporträts, kann aber seinen marktschreierisch-schrillen Gestus (wie man ihn von Korine gewohnt ist) nie ganz ablegen.

Die Künstlertruppe Zeitguised lieferte mit ihrem neuesten Film Unstill Life den wohl enigmatischsten Beitrag an diesem Abend. Computeranimation mit betont fotorealistischem Look – bewegende Formen – sind es Betonbrücken? Das Leben steht nicht still – schön.

Abschließend wurde noch ein Film gezeigt, der stellvertretend für eines der Spotlights des Festivals steht. In Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum und dessen 50-jährigem Geburtstag zeigt das VIS ein Programm aus Filmen, die 1962 bei der von Peter Konlechner geleiteten Internationalen Kurzfilmwoche liefen. Der niederländische Beitrag Zoo von Bert Haanstra, ein komisches, dialogloses Klamaukspiel, das Zoobewohner und Zoobesucher gegenüberstellt. Ein leichtmütiger Abschluss für einen angenehmen Abend – danach durfte wieder einmal das Gartenbaukino-Foyer als Tanzfläche von allen Partywütigen zweckentfremdet werden.

Tsai Ming-liang Retro: Liebesbrief an Lee Kang-sheng (und Chen Shiang-chyi)

Lieber Lee Kang-sheng (und Chen Shiang-chyi),

ich habe dich gesehen, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob du mich auch gesehen hast. Um ehrlich zu sein, habe ich dich schon als Jugendlichen gesehen. Du warst ein wenig wie ich und hast andere Menschen beobachtet, ohne dass sie dich beobachtet hätten. Du warst ein rebellischer Scooterboy und ich wollte mit dir und deiner Sonnenbrille durch Taipeh fahren. Wenn du etwas anschaust, dann scheinst du direkt hindurch zu blicken, immer an dich selbst denkend, an dir selbst leidend. Du hast ein derart klares Gesicht, das scheinbar kein Alter kennt, sondern immer nur ein Spiegel für mich ist. Ich habe gesehen wie du dich unter der Matratze versteckt hast, ich habe gesehen wie du auf einer Matratze gepflegt wurdest. Deine Einsamkeit und deine Unfähigkeit dich Mitzuteilen greifen mein Herz an. Du bist oft an fremden Orten, du lebst dort sogar. Ich weiß nicht, wo ich dich finden könnte, sag mir wo ich dich finden könnte. Du bewegst dich manchmal sehr langsam, vielleicht bist du ein wiedergeborener Prinz? Ich frage mich, wie du die Treppen in Marseille wieder nach oben gekommen bist. Bist du religiös? Zwar waren vor mir die Kinobilder, aber was ich wirklich sehen wollte, warst du als Filmvorführer. Ich hatte an diesem Tag im Kino das Gefühl, dass du ein wenig wie Tony Leung aussiehst, aber ich mag Tony Leung. Ich bin zu dir in den Projektionsraum geklettert und habe dir etwas zu Essen gebracht. Ich bin mir nicht sicher, ob du es gesehen hast. Du warst nicht dort. Wahrscheinlich hast du geraucht. Du rauchst schöner als andere Menschen. Man hat mir gesagt, dass du sogar im Kino lebst, vielleicht sogar ein Geist bist. Es macht mir Angst daran zu denken, dass du nicht echt sein könntest.

Vive l'amour

Wir haben auch eine gemeinsame Faszination: Truffaut. Zwar weiß ich nicht, ob du dir „Les 400 Coups“ nur wegen Paris angesehen hast, aber wenn man dich ansieht, fühlt man sich als würde man sich ganz schnell im Kreis drehen. Der Boden unter den Füßen verschwindet. Und plötzlich warst du dann selbst in Paris und du hast einen Film gedreht. Erst habe ich mir Sorgen gemacht, weil du bei deinem letzten Filmdreh furchtbare Nackenschmerzen bekommen hast, aber dann habe ich dich zusammen mit all diesen schönen Menschen gesehen und wusste, dass es dir gut geht. Du hast „Antonioni“ gesagt. Was hast du mit dem Hirsch gemacht? Du musst dich nicht bewegen, um alles in mir auszulösen, um mich zu bewegen. Wenn du ganz starr blickst, spielen sich hunderte Emotionen allein durch deine Haltung ab. Ich habe selten einen Menschen öfter beim Essen und auf der Toilette gesehen als dich. Ich will die Zeit zurückdrehen und alles nochmal mit dir erleben. Von den Spielhallen, zu deinem Fuß, der von meiner Decke hängt bis zu deiner Pornokarriere, die in die Obdachlosigkeit führt. Wenn du einschläfst, sehe ich weiß. Ich kenne deine dunklen Geheimnisse und die deiner Familie. Ich vermag nicht über deine Familie zu schreiben. Das ist deine Sache. Deine Eltern haben mich mitgenommen als wäre es meine eigene Familie. Du hast ein Taiwan Fever in mir ausgelöst, ich will eine Gasmaske tragen und dich damit küssen, bis ich weiß, ob du ein Geist bist. Du kannst auch für mich singen, wenn du magst. Ich habe dich oft dabei gesehen.

The Wayward Cloud

Aber es gibt auch diese Frau. Ich bin mir nicht sicher, ob du sie gesehen hast. Ihr Name ist Chen Shiang-chyi. Sie ist eigentlich genauso verloren wie du. Du kennst sie, du bist in ihrem Mund gekommen. Du hast die Zeit für sie verändert, aber nicht dich selbst. Sie hat eine Uhr bei dir gekauft, also bin ich ihr gefolgt und habe mich auch in sie verliebt. Als sie aus Paris zurückkam, wollte ich sie an der Hand durch die Stadt führen. Sie wirkt immer verloren und überstrahlt doch alles, ein verirrter Engel vielleicht, auch ein Geist? Sie hat dir auch etwas zu Essen gebracht an diesem Tag im Kino. Du hast auch mal mit ihr gekocht. Einmal musste ich ihren widerlichen Melonensaft trinken, ich habe ihn heimlich weggeschüttet. Erst später habe ich verstanden, was es für sie bedeutet, wenn sie mir einen Melonensaft gibt. Sie bewegt sich immer fliegend, selbst wenn sie schläft. Ihr Blick ist neugierig, verlangend und offen. Ein tiefer Schmerz lauert dahinter. Ich habe euch gesehen wie ihr ein Bild betrachtet habt. Ich würde euch so in mein Zimmer stellen, damit ich euch immer ansehen kann wie ihr etwas anseht. Ich schreibe euch daher diesen Brief zusammen, weil ich am liebsten auf einer im Wasser treibenden Matratze mit euch beiden schlafen würde. Wenn das nicht geht, weil ihr Geister seid, versprecht mir wenigstens, dass ihr euch das nächste Mal erkennt, wenn ihr euch begegnet und berührt, wenn ihr euch berühren wollt.

The Wayward Cloud What time is it there

Ich muss jetzt aufhören, weil es von der Decke tropft.

 I don't want to sleep alone