Viennale Tagebuch: Zwei Gutenachtgeschichten und das Ende des Kinos


Wenn man an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zwei sehr ähnliche Filme ein und des gleichen Regisseurs anschaut, dann kann das schon mal zu Überlappungen in der Wahrnehmung führen. Bei mir war das an den letzten beiden Tagen bei Hong Sang-soo und seinen „Nobody’s Daughter Haewon“ und „Our Sunshi“ der Fall. Der äußere Stil von Sang-soo wirkt ein wenig wie eine nette Teerunde unter Rentnerinnen oder vielleicht eine liebe Gute-Nacht-Geschichte. Darunter mag sich etwas verbergen, aber wenn man wie Woody Allen praktisch ständig denselben Stil abfährt, der mit seinen langen, ungeschnittenen Dialogsequenzen und künstlerischen Zooms durchaus von hohem Wert ist, dann hat das etwas selbstgefälliges, was ich im Kino nicht sehen mag. In beiden Filmen stellt der Regisseur eine junge Frau an der Schwelle des Erwachsenwerdens ins Zentrum. Und in beiden Filmen bleibt diese Figur undurchdringbar, mit einer merkwürdigen magischen Aura, die Männer in Scharen anzuziehen scheint. „Our Sunshi“ kam mir dabei etwas durchdachter vor, weil er mit seinen klaren Formen und seinem System der Wiederholung von Anfang an als Gute-Nacht-Geschichte in lieben Farben angedacht war, während „Nobody’s Daughter Haewon“ eben doch ein vielschichtiger Film sein könnte, aber in seiner Form erstickt. Jedenfalls haben die Programmierung des Festivals und der Regisseur nichts dafür getan, dass ich in Zukunft diese beiden Filme auseinanderhalten kann. Aber irgendwie hat dieser Rauschzustand ja auch etwas schönes. 

In Strömen hat das Publikum „Història de la meva mort“ von Albert Serra verlassen. Einen derartigen Exodus habe ich im Kino noch nie erlebt. Grausam wie das Licht aus dem Foyer im Metrokino die Bilder auf der Leinwand zerschnitten hat, die Türen krachten, Handybildschirme leuchteten auf. Der Film selbst ist natürlich einer der besten des Jahres. Eine epische Meditation über Versuchung, Tod, Unschuld und Begehren. Heute hatte ich zudem die große Ehre Albert Serra zu interviewen, der mehr oder weniger in jedem Satz eine Provokation unterbringt. Allerdings gab er zu, dass es ihn frustrieren würde, wenn die Menschen aus seinen Filmen gingen. Verändern würde er sich aber nicht. Mir stellen sich da schon einige Fragen. Der Film hat schließlich den Goldenen Leoparden in Locarno gewonnen und wird von vielen Kritikern zu Recht hochgelobt. Warum liegen die Wahrnehmungen von Cinephilen und dem Mainstream immer so weit auseinander? Ist der Cinephile gar eine Antwort auf den Mainstream? Für mich ist dieses Kino Musik. Wenn Menschen Musik hören, würden sie nie nach einer Bedeutung fragen. Sie lassen sich einfach auf die Emotionen und den Rhythmus ein. Bei Kino scheint das der breiten Masse völlig unmöglich. Warum? Liegt es an den Feuilletonclowns, die keine Ahnung vom Kino haben, aber Filme nach ihrer gesellschaftlichen Relevanz bewerten und damit Trends und Geschmäcker prägen? Liegt es an den Fernsehanstalten, die alles in ihre Formate quetschen, die Marktanalysen erfinden, um zu wissen, was wir Menschen, der Mensch an sich, die Zielgruppe per se brauchen? Und damit wächst man auf und lebt man weiter. Liegt es an den Universitäten, wo frustrierte und oft gescheiterte Regisseure sich länger im Spiegel betrachtet haben als, dass sie die Leinwand betrachtet haben und ihren Studenten immer wieder sagen, dass es Psychologie und so weiter braucht. Dabei ist ein psychologisches Kino eben nur eine Form des Kinos. Bei Film als Gefühl geht es auch gar nicht um Intellekt, sondern so wie in der Musik sind diese Emotionen ja für jeden greifbar unabhängig von Bildung oder Interessen. „Història de la meva mort“ ist sicherlich schwer zugänglich, aber er folgt klaren menschlichen Themen. Selbst die grob skizzierte Handlung ist absolut verständlich. Ich verstehe nicht, warum man verstehen muss.„La última película“ von Mark Peranson und Raya Martin beklagt vielleicht auch deshalb ein Ende des Kinos. Der Film beschwört nicht nur ein Ende des Films als Material (ein durchgehendes Thema hier in Wien), sondern eben auch ein Ende der klassischen Wahrnehmung. Dabei kommt er sich aber ein gutes Stück zu originell vor. Der doppelte Boden auf dem das stattfindet, nämlich das Making-Of zu Dennis Hoppers „The Last Movie“ transferiert sich nicht ganz als solcher und so bleibt unsympathisch und größenwahnsinnig, was eigentlich nur ein Portrait dieser Eigenschaften hätte sein sollen. Experimentalfilm ist nicht so neu wie er hier versucht zu sein.

Viennale Tagebuch: Warten auf Porumboiu


Heute Morgen fand ich mich zum Interview mit Corneliu Porumboiu ein, einem anerkannten Meister des Absurden, der einmal gesagt hat, dass die Rumänen das Absurde erfunden hätten. Um 10 Uhr war ich dort und nach 15 Minuten kam man zu mir und sagte mir, dass er sich um eine Stunde verspäten würde. Er hatte verschlafen. Eine absurde Situation, in die mich Herr Porumboiu da versetzte. Ich saß etwas hilflos auf dem Sofa im Pressezimmer, da kam plötzlich Matt Johnson, der Regisseur aus „The Dirties“ um die Ecke und fragte mich „Are you a filmmaker?“. Dann hörte ich zu wie dem großartigen Jonathan Rosenbaum über eine lange Zeit anhand diverser Karten der Weg zum Festivalzentrum erklärt wurde. Kurz raus an die Sonne, dachte ich bei mir und lief schon wieder Klaus Lemke und seinem Zirkus über den Weg. Das Hilton war ganz wie das Hotel in „Tystnaden“ von Ingmar Bergman, nur die Nacktheit fehlte (noch). Hans Hurch ging dreimal im Kreis umher und Joshua Oppenheimer hatte große Schwierigkeiten mit dem Kaffeeautomaten. Der offizielle Fotograf der Viennale fotografierte mit Schal alles und jeden vor irgendwelchen Wänden. Schließlich kam Porumboiu und trotz seiner offensichtlichen Müdigkeit und dem Stress war er ein äußerst tiefgehender und guter Gesprächspartner.
„Class Enemy“ von Rok Bicek wurde ziemlich gefeiert vom Publikum und ich konnte mich dem nicht so ganz anschließen. Es geht um eine Schulklasse, die gegen ihren autoritären Lehrer rebelliert nachdem sich eine Klassenkameradin umgebracht hat. Zwar wirft der Film einige interessante Fragen bezüglich Erziehung und Ethik auf, aber dazu kann ich entweder in eine Philosophie-Vorlesung gehen oder irgendeine kritische Zeitung durchblättern. Wilde POV-Wechsel, unmotivierte Schnitte und ein konstruiertes Themengerüst, das sicherlich interessant ist, nicht aber filmisch. Ästhetisch hat der Film einfach alles von „Entre les murs“ von Laurent Cantet geklaut und immer mal wieder bringt er auch ein wenig „Monsieur Lazhar“ mit ins Spiel. Jump-Cuts und Achsensprünge um machtlose Lehrer herum, die vor überbelichteten Fenstern nachdenken, kurze prägnante Eindrücke von Schülern, das Nicht-Verlassen des Gebäudes. Alles schon gesehen, nicht lange her, weitaus besser gemacht. Im Q&A ging es dann solange über irgendwelche Publikumsreaktionen in der Slowakei und die Selbstmordrate in Österreich, dass ich kurz die Verbindung zur Viennale verlor. Aber da stand plötzlich wieder der Fotograf mit Schal neben mir und knipste munter Bilder und mir wurde klar, dass mein Leben doch wieder absurd war. Spätestens als ich meine Besprechung zu Porumboius Film erweiterte und übersetzte, um dann festzustellen, dass ich dieses Review gar nicht schreiben muss.   

Viennale Tagebuch: Selbstverliebte Nerds in Batmankostümen ballern sich durch die Schule


Der dritte Tag auf der Viennale war ein Tag der selbstverliebten Filmemacher. Zunächst rannte einer davon im Batmankostüm durch die Kaspar Hauser Legende. Die Rede ist von Aberto Gracia und seinem „The Fifth Gospel of Kaspar Hauser“, einem an sich furchtlosen Experimentalwerk, das sich meditativ der Figur des Kaspar Hauser mit inneren Bildern und unterentwickelten 16mm-Bildern annähert. Dabei wird ein Pferd in seine Einzelteile zerschnitten während Chopin zu hören ist, nach dem Buchstaben A in Formen der Umwelt gesucht und darin ist eben auch der Regisseur selbst zu sehen, verkleidet als Batman, rauchend und einmal das Batman-Thema erfolgreich fordernd. Es wirkt so als hätte Gracia Freude daran seinen eigenen Film zu zerstören. Das müsste per se nicht schlecht sein, aber er zerstört nicht den Film, sondern zeigt lediglich, dass ER es könnte. Dadurch wird das Ganze zu einem anstrengenden Film, der viele schöne und körperliche Momente hat, aber sich niemals wie das Kunstwerk anfühlt, das es vorgibt zu sein. Surreale Bilder und Töne, das Thematisieren des Filmmaterials und das ewige Verweigern von Erwartungen alleine sind nur die Zutaten eines Experimentalfilms, nicht aber seiner Wahrheit.

Da die Viennale es für richtig hält 3 Euro für ihre Schlüsselbänder, an denen man die Akkreditierung befestigen kann, zu verlangen, trage ich die Viennale-Karte am Schlüsselband des Hamburger Filmfests. Schön ist wie der Scanner manchmal durch die Folie kommt und manchmal nicht. Verkrampfungen, Flüche und verlegenes Lächeln inklusive. Ich hätte lieber für das Jerry Lewis Buch gezahlt als für das Schlüsselband. Am Abend im alten Stadtkino sah ich „The Dirties“ von Matt Johnson. Eine Hymne an das Nerdtum, die sich postwendend in einen Albtraum verwandelt, aber dabei weiter nerdig bleibt. Zwei Freunde drehen einen fiktiven Film über einen Amoklauf an ihrer Schule, der nach und nach immer realer wird. Dabei setzt Johnson ganz auf bekannte Formen der Fake-Documentary. Sein Freund und er tragen ihre wirklichen Namen und er schneidet dokumentarisches und fiktionales Material so durcheinander, dass man nicht mehr unterscheiden kann. Nach dem Screening sagt Matt Johnson, dass diese Erzählformen mit der Adressierung der Kamera spätestens mit „The Office“ und „Arrested Development“ immer populärer werden. Dabei spielt er seine Rolle nach dem Film gleich weiter und so ganz mag ich ihm seine „Wir haben das nur mit Freunden gedreht“ Geschichten nicht glauben. Ansonsten sprudelt es aus Film wie Regisseur nur so an Zitaten und Anspielungen. Einen Film über einen Amoklauf zu machen, indem der Täter das T-Shirt aus „Elephant“ trägt, hat schon eine besondere Note und der Schock über die Ernsthaftigkeit sitzt auch sehr tief nach dem anfänglichen Spaß. Im ständigen Überlappen von Fiktion und Dokumentation verpasst der Film es aber letztlich sowas wie eine Realität zu erschaffen. Dafür schafft er jene taube Welt, die auch schon „Spring Breakers“ zu einem Generationenportrait gemacht hat. Etwas selbstverliebt meint Johnson, dem man das aber gar nicht so böse nehmen kann, weil er eben wie Quentin Tarantino einem Wasserfall an Quergedanken gleicht, dass dies eine neue Art des Kinos sei, was sicherlich ein wenig übertrieben ist. Jedenfalls wird sein Q&A als eines der unterhaltsamsten der diesjährigen Viennale mit Sicherheit für Furore sorgen. Auf dem Heimweg wird mir irgendwie auch klar, dass der Film auf eine merkwürdige Weise meine eigene Jugend thematisierte. Die Zeit, in der alles ein Film war und ich immer spielte und Ideen sammelte. Eine unschuldige Zeit, in der die gefährlichsten Dinge passieren. Sie könnte noch immer sein.