Liebesbrief an Michelle Williams


Liebe Michelle Williams,
ich habe dich gesehen, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob du mich auch gesehen hast. Du standest in der Küche und wusstest nicht, ob du geliebt wirst. Dann wusstest du, dass du nicht geliebt wirst und hast so sehr mit dir gekämpft, dass es mich ergriff. Deine Augen scheinen immer etwas jenseits deiner Umgebung wahrzunehmen, manchmal wirken sie leer und resignierend, manchmal funkelt in ihnen aber das pure Leben auf. Ich habe dich auf der Party von Bob Dylan gesehen. Du bist durch den Raum getorkelt wie ein gefallener Engel, man hat dir dein vergebliches Bemühen um Eigenständigkeit und Eleganz so sehr angemerkt und du warst unberechenbar und faszinierend.

I’m Not There von Todd Haynes

Brokeback Mountain von Ang Lee
In deinem Lächeln versteckt sich immer schon deine Trauer und wenn du deine Tränen wegwischst, könntest du strahlen wie die Sonne. Ich hatte den Eindruck du hattest genug vom Leben. Du bist ausgestiegen und dann habe ich dich beobachtet wie du deinen Hund verloren hast. Dein Kampf gegen Ungerechtigkeit hat mir gezeigt, was ich an dir so schätze: Du verkörperst immer zugleich Stärke und Schwäche, kurz: Menschlichkeit. Selbst wenn du resignierst, lebst du. Du bist auf die größten Exzentriker gestoßen. Zum Beispiel Männer, die New York für ein Theaterstück nachbauen und dabei bist du immer wie aus einem Traum geblieben, irgendwie schwer zu fassen und doch im höchsten Grade faszinierend, weil dein Wanken und deine Müdigkeit immer noch genug Herz mit sich tragen, um zu erfrischen. 
Synechdoche New York von Charlie Kaufman

Wendy & Lucy von Kelly Reichardt
Du warst traurig, weil du den falschen Mann geheiratet hast. Das passiert dir anscheinend immer wieder. Wenn du traurig bist, bilden die Tränen einen goldenen Film auf deinen Lidern und jedes Blinzeln lässt dich tiefer in dir selbst verschwinden. Deine Küsse waren aufrichtig, weil bei dir alles aufrichtig zu sein scheint. Dein vergebliches Bemühen nach einem stabilen Leben, die stillen Momente der Freude, die du nur in bewegenden Andeutungen teilst, lassen deinen Mut eine Frau jenseits jeglicher Klischees zu sein noch stärker erscheinen. Denn du bist umgeben von Klischees, bewahrst dir aber eine Natürlichkeit, die es selten gegeben hat. Ich habe gesehen, wie du dich in den Armen deines Mannes aufgelöst hast, wie du unerreichbar für ihn bliebst, unecht und surreal. Deine kalte Freundlichkeit trug den Schmerz des Lebens in sich, denn du so breitgefächert vermitteln kannst. Bei dir schwingt immer Sterblichkeit mit. Es ist eine angstfreie Sterblichkeit, denn dass du eine große Stärke besitzt hast du mir in der Wüste gezeigt. 
Shutter Island von Martin Scorsese

Blue Valentine von Derek Cianfrance

Du gingst vorweg in einer von Männern dominierten Welt und dein Wanken wurde plötzlich zu einem Marschieren, dein Weinen wurde zum Schuss mit einer Waffe. Wenn du willst, gibst du mir keinen Halt in deinen Gesten und Taten. Du kannst größer sein als das Leben. Selbst wenn du dich äußerlich kaum verändert hast in all dieser Zeit, habe ich doch hundert Gesichter an dir gesehen. Du hast mit dir selbst gerungen, du ringst so gerne mit dir selbst. Als du dein Glück in Momenten findest, in denen du gleichzeitig eine Schuld spürst, vermittelst du das mit einer Geradlinigkeit, bei der alle Emotionen an dir lesbar sind ohne, dass sie zu einfach gestrickt wären. Du hast keine Angst vor deinem Körper, denn du hast keine Angst dich mit deiner Seele auseinanderzusetzen. Am liebsten würde ich ein Lied für dich spielen, sodass du dazu tanzen kannst, dich in meinen Träumen wenigstens für Sekunden festhalten können und dir helfen deinen Hund zu finden. Aber du bist ein Geist, eine Illusion; du löst dich tatsächlich immer vor mir auf, sobald ich dich gesehen habe. Deshalb will ich dich immer wieder sehen. Ich kenne niemanden der Verlust von Liebe, Verlust von Leben und Verlust von Selbstbezug so gut darstellt wie du. Ich hoffe ich kann dich noch häufiger sehen.
Meek’s Cutoff von Kelly Reichardt

Take This Waltz von Sarah Polley

Stellet Licht von Carlos Reygadas


Mit der ersten Einstellung ist man mitten in der Natur gefangen, die Soundkulisse erdrückt einen von der ersten Sekunde in „Stellet Licht“ von Carlos Reygadas. Der Film beginnt mit einem intensiven Blick auf den Sonnenaufgang und endet mit dem Sonnenuntergang. Doch  fragt man sich am Anfang des Films noch, wer sich hinter unserem Blick befinden mag, wem diese Aussicht in die aufgehende Sonne gehört, so bleibt am Ende nur der Horizont, der sich hinter den tausenden Geräuschen von Grillen, Gräsern, Donnern und Wind befindet und trotz seiner allmählichen Verdunkelung, so etwas wie Hoffnung vermittelt.

Natur und Kreislauf sind zwei Berührungspunkte von Reygadas in „Stellet Licht“. Über sie vermittelt er wahre Gefühle in einer einfachen melodramatischen Situation eines Mannes, der zwei Frauen zugleich liebt. Beide Frauen wissen voneinander und mit einer ist der Farmer Johan verheiratet und hat viele Kinder. Hier wird kein Betrug und keine menschliche Boshaftigkeit inszeniert sondern schlicht das Leid von einer Liebe zu viel. Die Charaktere scheinen sich jederzeit ihrer Schwäche bewusst. Den Effekt des Sakralen erhöht Reygadas noch, indem er seine Handlung in einer mexikanischen Mennonitengesellschaft ansiedelt. In einer Welt, in der jeder Schritt bedacht ist, jede Handlung reflektiert wird, ist das Leid über das eigene Versagen um ein vielfaches größer. Die Menschen sind Teil der Natur und sie sind ihr ausgeliefert. Gefühle sind größer als der Verstand und langsam beginnen die Charaktere daran zu zerbrechen. Die Natur dringt förmlich durch die Menschen hindurch, die ihr völlig machtlos ausgeliefert sind. Immer wieder zeigt Reygadas einen völlig unerwarteten Gegenschuss. Befindet man sich gerade noch im Haus mit Blick auf das Fenster, blickt man in der nächsten Einstellung von außen auf das ganze Haus und vermag die Handlung hinter den dunkeln Scheiben nur mehr zu erahnen. Der Schweiß oder Regen tropft den Figuren von ihren Gesichtern, sie können sich nicht dagegen wehren und müssen in ihrer Natur leben. So ist es auch später als Johan im strömenden Regen nach seiner Frau suchen muss. Johan scheint nicht aktiv in seine Handlungen zu treten. Wenn er zu seiner Geliebten fährt, dann geschieht das einfach. Dadurch, dass nie gezeigt wird wie es zu einer Entscheidung kommt, sondern immer erst in die eigentliche Handlung geschnitten wird, scheinen die Figuren Teil einer größeren Welt zu sein, in der sie nur im Rahmen gewisser natürlicher Triebe agieren können. Reygadas fängt Liebe als ein Gefühl ein und nicht, wie so oft in Filmen, als Handlung. So denkt Johan gerade noch nach und versucht sich klar zu werden, was er machen soll, bevor er im nächsten Moment im Auto sitzt, um seine Geliebte zu treffen. Die Treffen selbst reduziert Reygadas auf die Essenz. Ein langer und echter Kuss auf einem windigen Hügel oder ein vertrautes Ausziehen in einem kleinen Zimmer. Leid visualisiert der Film in klaren Nahaufnahmen zweifelnder Gesichter. Und in jener Stille, in der später so viel Hoffnung liegen soll, auch wenn das Licht im Sonnenuntergang erlischt.

Durch seine ruhigen, symbolträchtigen Bilder wirkt der Film selbst teilweise wie eine biblische Erzählung. Da werden die Kinder in ihrer völligen Unschuld in einem Teich gewaschen und es wird über das Leben, die Ehe und den Tod gesprochen. Aber nicht viel, denn wie sein Vorbild Andrei Tarkowski vermittelt Reygadas genuin durch Bilderwelten und Geräuschkulissen. Dabei teilt er allerdings nicht das Interesse für das Wasser mit seinem russischen Vorbild, sondern konzentriert sich mehr auf das Land. Die Kamera führt ein Eigenleben, sie scheint zu entscheiden, wo sie sich befinden möchte. Dadurch entsteht sowohl das Gefühl des Ausgeliefertseins, als auch der Eindruck der Kamera als göttliche Macht. Als Johan seine Geliebte von seinen Kindern trennt, interessiert sich die Kamera zunächst dafür und fährt langsam auf die Situation zu. Doch als die Geliebte alleine steht, entschließt sich die Kamera den Schauplatz wieder zu verlassen. Und selbst in diesen strengen Kompositionen entdeckt Reygadas noch Momente der Poesie. Etwa ein im Regen fliegender Regenschirm oder der Blick eines Kindes in die Kamera. Wie häufig bei Ingmar Bergman, etwa in „Wie in einem Spiegel“, fühlt man eine den Menschen übersteigende Kraft. Trotz der Freiheit der Erzählung scheinen die Charaktere gefangen zu sein.

Freiheit, die den Tod als weitere Station der Natur begreift und damit einen Kreislauf schließt. Ein Kreislauf, der sich auch in den zwei Frauen schließt, die sich unterhalten und zum Leben erwecken. Ihre Emotionen pulsieren unter ihren nüchternen Blicken. Wenn sie die Gefühle nicht mehr kontrollieren können, endet ihr irdisches Leben. Ein Kreislauf, der sich in den ständigen Wechseln der Jahreszeiten findet. „Komm wir sehen uns den Schnee an.“, sagt der Vater zu seinem Sohn, als dieser ihm von seinem Dilemma erzählt. Das ist alles, was man tun kann, um zu verstehen: Die Natur betrachten, mit ihr leben. Bei Reygadas wusste Ödipus von Anfang an, dass er nach sich selbst sucht. In seiner Ernsthaftigkeit gelingt es Reygadas tatsächlich die Schönheit des Leidens zu finden. 

As I was Moving Ahead, Occasionally I saw Brief Glimpses of Beauty von Jonas Mekas


As I was Moving Ahead, Occasionally I saw Brief Glimpses of Beauty” von Jonas Mekas ist laut Angabe seines Filmers (nicht: Filmemachers, Regisseurs) ein politischer Film. Insofern ein politischer Film, weil er einen zutiefst subjektiven Blick auf die Welt wiedergibt und so einen Standpunkt über das Leben vertritt. Und dieser Standpunkt ist im Fall von Mekas die Blickweise eines Romantikers. Das Leben als eine Art verspätete Hippie-Utopie, indem alles von Harmonie und Frieden geprägt wird. So zeigt der Film über fast fünf Stunden größtenteils zufällig aneinandergereihte Bilder der Schönheit, Eindrücke aus einem Leben, das außer einer manchmal anklingenden Einsamkeit frei von Schmerz, Krankheit und Streit zu sein scheint. Doch im Gegensatz etwa zu Terrence Malick und seinen Visionen von Gnade und Natur, entschuldigt sich Mekas schon fast für seinen rosa Blick auf die Welt; er mache eben einen politischen Film und er wisse, dass das Leben nicht für alle Menschen so verlaufen würde.

Mekas ist ein Filmer, dem man der sogenannten Avantgarde-Szene New Yorks zuordnen muss. Narration sucht man also vergeblich, wobei gerade in „As I was moving ahead…“ durch den Voice- Over von Mekas durchaus sowas wie ein roter Faden auftaucht, ein roter Faden des „Nothing“, der immer wieder betont, dass das Leben nur aus Momenten besteht, schönen flüchtigen Blicken der Erinnerung, die beginnen vor Mekas selbst und vor dem Zuseher vorbeizuziehen. Irgendwann beginnt man diesem Duktus zu folgen. Mekas scheint eine genuin dem Film entsprechende Sichtweise auf das Leben zu vertreten, denn wie seine Erinnerung, wie seine Wahrnehmung aus Momenten besteht, wie er betont, dass die Schönheit des Lebens in kurzen Augenblicken auftaucht, so ist das Wesen des Films (zumindest des analogen) ja ähnlich zerstückelt, von kurzen Momenten geprägt. Es ist ein Aufflackern, der Schönheit, das im Moment seiner Existenz schon wieder verschwindet. Beliebig werden die Szenen ohne jede Chronologie aneinandergereiht und es entsteht ein Sog, der derart eindrücklich zeigt wie sich ein Film von „Glimpses“ und „Slices“ ernähren kann, wie das Kino ganz zu sich selbst findet in Fragmenten statt der erzwungenen Ganzheit und Rundheit, die das narrative Kino so oft bestimmen. Im Zufall liegt hier die Subjektivität eines Filmers, der sich treiben lässt statt zu kontrollieren. Inhalt und Form gelangen zu einer perfekten Einheit, denn beides sind nur Fragmente.
Und dann tauchen in dieser großen Collage, der scheinbaren Belanglosigkeiten Musikstücke von Wagner auf und man bekommt ein Gefühl (selbst wenn ich dieses Wort normalerweise zu oft benutze, hier ist es absolut passend) für die Wichtigkeit des Augenblicks, für die Schönheit der Sekunden. Mit einer solchen Weisheit blickt Mekas etwa auf seine Hochzeit, auf ein gemeinsames Essen mit Freunden, auf einen Urlaub mit seiner Frau in Frankreich oder die Geburt seiner Kinder, dass man zweifellos anerkennen muss, dass sich das „Paradise“ in diesem kurzen Aufflackern versteckt. Und mit seinem scheinbar willkürlichen Vorgehen auf der Suche nach der Essenz seines/des Lebens zeigt Mekas, das man mit Film einen profunden Eindruck vom Leben geben kann.
Bei einer derartig langen Laufzeit wird man unweigerlich abschweifen an manchen Stellen. „As I was moving ahead…“ lädt einen förmlich dazu ein über sein eigenes Leben nachzudenken. In seinen selbstreflexiven Statements betont Mekas zwar, dass es sich um seinen Blick auf die Welt handelt, aber gleichzeitig sagt er auch, dass er sich fragt wie viele der Erinnerungen und Eindrücke denen des Zusehers entsprechen. Eine Identifikation mit dem „Nothing“, ein Schwelgen in Erinnerung wird ausgelöst; man verschwindet völlig in einem traumartigen Flimmern, versucht sich über Dinge klarzuwerden und spürt schließlich (wenn man sich auf den Bildersturm einlässt) jene Harmonie, von der jedes Bild so durchzogen ist. Statt affektive Reaktionen auszulösen, ist der ganze Film eine affektive Reaktion. Wenn Michelangelo Antonioni seine Kamera in „Il deserto rosso“ einem gelben Strich an der Wand folgen lässt, dann sucht er dort jene Schönheit, jene Beliebigkeit, die Mekas in seinem Leben gefunden hat. Und diese Bilder laufen so lange an einem vorbei, bis man sie fängt und begreift, dass diese Bilder real sind. Denn im Gegensatz zu Antonioni ist Schönheit und Liebe für Mekas keine Flucht, sondern Film und Leben zugleich.

Wenn man versucht sich an den Film zurückzuerinnern bleiben Fragmente: Ein klarer See im Winter, Rauch aus einem Kamin, die Unschärfe einer roten Blüte, eine Katze schaut aus dem Fenster, ein sich bewegender Vorhang, ein im Wind wehender Grashalm, eine Schlittenfahrt, ein Kind schaut auf die Wellen,…Ein bisschen schäme ich mich über diesen Film zu schreiben. An einer Stelle fordert Mekas den Zuseher etwas sarkastisch auf: „Read my film like the French guys teached you, read it.“ Ich bin weit davon entfernt  wirklich etwas über „As I was moving ahead…“ zu sagen, aber die Tatsache, dass ich selbst jetzt, wenn ich darüber schreibe, Tränen bemerke, die sich in mir bilden, zeigt, dass auch ich Momente der Schönheit bemerkte, als ich mich durch den Film bewegte. Ein Film, der sich in einem bewegt, vielleicht kann man Harmonie nicht besser in einen Film umwandeln.