Kurzfilm=Anti Cinema

Warum ist es eigentlich so üblich für uns junge, Möchtemal-Filmemacher Kurzfilme zu drehen? Schließlich würden ja die wenigstens bei entsprechender Nachfrage antworten: „Ich möchte mal Kurzfilmregisseur werden.“; Sicherlich, Kurzfilme werden als eine Art Sprungbrett verstanden, sie geben eine erste Chance das Talent der zuständigen Personen zu erkennen (in einfach konsumierbarer Zeit) und aufgrund ihrer oftmals einfacheren Produktionsbedingungen (weniger Drehtage, weniger finanzieller Aufwand etc) geben sie auch die Chance für die zuständigen Personen ihre eigenen Talente zu entdecken.

Koza-Kurzfilm von Nuri Bilge Ceylan

Professoren auf Filmschulen und auch viele bereits etablierte Filmschaffende betonen zudem immer wieder den Fakt, dass es deutliche einfacher ist sagen wir 5 Minuten Film in einer gewissen Qualität auf die Leinwand zu bringen, als 90 Minuten; dieses wäre erst mit wachsender Erfahrung möglich; bei Kurzfilmen sei es einfacher jeder Einstellung den gewünschten Grad an Perfektion zu geben. Man würde beim Machen von Kurzfilmen durch eine Art „Schule“ gehen. Das System ist weit verbeitet und anerkannt und ich frage mich, wie viele talentierte Filmemacher, die in der Lage wären herausragende Langfilme zu machen daran schon früh scheitern.

Les Mistons-Kurzfilm von Francois Truffaut

Was mir dabei immer wieder auffällt: Kurzfilme haben doch eine andere Art der Dramaturgie. Was ist, wenn man als Filmemacher einfach kein Gefühl für diese Art der Dramaturgie hat? Gerade erfolgreiche Kurzfilme leben oft von einer Art pointierten Dramaturgie, die eben auf irgendeine Form von Final Twist oder Schlussgag hinauslaufen, ähnlich einem Sketch. Mehr noch werden auf vielen Nachwuchsfestivals narrative Kurzfilme, Experimentalfilme, Animationsfilme und sogar Musikvideos in einen Topf geworfen. Die Rezeptionssituation ist gelinde gesagt eine Frechheit, weil der Kurzfilm in der öffentlichen Wahrnehmung eben nicht einzeln oder in logischen Gruppen konsumiert wird, sondern von gelangweilten Programmdirektoren im Bezug auf ihre Länge hintereinander gesetzt wird. (Es gibt natürlich Ausnahmen.) Im Buch „Godard on Godard“ habe ich einige Abschnitt gefunden, in denen der französische Filmdenker sich mit dem Thema auseinandersetzt und man bemerkt, dass der Unterschied vom Ende der 60er Jahre bis heute eigentlich kaum einer ist:

„Once again the Short Film Festival has played its usual dirty trick on live filmmaking by awarding the prize to an animated film.“

„For truth obliges me to say that none of us (Cahier du Cinema) believes in the short film as such.“

Warum wird im Kino kein ästhetischer Unterschied genommen zwischen Kurzfilm und Langfilm? Natürlich gibt es inzwischen Theorien, die sich mit Kurzfilmen beschäftigen (wenige) und es gibt auch Filmemacher, die ausschließlich im Bereich des Kurzfilmes tätig sind, aber jeder, der schon mal an einem Drehbuch für einen Kurzfilm gesessen hat und an einem Drehbuch für einen Langfilm kann nachvollziehen, dass das zwei völlig unterschiedliche, unvergleichbare Welten sind.

Godard bezeichnet Kurzfilme als Anti Cinema. „Short Film does not have time to think.“

„Through this very impurity it enables (…) many directors to prove their talent.“
The Lamp-Kurzfilm von Roman Polanski

Hier soll nicht der Kurzfilm schlechtgeredet werden; aber (wie auch Godard bemerkt) in der Literatur gibt es ja auch zwei völlig unterschiedliche Kategorien für Kurzgeschichte und Roman. Es würde niemand auf die Idee kommen das Potenzial eines Kurzgeschichtenautors zu untersuchen und daraus Rückschlüsse auf seine Fähigkeit Romane zu schreiben, ziehen.

Kurzfilme können wunderschön sein, berühren, aufrütteln,…sie können alles, was ein langer Film auch kann: Aber sie erreichen es ganz anders. Ich sage nicht, dass es nicht wertvoll ist Kurzfilme zu drehen, um als zukünftiger Regisseur weiterzukommen, ich sage nur, dass ein Kurzfilm kein Bewertungskriterium für die Qualität eines Regisseurs oder Drehbuchautors sein kann. Trotzdem verlangen alle Filmschulen Kurzfilme bei der Bewerbung, alle ersten Projekte auf Filmschulen sind Kurzfilme. Dabei gewinnt aber doch die Form über die Vision; wer seinen Film gerne Atmen lassen möchte, wird ihn ersticken müssen. Und zwar selbst, wenn keine Fernsehsender dafür zaheln, dass man eine bestimmte Länge einhält. So wird man schon früh erzogen.

Der „Dirty Dancing“-Selbstversuch

Ich habe Angst. Nach dem „Erlebnis“, dass ich mit diesem Teenie-Vampirfilm hatte, folgt nun der nächste Selbstversuch. Und zwar mit dem anerkannten 80er Jahre Kult-,Tanzfilm „Dirty Dancing“ von Emile Ardolino. Ich werde wieder alle 15 Minuten meine Gedanken spontan niederschreiben.
0-15min:
Im Unterschied zum „Vampirfilm“ schaue ich diesen Film in Begleitung an und so wurde ich schon im Vorspann, der mit einer Nicolas-Winding Refn-Drive-80er-artigen-Ästhetik aufwartet, ermahnt, dass es eigentlich unmöglich sei, dass ich diesen Film noch nicht gesehen habe. Nun gut. Los geht’s, mir wird gleich von einem Radiomoderator gesagt, dass ich mich bei dieser Musik verlieben muss. In den ersten 15 Minuten bleibt und ist das auch die einzige Thematik des Films. Da gibt es den Hauptcharakter. Gespielt von einer lockigen Jennifer Grey, sie ist nett und so und ihre Eltern wollen etwas anderes als sie und wir schauen sehr subjektiv durch ihre Augen auf diese Welt. Sie fahren in den Urlaub und dort gibt es anscheinend viele Möglichkeiten zu tanzen und ich bedauere, dass ich meine koralfarbenen Schuhe vergessen habe. Aber der Film lässt uns nicht lange auf sein eigentliches Highlight warten. Die Personifikation des 80er Jahre Looks erscheint hinter einem Regal, kurz und knapp und unglaublich hart und rebellisch: Patrick Swayze und seine Sonnenbrille. Später am Abend gibt es eine erste Kostprobe seines Tanzstils. Wahnsinn. Noch später am Abend, nach dem Jennifer Grey einen furchtbar interessanten Typen losgeworden ist, öffnet sich die Tür zu einer interessanten, orgienartigen Party. Wir sind entzückt.
15-30min
Eines ist klar: Jennifer Grey ist verliebt. Die wiederholende Naheinstellung ihres hingebungsvollen Gesichtes unterschnitten mit halsbrecherischen Tanzschritten, die Swayze mit einer Frau, die aber nicht seine Frau oder Freundin ist (gottseidank); dann wieder das verliebte, lockige Mädchen, dann wieder Swayze und Amerika feiert seine Äußerlichkeit. Die Äußerlichkeit der Liebe ist hier-wie in vielen Filmen-die Substanz auf der sich Identifikation gründet. Kommentar von links: „Wenn ein Mann tanzen kann, macht ihn das attraktiv.“; jetzt kommt dieser Swayze einfach zu ihr und sie stellt sich ungeschickt an, aber sofort entführt er sie in seine faszinierende Welt. Die Machomechanismen greifen hier durchaus, weil sie authentisch sind. Was ist das eigentlich für ein Ort? Gibt es sowas wirklich? Warum war ich mit meinen Eltern auch auf Ferienanlagen, die sich nicht wie eine Art Bordell angefühlt haben? Egal, macht die Sache spannend. Die blonde Nicht-Frau und Nicht-Freundin von Swayze ist schwanger. Nicht von Swayze. (gottseidank) Ihre Begründung, warum sie so gut tanzen kann, ist brillant. Ihre Eltern haben sie mit 16 Jahren rausgeschmissen und seit dem ist alles, was sie tut: Tanzen.  Ach so, was sonst. Endlich mal ein Charakter, der gut motiviert ist oder auch nicht. Den unsympathischen Typen ist Baby (so heißt Jennifer Grey tatsächlich) leider doch noch nicht losgeworden. Diese ältere Version von Tobey Maguire ist so schmierig, dass Swayze und sein Tanzstil gleich noch attraktiver werden. Dann öffnet sich die Tür zu einer interessanten, orgienartigen Party. Wir sind entzückt.
30-45min
In diesen 15 Minuten macht der Film vieles richtig, was er vorher falsch gemacht hat. In der Welt von „Dirty Dancing“ ist Tanzen wichtiger, als alles andere. Das wird an der Person der Penny Johnson (die gottseidank Nicht-Frau von Swayze) klar. Sie würde sogar Tanzen statt Abzutreiben. Harte Realität hier.  Gottseidank ist Baby bereit einzuspringen. Da sie allerdings nicht wirklich tanzen kann (bitter), muss Swayze ihr das erst beibringen. In dieser rockyartigen Trainingssequenz gefällt mir besonders gut, dass der Fokus im Spiel und in der Inszenierung wirklich auf das Tanzen und die Professionalität gelegt ist. Swayze ist sehr ehrgeizig und erst durch die Körperlichkeit des Tanzens und die Nähe und die Zeit, die die beiden miteinander verbringen wird sowas wie eine Verbindung spürbar. Dafür werden die richtigen Bilder gefunden. Einfache, präzise Halbtotalen verbunden mit flüssigen Schnitten oder Jump-Cuts. Der Film wirkt hier sehr frei. Allerdings typisch wieder, dass die Entwicklungen sehr schnell ablaufen. In 15 Minuten ist man hier bereit vieles zu verändern. In einem besonders charakterisierenden und guten Moment blickt Swayze noch durch Baby hindurch, als in einer Übung Penny hinter Baby tanzt. Er nimmt Baby gar nicht war. Später, als sie den berühmten „Move“ im Wasser üben, erlaubt er sich einen ganz kurzen Blick auf ihr durchsichtiges, weil nasses T-Shirt. Der Film nimmt sich auch nicht sehr ernst und rettet sich damit oft vor dem Abfallen in totalen Kitsch. Coca-Cola dürfte der Erfolg jedenfalls gefreut haben. Schließlich kommt es noch zu einem Frauen-Gespräch bei dem endlich wieder klar wird: Hier geht es um was. Dass ich das nicht immer bemerke, mag auch an meiner Unerfahrenheit im Tanzfilmgenre liegen. Das ständige Abdriften in musikalische Szenen ist mir nicht so vertraut, es führt zu einem totalen Berieselungseffekt.
45-60min
Irgendjemand von den Produzenten hat wohl gemeint: Jetzt wird es Zeit für Drama, Baby. Swayze und Baby sind sich jetzt wirklich nahe, aber dann gibt es Probleme mit der Abtreibung von Penny. Sie liegt dennoch fast unberührt und schön auf einem Tisch; okay, zu viel Realismus wäre schlicht und ergreifen auch unpassend. Dieses löst einen weiteren Elternkonflikt aus. Dieser Konflikt wird im ganzen Film jedoch sehr halbherzig genommen, fast so, als wäre schon alles geklärt alleine dadurch, dass es sich dabei um ein Klischee handelt. Dann kommt es endlich zum Beischlaf. Schön, mit warmem Licht und halbnackt. Swayze muss sich dafür nicht mal ausziehen, er ist prinzipiell halbnackt. Eifersucht gibt es jetzt natürlich auch und inmitten all dieser substanzlosen Tänze mit Klischees ein Dialog zwischen Swayze und Baby, der so wirkt, als würden die beiden sich schon ewig kennen; zum Teil ging es mir so, als hätte ich etwas verpasst oder als wäre das schon Teil 2 oder Teil einer Serie. Hat man sich einmal auf die 80er Jahre Tanzfilm Tatsache eingelassen, möchte ich jedoch bemerken, dass ich mehr Kitsch erwartet hätte. Nach wie vor fällt es mir trotzdem schwer wirklich einzugehen auf diese grob umrissenen Figuren, die so gar nicht aus der echten Welt zu kommen scheinen. Und da reicht auch kein sehnsuchtsvoller Blick in die Augen von Swayze, wenn dieser nicht seine mächtige Sonnenbrille trägt.
60-75min:
In diesen 15 Minuten wartet der Film mit der bis dato mit Abstand besten Szene auf. Konsequenterweise ist es eine Tanzszene (die in diesem Film allgemein das Zentrum und das Herz bilden und auch fantastisch gefilmt sind.). Mit ihr wird gewissermaßen ein Rollentauch eingeleitet; die Geschlechterrollen werden fast vertauscht. Hatte David Fincher in „The Girl with the Dragon Tatoo“ dieses Spiel in einer relativ rustikalen Sex-Szene, so benutzt man dieses Mittel in „Dirty Dancing“ in einem Tanz vor einem Spiegel, in dem plötzlich Baby die Rolle des Mannes inne hat;
 inzwischen hat sie auch einen richtigen Namen: Frances…hier wird nicht gerade subtil gearbeitet.  Im weiteren Verlauf wird plötzlich Swayze der hilfsbedürftige, weiche Charakter. Gut, dass er zwischendurch noch jemand zusammenschlagen darf. Weil sonst würde die Betonung bei tanzender Macho doch langsam mehr auf das „tanzend“ gehen.  Er würde ausgenutzt werden von gutriechenden Frauen. Armer Swayze. Aber mit Baby kann er im Bett liegen und ihr von seinen plakativen Träumen erzählen; das Licht, das durch die Fenster strömt ist immer warm, es wirkt melancholisch und verstärkt dadurch die schwelgerische Stimmung. Eifersüchtige Blicke sind ein weiteres Motiv in diesem Abschnitt. Alle Leute sind hier intrigant, jeder will eigentlich nur irgendwen ins Bett bekommen. Man darf gespannt bleiben.
75min-90min
Jetzt habe ich endlich bemerkt, dass es sich hierbei um einen Coming-Of-Age Film handelt. Mein Problem: Jennifer Grey ist 27 und soll ca. 10 Jahre jünger sein; das bringt sie aber gar nicht rüber, sie wirkt von Anfang an sehr reif. Dass ich den Kitsch nicht für so schlimm erachte liegt auch daran, dass er größtenteils über die Musik kommuniziert wird und bei dieser die Nostalgie, zumindest heute, über den Kitsch siegt. Dennoch ist Swayze im hautengen, schwarzen Oberteil, wie er den Kofferraum zuschlägt schon grenzwärtig. Aber hier werden Helden geschaffen und am Schluss laufen alle Fäden zu einem unheimlich, unheimlich, unheimlich runden Ausgang, wo alle Probleme gelöst, alle Konflikte sich in Harmonie lösen, wo Menschen endlich für sich stehen und die gute Laune siegen muss. Selbstverständlich wird hier getanzt. Der schwierige „Move“ glückt und es ist schön bunt und  wir erinnern uns an die Aufforderung zu Beginn des Films: „Verlieben sie sich.“  Ich werde zusammengestaucht: „Wie kannst du jetzt auf Pause drücken!“
Dann ist es auch aus, ja. Der Film erreicht gekonnt, was er möchte, indem er sich auf die nötigsten Elemente fokussiert und beweist, dass Körperlichkeit reicht, um einen Liebesfilm zu machen; dass sich das Ganze auf einer sehr dünnen Oberfläche bewegt, ist für das angestrebte Publikum egal. Hier geht’s um Träume. Träume, die es nicht gibt. Oder doch? Vielleicht als Ausdruck einer subjektiven Wahrnehmung oder Erinnerung, ja. Natürlich überzeichnet, aber nicht schmerzhaft. Jedoch definitiv belanglos im Inneren, wichtig im Äußeren. Also wurde die Form zum Inhalt. Ob absichtlich oder nicht.

Seraphim Falls-Zum Teufel mit den Hintergrundgeschichten

„Seraphim Falls“ von David von Ancken könnte ein großartiger Film sein. Es ist einer dieser seltenen, ur-amerikanischen, existenzialistischen Western, der mit wenig Worten, tollen/einsamen Bildern und einer rauen Action zu überzeugen weiß. Ein Film, der-wie ein Freund von mir einmal bemerkt hatte-nur in der englischen Sprache funktionieren kann, weil seiner Meinung nach im Englischen kurze Aussagen wie „It’s allright“ unheimlich bedeutungsschwanger daherkommen. Der Kern der Geschichte ist die Jagd nach einem Menschen. Kurzgeschichtenartig wird man sofort ins Geschehen geworfen, die ersten 30 Minuten sind ein cineastisches Fest. Liam Neeson und eine Gruppe von Söldnern jagt Pierce Brosnan durch schneebedeckte Wälder und durch reißende Flüsse. Die Gewalt der Natur ist zu spüren, man wird fast erschlagen von der Wucht der Bilder, die DOP John Toll (Braveheart, The Thin Red Line) auf die Leinwand bringt. (die Leinwand ist eine Vermutung, da ich mit einer Aufzeichnung des ZDF vorliebnehmen musste)

Mit dem Casting von Oskar Schindler, der James Bond durch den Wilden Westen jagt, verrät sich der Film jedoch schon ein bisschen. Statt den konsequenten Weg zu gehen, den dieses Jagdspiel verspricht, diese wortlose, einsame Gefühl aufrecht zu erhalten, will der Film vor allem eines: Gefallen. Hierzu befolgt er in fast peinlicher Weise die alte Formel die Charaktere ausreichend zu motivieren. Dies geschieht bei „Seraphim Falls“ über grauenvolle Flashback-Schnipsel, die sich irgendwann (wer hätte das gedacht) in einer melodramatischen, klischeehaften, alle Lücken füllenden Flashback-Sequenz auflösen. Dabei wird sehr genau darauf geachtet, dass die Charaktere auch schön in Graustufen gezeichnet werden. keiner ist hier gut oder böse, weil das in guten Filmen ja so sein muss. Natürlich ist der Flashback ein legitimes Mittel. Erstens ist er ein typisches Stilmittel des Western-Genres, erinnert sei nur an „Once upon a time in the West“ (Quentin Tarantino spricht in seinem Drehbuch zu seinem nächsten Film „Django Unchained“ vom „Spaghetti-Western-Flashback“), welches die Motivationen und insbesondere Rachegedanken für das Publikum nachvollziehbar macht und zweitens wird den Charaktern so eine bestimmte Tiefe gegeben und eine bestimmte Lebendigkeit, da sie eben schon länger existieren, als das, was wir als Zuseher als die Gegenwart wahrnehmen. Aber im Fall von „Seraphim Falls“ bewirkt dieses Stilmittel (wie in vielen anderen Filmen auch ) nur ein Herausfallen aus der Gegenwart des Filmes, einem Film, bei dem man ganz für sich sein könnte, der Kino in Reinform sein könnte. Der Mensch gegen sich selbst, der Mensch gegen die Natur. Einsam und verlassen. Es ist ein Kampf gegen alle Elemente, das Western-Setting passt hier perfekt, weil es eben eine Zivilisationsferne erlaubt.

Warum fehlt diesem Film also der Mut den Zuschauer nur mit Häppchen zu füttern, ihn ein wenig mehr im Dunkeln sitzen zu lassen, wenn sich die Motivationen im Laufe des Filmes sowieso gegeneinander ausspielen? Flashbacks sind heutzutage in jedem Videospiel zu finden, sie sind eine fast schon klischeehafte Basis des Storytellings: Warum wird sie dann in anspruchsvollen Filmen, die doch intelligentes Geschichtenerzählen vorraussetzen sollten noch so missbraucht? (damit habe ich nicht gesagt, dass Videospiele kein intelligentes Storydesign haben können, vielmehr dient die Hintergrundstory in Videospielen einen anderen Zweck, sie ist nicht Hauptelement der Unterhaltung ) Der amerikanische Film ist hier Vorreiter und er beliefert den Zuseher mit Informationen, die ihn am Denken hindern. Besonders verherrend wirkt sich das im Film von David von Ancken aus, weil die Emotionalität und Melodramatik des Flashbacks wie ein Fremdkörper in der kalten Ödnis des Films liegt. Es geht hier auch um die Einfachheit des Flashbacks, denn man kann diese Hintergrundgeschichten auch in publikumswirksamen Filmen aus interessanten Perspektiven oder mit interessanten visuellen Spielereien erzählen. Erinnert sei zum Beispiel an Park Chan-Wooks „Oldboy“, indem der Charakter selbst in die Gegenwart des Flashbacks tritt oder an Chirstopher Nolans „Memento“, indem der Flashback Teil einer bestehenden Erinnerung ist, die wie eigentlich der ganze Film erstmal rekapituliert werden muss oder an „Stay“ von Marc Forster, indem der Flashback zur Realität wird und die Realität zum Flashback.Eine weitere Möglichkeit ist es im Flashback nicht alles aufzulösen, wei das Michael Haneke in „Caché“ zeigt oder den Flashback als Verknüpfung verschiedener Storyelemente zu verstehen, die schließlich in der Vermischung der Erinnerung des Protagonisten kulminiert, wie in Juna José Campanellas „El secreto de sus ojos“. Ist die dramaturgische Funktion eines Flashbacks einmal über das bloße Erklären von Charakteren hinaus, ergibt sich die stilistische Umsetzung meist von selbst.

Ich würde sogar so weit gehen, dass das Erklären der Charaktere durch Flashbacks oder große Offenbarungs-Szenen (in denen unter Tränen gestanden und berichtet wird) ein typisches Merkmal des Mainstream-Kinos ist. „Seraphim Falls“ kommt daher wie ein Arthouse-Film und deshalb tut es hier besonders weh. Gerade gegen Ende wird nochmal das Potenzial dieses Films deutlich, als es einige Jarmusch-artige metaphilosophische Begegnungen mit surrealen Charakteren in der Wüste gibt; insbesondere der Auftritt von Anjelica Huston sticht hier hervor. Dinge werden plötzlich wieder offen gelassen und der Film wird von seiner kleineren Welt auf das größere Universum gehoben. Es geht um den ewigen Kampf zwischen dem Teufel und Gott, um Moral und das Überleben. Würde man es gut meinen, dann könnte man sagen, dass sich „Seraphim Falls“ irgendwo zwischen „Dead Man“ von Jim Jarmusch, „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ von George Roy Hill, „First Blood“ von Ted Kotcheff und „Greed“ von Erich von Stroheim bewegt. Insbesondere letztgenannter wird in einem Mann gegen Mann Duell in der heißen Wüste praktisch direkt zitiert. Bezeichnend jedoch, dass der Film die Wucht seines Vorbildes aus dem jahr 1924 nicht annähernd erreichen kann. Ob das an den Schauspielern, dem Filmmaterial, dem CGI-Himmel im Hintergrund oder den grausamen Flashbacks liegt, ist jedem selbst überlassen. Jedenfalls würde ich gerne den selben Film ohne Hintergrundgeschichte sehen. Denn wenn man Lust auf einen trockenen Kuchen hat, dann will man auch keine Sahne darauf haben.