Reihe Teil 6- Blood Diamond-Leonardo DiCaprio

Als nächstes nun also Blood Diamond von Edward Zwick aus dem Jahr 2006.

Auffällig bei diesem Film sind zwei Dinge. Seine große Beliebtheit bei allen Zusehern, die mit der Aussage „So müssen Filme sein. Der ist unterhaltsam und hat Inhalt“ verbunden ist und die Feststellung, dass Leonardo DiCaprio ja ein „richtig guter“ Schauspieler ist, der sich verändert hat und endlich auch harte Jungs spielen kann. Beide Feststellungen sind gelinde gesagt fragwürdig.

Die politische Message bezüglich der Diamantenindustrie und ihren grausamen Folgen, die der Film mit sich trägt, ist sicher nicht zu leugnen. Es ist ihm auch hoch anzurechnen, dass er in den entsprechenden Szenen nicht vor Brutalität zurückschreckt. Allerdings dient das am Ende doch alles, als recht löchriges Cover für einen reinen Unterhaltungsfilm, eine actionreiche Diamantenjagd vor einem ungewöhnlichen und atemberaubenden Setting mit bombastischer Musik, einer mit scharfen Dialogen geschliffenen Liebesgeschichte, einer Leuterung des Helden, die schon die Frage nach der Blindheit, mit der dieser bislang durch seine Heimat gegangen ist, aufwirft; ein Indiana-Jones artiges Filmgebilde also, das sich eben statt übersinnlichen Elementen an der harten Realität bedient. Wenn man so will, ist Blood Diamond also der unehrliche, kleine Bruder von Spielbergs großer Abenteuersaga. Und es gibt nur einen Grund, warum man diese Unehrlichkeit vergisst: Leonardo DiCaprio als Danny Archer.

Alles an ihm ist authentisch. Er spricht mit rhodesischen Akzent, geht durch diese Welt, als hätte er noch nie etwas anderes gesehen. Er hat gelernt seine Einsamkeit zu verbergen, er ist Zyniker. Man kann seine ganze Geschichte in seinem Körper lesen. Eine Performance für die Ewigkeit zwischen Angriffslust und verletzter Seele, die dem Superstar wie auf den Leib geschrieben ist. Besonders beeindruckend ist dabei der Balanceakt-und dieser hebt den Film auf ein höheres Level- zwischen sympathischem Glücksritter und selbstverliebtem Arschloch. Seine Darstellung ist ehrlich und deshalb finden wir uns in ihr wieder. Er hat die Hoffnung schon aufgegeben, eigentlich ist seine Reise nur eine Reise in den Tod. Er glaubt nicht daran den schwarzen Kontinent jemals verlassen zu können. Mit dem Opfer, das er am Ende des Films bringt, tut er vielleicht eine der wenigen guten Taten seines Lebens. Aber man glaubt an seine Aufrichtigkeit. Er ist

Egozentrisch

Selbstbemitleidend
Draufgängerisch
Zynisch

Hoffnungslos

Und dennoch voller Energie? Er klammert sich an etwas, das ihn aus seiner Welt entkommen lassen könnte, aus seinem Gefängnis. Etwas, dass es nicht gibt, etwas dass er nicht haben kann. So wie die Rache in 21 Gramm, das Zepter in The Score, die Perfektion in Black Swan, die Liebe zu einer Gummipuppe in Lars und die Frauen. Nur Christian Bale in American Psycho hat dieses Etwas nicht; er ist schon lange darüber hinaus? Der moderne, uns faszinierende Kinocharakter greift also nach den Sternen. Nach wie vor ist das der Stoff aus dem Filme sind: Träume. Nur heute wissen wir (zumindest manchmal), dass es eben nur Träume sind. Und genauso geht es den Charakteren, DiCaprio ist ein Verbündeter mit dem Zuseher. Wir verstehen ihn, weil er uns zu verstehen scheint.

Das führt auch schon zum vielerorts besprochenen Wandel des Schauspielers. Ein Wandel, der-wenn man seine Karriere mit derselben Ehrlichkeit betrachtet, mit der er an seine Rollen herangeht- schlicht und ergreifend keiner ist. Es hat sich schon immer so angedeutet. DiCaprio hat von Beginn Draufgänger gespielt, harte, aber verletzliche und sensible Charaktere. Er war schon immer gefährlich, unberechenbar und in der Lage den Zuschauer in Sekunden auf seine Seite zu gewinnen, um ihn dann zu schockieren. Viele sagen heute, dass die viermalige Kollaboration mit Regielegende Martin Scorsese (Gangs of New York, Aviator, Departed, Shutter Island) aus dem Teenieschwarm Leo, den ernstzunehmenden Schauspieler DiCaprio gemacht hat. Es hat sicherlich keinem der beiden geschadet, dass man sich gefunden hat und derart tolle Arbeiten produziert hat, aber ein herausragender Schauspieler war DiCaprio schon immer. In Filmen wie This Boy’s Life von Michael Caton-Jones oder Gilbert Grape von Lasse Hallström kann man einen grandiosen jugendlichen Schauspieler bewundern.

This Boy’s Life

Titanic von James Cameron etablierte dann ein Image rund um DiCaprio, das mit dem von heutigen Nachwuchsstars wie Robert Pattinson vergleichbar ist. Wenn man es sich genauer überlegt eine absolute Ungerechtigkeit. Erstens ist die Darstellung von Jack Dawson meilenweit von hölzernen Vampiren entfernt und zweitens hatte man es schon mit einem gestanden Schauspieler zu tun. Dass er trotz fast gleichzeitig erscheinenden Filmen wie Romeo&Julia von Baz Luhrmann oder Der Mann mit der eisernen Maske von Randall Wallace in der Lage war sich dieses Images zu entledigen, deutet nicht auf einen Wandel hin, sondern schlicht und ergreifend auf seine Klasse. Sein unberechenbares, vielschichtiges Spiel in The Beach von Danny Boyle läutete  ein Jahrzehnt ein, das ihn zum größten Schauspieler Hollywoods avancieren ließ.

The Beach

Seine größte Stärke liegt darin, dass man in seinem Spiel immer zugleich die Rolle, als auch DiCaprio selbst sieht. Diese Fähigkeit zeichnete auch schon Robert De Niro aus (im Gegensatz zum Beispiel zu Tom Cruise, der häufig nicht mehr in der Lage ist zu seiner Rolle zu werden, weshalb man in seinen Filmen immer nur Tom Cruise sieht). Es ist ein Eins werden mit der Rolle ohne seine eigene Charakteristik dabei zu vergessen. Die Folge davon ist Präsenz. Eine Präsenz, die mit jeder weiteren Rolle noch größer zu werden scheint.

Shutter Island

Natürlich ist Danny Archer in Blood Diamond ein härterer Charakter, als man das von Di Caprio bis dato gewohnt war. Inzwischen spielt er auch häufig in actionbetonten Filmen. Aber seine Vielfältigkeit wird er nicht verlieren, denn entweder taucht er immer wieder auch in Dramen wie Zeiten des Aufruhrs von Sam Mendes auf oder er nimmt diese Vielfalt einfach mit in seine Actionstar-Rollen und macht die Filme damit besser, als sie eigentlich sind.

Als nächstes The Dark Knight und Heath Ledger.

Fragmente

Ist das Fragment näher an der Realität? Nach dem Betrachten von 21 Gramm von Alejandro González Iñárritu und 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls von Michael Haneke stellt sich mir diese Frage. Haneke selbst behauptet es.

71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls

Ein Fragment. Eindrücke, nur ein loses Zusammenhängen, weil unsere eigene Wahrnehmung ja auch so ist; also täuscht sich der Film doch selbst, wenn er einen roten Faden verkauft, wenn er Charaktere verbindet, die im echten Leben so nicht verbunden sind. Klar, denn er zeigt ja nur einen Ausschnitt, also ein Fragment, aber der klassische Film sucht sich nur die verbundenen Fragmente, die zusammenhängen und eine Story ergeben. Logik und Sinn, wie im echten Leben? Ausgelassen werden in Hollywood und auch sonst überall vor allem gerne Gewalt und Sex. Der Zuschauer weiß ja, was passieren wird und es ist effektiv ihn in diesen Szenen seiner Imagination zu überlassen und nebenbei wird auch noch das Jugendverbot umgangen. Warum kann man den Zuschauer nicht auch inhaltlich seiner Imagination überlassen? Hier jedenfalls das Beispiel für eine fragmentarische Sexszene, die trotzdem nichts auslässt:

Don’t look now

Episodenfilme waren und sind schon immer beliebt. Manche präsentieren fast zusammenhanglose Stories, die sich nur intellektuell verbinden lassen oder durch eine inhaltliche Parallele und Interpretation erfordern. Ein Beispiel hierfür wäre Night on Earth von Jim Jarmusch.  Meistens kreisen die Geschichten jedoch um ein bestimmtes Ereignis oder es läuft darauf hinaus, dass sich alle Handlungsstränge schließen. (Amores Perros von Alejandro González Iñárritu); eleganter und von den Kritikern mehr gemocht wird es, wenn man nicht alles zusammenführt, sondern nur manches, sozusagen das Fragment erhält. (Magnolia von Paul Thomas Anderson).

Amores Perros

Oft müssen sich Episodenfilme, die alles zusammenführen anhören, sie seien zu konstruiert. Aha. Was ist eigentlich ein Fragment? Ein Bruchstück oder Überbleibsel laut Wikipedia. Etwas Unfertiges. Oh, aber wir wollen doch ein gutes Ende, am besten einen Twist oder eine Pointe am Ende des Filmes, aber zumindest sollte nichts offen bleiben. Wir wollen alles verstanden haben und alles soll logisch sein, ist doch prinzipiell egal, ob es realistisch ist, ist ja ein Film. Also kein Fragment? Autoren und Regisseure werden dafür bezahlt die Lücken zu füllen, die das Leben lässt. Heutzutage ist das so und es war auch nie anders. Wenn am Ende eine neue Frage gestellt wird, dann nennt man das Cliffhanger. Ein albernes „Zuschauer-ich-will-dich-auch-im-Sequel-sehen-oder-in-der-nächsten-Folge“ Mittel des populären Film und Fernsehens. Kein Fragment, weil es nur mit dem Wunsch des Zusehers nach einer Welt ohne Fragmente spielt. Aber es ist gerade die Möglichkeit zum Fragmentarischen, die Film zu mehr macht als Unterhaltung. Ich verstehe nicht, warum das Ende immer als wichtig empfunden wird. Welches Ende?

Interessant zu beobachten ist, dass sich das Fragment im Gegensatz zum Drehbuch in Kameraarbeit und Schnitt schon fast bis zum Exzess durchsetzt. Wahrnehmungsschnipsel dringen noch zu uns in Actionfilmen, ein Schrei, Blut spritzt auf die Kamera….Cut, Cut, Cut. Geschwindigkeit der Wahrnehmung, alles wie im echten Leben, oder? Zumindest ist es modern. Wir brauchen auch keine sauberen, ausgeleuchteten Bilder mehr. Wir sind Youtube-Standard gewöhnt. Solange wir noch was erkennen können…und überhaupt, was wir alles sehen dürfen. Was wir nicht sehen ist die Eintönigkeit des Fragments; alles ist fragmentiert, also ist es vielleicht doch gerade das Recht des Kinos das Fragment zu umgehen. Ja, aber nur unter dem Opfer sich absolut von der echten Welt zu entfernen. Das Fragment ist für mich keine Form der Wahrnehmung, es ist der definitive Ist-Zustand des Lebens und es darf keine andere Art Geschichten zu erzählen geben, wenn man Realitätsanspruch hat. Ich kenne kein Ende, die Geschichte geht immer weiter. Es sei denn Melancholia. Und die äußere Form, die Lars von Trier für das Ende gewählt hat? Fragmentarisch. In Drehbuch, Kamera und Schnitt. Und wir können alles sehen. 

Reihe Teil 5- 21 Gramm- Das Ensemble des Schmerzes

Der nächste Film ist 21 Gramm von Alejandro González Iñárritu  aus dem Jahr 2003.

Alleine schon die absurde, vor Kitsch überbohrende, Telenovela-Idee, dass der Mann, der das Herz eines Unfallopfers implantiert bekommt, sich in dessen Frau verliebt, müsste ein Garant für einen schlechten Film sein. Dass es soweit nicht kommt verdankt 21 Gramm, seiner modernen, dynamisch-mexikanischen Inszenierung durch den Ausnahmeregisseur Iñárritu (Amores Perros, Babel, Biutiful), dem genial-verwobenen, fragmentarischen Drehbuch von Guillermo Arriaga und-und deshalb ist dieser Film auch Teil dieser Reihe-einem Schauspielensemble aus einer anderen Welt mit Sean Penn, Naomi Watts, Benicio del Toro, Charlotte Gainsbourg und Melissa Leo unter anderem.

Bislang haben wir uns einzelnen, ziemlich wahnsinnigen Protagonisten gewidmet. In 21 Gramm funktioniert die Identifikation kaum nur über eine Person, sie funktioniert über das Gesamtbild, über die Relation zueinander, über eine post-existentialistische Unmöglichkeit der Kommunikation, die sich aber beim mexikanischen Filmemacher immer auflöst in einer Katharsis, die zumindest vorübergehend die wahrhaftigen Werte des Lebens zum Vorschein kommen lässt. Trotzdem oder gerade deshalb finden wir uns wieder in seinen Charakteren: In ihrem Schmerz.

Ungerechtigkeit
Schicksal
Trauer
Verlorene Liebe
Krankheit

Tod

Hierbei wird keine leichte Kost transportiert. Dennoch gibt es Humor. Es liegt eine ungeheure Menschlichkeit im Verhalten der Charaktere. Die unbeholfenen Annäherungsversuche von Sean Penn’s Charakter, der mit charmanten Bemerkungen versucht sympathisch zu wirken, wo er doch psychopathisch wirken könnte. Der ein Arschloch und ein Engel gleichermaßen ist. Benicio del Toro’s Hiob-Charakter, der sein Leben umgekrempelt hat, um sich Jesus zu verschreiben, aber dann in seinem Glauben enttäuscht wird. Der die Bibel als Anleitung für Introvertiertheit liest, statt die eben so essentiellen Werte wie Familie und Liebe herauszufiltern. Gewissermaßen hat  Iñárritu mit Biutiful ein Spin-Off dieses Charakter’s gedreht: Javier Bardem als Uxbal.

Naomi Watts liebende, trauernde, verzweifelte Mutter, die sich in Drogen flüchtet, die sich in ihre Vergangenheit zu retten versucht, die sich Rache wünscht.

Keine schwarz-weiß Malerei, sondern echte Menschen und darin können wir uns wiederfinden, deshalb funktioniert dieser Film trotz allen Abgründen und Tiefen, aller Schwärze und Hoffnungslosigkeit, die sonst von so vielen Kinobesuchern verabscheut wird. (wie die Zuschauerzahlen zeigen) Für diese Art des Spiels braucht es Ausnahmeschauspieler. Einen herauszugreifen wäre falsch. Insbesondere im Kopf bleibt mir die Szene, in der Naomi Watts vom Tod ihrer Familie im Krankenhaus erfährt. Im Hintergrund ist Clea DuVall zu sehen, die die beste Freundin spielt. Sie kämpft einen Augenblick und muss dann fürchterlich weinen. Dieser Moment geht mir näher, als vieles andere im Film. Eine ähnliche Szene gibt es in Magnolia von Paul Thomas Anderson mit Philip Seymour Hoffman, der auch-eigentlich als Zuseher-fürchterlich ergriffen wird und weinen muss. Diese Charaktere, das sind wir. Der Zuschauer, der weinen muss. Warum? Weil wir wirklich involviert worden sind. Wenn schon Gefühl, dann echt.

Weitergehen wird es mit Blood Diamond und Leonardo DiCaprio.

Zwang zur Coolness

Macht man als junger Nachwuchsregisseur einen Film wird man automatisch mit folgendem Problem konfrontiert: Dem Zwang zur Coolness. Sieht man sich auf Festivals in den Kurzfilm- und Nachwuchssektionen um, bekommt man es mit sogenannten Filmen zu tun, die aber visuell und oft auch inhaltlich eher einer Werbung oder einem Musikvideo gleichen. Woher kommt diese Tendenz oder war sie schon immer vorhanden?

 Zunächst einmal hat das natürlich mit unseren Sehgewohnheiten zu tun. Fernsehen heute, das ist Surfen. Wenn wir etwas nicht mögen, dann klicken wir es weg und machen einen Schnelldurchlauf. Also kann man sich fast nicht leisten, sich Zeit zu lassen. Charaktere müssen in Sekundenbruchteilen erschlossen werden. Man steht in ständiger Konkurrenz zu tausenden ähnlichen Videos, die gleichzeitig verfügbar sind. Aufgrund dieser Sehgewohnheiten schreit es in den inneren Uhren der Regisseure und Cutter schon nach zwei oder drei Sekunden: „Schnitt“. Weil sie die banale und falsche Beobachtung gemacht haben, dass schnelleres Schneiden weniger Langeweile bedeutet. Und es sieht cool aus. Und natürlich werden diese Videokünstler auch dafür belohnt. Das liegt daran, dass der Zuschauer es ja auch nicht anders gewohnt ist; inhaltlich will man nicht überfordert werden, eigentlich ist es einem egal, aber technisch und optisch hat jeder eine Meinung (ähnlich der Aufstellung der deutschen Fußballnationalmannschaft). Jeder Hobbyfotograf, jeder Fernsehkonsument, jeder Gamer hat eine ästhetische Vorstellung und diese ist gelenkt und sie schreit nach Schönheit, verlangt nach Coolness. Wenn man das nicht bedient, wird man als Amateur abgestempelt. (unabhängig vom Inhalt) Außerdem werden diese Nachwuchsfilme oft in Kompilationen gezeigt und es ist daher wertvoll nicht zu sehr in die Tiefe zu gehen. Man gewinnt die Leute also nur visuell. Ist an sich kein Vergehen, Film ist in erster Linie ein visuelles Medium. Allerdings wäre es schon von gewissem Wert, wenn Form und Inhalt zumindest den Hauch einer Beziehung haben. Das bei den großen Filmvorbildern zu beobachten wäre ein leichtes, aber es ist schwer diesen Detailgrad, diese Freude an der Kleinigkeit, die große Filmemacher auszeichnet, zu erkennen, wenn man sich nachts um halb Drei die erste halbe Stunde von Ides of March (George Clooney) auf seinem Laptop ansieht und dann einschläft. Ins Kino kann man ja beim neuen Batman. Der ist das Geld wert, der ist unterhaltsam, der ist COOL.

Natürlich erlaubt die moderne Technik visuelle Perfektion auch ohne unendlichen Geldaufwand. Das ist auch absolut gut so und viele Regisseure kommen auch vom rein visuellen her und erschließen darüber ihre Ideen und haben riesiges Potenzial. Nur wenn von zehn Filmen auf einem Nachwuchsfestival zehn Filme optisch überzeugend sind, aber inhaltlich klischeehaft, abgenutzt und einfach schwach erzählt sind, wenn ich über keinen Film länger nachdenken kann, beziehungsweise mich überhaupt daran erinnere, dann machen diese jungen Filmemacher nichts anderes als Fernsehen, als Werbung, als Youtube. Unterhaltsame Zeitverschwendung.

PS: Es ist sicher nicht falsch sich The Dark Knight Rises im Kino anzusehen. Das soll nur ein Beispiel für das grausam dominante Blockbusterkino sein, an denen man sich mit seinen zu Filmkameras ummontierten Fotoapparaten nicht orientieren sollte. In Wahrheit würde ich Christopher Nolan heiraten, wenn er mich fragen würde.

Nolan mit Guy Pearce am Set von Memento

Reihe Teil 4-Black Swan-Natalie Portman

Der nächste Film kommt aus dem Jahr 2010; Black Swan von Darren Aronofsky. 
Man könnte die Liste jetzt konsequent fortführen und wieder auf den Wahnsinn, die verlorene Kontrolle der Hauptfigur eingehen. Aber anhand von Black Swan lassen sich noch ganz andere Auffälligkeiten darlegen.
Die Hauptrolle wird von Natalie Portman gespielt, die für diesen Film (trotz einiger Diskussionen bezüglich der Echtheit ihrer Tanzszenen) zu Recht den Oscar erhielt. Sie spielt Nina, eine verbissene Balletttänzerin, die im Schwanensee sowohl den weißen, als auch den schwarzen Schwan spielen soll. Wie bereits erwähnt spielt dabei wieder der Wahnsinn eine nicht zu kleine Rolle. Realitätsverlust wie ihn schon Christian Bale und Ryan Gosling in den besprochenen Rollen erlitten haben. Der Feind ist in ihr selbst. Sie verliert das Vertrauen in ihre eigene Wahrnehmung und auch der Zuseher verliert dieses Vertrauen. Eine schon immer faszinierende Ausgangsposition im Kino, die in den letzten zwei Jahrzehnten bis zur Ermüdung erprobt wurde und der Aronofsky in Black Swan auch keine neuen Facetten abgewinnen kann. Stattdessen flüchtet er sich in recht billigen Horror. Aber der Film und die Rolle haben noch mehr zu bieten.
      1. Die Mutterfigur
Zum ersten Mal hat eine der Rollen in unserer Reihe eine wichtige Beziehung zu einer anderen realen Person. Die Mutter ist das Gift in Nina’s Leben. Sie beeinflusst sie in allem was sie tut, lässt sie nicht los. Figuren, die sich aus den Fesseln ihrer eigenen Familie, Vater- oder Mutterfiguren befreien müssen, haben Konjunktur. Haneke’s Die Klavierspielerin oder Audiard’s Ein Prophet sind als Beispiele zu nennen. 
Mutter und Tochter in La pianiste (Haneke)
Dieses dramaturgische Stilmittel ist eine Variation des im Mainstreamkino üblichen Verlustes von eben jenen Eltern. Von Bambi, über Braveheart, hin zu Harry Potter. Die enge Wohnung wird in Black Swan wie ein Gefängnis inszeniert. Türen spielen eine wichtige Rolle, alles wird vom Weiß und Rosa verschlungen. Aber die mädchenhaften Farben dienen im Film als Fesseln. Hier schwingt auch bereits der ständig präsente sexuelle Unterton des Films mit. Der Clou in der Beziehung zwischen Mutter und Tochter, liegt in der Schwäche der Mutter. Es ist keine bösartige Mutter (auch wenn es manchmal so aussieht), sondern nur eine schwache Mutter, die nicht sieht, was ihre Tochter wirklich braucht, die sie nicht loslassen kann, weil sie selbst besessen ist von der Idee des Erfolges. Aber bitte ohne die Nebenwirkungen. Wir selbst schieben unser eigenes Verhalten gerne auf unsere Umwelt. Diesem Bedürfnis kommt der Film so leicht nach. Wir verstehen den Wahnsinn von Nina. Zumindest genug, um ihr weiter zu folgen.
      2.  Das Talent
Schon im ganz frühen Kino wurde ein bestimmtes Talent besonders bewundert. Mit Internetplattformen wie youtube ist diese Faszination im ganz großen Stil zurückgekehrt. Egal was, wenn es perfekt beherrscht wird, begeistert es zuzusehen. Ballett übt eine große Faszination aus (insbesondere bei derartiger Inszenierung). Niemals zuvor habe ich so viele Freunde über Tanzszenen nach einem Psychothriller reden hören. Und es ist auch nicht wichtig, ob Frau Portman die Szenen selbst getanzt hat, bis zu einem gewissen Grad getanzt hat oder gar nicht getanzt hat, weil es schlicht und ergreifend nicht auffällt. Es ist immer dieselbe Rolle, die wir vor uns sehen und damit muss man zum ersten Mal in der Reihe einen großen Kredit dem Regisseur geben, der an der Kreation der Rolle mit der Schauspielerin gleichwertig beteiligt war. 
Allerdings ist das typisch für Aronofsky, der seine Schauspieler an Grenzen bringt und auch mit deren Starmodus spielt. So verhalf er zum Beispiel in seinem Film The Wrestler Mickey Rourke zu einem Comeback aus dem Nichts. Dabei spielt die Person hinter der Rolle immer eine große Rolle. Natalie Portman war schon vor diesem Film eine bekannte und herausragende Schauspielerin, gewissermaßen „Everybody’s Darling“, eine Traumfrau in alternativen Szenen. Keine klassische Prinzessin oder Hollywooddiva und gerade deshalb attraktiv. Aber etwas hat ihr noch gefehlt, um in diesen so furchtbar überschätzten Kreis von großen Frauen in Hollywood zu kommen, der nichts mit Schauspielerei zu tun hat, sondern mit Publicity, mit der Wahl der Kleider und Männer. Und das war dieser Film. Was dieser Ruhm mit ihr macht, wird sich zeigen, aber zu ahnen ist nichts Gutes. Jedenfalls führt uns diese Beobachtung zu:
   
      3. Der doppelte Boden
Es ist nicht nur das Spiel mit der Person des Stars, die uns fasziniert, sondern auch die Doppelbödigkeit der Rolle innerhalb des Films. Natalie Portman ist nämlich nicht nur Nina, sondern eben auch der Schwan in Weiß und auch in Schwarz. In ihrem Fall ist das tatsächlich wörtlich zu nehmen und daher bietet sich dieser Film besonders an für jenes Spiel mit dem doppelten Boden. Portman scheint in Perfektion zu wechseln zwischen der guten Nina und der bösen Nina, der unterdrückten Nina und der nach Befreiung schreienden. Sich fallen lassen in eine Welt in der Lügen und Spiele dazu gehören. 
Wir kennen ihr Spiel nur zu gut. Es ist einerseits der Traum sich selbst zu verlassen, von heute auf Morgen wegzufliegen und ein anderer Mensch zu sein und andererseits die Not der Lügen, das Verstellen um respektiert zu werden, um nach vorne zu kommen, um uns selbst zu finden. Der Film treibt dieses Spiel gewissermaßen bis zur Verschmelzung aller Ebenen und es endet in Weiß. Wie ein leeres Blatt, auf dem man sich als eine Person entfalten kann? Dieser Film ist ein Selbstfindungspsychotrip und gerade deshalb dient er als ebensolcher auch für den Zuschauer, der jeden Tag diesen Trip über sich ergehen lässt, egal ob absichtlich oder unabsichtlich. Wirf eine Pille ein und entdecke dich selbst, schaue einen Film und entdecke dich selbst.
Weiter wird es gehen mit 21 Gramm von Alejandro González Iñárritu.