Charaktereinführung

Vor kurzem hatte ich mal wieder die Gelegenheit den fantastischen Gründerfilm der Nouvelle Vague „Les quatre cents coups“ (dt. Titel: „Sie küssten und sie schlugen ihn) anzuschauen. Der zur Autobiographie neigende Film von Francois Truffaut ist der erste Film seines Antoine-Doinel Zyklus. Ich kann jedem, der sich auch nur ein bisschen für Film begeistert, raten sich mit Antoine Doinel zu beschäftigen. Es lohnt sich und es ist Filmkunst ohne jemals schwer zugänglich oder wenig unterhaltsam zu sein.

Trailer

Berühmt ist „Les quatre cents coups“ unter anderem für sein Ende, welches den Freeze Frame in einer wohl nie erreichten Effektivität benutzt. Aber meiner Meinung nach von mindestens ebenso großem filmischen Wert ist die Charaktereinführung. Nach einem Vorspann, der uns in den Ton und in die Stadt Paris einführt, landen wir in einer Schulklasse. Ein Pin-Up Kalender wandert durch die Reihen während der Lehrer in seine Lektüre versunken ist. Der Zuschauer ist noch völlig haltlos, weiß nicht worauf es hinausläuft. Dann bekommt Antoine Doinel den Kalender. Kritzelt etwas darauf herum. Als er ihn weitergeben will, wird er erwischt und wird bestraft.

Mit dieser einen Szene gelingt es Truffaut also sowohl den Charakter mitsamt seinem Ungehorsam zu offenbaren, also auch das Pech dieses Kindes, welches eigentlich nur eines von vielen ist. Die Willkür des ganzen, die natürlich auch etwas mit dem Elternhaus zu tun hat, aber das Elternhaus ist auch nur eine Autorität. Und der Lehrer bestraft nur wen er erwischt. Ungerechtigkeit des Lebens.

Das beste an dieser Szene ist aber die spielerische Inszenierung, der Ton des Films, der immerzu schreit: KINO! Ich liebe dich.

Reihe Teil 3- Lars und die Frauen-Ryan Gosling

Als nächstes also ein Film aus dem Jahr 2007, Lars and the real girl von Craig Gillespie
Im Zentrum des Films steht eine abstruse Ausgangsposition, die schon in sich die gesamte Komik des Films, den einen Witz aus dem er sich konstruiert, beinhaltet: Ein junger Mann, etwas merkwürdig, bestellt sich eine Gummipuppe nach Hause, um sie wie seine richtige Frau zu behandeln. Das ganze Dorf spielt mit und hilft dem armen Kerl. Eine Parabel auf Toleranz.
Im klassischen American-Independent Look werden hier Werte verkauft und das ganze hätte ziemlich leicht ziemlich in die Hose gehen können, wäre da nicht der Hauptdarsteller Ryan Gosling. Wieder ist es der Hauptdarsteller, der den Film auf eine höhere Ebene hievt, der dem Film eine Tiefe gibt, die so eigentlich nicht vorhanden ist.
Ryan Gosling ist zu derartigen Performances fähig. Vom Disneyclub kommend, wo er neben Britney und Christina zu sehen war spielte er gleich mal einen Nazi. Auf die größere Landkarte beförderte er sich mit dem Film The Notebook. Nach seinem Auftritt als Romantic-Lead hätte man meinen können, dass er diese Linie weiterverfolgt wie zum Beispiel ein Richard Gere, der seit Jahrzehnten nicht aus seiner Haut flüchten kann, selbst wenn er es versucht. Aber Gosling ist ein Chamäleon. Er spielt suizidgefährdete junge Maler, drogenabhängige Lehrer, Anwälte, die wie Cops agieren und eben einen jungen Mann, der sich eine Gummipuppe als Ehefrau hält.
Lars Lindstrom heißt der Mann, der sich tatsächlich verliebt in das Plastikgeschöpf. Er verliebt sich tatsächlich. Hoffnungslos. Es sehen ihn zwar alle schräg an, aber eigentlich mögen ihn alle. Eine Kollegin im Büro trifft es besonders hart, weil sie auf Lars steht. Gosling lässt kaum in den Charakter schauen, er hat eines dieser Gesichter auf das man sein eigenes projizieren kann.
Funktioniert der Film deshalb so gut? Identifizieren wir uns mit dem Charakter oder ist es nicht mehr die kühle Distanz mit dem Gillespie dem Geschehen folgt, der Humor und das Herz? Gosling jedenfalls lässt einen gewissen Wahnsinn durchaus durchsickern.
Das Augenzucken

Die Haltung

Ein Lächeln, das niemals seinem gegenüber gilt

Passivität
Das ist Identifikation.
Was er also gemein hat mit Norton und Bale ist eine gewisse Neigung loszulassen, ein unterschwelliger Wahnsinn, der durchaus in der Lage ist auszubrechen. Eine Andersartigkeit, die gelebt wird. Christopher Plummer nannte diese Eigenschaft, die seiner Meinung nach jedem guten Schauspieler gemein ist „The great Rage“. Die Fähigkeit sich zu verlieren. Wie wunderbar ist es einem Schauspieler dabei zuzusehen, wie er schon lange losgelassen hat und selbst dagegen ankämpft.
Seine Mimik erlaubt eine Vielzahl von Eigenschaften, die man in den Ausdruck interpretieren kann. Er ist ein Mann der minimalistischen Darstellung, ein klassischer Filmschauspieler. Wir gehen ins Kino um genau das zu sehen. Natürlich träumt keiner (oder wenige) von uns davon sich eine Gummipuppe als Frau zu halten, aber trotzdem ist es eine Art loslassen, es ist ein Idioten-Spielen wie in Lars von Triers gleichnamigen Film, das uns fasziniert. Etwas riskieren, jemanden mit der Axt töten oder eben auf alle gut gemeinten Ratschläge pfeifen, alle zu überraschen und sich gegen jede Regel verhalten.
Idioten von Lars von Trier
Natürlich darf man nicht vergessen, dass das nicht alleine die Leistung von Ryan Gosling ist. Regie, Kostüm, Maske, Szenenbild…alle arbeiten an ihm, um den Wahnsinn, den wir alle lieben subtil zum Vorschein kommen zu lassen. Wenn das Herz dann auch noch angesprochen wird vergessen wir die Abartigkeit des ganzen. In den Händen von Giorgos Lanthimos (Dogtooth) wäre das ganze zum Beispiel zu einem deutlich schwerer verdaulichen Stoff geworden. Ein amerikanischer Film schafft es selbst aus einer abartigen Handlung noch klassische Erzählstrukturen und Emotionen zu locken. Gottseidank haben sie dort die besten Schauspieler zur Verfügung. Es geht weiter mit Natalie Portman in Black Swan von Darren Aronofsky.